[identity profile] somali77.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Hendrix
Challenge: Karte 3/ Blut
Fandom: Ao no Exorzist
Warnings: gore? Dark? ô_O" Irgendwie hab ich jetzt doch erst zu dem Thema was geschrieben... und irgendwie ist es angstiger geworden als ursprünglich beabsichtigt, aber naja. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Der Anime ist ja noch nicht so weit fortgeschritten in der Story, aber das wär ein Szenario das auch nicht so ganz außerhalb vom Bereich des Möglichen läge... meiner Meinung nach... naja. Jedenfalls...


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Blut. Dunkles, metallisches, dickflüssiges Blut. Sobald ihm der überdeutliche Geruch in die Nase kam, begann sein Puls rascher zu werden.

„Das könnt ihr nicht machen“, japste er. Ein kurzes, heftiges Aufbäumen sorgte nur dafür, seine Schultern ein paar Zentimeter vom Boden zu heben, dann fiel er wieder zurück, die Griffe der Sektenmitglieder die ihn abwärts drückten, wurden noch fester.

„Ihr Vollidioten! Das wird niemals funktionieren!“, versuchte er lauter, „Vergesst es, das könnt ihr nicht!“ Seine Stimme rutschte in leicht hysterische Tonlage, was nicht Sinn der Sache gewesen war. Sein Atem beschleunigte sich. Dieses unheimliche, rhythmische Murmeln und Raunen von seltsamen, lateinischen Versen um ihn herum in gefühlloser Gleichmäßigkeit brachte ihn außer sich.

Einen flauen Moment lang kam ihm der Gedanke, ob ihm so etwas schon viel früher hätte passieren können, wenn Pater Shiro nicht so verständnisvoll gewesen wäre. In der Mitte eines Beschwörungskreises aus Kreide und Kerzen niedergerungen zu werden und einen Exorzismus über sich ergehen lassen zu müssen. Ein kleines, hilfloses Lachen blubberte aus seiner Kehle, dabei war ihm kein Bisschen zum Lachen zumute. Er hatte keine Ahnung ob es funktionieren würde. Seine tiefen, dämonischen Instinkte zu triggern und ihn in einem Rutsch seine Menschlichkeit vergessen zu lassen? Mit weitem, gehetztem Blick sah er zu seinem Bruder. „Yukio!“

Obwohl es so sinnlos war konnte er es nicht lassen zu kämpfen. „Ahhr! Yukio! Das geht nicht, oder? Sag ihnen dass sie ihre Zeit verschwenden! Von solchen Witzfiguren lasse ich mich doch nicht zur hirnlosen Kampfmaschine machen! Yukio!“ Die wahre Gestalt des Sohnes Satans heraufzubeschwören, um ein neues Zeitalter einzuläuten? Die schädlichen Reste seiner Menschlichkeit zu verbannen, um seine volle Kraft zu entfesseln? Was für ein Mist war das?! Die Typen hier waren doch alle krank im Kopf!

Yukio brachte kein Wort heraus.

Er wurde am Kragen gepackt und näher gezwungen, sein blutender Arm in gefährliche Nähe von Rins Gesicht. Das Blut seines Bruders-... das Blut seines Bruders sollte der Auslöser sein?! Rin warf seinen Kopf mit weiten Augen und flirrendem Blick von einer Seite zur Anderen und wieder rückwärts. Der Geruch war jetzt schon kaum auszuhalten. Da tropfte es, vor seiner Nase, und Yukio konnte nichts tun als ihm mit kalkweißer Miene und zusammengepressten Lippen in die Augen zu starren. Da war ernsthafte Unruhe irgendwo unter seinem harten, gefassten Blick, und brachte Rin mehr außer sich als alle anderen unangenehmen Umstände ihrer beschissenen Lage.

„Nein“, keuchte er. Yukios Arm wurde näher gedrückt. „Nein- Nein!“ Noch näher. Die Lippen des anderen waren weiß, so heftig presste er sie zusammen. Der Geruch von Blut stieg in Rins Kopf, legte sich über seine Synapsen, ließ ihn sich fühlen wie in einer Wolke, wie in dumpfer Betäubung. Es fühlte sich seltsam gut an, aber genau das war es auch, was ihn so beunruhigte. Und dann roch er den Anflug von Angstschweiß, noch vage aber doch unverkennbar. Sein Blick traf in den des Anderen und da gab es keine Chance mehr die lähmende Erkenntnis zu leugnen- Yukio hatte Angst vor ihm. Er hatte Angst dass es klappen würde. Er -wusste- dass es klappen würde.

