[identity profile] burningdays.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
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Fandom: Original
Challenge: "Machst du grade Schluss mit mir?" "Mir war nicht mal klar, dass wir zusammen sind!"
Charaktere: Lena und Ayelen, mit den Rucksaecken mitten im bergigen argentischen Nordwesten.
Woerter: 1265
Anmerkung: Meine erste Challengeantwort seit einer Ewigkeit, und meine erste hier auf 120minuten (:. Ich hab kein ae/oe/ue auf der Tastatur. Und nicht gegengelesen. Viel Spass, ich muss weiterlernen. 
 
Nun sitzen sie beide am Brunnenrand, auf irgendeinem Marktplatz einer fernen Stadt. Die Sonne scheint fast gnadenlos auf sie beide herab, es ist heiss, die Berge um sie herum bilden einen lila Kontrast zu den erdfarbenen kleinen Lehmhaeusern. Die Rucksaecke sind zu ihren Fuessen an den Brunnenrand gelehnt.

Eigentlich sollten das wunderbare Ferien werden, Abenteuerurlaub fuer Lena, back to the roots fuer Ayelen, auf den Spuren der Vorfahren im Norden Argentiniens. Seit dem Abi hatten sie diese Tage geplant, seitdem der Spanischreferendar den tristen Schulalltag durch seine Erzaehlungen aufgepeppt hatte.

Man koennte jetzt noch so viel mehr ueber den Hergang berichten, ueber die Plaene, die zahlreichen durchgegoogelten Naechte und die Inventuren bei Aldi, aber eigentlich ist das alles egal und erklaert die momentane Situation nicht im geringsten. Nicht mal ansatzweise. Es wuerde nichts erlaeutern, nichts erhellen, wir wuerden nicht verstehen, warum Lena Aye vor lauter Zorn und Aerger und Schmerz und Enttaeuschung nicht in die Augen schauen kann.

Sie koennen weder nach vorne noch zurueck gerade, denn sie sitzen weit weg von daheim auf einem aus bunten Steinen gebauten Brunnenrand, die Rucksaecke zu ihren Fuessen, es ist heiss und stickig und voller Menschen, Ziegen und Lamas. Und eigentlich ist das auch kein Brunnen, sondern irgendein Denkmal fuer irgendeinen befreienden Nationalhelden, der eh schon seit zweihundert Jahren die Radieschen (oder was es hier auch immer fuer Gemuese gibt) von unten wachsen sieht – aber Lena braucht irgendetwas bekanntes, an das sie sich klammern kann. Wenigstens in Gedanken. Obwohl sie diese momentan auch weder zulassen noch richtig fassen kann.

Ihr Kopf ist leer, es ist einfach zu heiss, sie hat nichts geschlafen, sie sind auf 4000 Metern Hoehe, und Aye ist erst heute Morgen wieder ins Zelt zurueckgekrochen. Die Lippen geschwollen, die Augen glaenzend, und Lena weiss ganz genau, dass das nicht am Gras lag, das sie die ganze Nacht geraucht hatten, sondern an diesem verdammten rothaarigen Hippie am Lagerfeuer, der Aye die Nacht ueber nicht aus den Augen gelassen und sie sogar beim Gitarre spielen angeschmachtet hat.

Sie kann an nichts anderes denken. Ihr Koerper fuehlt sich dumpf und leer an, verbraucht von den letzten Tagen, und sie fragt sich verbittert, ob sie gluecklich sein soll, weil sie das ganze irgendwie schon vorhergesehen hatte in letzter Zeit. Aye ist so anders, seit sie hier sind. Sie blueht auf, raucht und trinkt und singt die Naechte in den Campingplaetzen am Lagerfeuer durch, argentinischen Folklore aus dem Norden, der anscheinend fester Teil ihrer Kindheit war. Was Lena erst hier herausgefunden hat.

Es ist wie eine komplett andere Facette. Eine andere Person. Ein anderer Mensch.

