[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Titel: Uhrwerkträume
Challenge: Steampunk
Fandom: Original
Worte: ~1200
Inhalt: In einer Welt, in der die Uhren nicht länger den Lauf der Zeit messen sondern ihn viel mehr bestimmen, werden drei Uhrmacher an den Hof des Königs bestellt um einen - den größten - Auftrag ihres Lebens entgegen zu nehmen.
Anmerkung: Nicht beta-gelesen. Was eigentlich eine Art Kurzgeschichte werden sollte ist nun eher der Anfang einer Langgeschichte.


Gwen warf einen letzten, prüfenden Blick in den Spiegel. Sie hatte ihre braunen Locken ordentlich zurück geflochten und gesteckt, hatte die altrosafarbene Bluse, die sie eigentlich nicht leiden konnte, die allerdings die einzige war in deren Ärmel nicht irgendwann irgendein Zahnrad irgendein Loch gerissen hatte, angezogen und eine Weste darüber, deren komplizierte Schnallenverschlüsse die Frage aufwarfen, ob es wohl ein besonderes Erfolgserlebnis wäre, die junge Frau aus ihnen zu befreien (die meisten Männer verwarfen diese Frage jedoch rasch aus Bequemlichkeit, oder weil sie entschieden, dass Gwen nicht zu jenen jungen Frauen gehörte, die gerne von Fremden aus ihren Kleidern befreit wurden).
An ihrem Gürtel baumelte eine Werkzeugtasche, über ihren Schultern hing ein Rucksack, vielleicht nicht die angemessenste Tasche, um sie zu einer Audienz beim König mitzubringen, aber was sollte sie tun, dachte Gwen, eine Alternative besaß sie nicht.

Ein Bediensteter führte sie von den Gästequartieren zum eigentlichen Palast hinüber und in ein Wartezimmer hinein. Hier standen exquisit teure, aber dennoch nicht sonderlich bequeme, Sessel neben kleinen Kaffeetischen, auf denen in goldbemalten Schälchen Plätzchen und Pralineés für die Wartenden lagen.
Die Wartenden waren, und Gwen stellte es mit einem sinkenden Gefühl fest, abgsehen von ihr selbst zwei Männer. Beide waren ungefähr zehn Jahre älter als Gwen und, auch wenn sie zu zugeben musste, dass vermutlich ein hoher Anteil des Volkes zehn Jahre älter als eine Sechzehnjährige war, beunruhigte sie dieser Umstand.
Gwen hatte geglaubt sie wäre die Einzige gewesen, die man eingeladen hatte, aber statt dessen fand sie nun zwei Konkurrenten da sitzen (beide trugen ein Zahnrad an ihrer Krawattennadel, womit sie sich als Mitglieder der Zunft auswiesen). Der eine war groß und schmal, mit blassen blauen Augen und langen blonden Haaren, die glatt auf den Kragen seines Rocks fielen. Er saß da, als täte er das bereits seit Tagen, unverändert, geduldig, sein dünnes, bartloses Gesicht in ein Buch ohne Titel auf dem Einband gesenkt, nur seine Hände (schmale, zarte Hände, die eher einem Pianisten gestanden hätten) bewegten sich ab und zu um eine Seite umzuschlagen.
Der zweite Mann kaute gelangweilt an dem Ende seiner Pfeife. Mit stillem Interesse stellte Gwen fest, dass seine Nägel lackiert waren und erinnerte sich schmunzelnd an die Worte ihres Vaters (der seine Nägel ebenfalls gefärbt hielt): „Das spart das ewige Saubermachen“.
Die Finger waren allerdings das einzige, was diesem Mann irgendeine Ähnlichkeit mit Gwens Vater verschaffte. Wo ihr Vater rund und knubbelig gewesen war, war dieser Mann eckig und kantig, mit einer Nase, die aussah als wäre sie schon einmal gebrochen worden, wo ihr Vater rote Locken gehabt hatte, die sich von keiner Bürste bändigen ließen, hatte dieser Mann sein dunkles Haar ordentlich mit Pomade zurückgekämmt.

