Ich sehe was, was du nicht siehst
Feb. 4th, 2011 10:18 pmFandom: Original
Challenge: Ich sehe was, was du nicht siehst
Wörter: 777, sagt Word
Thema: Böse Familienkiste
Warnung: Missbrauch
A/N: Manchmal freut man sich einfach noch mehr am Glück des eigenen Lebens, wenn man erst Mal fertig ist mit schreiben...
Jahrelang hatten Desiree und Markus, den ihre Tochter so früh kennengelernt hatte, dass sie ihn für ihren Vater hielt, das Geld nicht zusammen bringen können, ihre Hochzeit so rauschend zu feiern, wie besonders Desiree das immer gewollt hatte. Als es endlich so weit war, dachte Desiree an den Sohn, den sie sich noch wünschte, die eigene Gartenlaube mit dem ersten selbstgepflanzten Baum ihres Lebens, die sie bereits hatte und an das Glück, das jeden Tag größer wurde.
Zehn Jahre später fuhr Desiree regelmäßig noch spät Nachts mit dem Auto, das sie sich geleistet hatte, nachdem sie die Laube wegen Nachbarschaftsstreitigkeiten endgültig hatte aufgeben müssen, ihre Tochter Vivien von Partys abholen. Jedes Mal machte sie sich irrsinnige Sorgen. Vielleicht, weil Vivien doch ihr einziges Kind geblieben war. Markus war da ganz anders. Desiree war sich nie ganz sicher, ob ihre Muttergefühle eine Spur zu ausgeprägt waren, als gut für ihre Tochter gewesen wäre, oder ob Markus letztendlich doch keine Gefühle für dieses Kind aufbringen konnte, das ihm jetzt in der Pubertät immer deutlicher unähnlich wurde. Über all die Jahre hatte Desiree sich geweigert ihrer Tochter die Wahrheit zu erzählen. Desiree war zum Heulen zumute. Auf dem eigentlich kurzen Weg hatte sie einen Blechschaden verursacht. Sie war noch nicht einmal Fünfunddreißig und wünschte sich Kinder, doch der Mann, den sie liebte, war unfruchtbar. Die letzten Tage hatte sie sich wegen Migräne krank melden müssen. Ihre Arbeit als Sekretärin war ihr gleichzeitig zu anstrengend und zu eintönig geworden. Ihre fünfzehnjährige Tochter, die nicht zum ersten Mal völlig besoffen war, kotzte die Rückbank voll.
Desiree hatte nicht erwartet, dass Vivien ihr von ihrer ersten Liebe erzählen würde. Zumindest nicht so bald. Das Verhältnis zu ihrer Tochter war zwar immer eng und herzlich miteinander gewesen, doch Desiree selbst hätte eher mit einer guten Freundin geredet und dementsprechend ein ähnliches Verhalten auch von ihrer Tochter erwartet. Nach dieser Moralpredigt würde sie es sicher nicht so bald wieder tun. Gerne hätte Desiree freundlichere Worte gewählt, doch „Siehst du nicht, was das für ein Scheißkerl ist?“ traf es ihrer Meinung nach einfach am Besten. Es war schon schlimm genug, dass Vivien die Schule so sehr vernachlässigte, dass sie kurz davor war, ihren mittleren Schulabschluss nicht zu bestehen, und sich so aufbrezelte als würde sie Geld dafür nehmen, sich von irgendwelchen Jungs wieder auspacken zu lassen, sie musste nicht noch ausgerechnet etwas mit diesem Angeber, Kettenraucher und Schulschwänzer Dennis anfangen. Wenn Desiree nicht alles täuschte saß sein Vater im Gefängnis. „Aber er findet meine Augen so schön!“ war erst Recht kein Argument, das Desiree überzeugt hätte. „Dreimal darfst du raten, wer diese grünen Augen, die in der Familie sonst niemand hat, auch mal toll fand“, dachte Desiree, aber sie konnte es einfach nicht sagen.
