(no subject)
May. 20th, 2007 04:50 pmAutor: Moi
Fandom: Digimon
Pairing: /
Challenge: #1: unerwidert
Warnungen: keine, vll ein bisschen deprimierend XD
Wörter: kA *nie zählt*
Charaktere: Yamato & Takeru
A/N: Ich liege in der Zeit? o.o So gerade noch...! XD
Durch die Sprechanlage wirkt die Stimme fremd, nicht kalt, aber fremd. Nicht wie eine Stimme, die ich eigentlich seit je her kennen sollte. Nur wie irgendeine weibliche Stimme eben. Und weil es für meine Ohren nur noch irgendeine weibliche Stimme ist, ist meine Beteiligung an dem kurzen Gespräch auch nur noch wie die an irgendeinem x-beliebigen Gespräch.
Als ich mich wieder von der Sprechanlage weglehne, bemerke ich die enorme Anspannung in meinen Gesichtszügen. Bemerke ich, dass es wehtut zu lächeln, wehtut mich zu unterhalten. Und mir wird bitterlich klar, dass mein Herz über die Tatsache weint, wohl als einzige Instanz in mir noch zu wissen, dass die Stimme nicht irgendeiner Frau gehört und das Gespräch auch nicht irgendein nebensächlicher Wortwechsel ist. In meiner Brust zieht sich alles dumpf zusammen, als meine Herzschläge mir dröhnend zurufen, mich soeben mit meiner Mutter unterhalten zu haben. Auch wenn es nur ein paar kurze Worte waren, ein paar einfache Silben.
So wie es eben immer ist, wenn sie Takeru hier abholt, klingelt, mir Bescheid gibt, unten wartet.
Sie könnte rauf kommen, ich könnte Takeru nach unten begleiten, aber das geschieht nicht. Nicht mehr. Ersteres hat unsere Mutter eine zeitlang getan, als wir noch kleiner waren. Als sie mich immer mit diesen nach Tränen schreienden Blick angeschaut hat und wissen wollte, wie es mir geht. Wie es in der Schule läuft. Was ich denn sonst noch so mache.
Mir waren diese Wortwechsel unangenehm, furchtbar, furchtbar unangenehm. Nicht weil ich meine Mutter nicht liebe, sondern gerade weil ich sie liebe. Weil ich sie so selten sehen kann und es in eben diesen seltenen und kostbaren Momenten nicht ertrage. Emotionen, die ich nicht haben möchte, wallen dann in mir auf, überschwemmen mein gesamtes Gehirn und machen mich labil. Und wenn meine Mutter das sieht, sorgt sie sich. Denn sie sorgt sich immer um mich und das möchte ich nicht. Nie will ich ihr oder meinem Vater Sorgen bereiten, Umstände machen. Das war immer so eine Eigenart von mir und wird es wohl auf ewig sein. Die beiden arbeiten genug und Takeru ist ohnehin noch kleiner, bringt demzufolge regelmäßig Erkältungen aus der Vorschule mit nach Hause und beansprucht dann Aufmerksamkeit. Nicht nur die unserer Eltern, sondern allen voran meine, denn sobald ich weiß, dass mit ihm etwas nicht stimmt, gehen in meinem Kopf die Alarmglocken los. Bin ich in Aufruhr versetzt und kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Werfe meine Vorsätze über Bord und bemerke nicht mal, unvernünftig und teilweise für mich selbst schädlich zu handeln.
Hinterher, wenn ich die Situationen Revue passieren lasse, fällt es mir dann auf. Sticht die Erkenntnis wie Dornen in meinen Augen. Komme ich mir meistens richtig dumm vor und schäme mich mitunter sogar. Und vielleicht ist auch das wieder ein Grund, wieso ich mich in der Regel zurückziehe und meine Eltern nicht mehr so tief in mich hinein blicken lasse: ich möchte ihnen ersparen, wegen mir die gleiche Verhaltensweise an den Tag zu legen. Irgendwo habe ich das schließlich gelernt, und ob man's glaubt oder nicht, weder mein Vater noch meine Mutter sind so durch und durch Workaholic, dass sie nicht auf der Stelle alles stehen und liegen lassen würden für ihre Kinder. Wir sind eben alle hitzköpfig. Bei der Ehe meiner Eltern ist das Feuer ausgebrannt.
