Steampunk-abriss
Mar. 7th, 2011 08:46 pmFandom: Original
Kommentar: es ist so lang geworden (ich hab die 120 min auch um 15 min überschritten. Tut mir leid ;_;) , aber es passiert dennoch so wenig. Und eigentlich hab ich von Steampunk keine Ahnung. Betrachtet es als kurzen Versuch des Steampunks und kleine Charakterskizze u_u
Shyam nahm den Teekessel vom Herd und goss den Inhalt in die vorgewärmte Kanne. Mit einem leichten Lächeln sah er zu, wie die getrockneten Teeblätter im sprudelnden Wasser durcheinander wirbelten und langsam wieder ihre ursprüngliche Form annahmen. Teekochen hatte Shyam schon immer beruhigt und entspannt, das eigentliche Teetrinken hingegen war für ihn eine Qual. Wenn er sich nicht die Zunge verbrannte, so zog sich ihm bei dem bittereren Geschmack des Gebräus alles zusammen. Doch laut dem Professor machte Shyam den besten Tee der Nationen, ein Kompliment, für das sich Shyam zwar regelmäßig bedankte, aber an dessen Wahrheitsgehalt er doch zu zweifeln wagte.
Das Teewasser hatte eine klare, rote Farbe angenommen, der Tee war fertig. Durch ein Sieb goss Shyam vorsichtig den Tee in zwei angewärmte Tassen aus feinem Porzellan und stellte sie zusammen mit einem Kännchen Milch und einer Schale Würfelzucker auf ein Tablett.
Während er behutsam das Tablett durch den langen Gang zum Büro des Professors trug, fiel sein Blick immer wieder auf die zweite Tasse und ein unangenehmes Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit. Gewöhnlich war die zweite Tasse für ihn selbst bestimmt, doch heute hatte der Professor seltenen Besuch. Unter anderen Umständen hätte Shyam mit Erleichterung vernommen, dass der traditionelle 5-Uhr-Tee für ihn ausfallen musste, doch die Tatsache, dass der Besucher der Gouverneur der Kolonie war, hinterließ einen bittereren Nachgeschmack, als jeder Tee es je getan hätte. Shyam blickte nachdenklich auf die dampfenden Tassen. Er konnte sich dieses Gefühl der Abneigung gegen den hohen Gast nicht erklären. Er würde heute Abend wieder über Gefühle und Emotionen nachdenken müssen.
Mit einem sanften Klopfen an der schweren Doppeltüre machte sich Shyam bemerkbar und wartete ruhig ab, bis er die fröhliche Stimme des Professors vernahm.
„Wer da? Ach Shyam, nicht wahr? Der Tee, oder? Komm rein, komm rein!“
Shyam trat ein und deutete eine kurze Verbeugung an, ehe er auf den schweren Schreibtisch des Professors zutrat.
„Heda, Professor, haben Sie eine Verjüngungsmaschine gebaut oder einen Jungbrunnen erfunden? Ihr Diener war doch ein tattriger alter Mann, aber vor mir ist ein junger, gutaussehender Kerl!“
Shyam ignorierte die vulgäre Ausdrucksweise und die dröhnende Bassstimme des Gouverneurs und stellte die Tassen auf den Schreibtisch ab.
„Oh Nein, nein,“ lächelte der Professor, „der Gesundheitszustand meines vorherigen Dieners, Stefan, ließ es leider nicht mehr zu, dass er mich als mein oberster Diener auf diesem Schiff begleiten kann. Shyam hat nun diese Stelle inne.“
„Shyam?“ Der Gouverneur lachte schallend auf und sprach Shyam nun direkt an „Du siehst nicht aus, wie ein Shyam! Eher wie ein Adrian!“
„Ich werde meine Eltern über ihren Irrtum in Kenntnis setzen. Ich bezweifle jedoch, dass sie viel Einsicht zeigen werden. Wünschen Sie Milch oder Zucker in ihren Tee?“
„Wa…Hä?Äh...“
Aus dem Augenwinkel heraus sah Shyam, wie der Professor leise vor sich hinlächelte und sich über die Verwirrung seines Gastes amüsierte.
„Für mich nichts, danke Shyam!“
Shyam nickte knapp und blickte dann erneut fragend zum Gouverneur, der sich nun gefangen zu haben schien.
„Zucker, drei Würfel bitte, Shyam!“ Shyam überging die sonderbare Betonung seines Namens, machte sich jedoch eine Notiz, über das Verhalten des Gouverneurs ebenfalls heute Abend nachzudenken. Er reichte dem Gouverneur die Tasse mit dem gesüßten Tee und trat dann dreieinhalb Schritte zurück.
„Nun, um auf unser Gespräch von vorhin zurück zukommen…“ begann der Professor langsam, aber der Gouverneur unterbrach ihn rasch.
„Sie verstehen doch sicher, dass dies eine vertrauliche Angelegenheit ist?“ Shyam entging nicht der kurze Blick, den ihm der Gouverneur zuwarf.
„Sie müssen sich um Shyam keine Sorgen machen, er ist mein engster Vertrauter und würde so oder so von diesem Gespräch erfahren.“ Dem Gouverneur schien dies nicht zu gefallen, aber er sagte nichts.
„Wenn ich Sie recht verstanden habe, möchten sie, dass ich Ihnen eine Menschenpuppe baue.“ Es war keine Frage, es war eine Feststellung, und der Gouverneur nickte nur, ohne jedoch Shyam aus den Augen zu lassen. Dieser blickte jedoch mit ausdruckslosem Gesicht stur geradeaus.