In Deutschland waren sie... ja, was. In Deutschland waren sie ein unausgesprochenes etwas. Lena und Aye. Aye und Lena. Gespraeche, Beruehrungen, Naechte. Es gab keine anderen, nur sie beide, auch wenn sie nie darueber geredet hatten, es war unterschwellig offiziell gewesen. Hatte zumindest Lena gedacht. Freunde, doch es gibt viele Dinge, die keine Worte brauchen, keine Titel, keine vor Symbolik triefenden Gesten, um verstanden zu werden. Waren zumindest Lenas Gedanken gewesen.

Doch. Ja, doch.

Ihr Herz tut weh, unter all der Dumpfheit (und ja, sie weiss, das ist kein Wort, aber sie hat nun wirklich weder Kopf noch Kraft, um sich darueber Gedanken zu machen. Vor ihr kackt ein Lama, und neben ihr sitzt die Herzensbrecherin, verdammt noch mal.)

Irgendwann hoert sie von ihrer Linken ein Raeuspern, und Ayes von den Naechten raue Stimme meldet sich zoegernd.

„Wir sollten uns Schatten suchen.“

Sie will sie zum Mond schicken, ihr patzig antworten, sie umarmen und hoeren, dass alles gut wird, dass das nur eine Phase ist, ein kurzer Albtraum, schon vorbei, und sich gleichzeitig umdrehen und gehen. Sie ist von allem so muede. Sie hat kaum geschlafen die letzten Naechte, und auch die Tage voller Hitze und Staub und Wandern und Hoehe und wackeligen Busfahrten durch kurvenreiches Hoehengebirge fordern ihren Tribut.

Also sitzen sie zwei Minuten spaeter drei Meter weiter unter einem Baum, die Rucksaecke dieses mal zwischen ihnen. Lena hat ihren Reisefuehrer rausgeholt, um auf beschaeftigt zu machen. Was Aye tut, weiss sie nicht. Ihr Herz ist nicht stabil genug, um auch nur zu registrieren, dass sie neben ihr existiert.

Das ganze hier ist eine Katastrophe. Es haetten wundervolle vier Wochen werden sollen, die besten ihres Lebens, pure Freiheit. Von daheim, ihren Eltern, der Zukunft, darauf hatte sie sich ein Jahr lang eingestellt. Und jetzt muessen sie ausgerechnet aneinander scheitern.

Du bist so anders, will Lena schreien, doch sie starrt einfach noch ein bisschen fester auf die schwarzen Buchstaben. 
Der Norden von Argentinien ist von unbeschreiblicher Schönheit und Vielfalt.
Eine herrliche Flora und Fauna erwartet den Reisenden.


Da steht nichts von rothaarigen Buenos Aires Hippies, schiesst es ihr durch den Kopf, und sie resigniert.

Packt den Marco Polo zwischen die Tuete schmutziger Socken und die Kamera (vor drei Wochen von ihren Grosseltern zu Weihnachten geschenkt bekommen, voller Euphorie, „Und danach machste ne Diashow fuer die Familie, ja Lenchen? Oppa und ich, wir sind ja immer nur nach Tirol gekommen.“)

Sie lehnt sich nach hinten an den Stamm und schaut der Reisetruppe vor ihr beim froehlichen Papayaschaelen zu. Wuenscht sich, es waeren normale Aepfel oder Kartoffeln, und erschrickt sich selbst bei dem Gedanken.

Sie ist doch eigentlich sonst nicht so. Nicht so ruhig, nicht so fragil, nicht so heimatbezogen. Eigentlich ist Lena Lenni, die toughe Linksextreme mit dem dunkelblonden Wuschelkopf, der rasierten Augenbraue und den zwei Piercings in der Lippe. Die mit der scharfen Zunge, die sich weder von Mathe schriftlich noch dem dicken Nazi-Willi zwei Wohnungen ueber ihr abschrecken laesst.