"Takeru? Mama ist da", rufe ich durch die Wohnung, damit mein kleiner Bruder, der gebannt vorm Fernseher hockt, es auch mitbekommt. Dann steuere ich den Kleiderständer an, nehme seine Jacke hinunter und sehe ihn gleich darauf bedröppelt und deutlich widerwillig auf mich zutapsen. Seine Augen wie Fadenkreuze, die nicht wissen, welches Ziel sie anpeilen sollen. Mich direkt anzuschauen, bringt er nicht übers Herz. Dafür ist er zu traurig, denn unsere gemeinsame Zeit ist schon wieder viel zu schnell vergangen…
"Na komm", fordere ich ihn auf und halte die Jacke so herum, dass er hinein schlüpfen kann. Tatsächlich folgt er meinem Befehl, jedoch sehr träge und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, er habe seit zwei Tagen nicht mehr geschlafen. Jede Faser seines Körpers sträubt sich gegen unsere Trennung, und in meiner Seele sieht es nicht anders aus...
"Es ist doch erst sechs", mault mein kleiner Bruder und ich kann voraussehen, wie er den Rest des Tages Mamas Nerven zu Drahtseilen machen wird mit seiner Trauer.
Ein lautloses Seufzen ausstoßend, nicke ich, gehe in die Knie und ziehe den Reißverschluss seiner Jacke zu. Greife dann zu den Schuhen, die reinschlüpfbereit neben dem Kleiderständer stehen und stelle sie vor Takeru ab. Er friemelt wenig begeistert die Füße hinein, sein Mund schmollt. Seine Augen weinen. Mein Herz blutet. Ich habe nie verstanden, wieso wir bei der Scheidung getrennt wurden. Aber ich denke nach den vergangenen Jahren auch nicht mehr darüber nach, weil die Antworten unbefriedigend sind und nicht einen Funken Schmerz lindern.
"Wir sehen uns in zwei Wochen wieder, ja?" Es soll aufmunternd wirken, wie ich ihm leicht die Hand auf die Schulter lege, hinüber streiche und mir nicht wirklich die Mühe mache zu lächeln. Ich lächele sowieso extrem selten. Selten wie fast nie eben.
Offenbar einsichtig nickt Takeru, das Haupt gesenkt haltend, sodass ich meine Hand aufwärts wandern lasse und ihm durch die blonden Haare streiche. Mir nicht erlaube, das Gefühl von ihnen in mir aufzunehmen. Überhaupt nehme ich gar nichts von ihm so tief in mir auf, dass es mich wieder in ein Loch stürzt, wenn mir nach seinem Gehen bewusst wird, ihn schon wieder für die nächsten Tage verloren zu haben. Und dass es nie anders sein wird. Immer unerfüllt, nie mit der Aussicht auf etwas Anderes. Mein Herz ist der einzige, der weiß, wie mein kleiner Bruder riecht oder welche Wohlgefühle er ausstrahlt. All diese Informationen sind dort gespeichert, ohne die Erlaubnis zu bekommen, in mein Gehirn vorzudringen. Denn wären sie dort und müsste sich mein Bewusstsein mit ihnen befassen, ich würde es doch gar nicht aushalten. Ich wäre eine elendige Heulsuse, die mit ihren Tränen aber keinem hilft, sondern sich nur dafür schämt, plötzlich schräg angeschaut und nach dem unabänderlichen Grund der Trauer gefragt zu werden.
Eine Hand auf seinem Rücken lassend, führe ich Takeru die paar Schritte zur Haustür hinüber. Eine Tasche hat er nicht bei sich, denn in meinem Schrank habe ich ein paar Anziehsachen von ihm, weshalb er nie etwas mitbringen muss, wenn er hier übernachtet. Im Bad ist es ein ähnliches Spiel: in dem Spiegelschrank über dem Waschbecken ist eine Zahnbürste mit einem kleinen, grünen Dinosaurier drauf, die ich nur dann angucke, wenn ich sie für ihn heraushole oder aber nach seinen Besuchen wieder wegstelle.