In dieser Nacht saß Desiree wieder einmal zum ersten Mal hinten auf einem Motorrad. Willi und der Wind. Sie wusste noch nicht, dass dieser Typ mit den grünen Augen und den wilden Haaren jetzt schon viel zu viel trank. Sie hatte keine Ahnung, dass es da eine andere gab. Dass er sie bitten würde abzutreiben, sie aber standhaft blieb. Dass er sie zuerst schlagen würde, sie aber mit der Vase, die sie werfen würde, traf. Wie hätte sie es schon wissen können? In diesem Augenblick schlief sie, an den Mann angekuschelt, der trotz aller Schicksalsschläge der richtige war, so fest, dass sie die Tür nicht hörte, als ihre Tochter noch einmal das Zimmer betrat.
Vivien hatte lange überlegt, was sie in den Brief schreiben sollte. Eigentlich hätte sie mehr erklären müssen, als ihre Mutter wissen sollte. „Ich bin schwanger und weiß nicht von wem“, wollte sie nicht schreiben. Dann hätte sie auch schreiben müssen, dass sie betete, dass der Mann, den sie nicht mehr Vater nennen wollte, nicht der Erzeuger war. Sie dachte an all diese eigenartigen Situationen in den letzten zwei Jahren. An ihre eigene Sprachlosigkeit. So wie ihre Mutter da lag und schlief, beneidete Vivien sie um ihr Leben. Ihre Verhältnisse waren so unendlich geordnet, doch Desiree schien gerade das glücklich zu machen. Jedenfalls sah Vivien ihre Mutter meistens lachen. Sie würde niemals verstehen, wie wichtig Vivien ihr Style war. Die Schminke und die Klamotten, für die sie so viel Geld ausgab, weil das im Gegensatz zu allem anderen ganz sie war. Ihre Mutter hätte sich nicht in einen Loser verliebt. Doch Vivien kam sich selbst wie eine Loserin vor. Das aber, was sie in Dennis‘ einfachen Worten und übertrieben romantischen Gesten fand, die hinter der harten Schale lagen, das konnte nur Liebe sein. In dem Brief, den Vivien schließlich auf dem Nachttisch ablegte, bevor sie für immer verschwand, stand nichts weiter als: „Ich sehe was, was du nicht siehst.“
Challenge: Ich sehe was, was du nicht siehst
Wörter: 777, sagt Word
Thema: Böse Familienkiste
Warnung: Missbrauch
A/N: Manchmal freut man sich einfach noch mehr am Glück des eigenen Lebens, wenn man erst Mal fertig ist mit schreiben...
Jahrelang hatten Desiree und Markus, den ihre Tochter so früh kennengelernt hatte, dass sie ihn für ihren Vater hielt, das Geld nicht zusammen bringen können, ihre Hochzeit so rauschend zu feiern, wie besonders Desiree das immer gewollt hatte. Als es endlich so weit war, dachte Desiree an den Sohn, den sie sich noch wünschte, die eigene Gartenlaube mit dem ersten selbstgepflanzten Baum ihres Lebens, die sie bereits hatte und an das Glück, das jeden Tag größer wurde.
Zehn Jahre später fuhr Desiree regelmäßig noch spät Nachts mit dem Auto, das sie sich geleistet hatte, nachdem sie die Laube wegen Nachbarschaftsstreitigkeiten endgültig hatte aufgeben müssen, ihre Tochter Vivien von Partys abholen. Jedes Mal machte sie sich irrsinnige Sorgen. Vielleicht, weil Vivien doch ihr einziges Kind geblieben war. Markus war da ganz anders. Desiree war sich nie ganz sicher, ob ihre Muttergefühle eine Spur zu ausgeprägt waren, als gut für ihre Tochter gewesen wäre, oder ob Markus letztendlich doch keine Gefühle für dieses Kind aufbringen konnte, das ihm jetzt in der Pubertät immer deutlicher unähnlich wurde. Über all die Jahre hatte Desiree sich geweigert ihrer Tochter die Wahrheit zu erzählen. Desiree war zum Heulen zumute. Auf dem eigentlich kurzen Weg hatte sie einen Blechschaden verursacht. Sie war noch nicht einmal Fünfunddreißig und wünschte sich Kinder, doch der Mann, den sie liebte, war unfruchtbar. Die letzten Tage hatte sie sich wegen Migräne krank melden müssen. Ihre Arbeit als Sekretärin war ihr gleichzeitig zu anstrengend und zu eintönig geworden. Ihre fünfzehnjährige Tochter, die nicht zum ersten Mal völlig besoffen war, kotzte die Rückbank voll.