Denn es ist ja immer Aye dabei, Aye, die ihr den Kopf auf die Schulter legt und damit alle Regenwolken und trueben Gedanken weit weit fortwischt. Weit weg, schoen in den Bergen Suedamerikas verborgen, denkt sie in einem Anflug von Galgenhumor. Aye, die erst heute frueh zurueck ins Zelt gekrochen ist. Mit geschwollener Lippe, und glaenzenden Augen. Sie weiss, sie wiederholt sich, aber es wird ja nicht leichter oder besser mit der Zeit.

„Wir muessen entscheiden, wie wir weitermachen.“, kommt es ploetzlich von der Seite.

...Sie beide.

„Die Jungs vom Lagerfeuer gestern wollten in ner Stunde weiter, und weil doch zu mehreren wesentlich besser ist eigentlich hab ich mir geda-“

„Du machst Schluss mit mir.“, ist der erste Gedanke, und der einzige, der in Lenas Kopf herrscht bei diesen Worten, und es scheint, es haette sie ihn laut ausgesprochen.

Es gibt einen Moment Stille. Lena kann sich nicht bewegen vor lauter Anspannung, die in der Luft liegt. Das fuehlt sich an, wie einer dieser entscheidenden Momente im Film. Einer, in dem der naechste Satz .alles. entscheidet. Alles.

Und Aye raeuspert sich.

„Lenni, ich....mir war nicht mal klar, dass wir beide zusammen sind.“

Das Lama (immer noch das gleiche) laesst in diesem Moment wieder ein paar Klumpen fallen, und Lena fokussiert so hart auf dieses Bild, dass sie schwoert, die aufkommenden Traenen verhindern zu koennen. Dennoch bricht das Herz mit jeder Sekunde, die scheinbar in absoluter Zeitlupe vergehen, Stueck fuer Stueck ein bisschen mehr.

‚Du bist nicht mehr die, die ich kennen gelernt habe.‘ / ‚Das meinst du nicht so.‘ / ‚Denk doch mal ne Nacht drueber nach.‘ / ‚Also haben wir nur aus Spass und Freundschaft miteinander geschlafen?‘/ Und immer wieder ‚was bin ich fuer dich?‘

Sie weiss nicht, wie sie darauf reagieren soll. Und dass jeder Moment gerade drei Minuten dauert und hier jetzt ihre komplette Existenz zu Bruch geht, scheinen weder das Lama noch die papayaschaelende Reisetruppe zu bemerken. 

Es ist alles auf den Kopf gedreht, alles falsch, alles verkehrt. Es haetten die verdammten Ferien ihres Lebens werden sollen. 

 

 

Date: 2011-06-25 04:38 pm (UTC)
From: [identity profile] rei17.livejournal.com
Huhu!
Ich wollte kurz fragen, ob du deinen lj-nick auch als autoren-tag haben möchtest? =)
Wenn ja, tagge ich dich nämlich schnell.
Und herzlich willkommen bei uns! ^_^

Date: 2011-06-25 04:59 pm (UTC)
luinaldawen: (Default)
From: [personal profile] luinaldawen
Erstmal: Herzlich willkommen!

Deine Einstandsgeschichte hat mir wirklich gut gefallen, du kreierst eine ganz wunderbare Stimmung, die ganze Atmosphäre ist wunderbar gelungen! Durch die Challenge war ja schon klar, worauf es hinauslaufen würde, daher wage ich nichts zum Spannungsbogen zu sagen *hust*. Aber Lenas Gefühle hast du gut rübergebracht, ihr Verdacht, dass da etwas verdammt falsch läuft und dann BÄM.
Was für wirklich beschissene Ferien. ._.

Ich hoffe auf mehr von dir! :)

Date: 2011-07-03 07:45 pm (UTC)
From: [identity profile] rei17.livejournal.com
Das ist eine wunderschöne Momentaufnahme.
Es ist so endlos traurig und deprimiert und man hat das Gefühl man kann fast die drückende Hitze spüren und die genauso drückende Stille. :-/
Hat mir sehr gut gefallen, auch wenn ich sehr mit Lena mitgelitten habe.

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