„Nun, Sie sind der Gouverneur, Sie sollten es also eigentlich am besten wissen, aber darf ich Sie dennoch daran erinnern, dass der Bau und der Besitz von Menschenpuppen in den Kolonien verboten ist?“
„Oh, die Puppe ist natürlich nicht für mich. Ich gebe sie nur in Auftrag, als Geschenk sozusagen. Abliefern sollen Sie sie bei einem guten Freund im Mutterland. Und da Sie mit ihrem Luftschiff nicht an das Gesetz der Kolonien gebunden sind…“ Der Gouverneur ließ den Satz unbeendet.
„Verstehe.“ Der Professor nickte langsam. „Es ist ihnen jedoch klar, dass der Herstellungsprozess sehr kompliziert und langwierig ist und die fertige Puppe nur selten den Kunden zufrieden stellt?“
„Oh, ich habe vollstes Vertrauen in Ihr Können. Ich habe mich sozusagen mit eigenen Augen überzeugt!“ Der Gouverneur blickte erneut zu Shyam und musterte diesen mit unverhohlener Neugier. Der Professor seufzte tief.
„Und genau deswegen sind die Kunden selten zufrieden. Sie überschätzen sowohl mich, als auch die Wissenschaft, Gouverneur. Shyam ist ein Mensch wie Sie und ich. Das Endprodukt ihrer Bestellung würde niemals wie ein tatsächlicher Mensch aussehen oder handeln.“
Falls der Gouverneur enttäuscht war, so ließ er es sich nicht anmerken. Tatsächlich schien er dem Professor kaum zugehört zu haben und starrte unentwegt Shyam an. Shyam selbst ignorierte den Gouverneur und blickte unentwegt geradeaus ins Nichts.
„Die Puppe wäre aber in der Lage, gewisse, ähm, Dienste zu leisten, nicht wahr?“
„Natürlich können wir Sonderwünsche und Präferenzen bis zu einem gewissen Grad berücksichtigen, dennoch muss ich erneut darauf hinweisen, dass eine Menschenpuppe in keiner Weise einem Menschen ähnlich wäre oder…“
„Ja, sicher, ich verlasse mich da ganz auf ihr Talent!“ unterbrach der Gouverneur den Professor unwirsch. „Kommen wir also zur Bezahlung, darauf wollen sie doch hinaus!“ Der Professor schien etwas erwidern zu wollen, schien es sich dann aber anders zu überlegen und holte stattdessen einige Papiere hervor.
„Dies ist ein Standardvertrag, der sie über die grundsätzlichen Kosten informiert und mich ferner dazu bevollmächtigt, alle Materialkosten auf ihre Rechnung zu setzen. Außerdem…“
„Sicher, sicher, ein Standardvertrag eben.“ Der Gouverneur unterbrach erneut den Professor und griff nach den Papieren. „Wo muss ich, ah hier, ja dann, so, unterschrieben und alles wäre geklärt.“ Der Gouverneur stand auf, griff nach seinem Spazierstock und setzte seinen Zylinder auf. Er schien es auf einmal schrecklich eilig zu haben. „Ich lasse Ihnen dann morgen einen Kurier mit einer Liste der Wünsche meines Freundes zukommen.“ Er lächelte und reichte dem Professor die Hand zum Abschied. Auf dem Weg zur Tür blieb er kurz stehen und zwinkerte Shyam kurz zu. Shyam verzog noch immer keine Miene, verbeugte sich aber höflich.
Kaum schloss sich die Türe hinter dem Gouverneur, sank der Professor mit einem erledigten Seufzer in seinen Stuhl. Von einer Sekunde zur anderen schien der Professor sich von einem weltgewandten Wissenschaftler in einen aufmüpfigen, jungen Rebellen zu verwandeln. Shyam fragte sich immer wieder, wie es sein konnte, dass ein Mann so viele unterschiedliche Gesichter haben konnte.
„Mann, wie ich es hasse, wenn sie einem nicht zuhören, nur weil sie so verbohrt sind und jedes schwachsinnige Gerücht aus der Neuen Welt glauben!“
„Es ist das vierte Mal, dass man mich für etwas anderes als einen Menschen gehalten hat!“ stellte Shyam fest. Der Professor grinste breit. „Du verhältst dich eben nicht unbedingt immer sehr, hm, ‚normal‘!“
„Ich versuche stets so zu sein, wie Sie, Professor!“
„Ha, da liegt der Fehler!“ der Professor lachte laut auf, wurde aber still, als er den beinahe verzweifelten Ausdruck auf Shyams Gesicht bemerkte.
„Lass uns die Liste für heute durchgehen!“ schlug er beschwichtigend vor.
Shyams Miene hellte sich auf. „Haben Sie denn Zeit?“
„Nur wenn du endlich aufhörst, mich zu siezen. Wir sind gleich alt, verdammt, ich komm mir vor wie ein Sklavenhändler aus dem Mutterland!“ Shyam nickte zögernd und nahm auf einem Stuhl Platz.
„Also, was steht heute auf der Liste?“
„Der Gouverneur!“
„Dacht ich mir. Und wer noch?“
„Lucy!“
„Die Mechanikerin? Oho, da interessiert mich jetzt warum.“
Shyam zögerte kurz. „Sie meinte, wenn ich jemanden davon erzähle, bringt sie mich um. Ich finde das Risiko etwas zu hoch, nur um deine Neugier zu befriedigen.“
„Ach verdammt! Gut, wer steht noch auf der Liste?“
„Du!“
Der Professor grinste zufrieden. „Wie immer. Sehr gut.“
„Und“ begann Shyam zögerlich.
„Ja?“
„Hugh, meinst du, es würde wirklich helfen, wenn ich mich von nun an Adrian nenne?“
Die Reaktion des Professors irritierte Shyam sehr und er beschloss, den plötzlichen Lachanfall ebenfalls auf seine Liste zu setzen.