„Lasst mich los!“, heulte Rin völlig außer sich. Er kämpfte gegen die zu vielen schraubstockartigen Hände an, die ihn auf den harten Holzboden pressten, „Nein! Das könnt ihr nicht-... lasst mich-... Nh-...“ Flüssiges, rubinrotes Tropfen umschlang seinen Verstand. Er spürte es erst am Kinn. Es war so angenehm warm. Dann an der Wange. Ein tiefes Zucken ging durch seinen Körper und er presste die Augen zusammen. Dann auf seinen Lippen. Warm und metallisch. Es tropfte und tröpfelte, so flüssig, so gleichmäßig. Yukios Blut.

Niemand musste sich die Arbeit machen, ihm die Kiefer aufzuzwingen.

Nach nur zwei, drei Sekunden des Widerstands öffnete er den Mund ein wenig, leckte ganz automatisch. Der Geschmack war berauschend. Wie eine enorm starke Droge. Euphorie schoss ihm mit heftigem Ruck in die Eingeweide, er spürte mit einem Schlag weder den harten Holzfußboden der entweihten Kirche, noch die Hände der Sektenmitglieder oder seinen eigenen Puls in der Kehle. Stattdessen bemerkte er Fangzähne in seinem Mund, länger und mächtiger als die üblichen. Ein abgründiges Grollen blubberte aus seinem Innern. Sein Kopf schoss nach vorn. Im nächsten Moment schmeckte er Yukito, der Geschmack füllte rot und pulsierend eine ganze Welt aus. Irgendwo zwischen seinen Fängen spürte er weiche, menschliche Muskeln und verletzliche Haut und dazwischen die Quelle, diesen verdorbenen, obszönen Riss in der fragilen Hülle wo heißes Fließen rostig und laut schmeckte und seine Sinne sich zu einem flirrenden Chaos überbrüllten. Irgendetwas waberte gegen seinen Verstand.

Irgendwo in dem Rauschen und Brüllen um seinen Kopf, der sich gleichzeitig überreizt und wie im Vakuum anfühlte, drückte sich etwas gegen ihn. Erst war es kaum spürbar, ein lästiges Insekt das er abschüttelte, aber im nächsten Moment spürte er den glühenden Druck eines Daumens auf der Stirn, der sich in seinen Schädel schmorte wie ein Brandeisen.

„Sohn der Finsternis, hiermit befehle ich dir-...“

Die wummernde, pochende Chaoswelt um ihn herum wich zurück unter einer dröhnenden Stimme. Er riss sich los, zuckte augenblicklich auf Abstand. Empört, brüllend richtete er sich auf, bereit seine unbezwingbare Macht zu zeigen. Etwas befahl ihm? Ihm konnte niemand befehlen. Er roch Menschenfleisch, neben sich, unter sich, um sich herum, und die Aussicht auf noch mehr köstliches Blut, auf diese fragilen, verlockenden Hüllen, dieses angenehme Gefühl von Schwelgerei und Befriedigung wenn er die Knochen knackte, Eingeweide durchwühlte, Schädel mit einem Biss öffnete, um die weiche Masse herausquellen zu lassen- dieses Gefühl des Wissens dass es herrlich war und dass er das wollte, obwohl er sich nicht mit Sicherheit daran erinnerte es schon jemals ausprobiert zu haben, gab seiner Wucht eine Richtung. Er fuhr auf die nächste Geruchsquelle los und ließ seinem Trieb freien Lauf. Warum auch nicht? Er spürte Blut sprudeln, wie unter seinen Fingernägeln Haut nachgab und die warme Flüssigkeit ihn überschwemmte und ein tiefes, herrliches Lachen blubberte aus seinem Innern, dieses Mal ernsthaft und irgendwo aus einem gähnenden, brodelnden Abgrund. Zeit verlor jede Bedeutung. Er schwelgte im puren Gefühl seiner Macht. Angst war ein hohler Begriff ohne Sinn. Gewissen war etwas Fremdes. Er übergoß sich selbst mit diesen weichen, vorlockenden, menschlichen Körpern. Er riss ihre Hüllen auseinander um ihr Inneres herauszuwühlen. Er war in einem Taumel von Blut, und er lachte. Euphorie und Gier waren die einzigen Gefühle, die er noch zuordnen konnte.

