[identity profile] lokuro.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten

Fandom: Original -  Die lokale Apokalypse
Wörter: 568
Challenge: "Die Apokalypse hatte ich mir anders vorgestellt..."
Kommentar: Leider komme ich wieder zu spät für das Spam-WE aber an so einer herrlichen Challenge wollte ich einfach nicht vorbei gehen *g*
 

Den Atmen anhalten und fragen – „Willst du mit mir gehen?“, und als Antwort nur ihre Schulter zu sehen, nackt und zierlich, weiße Haut in dem breiten Ausschnitt ihres Sommerkleides. Sie zuckt genervt mit der Schulter, dreht sich nicht mal um, das Haar kitzelt ihren Nacken, hellblond und kurz und so weich, dass er sich zusammenreißen muss um es nicht zu berühren.

„Vergiss es, Frank, ehe friert die Hölle zu als ich mit so einem Versager gehe. Ciao.“

Die klappernden Sandletten, die adretten Söckchen, der wehende Saum ihres Kleides – so behielt Frank ihr Bild in Erinnerung, als sie wegging und sein Herz zerbrach.

Er war erst 16 und es fühlte sich an, wie das Ende der Welt. Endgültig und grausam.
Aber er war erst 16, er hat es überlebt.

~*~

Er hielt sich an dem einzigen Gegenstand fest, der ihn noch retten konnte – an seinem Maschinengewehr. Das Blut klebte seine Hand verlässlich an dem heißen Metall fest, verband ihn mit dem tödlichen Instrument, schuf ein Band fürs Leben.

Es war still, die Sonne ging auf, sein Trupp lauerte im hohen, saftigen Gras. Ein alter Freund zu seiner rechten – warum waren sie beide noch mal so dumm und hatten sich für die Armee entschieden? – und ein ganzer Bataillon voller Feinde auf der anderen Seite des Flusses.

Es war still, die Dschungel wachten auf, faul und feucht, wie nach einem schweren Fiebertraum voller unzüchtiger Fantasien. Ein einziger schwerer Tropfen lief den immergrünen, gezackten Blatt entlang, ein anderer kitzelte Franks Stirn – nass, unruhig und zittrig.

Er war erst 22 und glaubte schon in der Hölle zu sein.
Nein. Nein, das konnte noch nicht das Ende der Welt sein. Die Apokalypse hatte bei weitem mehr Würde. Und weniger Moskitos.

~*~

509 Anschläge pro Minute.
30 412 Anschläge pro Stunde – nicht die höchst mögliche Geschwindigkeit, die ein Mensch erreichen kann. Frank verlor viel kostbarer Zeit um die Tabletten herunter zu schlucken, zu einem Wasserglas zu greifen oder die Toiletteneinrichtung am Ende des Flurs zu benutzen. Alles nur um die Konzentration auf einem akzeptablen Niveau zu garantieren – keine fahrlässige Verschwendung der staatlichen Minuten: Er war ein guter Angestellter.
Die Tasten gaben unter dem sanften Druckt seiner Finger nach, ein melodisches Kicken, Klimpern, Klappern, Schlendern – etwas passte nicht, wenn er nur wüsste was.
An einem erfolgreichen Arbeitstag waren es nicht weniger als 244 320 Anschläge, wenn er Glück hatte, würde er bald befördert und sein Gehirn erhielte ein Update, das ihm erlaubte komplexe Gefühle aus dem Netz herunterzuladen.

Die Stadt pulsierte. Sein Büro hatte keine Fenster, doch der Rhythmus fuhr in die Knochen. Die Stadt brauchte ihn – Frank arbeitete für die Verwaltung – und wenn er in der Mittagspause einen heißen Kaffeebecher umklammert hielt und seinen Verstand ruhig vor sich hin plätschern ließ, spürte er eine Leere in sich, eine gähnende, schöne, weiche Leere.
Die Leere füllte sich mit Zufriedenheit und wenn man die Augen zusammenkniff, konnte man es fast für Glück halten.

Er wusste, dass etwas fehlte, aber er kam nicht darauf was – er hatte reichlich Zeit drüber zu sinnieren, während die Kollegen sich über das Fußballspiel aufregten oder die neusten Modeerscheinungen kommentierten.

Er war erst 31 und noch viel zu jung für die Midlife Crisis, doch der dünne Kaffeefilm auf dem Boden des Plastikbechers gaukelte ihm die Gewissheit vor, dass er etwas wichtiges verpasste hatte, etwas einmaliges und schauriges und wunderschönes.

Die Apokalypse.

 

Date: 2011-02-27 10:07 pm (UTC)
From: [identity profile] tsutsumi.livejournal.com
Das ist der Wahnsinn! *___*
Sehr metaphorisch, sehr intensiv, wunderbare Gleichnisse.
Nicht zuletzt auch bedrohlich- dass ich wie Frank ende, davor fürchte ich mich schon lange. ._.

Date: 2011-02-28 01:19 pm (UTC)
der_jemand: (Default)
From: [personal profile] der_jemand
Oh. Oh...
Ja, definitiv [livejournal.com profile] tsutsumis "Wahnsinn" nichts mehr hinzuzufügen. Einfach toll.

Date: 2011-02-28 10:49 pm (UTC)
From: [identity profile] kurukii.livejournal.com
Das ist... richtig gut.
Ich mag das Ende.

Das ist jetzt magere Kritik *haha*
Ich mag auch die Aufteilung, diese drei vollkommen verschiedenen, aber doch zu einem Leben gehörenden Teile.
Und... ich habe nichts, absolut nichts negatives zu sagen, das heißt sehr viel :3

Date: 2011-03-01 08:53 pm (UTC)
From: [identity profile] kleine-aster.livejournal.com
Außerdem, das ist ein SEHR hottes WK-Icon. Das muss ich auch noch schnell kommentieren. XD
Mamoru approves.
Edited Date: 2011-03-01 08:53 pm (UTC)

Date: 2011-03-03 12:13 pm (UTC)
From: [identity profile] kleine-aster.livejournal.com
Wow, das ist ein fantastischer Art-Link! Und kann man Crawfords und Schuldigs überhaupt irgendwie überdrüssig werden? Ich glaube nicht. XD

Ich liebe diesen Icon von Somali XD Und so ein bißchen was Verdorbenes hat Mamoru einfach an sich.

Date: 2011-03-01 08:52 pm (UTC)
From: [identity profile] kleine-aster.livejournal.com
Oooh, sehr cool! Ich liebe es, wenn ich random in 120 Minuten reingucke, und dann ganz unversehen irgendwas echt Gutes lese! :D

Man hatte immer das Gefühl, direkt nebem ihm zu stehen, weil die Beschreibungen die Szene echt lebendig werden lassen. Der letzte Abschnitt hat mich irgendwie am meisten beeindruckt, mit den Bürozwängen und den verstaatlichten Minuten. Sehr interessante Varianten von Apokalypse.

Date: 2011-03-03 12:15 pm (UTC)
From: [identity profile] kleine-aster.livejournal.com
Was mir an dem letzten Abschnitt auch sehr gut gefällt, ist daß er sowohl so eine 1984-mäßige graue Dystopie darstellen könnte, oder einfach ... die Realität. Und das ist schon ziemlich gruselig.

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