[identity profile] chija.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Challenge: Flucht
Fandom: Original: Schalmeienklänge
Charaktere: Der Hinkende
Worte: 656
Kommentar: Mal wieder Schalmeienklänge, der Rest nachzulesen hier. Die Geschichte des Hinkenden, der ein bisschen mehr ist, als ein einfacher Feuerspucker (aber so gerne genau das wäre).

Im Schutz der Dunkelheit schlich er sich hinaus, die Kapuze des dunkeln Mantels tief ins Gesicht gezogen. Jahre hatte er in dieser Burg verbracht. Jahre, die ihn gelehrt hatten, dass die Wachen auf ihrem Rundgang immer an der hinteren Ecke des Hofs eine Pause einlegten, um einen Schluck aus ihren Humpen zu nehmen, die sie dort heimlich auf einem Vorsprung platzierten. Jahre, die ihm gezeigt hatten, dass die unebenen Steine an der Südmauer wie eine Leiter wirkten, aber das der fünfte und siebte Stein locker waren und bei der kleinsten Berührung herauszubrechen drohten. Jahre, die ihm klar gemacht hatten, dass Gilbert, der das Tor in den ersten Nachtstunden bewachte, zwar unglaublich wachsam, aber auch unglaublich leichtgläubig war und er immer auf Mattes, den zweiten Wächter wartete, ehe er eine Entscheidung traf. Mattes wiederum suchte in einem wunderbar regelmäßigen Takt den Abort auf.

Es waren lehrreiche Jahre gewesen.

Bis das Scheppern der Schritte der Wachen verstummte wartete er, dann schwang er sich aus dem Fenster seines Zimmers an der Südmauer. Ein Griff nach oben, noch einer, den Fuß auf die Fensterbank und einen kleinen Sprung, dabei nicht den lockeren fünften Stein erwischen. Noch einen Schritt, dann hochziehen auf den Wehrgang. Ducken in den Schatten, denn die Wachen setzten plaudernd und rauchend ihren Weg um den Burghof fort. Warten, klirr, klirr, klirr, sie waren jetzt genau unter ihm, klirr, klirr und weiter. Geduckt schlich er weiter, beinahe rennend, beinahe lautlos. Beinahe.
Unter seinen Füßen knackte etwas – ein Pfeil, der von den Übungen der Knappen dort liegengeblieben war. Er fluchte innerlich, als er schon Gilberts Stimme hörte: "He, ist da wer?" Er erstarrte. "Mattes? Mattes, hast du auch was gehört?" Mattes brummelte etwas. "Gut… dann war das wohl nur ein Vogel." Guter, guter Mattes. Zwar klug und fest in seinen Worten, aber zeitweise mit der Wahrnehmung eines Ochsen.
Vorsichtig schlich er weiter, langsamer jetzt, näher ans Tor heran.
"Ich geh mal eben", hörte er Mattes unter sich brummen, dann die schweren Schritte des Wächters, die über den Burghof hallten, das Grüßen der Wachen.

Jetzt. Jetzt oder nie.

Geschickt schwang er sich über die Zinnen, bekam die Eisenbeschläge des Tores zu fassen und hangelte sich hinunter. Das Wasser des Grabens rauschte unter ihm, erstickte das Geräusch seiner Füße gegen das Holz. Die letzten Meter ließ er sich fallen, landete geschickt auf dem schmalen Grasstreifen zwischen Tor und Graben, und stieß sich wieder ab. Es fast sah aus, als würde ihn sein Rückwärtssalto genau im Fluss landen lassen, aber dann kam er sicher auf einem Stein zu stehen, der knapp unter der Wasseroberfläche lag. Jahre. Jahre lehrten einen Vieles. Von dem Stein aus war es nur noch ein kleiner Sprung bis auf die andere Seite. Sanft landete er im Gras.
"Heda! Ist da jemand?" Gilbert.
"Nein!", rief er zurück. Und rannte. Denn gleich würde Mattes wieder zurück sein, pünktlich wie ein Uhrwerk, und Gilbert würde ihm sagen, dass da niemand gewesen wäre, weil es "nein" gerufen habe auf die Frage, ob da jemand gewesen sei. Und Mattes wäre natürlich nicht so leichtgläubig.

Also rannte er. Rannte, bis ihn seine Füße nicht mehr trugen. Rannte, bis er stolpernd ins Gras fiel und den Nachttau auf seinen Wangen spürte. Bis die Kälte durch seinen dicken Mantel in seine Kleider kroch.

Bis er wusste, dass er zum ersten Mal in seinem Leben, für jetzt und für alle Zeit… frei war.

~*~*~

Als der nächste Morgen graute und das Bett des ältesten Fürstensohnes unberührt gefunden wurde, ergriff Panik die Burg. Doch niemand hatte in der Nacht jemanden hinaus- oder hineingehen sehen. Niemand hatte etwas bemerkt. Nicht die Wachen, nicht die Torwächter.

Der Sohn des Fürsten blieb verschwunden.

Und auf einem Jahrmarkt in einem nicht allzu weit entfernten Dorf trat in der folgenden Woche ein neuer Gaukler auf, den man den Hinkenden nannte, weil er zerschunden und hinkend aus dem Wald gekommen war und der das Feuer für sich tanzen ließ, als spräche er seine Sprache.

Date: 2011-02-05 04:05 pm (UTC)
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Yay! *__*
Sehr schön... Ach Gott, ich bin heute wieder herrlich eloquent, aber das ist einfach schön, dein Stil passt einfach viel zu gut zu solchen Szenarien und überhaupt. *gg*
Aber der Link zum Rest ist nur ein Link zur dieser Fic. ;)

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