[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Original
Genre: dark, Drama
Challenge: "Du bist niedlich, aber wenn du so weitermachst, wirst du bald als vermisst gemeldet!" Naja, fast jedenfalls...
Wörter: 638
Kommentar: Für den Herren, der mir vor einiger Zeit bei so einem Gespräch schreienderweise bezeugte, ich hätte ein ernsthaftes Problem mit meiner Wahrnehmung und Psyche. :D

„Wo ist sie?“
Solveigh zieht ihre Hand weg noch bevor Mutter die ihre beschwichtigend auflegen kann.
„Schatz“, sagt diese stattdessen mit etwas mehr versuchtem Nachdruck.
„Das haben wir doch jetzt schon etliche Male besprochen“, sagt der Betreuer von Solveighs Schwester und die zuständige Mitarbeiterin nickt ärgerlich und kratzt sich an ihrem verdörrten Hals, dass Goldkettchen zu klimpern beginnen.
Amtstanten, dessen ist Solveigh sich sicher, sehen immer alle gleich aus.
Sie haben immer kurze spießige Achtzigerjahre-Gedächtnis-Frisuren. Sie tragen immer hässlichen Goldschmuck- und davon auch noch zuviel. Sie haben alle diese dünnen Angela-Merkel-Linien an den Mundwinkel, die gerade nach unten führen als wollten sie ein Lot auf die Unterkiefer fällen.
„Deswegen habe ich Ihnen auch gesagt, dass es besser ist, wenn Ihre Tochter nicht dabei ist“, sagt die Bearbeiterin zu Mutter.
„Das verzögert das Hilfeplangespräch nur unnötig.“
„Wenn es eins gäbe, würde ich das auch nicht verzögern“, faucht Solveigh sie an.
„Aber im Moment kann ich mich nur daran erinnern, dass sie beide in der letzten halben Stunde nichts weiter getan haben, als meine Mutter mit wüsten Beschimpfungen zu bewerfen und halbgare Erfindungen angeblicher Tatsachen auszukotzen.“

Es ist nicht so, dass sie nicht rational denkt in der Sache. Das hat nichts mit ihrer inneren Aufgewühltheit zu tun, die selbstverständlich ist, wenn die kleine Schwester vor zwei Wochen direkt von der Schule von Wildfremden abgeholt und in ein Heim gesteckt wird, man nicht weiß, warum das geschehen ist und wo sie eigentlich ist. Und ob sie eigentlich noch ist.
Aber wenn die wie jetzt die Geduld verliert und ihr niemand respektvoll begegnet in der Sache, nimmt der Drang, mit Flüchen um sich werfen, Überhand.

„Ich muss doch sehr bitten“, entrüstet sich die Bearbeiterin und der Betreuer schüttelt betont betroffen den Kopf.
„Achten Sie mal auf Ihren Tonfall!“
„Solveigh“, murmelt Mutter und presst kurz die Lippen aufeinander als ob sie sich das Sprechen nun endgültig verbieten wollen würde. Sie hat ohnehin nicht viel gesagt. Seit zwei Wochen.
„Das zeigt uns nur wieder, wie dringlich diese Herausnahme war“, mischt sich der Betreuer ein.
„In dieser Familie scheint ja gar nichts richtig zu laufen.“
„Ficken Sie sich ins Knie!“, zischt Solveigh mit gesenkten Augenbrauen.

Sie sieht nicht ein, warum sie Ruhe und Gelassenheit vortäuschen sollte, wenn man sie persönlich angreift. Das Ja und Amen, mit dem Mutter dieser ganzen Sache begegnet, treibt sie zur Weißglut. `Steh für das ein, was du für richtig hältst´, hatte Mutter früher gesagt. Jetzt sagt sie gar nichts mehr. Freilich ist das ein Allerweltsspruch, der auch einen Diktator in seinem Handeln legitimieren kann, aber Solveigh hat er wirklich etwas bedeutet. Jetzt ist es eine leere Worthülse und jeder Sinn dahin.

Der Betreuer beugt sich über den Tisch. Seine Brille sitzt ihm so tief auf der Nase, dass es aussieht als würde sie jeden Moment runterrutschten.
„Kleine, du bist niedlich, aber wenn du so weitermachst, geht das nicht mehr lange gut, das kann ich dir vorhersagen“, murmelt er und an seiner Stimme hört man die Mühe, mit der er seine Wut unterdrückt.
„Wie nett“, verschränkt sie die Arme vor der Brust.
„Sinnlose Bedrohung statt Hilfe. Nettes Amt sind Sie. Das Angebot des „Du“ lehne ich aber ab!“

Aber ihre Kraft schwindet. Letztlich bringen wüste Beschimpfungen sie nicht voran. Höflichkeit- die hat sie davor versucht- hat genauso wenig geholfen. Sie hat das Gefühl, keine Menschen vor sich zu haben, sondern Roboter, die nicht wissen, was das Gesagte in Sprache bedeutet, sondern ihre Worte aufnehmen, verdrehen und als ein Cluster aus sinnentleerten Wortketten wieder ausspucken.

„Über den Verbleib des Kindes werden wir so lange nicht sprechen wie die Fluchtgefahr besteht. Und jetzt sage ich zu dem Thema nichts mehr.“ Die Amtstante macht mit der flachen Hand eine abschneidende Bewegung.
„Aber ich hatte nie vor zu fliehen“, beteuert Mutter, „ich wüsste auch gar nicht wohin. Ich habe auch gar nicht das Geld!“
Sie klingt wie jemand aus 1984. Sie verschwendet nicht einmal einen Gedanken daran, dass dies hier nicht mehr das Mittelalter ist, indem man, selbst wenn man weggewollt hätte, eine Erlaubnis dafür gebraucht hätte.

„Ich sagte doch, das Thema ist durch“, entgegnet die Bearbeiterin ungnädig und schlägt die Akte zu.

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