Mit einem leichten Zug öffne ich die Türe, woraufhin mein Brüderchen über die Schwelle tritt, sich zu mir herumdreht und noch mal aus seinen großen Augen anschaut. Ich hasse es, dass wir beide nach unserer Mutter kommen. Manchmal hasse ich es wirklich, denn seine Augen sind genauso ausdrucksstark und schimmernd wie ihre. Auch in ihnen kann ich diese ungeweinten Tränen sehen, bei denen meine Seele sofort aus Solidarität beginnt mitzuheulen.
"Bis dann", dringt seine Stimme schwach zu mir herauf, muss er schlucken. Sein gesamter Körper ist einer unerträglichen Spannung ausgesetzt, die kein Mensch so ohne weiteres ertragen kann. Und schon in der nächsten Sekunde sprengen die Gefühle die Grenzen seiner Beherrschung und er schnellt vor, schlingt die Arme kurz um meine Beine und murmelt ein "Ich hab dich lieb", bei dem mir unwillkürlich Hitze ins Gesicht schießt. Ich nichts zu tun weiß, weil in diesem "Ich hab dich lieb" der Wunsch "Bitte verlass mich doch nicht, schick mich nicht weg" steckt, den ich insgeheim auch hege.
Und so wie jetzt bin es jedes Mal ich, der Takeru behutsam von sich schiebt, "Ich dich auch" sagt und so tun muss, als würde er die Welt verstehen. Der so tun muss, als könne er in irgendeiner Weise nachvollziehen, warum es richtig ist, dass man uns getrennt hat. Aber ich weiß es nicht, das heißt, mein Herz weiß es nicht. Ist ebenso jung und verzweifelt wie das meines drei Jahre jüngeren Bruders und muss sich vom Verstand eine rationale Erklärung diktieren lassen, damit ich und Takeru nachts ruhig schlafen können.
Ich dich auch, denke ich noch, als ich kurz darauf die Türe wieder schließe und das blanke Holz anstarre. Luft und Leid miteinander verschmelzen und mir kurzweilig schwindelig wird vor lauter Herzrasen. In meinem Mund breitet sich der Geschmack des Salzes meiner unsichtbaren Tränen aus.
Ich verstehe wieder einmal, dass ich Takeru nicht das Gefühl gebe, seine Verzweiflung zu erwidern. Ich immer nur "Ich dich auch" sage, es natürlich auch so meine, aber doch nie diese Position aufgeben kann, aus Angst, ihn damit noch mehr verzweifeln zu lassen. Immerhin braucht er mich, er braucht mich als Stütze. Und wenn ich wegfalle, weil ich mich selbst nicht belügen und somit aufrecht halten kann, was soll dann aus uns werden?
Irgendwo ist mir sehr klar, wohl leider nie über mich selbst hinauswachsen zu können, weil dieser Schmerz mich dazu verflucht, auf ewig das Kind zu bleiben, was ich war, als sich unsere Eltern trennten. Aber für dieses Kind ist kein Platz in dieser Welt und deswegen erwidere ich nur mit dem Verstand, und kann beim besten Willen nicht sagen, ob Takeru das merkt. Ob er sich innerlich nach mehr sehnt. Ob er eine Erwiderung mit dem Herzen erwartet, oder aber ob er vielleicht gar nicht fähig ist, den Unterschied zwischen den Erwiderungen zu erkennen. Aber selbst wenn er jetzt noch zu jung ist, um es zu wissen, so bin ich es doch, der deutlich spürt, fast an der Tatsache zu krepieren, nicht mehr anders zu können, als meinen kleinen Bruder unerwidert in die Welt gehen zu lassen...
