Der Perfekte Raum
Apr. 28th, 2011 06:13 pmTitel: Der Perfekte Raum
Challenge: Die Goldene Regel
Fandom: Original (Uhrwerkträume)
Worte: 668
Inhalt: Ein Gespräch zwischen den drei Uhrmachern, während ihrer Reise, in dem man ein ein bisschen mehr über ihre Kunst erfährt.
Anmerkung: Nicht beta-gelesen (wie immer..), Fortsetzung von Uhrwerkträume
„Ein Raum ist ein Raum. Jeder geschlossene Raum sei als eigene Welt zu betrachten, in der die Zeit verlaufen oder still stehen kann, wie sie will. Asynchrone Welten sind dazu bestimmt sich gegenseitig aufzuheben (s. „Realitätsverfall“ von UM S. J. Feder, Kronos Ausgabe XLVI). (...) Ein Natürlicher Raum wird immer eine gewisse Asynchronität aufweisen.“
- Auszug: „Der Perfekte Raum“, UM S. J. Feder, Kronos Ausgabe LIV
Sie saßen in einer königlichen Kutsche, ein eleganter, dunkler Kasten, mit weich gepolsterten Bänken und samtenen Vorhängen vor den Fenstern, der, auf goldenen Rädern, hinter zwei königlichen Rappen her die Nordstraße in Richtung der Ewigen Wälder entlangrollte und rumpelte.
In Fahrtrichtung: Fitzwillem Unruh und Gwendora Feder. Ihnen gegenüber, seine langen Beine umständlich übereinander geschlagen, um nicht all zu viel Platz zu beanspruchen: Vincent Schlüssel.
Seit zwei Stunden waren sie bereits unterwegs, schätzungsweise, versteht sich, denn selbstverständlich hatten sie keine Uhren in dem Wagen, die ihnen genaueres hätten verraten können.
Vincent Schlüssel hatte seine Nase seit beginn der Reise nicht wieder aus dem Buch, dass er bereits im Wartezimmer des Palastes gelesen hatte, gehoben. Gwendora hatte einige Zeit damit verbracht den Dreck unter ihren Fingernägeln mit einem sehr dünnen Schraubenzieher zu entfernen, sich dann, als sie keinen einzigen Krümel mehr zu finden wußte, statt dessen mit der Stirn gegen die Fensterscheibe sinken lassen, und damit begnügt die Landschaft an sich vorbeiziehen zu sehen.
Felder, Felder, Felder, hier ein Wald, da ein See, dort ein Dorf, ein einsamer Hof.
Fitzwillem Unruh war, entgegen seinem Namen, der Einzige der keine Ablenkung suchte, mit seinen grünen Augen nur die Holzvertäfelung ihres Gefährts fixierte.„Sie sind die Tochter von Uhrmachermeister Sidean Feder?“Die Frage kam von Vincent Schlüssel. Er hatte sein Buch beiseite gelegt und musterte nun mit interessiertem Blick das Mädchen, das da vor ihm saß.
Gwendora nickte ohne etwas an ihrer Position zu verändern. Ihre Stirn spannte, dort wo die Haut am Glas klebte und sich für diese Geste der Bejahung nicht von dem Material trennen wollte.
„Wenn ich mich recht entsinne“, fuhr Vincent Schlüssel fort „sind wir uns schon einmal begegnet.“
Jetzt hob Gwendora den Kopf, betrachtete ihn, zog ihre Augenbrauen zusammen, zupfte nachdenklich an einer Locke, die sich vorwitzig aus ihrem Zopf gelöst hatte.
„Beim dritten Uhrmacherkongress, in der Hauptstadt, vor drei Jahren“, Vincent Schlüssel rückte seine Brille zurecht, ein langer, dünner Finger, der eine lange, dünne Nase hinauf kroch, „Aber vermutlich irre ich. Sie waren damals ja gerade zehn Jahre alt.“
Gwendora spürte den Schweiß auf ihrer Stirn, Schweiß der nicht von zu langem an Glasscheibenlehnen rührte, und ein sinkendes Gefühl in der Magengegend. In ihrem Kopf ging sie alle möglichen Rechtfertigungen, Erklärungen, Entschuldigungen, durch – keine genügte. Die beiden Männer waren Männer vom Fach, die besten ihrer Zunft, sie kannten die Regeln, die Gesetze denen die Uhren unterlagen. Sie kannten die Risiken, die mit all zu großen Zeitkrümmungen einhergingen, sie wußten, dass ein Unfall, egal wie geartet, niemals in einer so gezielten Alterung enden würde, dass es den Körper des Mädchens höchstens zerrissen hätte, einer derartigen Zeitkrümmung ausgesetzt zu sein
Dass sie auch so leichtsinnig der Einladung hatte folgen müssen!, dachte Gwendora. Es war die Neugierde gewesen, die verfluchte, die gefragt hatte, gebohrt hatte, weshalb man sie einlud, als eine der besten ihrer Zunft, wenn ihr Vater noch nicht einmal dazu gekommen war ihren Gesellenbrief auszustellen.
Zu ihrem großen Erstaunen fand Gwendora, als sie aus ihren Gedanken zurückgekehrt war, den Entschluss gefasst hatte auf das Erfinden etwaiger Lügen zu verzichten, und die Herren mit dem gleichen, entschiedenen Schweigen alleine zu lassen, dass ihr Vater ihr auf jede all zu forsche Frage geschenkt hatte, dass Vincent Schlüssels Miene sich zu einem höflichen, fast ehrfürchtigen Lächeln gewandelt hatte.
„Ihr Vater war ein bemerkenswerter Mann“, sagte er und Fitzwillem Unruh nickte, ohne dass er irgendwann den Blick zu seinen beiden Kollegen gewandt hatte, ohne je den Eindruck gemacht zu haben, er hätte ihnen überhaupt irgendeine Aufmerksamkeit geschenkt.
„Aber ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass er es tatsächlich einen Perfekten Raum konstruieren würde.“