Und dann war da wieder diese Stimme.

„Bei allen Heiligen befehle ich dir-...“

Er drehte abrupt seinen Kopf. Obwohl er kaum etwas sah oder seinen Gesichtssinn zumindest nicht zuordnen konnte, wusste er dass dort etwas aufmuckte. Etwas, das sich so lächerliche Anmaßungen erlaubte, dass es kaum zu glauben war.

Um diese störende Mücke auf ihren Platz zu weisen, öffnete er seine Fänge, machte einen Schritt-...

und spürte sich von einer eisernen Hand am Kragen gepackt, den Daumen auf seiner Stirn der sich in sein Gehirn, sein Innerstes durchfraß wie ein glühender Stab, und eine Stimme die dröhnend seine Welt umgriff, sein Bewusstsein, seinen Willen durchdrang, seine Sinne zurückwarf.

Aufbrüllend versuchte er sich dem Griff zu entziehen, aber sein Kraft wich darunter, seine Beine wurden schwach, er hörte die Worte und spürte ihren unwiderstehlichen Nachdruck der ihn in die Knie zwang. Abwärts. In die Knie auf den Boden der Kirche.

„Du wirst mir gehorchen und deinen Bund mit mir schließen. Du wirst zu mir kommen und ich werde dein Herr sein. Mein Wille wird dein Wille, bis meine Kräfte schwinden und du mich verschlingst...“

Rin schluckte mühsam zu der Formel der Bändigung, und dann war alles wieder rauschendes, brüllendes Nichts. In kurzem Schnappen, wie ein Ertrinkender zur Wasseroberfläche, kam sein Bewusstsein durch übermächtiges Brausen nach oben.

Er spürte flüchtig rasenden Puls in seiner Kehle, seinen Ohren, seinem Brustkorb, sein ganzer Körper schien zu pulsieren. „So sei es“, hörte er etwas aus sich selbst heraus nachgeben, und in den Worten tobte in wirbelnden Schlingen die Energie seiner gesamten Existenz. Seine Stimme klang gleichzeitig fremd und doch viel vertrauter als sonst. Eine Ordnung zwang sich über sein Chaos, eine Struktur die ihn zumindest im Ansatz ordnete und ihm erlaubte, seine Augen wieder als solche zu benutzen. Durch einen Schleier von rot blinzelte er zu  Yukios glänzenden Brillengläsern über sich. Sein Gesicht war weiß, er war nassgeschwitzt. Darunter zitterten seine Muskeln. Aber seine Miene hielt, sein eiserner Wille war unbezwingbar, eine mächtige Wand die Rin einschloss, dem entgleisten Monster in ihm einen Halt bot.

Langsam sackte Rin vorwärts. Yukio ließ sich zittrig und mühsam beherrscht nach Atem und Fassung ringend mit ihm auf den Boden nieder. In kurzem, unsicherem Flackern mischte sich mehr von Rins wachem Bewusstsein in seinen schlingernden Geisteszustand. Jetzt, im Moment, hatte er das Gefühl wie gelähmt zu sein und sich kaum noch rühren zu können. Er rutschte nur unter großer Anstrengung näher zu seinem Zwilling. Ließ sich von dessen Hand abwärts drücken. Sein Atem ging flach und stoßweise. Lange schloss er die Augen, vergrub sein Gesicht irgendwo in Yukios Uniform, wo es vertraut roch, nach Heimat und Sicherheit und glücklicheren Tagen in ihrer Kindheit.

Und als er blinzelte und zum ersten Mal ihre Umgebung wieder wahrnahm, als er spürte dass dieser tieferliegende, fremde Teil von ihm langsam die Vorherrschaft aufgab, stieg ihm Wasser in die Augen und er blinzelte es ratlos zurück. Yukio hatte angefangen ihm den Kopf zu streicheln, seine Hand zitterte, aber er hörte nicht damit auf, während die Spannung aus Rins Muskeln wich und er das Schlachtfest um sie herum nach und nach weiter betrachtete.