Ende
Fandom: Digimon
Pairing: /
Challenge: #1: unerwidert
Warnungen: keine, vll ein bisschen deprimierend XD
Wörter: kA *nie zählt*
Charaktere: Yamato & Takeru
A/N: Ich liege in der Zeit? o.o So gerade noch...! XD
Durch die Sprechanlage wirkt die Stimme fremd, nicht kalt, aber fremd. Nicht wie eine Stimme, die ich eigentlich seit je her kennen sollte. Nur wie irgendeine weibliche Stimme eben. Und weil es für meine Ohren nur noch irgendeine weibliche Stimme ist, ist meine Beteiligung an dem kurzen Gespräch auch nur noch wie die an irgendeinem x-beliebigen Gespräch.
Als ich mich wieder von der Sprechanlage weglehne, bemerke ich die enorme Anspannung in meinen Gesichtszügen. Bemerke ich, dass es wehtut zu lächeln, wehtut mich zu unterhalten. Und mir wird bitterlich klar, dass mein Herz über die Tatsache weint, wohl als einzige Instanz in mir noch zu wissen, dass die Stimme nicht irgendeiner Frau gehört und das Gespräch auch nicht irgendein nebensächlicher Wortwechsel ist. In meiner Brust zieht sich alles dumpf zusammen, als meine Herzschläge mir dröhnend zurufen, mich soeben mit meiner Mutter unterhalten zu haben. Auch wenn es nur ein paar kurze Worte waren, ein paar einfache Silben.
So wie es eben immer ist, wenn sie Takeru hier abholt, klingelt, mir Bescheid gibt, unten wartet.
Sie könnte rauf kommen, ich könnte Takeru nach unten begleiten, aber das geschieht nicht. Nicht mehr. Ersteres hat unsere Mutter eine zeitlang getan, als wir noch kleiner waren. Als sie mich immer mit diesen nach Tränen schreienden Blick angeschaut hat und wissen wollte, wie es mir geht. Wie es in der Schule läuft. Was ich denn sonst noch so mache.
Mir waren diese Wortwechsel unangenehm, furchtbar, furchtbar unangenehm. Nicht weil ich meine Mutter nicht liebe, sondern gerade weil ich sie liebe. Weil ich sie so selten sehen kann und es in eben diesen seltenen und kostbaren Momenten nicht ertrage. Emotionen, die ich nicht haben möchte, wallen dann in mir auf, überschwemmen mein gesamtes Gehirn und machen mich labil. Und wenn meine Mutter das sieht, sorgt sie sich. Denn sie sorgt sich immer um mich und das möchte ich nicht. Nie will ich ihr oder meinem Vater Sorgen bereiten, Umstände machen. Das war immer so eine Eigenart von mir und wird es wohl auf ewig sein. Die beiden arbeiten genug und Takeru ist ohnehin noch kleiner, bringt demzufolge regelmäßig Erkältungen aus der Vorschule mit nach Hause und beansprucht dann Aufmerksamkeit. Nicht nur die unserer Eltern, sondern allen voran meine, denn sobald ich weiß, dass mit ihm etwas nicht stimmt, gehen in meinem Kopf die Alarmglocken los. Bin ich in Aufruhr versetzt und kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Werfe meine Vorsätze über Bord und bemerke nicht mal, unvernünftig und teilweise für mich selbst schädlich zu handeln.
Hinterher, wenn ich die Situationen Revue passieren lasse, fällt es mir dann auf. Sticht die Erkenntnis wie Dornen in meinen Augen. Komme ich mir meistens richtig dumm vor und schäme mich mitunter sogar. Und vielleicht ist auch das wieder ein Grund, wieso ich mich in der Regel zurückziehe und meine Eltern nicht mehr so tief in mich hinein blicken lasse: ich möchte ihnen ersparen, wegen mir die gleiche Verhaltensweise an den Tag zu legen. Irgendwo habe ich das schließlich gelernt, und ob man's glaubt oder nicht, weder mein Vater noch meine Mutter sind so durch und durch Workaholic, dass sie nicht auf der Stelle alles stehen und liegen lassen würden für ihre Kinder. Wir sind eben alle hitzköpfig. Bei der Ehe meiner Eltern ist das Feuer ausgebrannt.