* * *


Der König des Königreiches war ein alter Mann, der irgendwann, vor zwanzig (oder waren es dreißig?) Jahren, aufgegeben hatte der Zeit hinterher zu stolpern. Möglich, dass er das getan hatte weil es überhaupt immer schwerer wurde der Zeit irgendwie zu folgen, jedenfalls verwirrte ihn die Welt, so wie sie heute war. Zu seiner Zeit waren Uhren dazu da gewesen, die Zeit zu messen – nicht um sie zu bestimmen. Zu seiner Zeit waren Uhrmacher noch jene Menschen gewesen, die Uhren bauten und zu denen man hinging, wenn diese Uhren nicht mehr funktionierten. Zugegeben, letzteres war immernoch der Fall, aber doch nicht in der Form, in der es dem König lieb gewesen wäre. Darum war er nur froh, dass sein Minister sich bereitwillig um alle Angelegenheiten, die mit Uhren zu tun hatten, kümmerte.
Um so nervöser war er jetzt, da jener Minister nicht aufzufinden war, während draußen (in der Vorstellung des Königs jedenfalls standen sie draußen), die drei besten Uhrmacher des Königreiches warteten, dass man ihnen einen – den größten – Auftrag erteilte. Einen Auftrag, von dem der König nicht mehr wußte, als dass er eine Reise in die Wälder der Ewigkeit beinhaltete und mit der höchsten Vergütung, die man aus der Schatzkammer entbehren konnte, so wie dem Titel des Freiherrn bezahlte wurde – im Falle einer Rückkehr jedenfalls.
Der König griff in seine Westentasche, erinnerte sich dann, dass Taschenuhren ein Ding der Vergangenheit waren und rief statt dessen einen Diener, der für ihn auf den Hof und die dort befindliche Sonnenuhr blicken sollte.
„Gleich zwölf Uhr, eure Majestät“, verlautete der Diener mit einer tiefen Verbeugung.
„Und immer noch keine Spur des Ministers?“
„Nein, eure Majestät.“
Der König überlegte, wobei er mit seiner Zunge ein schnalzendes Geräusch machte.
„Bringt die Herren herein!“, sagte er schließlich, denn auch als König besaß er genügend Anstand um anständige Menschen nicht länger warten zu lassen, als es nötig war.

Zu seiner großen Freude sahen die Uhrmacher ganz so aus, wie der König sich Uhrmacher vorgestellt hatte. Jeder einzelne ganz individuell, und dennoch bestand zwischen den dreien eine gewisse, exzentrische Ähnlichkeit.
„Die Uhrmacher“, erklärte ein Diener und stellte die drei vor.
„Vincent Schlüssel“, der Blonde, lange senkte brav seinen Kopf, „Fitzwillem Unruh und Gwendora Feder.“
„Gwendora“, wiederholte der alte König nachdenklich „Sonderbarer Name für einen jungen Burschen.“
Gwen wollte bereits ihren Mund auftun, doch einer der Diener, die hinter dem Thron postiert waren, bedeutete ihr mit raschem Kopfschütteln zu schweigen. Also schwieg sie. Und wartete, dass der König, oder irgendwer, zu reden begann. Aber der König trommelte nur seine Finger gegeneinander und kaute auf seiner Unterlippe herum.
„Eure Majestät?“, Vincent Schlüssel räusperte sich zögerlich. Seine Stimme war angenehm höflich, und ganz passend zu seinen feinen Klavierspielerhänden.
„Meine Herren“, begann der König nach reichlicher Überlegung. „Ich habe sie heute hier, heute hier, in meinem Palast...“, er hielt inne. Es war Jahre her seit er, der König, das letzte mal selbst hatte längere Reden halten müssen.
„Sie sind hier!“, stellte er fest und war ganz froh, dass er es bis hier her mit den Worten geschafft hatte.
Gwen schielte zu ihren Kollegen, die beide da standen und keine Miene verzogen, also versuchte sie das selbe zu tun.
„Ihr Auftrag ist klar“, fuhr der König fort, während er krampfhaft versuchte sich zu erinnern, was genau der Auftrag gewesen war.
„Die Wälder der Ewigkeit!“, sagte der König und stellte mit entzücken fest, dass diese Worte ihre Wirkung taten, denn die Uhrmacher wechselten kurze, beunruhigte Blicke miteinander.
„Als die Besten Ihrer Zunft“, jetzt, dachte der König, hatte er es „werden Sie...“, er überlegte.
„...schicken Wir Sie in die Wälder der Ewigkeit, um...“, ja, um was eigentlich? Der König hatte diesem Punkt in den Erzählungen seines Ministers nie besonders große Aufmerksamkeit geschenkt.
„Schicken Wir Sie in die Wälder der Ewigkei!t“, schloss der König also seine Rede ab.
„Bei Ihrer Rückkehr werden die Herren mit einem Adelstitel und großen Reichtümern vergütet“, fügte er hinzu, als keiner der Uhrmacher eine Reaktion zeigte.
„Nehmen die Herren den Auftrag an?“
Keine Reaktion. Der König schnalzte Ungeduldig mit der Zunge. Ein Diener trat zu ihm heran und flüsterte etwas in sein Ohr. Der König nickte eifrig, dann sprach er mit einem triumphierenden Lächeln weiter.
„Ich erinnere sie an den Eid, den sie als Uhrmacher abgelegt haben“, sagte er, und dann:
„Ein Wagen wird Sie bis an die Grenze bringen.“

Date: 2011-03-10 03:11 pm (UTC)
From: [identity profile] freaky-nea.livejournal.com
Sehr interessanter Anfang. Der zerstreute König hat mich sehr auf den Auftrag neugierig gemacht (der ist doch immer noch nicht ganz klar, oder hab ich ihn jetzt etwa überlesen?)! Freue mich auf jeden Fall schonmal sehr auf die Fortsetzung.

Achja, zwei kleine Tipfehler sind mir aufgefallen: war dieser Mann eckig und kantik und Keien Reaktion

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