„Wh... wie lange wird es dauern“, brachte Rin mit substanzloser, brüchiger Stimme hervor, „Bis-... bis... das ganz aufhört...?“

„Schh...“, wisperte Yukio hörbar gepresst, und nur der Druck seiner Hand wurde stärker.

Es war ein Massaker. Um sie herum war von den ungefähr fünfundzwanzig- dreißig Leuten die mit im Raum gewesen waren nicht einmal einer noch als eigenständiger Mensch erkennbar. Wenn man versucht hätte, Leichenteile zuzuordnen, es wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Dort auf einer Ecke des Altars hing der Rest einer Leber, Fetzen von Darmschlingen waren großzügig über beide Seitenschiffe verteilt. Zwischen den Bankreihen lagen einzelne Körperteile, dort eine Hand, weiter hinten sah etwas nach Haaren und dem Rest einer Schädeldecke aus, größere Teile von Skeletten oder ganze Stücke von Rümpfen lagen nahe der Wand, aber auch nur Einen wieder vollständig zusammenzusetzen war undenkbar.

Der Boden, die Holzbänke, die Kniestützen, selbst die Stufen und Steinwände waren getränkt in Blut. Rin war getränkt in Blut. Der einzig noch halbwegs saubere Fleck im Raum war Yukio, und den schmierte Rin durch sein Bedürfnis nach Nähe gerade ebenso voll.

„Yukio-...“, würgte Rin hervor. Er hatte das Bedürfnis unbedingt noch ein paar Dinge zu sagen, ob der Andere sie nun hören wollte oder nicht. „Denkst du an Vater? So war es nicht als Vater gestorben ist, weißt du! Wirklich nicht! Dass es so wird, das... war das erste Mal“

Yukio schwieg. Wie in Trance streichelte er ihm den Kopf, während Rin zusammengesackt in seinem Schoß lag.

„Yukio“, begann er wieder. „Einen Bannkreis zu ziehen und... ähm... mich zu beschwören während-... naja, das hier schon am passieren war-... das war echt krass... dass das überhaupt funktioniert, und außerdem-... bist du doch nicht mal ein Bändiger... sowas ohne Übung...?“

„Wenn ich dich nicht bändigen kann, wer sonst?“, die vertraute Stimme klang flach und brüchig, zu fragil um zuversichtlich zu sein.

Rin legte den Kopf zurück auf sein weiches Polster und schloss einmal lange die Augen.

„Yukio“, begann er wieder, und seine Stimme versagte. Er versuchte sich die Lippen zu lecken die sich so trocken anfühlten und schmeckte kaltes Blut. Ihm war schlecht.

„Ich hab auch was davon gegessen, oder...?“

Yukio gab keine Antwort. Seine Hand streichelte weiter, stur und gleichmäßig, wie um die schreckliche Wirklichkeit fortzuwischen. Rin spürte wie ihm langsam doch die Tränen kamen. Jetzt ernsthaft. Ein wenig fasste er nach dem Mantel seines Bruders, hielt sich mit klebrigen Fingern daran fest. Er wollte ihn nicht schmutzig machen, aber er wollte sich an ihm festhalten. Am Allerwenigsten wollte er hier allein sein.

„Wirst du mich töten..?“

Wenn er die Augen schloss konnte er es schon spüren, das kühle Metall von Yukios Pistolenlauf auf seiner Stirn. Es würde sich in sein Gehirn brennen wie der Druck seines Daumens. Jetzt wo es so unausweichlich schien erschreckte ihn die Vorstellung nicht so sehr wie er gedacht hatte... er würde nicht zu große Angst haben. Wenn es Yukio war, würde es okay sein.
Aber sein Bruder schloss die Arme fest um ihn, drückte das Gesicht in sein blutiges Haar und hielt ihn mit aller Kraft.

„Jetzt noch nicht“, flüsterte er, und seine Stimme brach.

„Jetzt noch nicht.“

 

~Ende~

 


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