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[identity profile] schwarze-elster.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Autor: Grisu
Challenge: #2, #3?
Kommentar: So irgendwie original, ohne besonders originell zu sein. Bedeutung ohnehin unbekannt.

Er sieht völlig gewöhnlich aus. Nicht nur auf den ersten Blick, auch auf den zweiten. Seine Haare sind mittelbraun und ohne Glanz, immer ein bisschen zu lang, immer ein bisschen zu unordentlich. Nicht ein bisschen so wie die Haare der schönen Menschen auf den Bildern. Seine Augen sind braun und stehen etwas zu eng beieinander. Hinter seinen ungeputzten Brillengläsern scheinen sie immer ein wenig verschwommen. Ansonsten ist nichts an seinem Gesicht, was die Blicke auf sich ziehen würde. Keine Hässlichkeit, keine Auffälligkeiten. Nur um den Mund ist ein Zug, der ein bisschen hart wirkt, ein bisschen schwer. So als würde ein Lächeln eine Anstrengung bedeuten.

Es ist kein Zufall, dass wir uns getroffen haben. Nicht das Leben hat uns zusammengeführt, nicht irgendwelche äußeren Umstände. Es klingt seltsam, wenn ich das so sage, aber es war vorherbestimmt. Es ist das Besondere an ihm, das uns zueinander gebracht hat.

Das Besondere an ihm ist seine Sprache. Er öffnet diesen etwas harten Mund und du vergisst, dass er so gewöhnlich aussieht. Seine Stimme ist nicht gewöhnlich. Sie ist nicht unbedingt schön. Keine dieser Singstimmen, er kann überhaupt nicht singen. Es ist eine Rednerstimme. So was ist schwer zu finden heutzutage. Aber nicht weil es so selten ist, sondern weil die Leute nicht mehr reden. Sie bedienen sich der Sprache als Werkzeug, aber sie tun es laienhaft und gedankenlos; sie quatschen, klatschen, tratschen, schnattern, plappern, labern, aber sie reden nicht, sie sprechen nicht, sie sagen nichts, was gleichzeitig von Schönheit und Belang wäre.

Darum ist es kein Zufall, dass wir uns gefunden haben. Man findet immer die Leute, deren Sprache man versteht.

Und seine Sprache ist brillant. „Es ist schade,“ war das erste, was ich ihn sagen hörte und zu Beginn dachte ich mir noch nichts dabei, weil ständig Leute sagen, dass irgendwas schade ist „Es ist schade,“ sagte er „aber es sollte eingesehen werden, dass die Naivität, Ungeduld und Schnelllebigkeit der Jugend ohne ihre Unschuld jeglichen Reiz einbüßt.“

Er war Mitte zwanzig als er das sagte und er sagte es zu seiner Chefin, einer Frau, die seit siebzehn Jahren rosa trug.

Ich war der einzige, der lachte. Seitdem ist eine lange Zeit vergangen.

Er ist intelligent und ironisch auf ein kühle, zynische Art, die nicht unbedingt sympathisch ist. Aber man kann mit ihm reden. Mein ganzes Leben lang konnte ich nur mit mir selbst reden und das wird ziemlich langweilig, wenn man erwachsen wird und einsehen muss, dass alle seine eingebildeten Freunde eben nicht mehr als das sind. Seitdem hatte ich viele Bekannte, aber das sind Leute mit denen man trinken, tanzen und lachen kann, nicht reden.

Mit ihm ist es umgekehrt. Er weiß alles, aber er kennt nichts. Es ist ihm an nichts gelegen, er liebt nichts. Es ist leicht mit ihm bekannt zu sein, aber schwer mit ihm befreundet zu sein.

Man könnte denken, sein Leben wäre sinnlos und leer. Man kann ihm das sagen, so wie man ihm alles sagen kann, weil man weiß, dass er erst einmal gar nichts sagen wird, sondern nachdenken. Und dann erst sprechen. Und dass er Recht haben wird mit seiner Erwiderung, wie auch immer sie ausfällt.

„Es gibt Menschen,“ wird er dann sagen. „die können nur den weiten Himmel aufrichtig lieben. Und nichts, was kleiner ist.“

Date: 2007-06-10 03:38 pm (UTC)
From: [identity profile] rei17.livejournal.com
Wow ....
Das ist wirklich schön.
Zuerst wollte ich "toll" schreiben, aber es ist wirklich einfach ... schön.
Es ist wie eine nachdenkliche, unerwiderte Liebeserklärung an einen Menschen und an den Himmel und natürlich an die Macht der richtigen Worte.
(Wieso muss ich jetzt an Stephen Fry und the art of language denken ...? *g*)

Originell finde ich es im übrigen auch ... =)

~ Rei ~

Date: 2007-06-11 02:19 pm (UTC)
der_jemand: (Default)
From: [personal profile] der_jemand
"Nicht besonders originell"? - Darf ich widersprechen? - Danke.
Irgendwo sind mir sicher schon ähnliche Gedankengänge aufgefallen, aber... nie so. Es ist einfach schön, es passt so gut ineinander und... Wow, mir fehlen verdammt oft die richtigen Worte. - Also muss ich es bei "schön" belassen und mich damit Rei anschließen, was grundsätzlich ja nie verkehrt ist.

Und ich bin irgendwie total davon fasziniert, wie du die Challenges umgesetzt hast...
Eine tolle Idee. Und ganz sicher originell.

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