Desiree hatte nicht erwartet, dass Vivien ihr von ihrer ersten Liebe erzählen würde. Zumindest nicht so bald. Das Verhältnis zu ihrer Tochter war zwar immer eng und herzlich miteinander gewesen, doch Desiree selbst hätte eher mit einer guten Freundin geredet und dementsprechend ein ähnliches Verhalten auch von ihrer Tochter erwartet. Nach dieser Moralpredigt würde sie es sicher nicht so bald wieder tun. Gerne hätte Desiree freundlichere Worte gewählt, doch „Siehst du nicht, was das für ein Scheißkerl ist?“ traf es ihrer Meinung nach einfach am Besten. Es war schon schlimm genug, dass Vivien die Schule so sehr vernachlässigte, dass sie kurz davor war, ihren mittleren Schulabschluss nicht zu bestehen, und sich so aufbrezelte als würde sie Geld dafür nehmen, sich von irgendwelchen Jungs wieder auspacken zu lassen, sie musste nicht noch ausgerechnet etwas mit diesem Angeber, Kettenraucher und Schulschwänzer Dennis anfangen. Wenn Desiree nicht alles täuschte saß sein Vater im Gefängnis. „Aber er findet meine Augen so schön!“ war erst Recht kein Argument, das Desiree überzeugt hätte. „Dreimal darfst du raten, wer diese grünen Augen, die in der Familie sonst niemand hat, auch mal toll fand“, dachte Desiree, aber sie konnte es einfach nicht sagen.
In dieser Nacht saß Desiree wieder einmal zum ersten Mal hinten auf einem Motorrad. Willi und der Wind. Sie wusste noch nicht, dass dieser Typ mit den grünen Augen und den wilden Haaren jetzt schon viel zu viel trank. Sie hatte keine Ahnung, dass es da eine andere gab. Dass er sie bitten würde abzutreiben, sie aber standhaft blieb. Dass er sie zuerst schlagen würde, sie aber mit der Vase, die sie werfen würde, traf. Wie hätte sie es schon wissen können? In diesem Augenblick schlief sie, an den Mann angekuschelt, der trotz aller Schicksalsschläge der richtige war, so fest, dass sie die Tür nicht hörte, als ihre Tochter noch einmal das Zimmer betrat.
Vivien hatte lange überlegt, was sie in den Brief schreiben sollte. Eigentlich hätte sie mehr erklären müssen, als ihre Mutter wissen sollte. „Ich bin schwanger und weiß nicht von wem“, wollte sie nicht schreiben. Dann hätte sie auch schreiben müssen, dass sie betete, dass der Mann, den sie nicht mehr Vater nennen wollte, nicht der Erzeuger war. Sie dachte an all diese eigenartigen Situationen in den letzten zwei Jahren. An ihre eigene Sprachlosigkeit. So wie ihre Mutter da lag und schlief, beneidete Vivien sie um ihr Leben. Ihre Verhältnisse waren so unendlich geordnet, doch Desiree schien gerade das glücklich zu machen. Jedenfalls sah Vivien ihre Mutter meistens lachen. Sie würde niemals verstehen, wie wichtig Vivien ihr Style war. Die Schminke und die Klamotten, für die sie so viel Geld ausgab, weil das im Gegensatz zu allem anderen ganz sie war. Ihre Mutter hätte sich nicht in einen Loser verliebt. Doch Vivien kam sich selbst wie eine Loserin vor. Das aber, was sie in Dennis‘ einfachen Worten und übertrieben romantischen Gesten fand, die hinter der harten Schale lagen, das konnte nur Liebe sein. In dem Brief, den Vivien schließlich auf dem Nachttisch ablegte, bevor sie für immer verschwand, stand nichts weiter als: „Ich sehe was, was du nicht siehst.“
no subject
Date: 2011-02-05 09:35 am (UTC)faszinierend wieviel verstörendes, trauriges und hoffnungsloses in 777 wörter passt O_o, aber so anziehend geschrieben, dass man nicht aufhören kann zu lesen!
desiree hält unglaublich viel aus, hofft und wünscht, hält durch und weint heimlich...und dann passiert ihrer tochter ein stück ihrer eigenen biographie und sie verliert das wichtigste, das sie hat T______________T
no subject
Date: 2011-02-05 07:38 pm (UTC)