"Takeru? Mama ist da", rufe ich durch die Wohnung, damit mein kleiner Bruder, der gebannt vorm Fernseher hockt, es auch mitbekommt. Dann steuere ich den Kleiderständer an, nehme seine Jacke hinunter und sehe ihn gleich darauf bedröppelt und deutlich widerwillig auf mich zutapsen. Seine Augen wie Fadenkreuze, die nicht wissen, welches Ziel sie anpeilen sollen. Mich direkt anzuschauen, bringt er nicht übers Herz. Dafür ist er zu traurig, denn unsere gemeinsame Zeit ist schon wieder viel zu schnell vergangen…
"Na komm", fordere ich ihn auf und halte die Jacke so herum, dass er hinein schlüpfen kann. Tatsächlich folgt er meinem Befehl, jedoch sehr träge und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, er habe seit zwei Tagen nicht mehr geschlafen. Jede Faser seines Körpers sträubt sich gegen unsere Trennung, und in meiner Seele sieht es nicht anders aus...
"Es ist doch erst sechs", mault mein kleiner Bruder und ich kann voraussehen, wie er den Rest des Tages Mamas Nerven zu Drahtseilen machen wird mit seiner Trauer.
Ein lautloses Seufzen ausstoßend, nicke ich, gehe in die Knie und ziehe den Reißverschluss seiner Jacke zu. Greife dann zu den Schuhen, die reinschlüpfbereit neben dem Kleiderständer stehen und stelle sie vor Takeru ab. Er friemelt wenig begeistert die Füße hinein, sein Mund schmollt. Seine Augen weinen. Mein Herz blutet. Ich habe nie verstanden, wieso wir bei der Scheidung getrennt wurden. Aber ich denke nach den vergangenen Jahren auch nicht mehr darüber nach, weil die Antworten unbefriedigend sind und nicht einen Funken Schmerz lindern.
"Wir sehen uns in zwei Wochen wieder, ja?" Es soll aufmunternd wirken, wie ich ihm leicht die Hand auf die Schulter lege, hinüber streiche und mir nicht wirklich die Mühe mache zu lächeln. Ich lächele sowieso extrem selten. Selten wie fast nie eben.
Offenbar einsichtig nickt Takeru, das Haupt gesenkt haltend, sodass ich meine Hand aufwärts wandern lasse und ihm durch die blonden Haare streiche. Mir nicht erlaube, das Gefühl von ihnen in mir aufzunehmen. Überhaupt nehme ich gar nichts von ihm so tief in mir auf, dass es mich wieder in ein Loch stürzt, wenn mir nach seinem Gehen bewusst wird, ihn schon wieder für die nächsten Tage verloren zu haben. Und dass es nie anders sein wird. Immer unerfüllt, nie mit der Aussicht auf etwas Anderes. Mein Herz ist der einzige, der weiß, wie mein kleiner Bruder riecht oder welche Wohlgefühle er ausstrahlt. All diese Informationen sind dort gespeichert, ohne die Erlaubnis zu bekommen, in mein Gehirn vorzudringen. Denn wären sie dort und müsste sich mein Bewusstsein mit ihnen befassen, ich würde es doch gar nicht aushalten. Ich wäre eine elendige Heulsuse, die mit ihren Tränen aber keinem hilft, sondern sich nur dafür schämt, plötzlich schräg angeschaut und nach dem unabänderlichen Grund der Trauer gefragt zu werden.
Eine Hand auf seinem Rücken lassend, führe ich Takeru die paar Schritte zur Haustür hinüber. Eine Tasche hat er nicht bei sich, denn in meinem Schrank habe ich ein paar Anziehsachen von ihm, weshalb er nie etwas mitbringen muss, wenn er hier übernachtet. Im Bad ist es ein ähnliches Spiel: in dem Spiegelschrank über dem Waschbecken ist eine Zahnbürste mit einem kleinen, grünen Dinosaurier drauf, die ich nur dann angucke, wenn ich sie für ihn heraushole oder aber nach seinen Besuchen wieder wegstelle.
Mit einem leichten Zug öffne ich die Türe, woraufhin mein Brüderchen über die Schwelle tritt, sich zu mir herumdreht und noch mal aus seinen großen Augen anschaut. Ich hasse es, dass wir beide nach unserer Mutter kommen. Manchmal hasse ich es wirklich, denn seine Augen sind genauso ausdrucksstark und schimmernd wie ihre. Auch in ihnen kann ich diese ungeweinten Tränen sehen, bei denen meine Seele sofort aus Solidarität beginnt mitzuheulen.
"Bis dann", dringt seine Stimme schwach zu mir herauf, muss er schlucken. Sein gesamter Körper ist einer unerträglichen Spannung ausgesetzt, die kein Mensch so ohne weiteres ertragen kann. Und schon in der nächsten Sekunde sprengen die Gefühle die Grenzen seiner Beherrschung und er schnellt vor, schlingt die Arme kurz um meine Beine und murmelt ein "Ich hab dich lieb", bei dem mir unwillkürlich Hitze ins Gesicht schießt. Ich nichts zu tun weiß, weil in diesem "Ich hab dich lieb" der Wunsch "Bitte verlass mich doch nicht, schick mich nicht weg" steckt, den ich insgeheim auch hege.
Und so wie jetzt bin es jedes Mal ich, der Takeru behutsam von sich schiebt, "Ich dich auch" sagt und so tun muss, als würde er die Welt verstehen. Der so tun muss, als könne er in irgendeiner Weise nachvollziehen, warum es richtig ist, dass man uns getrennt hat. Aber ich weiß es nicht, das heißt, mein Herz weiß es nicht. Ist ebenso jung und verzweifelt wie das meines drei Jahre jüngeren Bruders und muss sich vom Verstand eine rationale Erklärung diktieren lassen, damit ich und Takeru nachts ruhig schlafen können.
Ich dich auch, denke ich noch, als ich kurz darauf die Türe wieder schließe und das blanke Holz anstarre. Luft und Leid miteinander verschmelzen und mir kurzweilig schwindelig wird vor lauter Herzrasen. In meinem Mund breitet sich der Geschmack des Salzes meiner unsichtbaren Tränen aus.
Ich verstehe wieder einmal, dass ich Takeru nicht das Gefühl gebe, seine Verzweiflung zu erwidern. Ich immer nur "Ich dich auch" sage, es natürlich auch so meine, aber doch nie diese Position aufgeben kann, aus Angst, ihn damit noch mehr verzweifeln zu lassen. Immerhin braucht er mich, er braucht mich als Stütze. Und wenn ich wegfalle, weil ich mich selbst nicht belügen und somit aufrecht halten kann, was soll dann aus uns werden?
Irgendwo ist mir sehr klar, wohl leider nie über mich selbst hinauswachsen zu können, weil dieser Schmerz mich dazu verflucht, auf ewig das Kind zu bleiben, was ich war, als sich unsere Eltern trennten. Aber für dieses Kind ist kein Platz in dieser Welt und deswegen erwidere ich nur mit dem Verstand, und kann beim besten Willen nicht sagen, ob Takeru das merkt. Ob er sich innerlich nach mehr sehnt. Ob er eine Erwiderung mit dem Herzen erwartet, oder aber ob er vielleicht gar nicht fähig ist, den Unterschied zwischen den Erwiderungen zu erkennen. Aber selbst wenn er jetzt noch zu jung ist, um es zu wissen, so bin ich es doch, der deutlich spürt, fast an der Tatsache zu krepieren, nicht mehr anders zu können, als meinen kleinen Bruder unerwidert in die Welt gehen zu lassen...
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Date: 2008-04-28 09:35 pm (UTC)wenn tk in der vorschule ist, und yama-chan nur 3 jahre älter ist, dann ist er doch ein grundschulkind, und so gut es mir gefällt, so angenehm einnehmend ich die gefühlsbeschreibungen finde, isses höchstwahrscheinlich zu hoch für ein grundschulkind ^^"
davon abgesehen...prima ^^
no subject
Date: 2008-05-01 08:12 am (UTC)*Selia*