[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Challenge: Vorsätze
Fandom: keines Original
Anmerkung: Es ist alles ganz anderes gekommen, als ich geplant hatte. Daran liegt es übrigens auch, dass nicht so richtig klar ist wo und wann die Geschichte spielt. Und auch das, ein wenig holprige Ende möchte ich damit entschuldigen.



Ein kleines Feuerwerk im sternhellen Himmel, und gleichzeitig, ein wenig verzerrt, im See. Jugendliche Stimmen, deren alkoholisierter Frohsinn über das Wasser herüber geweht wird.
Das ist nicht die Großstadt. Es ist Provinz. Da wo man sich kennt, wo man weiß, wer man ist, und wer die anderen sind. Wo die anderen die bleiben, die sie sind, und man selber, wer man war.
Wo auch die jungen Menschen immer die Selben bleiben, die, die am See sitzen, mit dem Schnaps aus Papas Hausbar, deren Schlüssel (jener Schlüssel, dessen Versteck er selbst, vor vierzig Jahren, als die Hausbar noch die des Großvaters gewesen war, nur all zu gut kannte) er glaubt gut versteckt zu halten. Die seit Generationen die gleiche, die selbe Schule besuchen, an der seit Generationen die selben Lehrer, und wenn nicht, dann deren Nachfahren unterrichten. Die wissen wo sie hingehörten, die schon immer auf dem Hof helfen, oder in der Werkstatt, oder beim Brotbacken oder beim Wurstschneiden, oder beim Regale einsortieren in Tante Emmas Einkaufsallerlei.
Die freundlich und respektvoll sind, weil sie wissen, dass sie hier bleiben werden, weil sie wissen: Ist der Ruf erst ruiniert, dann bleibt er es dein Leben lang. So wie bei dem Schornsteinfeger, über den natürlich niemand offen etwas sagen mag, denn sonst würden sie nachher ohne Schornsteinfeger dastehen, aber trotzdem schicken sie ihre Söhne zu den Nachbarn, wenn er vorbei kommt.
Nicht weil er schon einmal einem etwas getan hätte, aber man kann nie wissen, und manche sagen ja es wäre ansteckend, da muss man doch gerade bei denen besonders aufpassen, die (so als Mensch) noch nicht ganz fertig sind.

Wir saßen am See, wo wir immer saßen, wo unsere Eltern vor uns immer gesessen hatten, und der Schnaps ging seine Runde und wir wärmten unsere Hände an einem kleinen Lagerfeuer, und Luise und Franz lagen etwas abseits und knutschten rum und hatten ihre Hände unter dem Wintermantel des anderen Gottweißwo und waren so beschäftigt, dass sie den Jahreswechsel gar nicht mitbekamen.
Irma, fingerte unbeholfen an dem Sektkorken herum, bis er endlich loskam und nur knapp an ihrer Stirn vorbei in den Nachthimmel sauste, und sie begann hysterisch zu lachen über ihr Glück, oder ihr beinah geschehenes Unglück, oder vielleicht darüber, dass die Hälfte des Sekts im Sand und auf ihrer Strumpfhose gelandet war.
Heiner, fing an Raketen in den Sandboden zu stecken, und Maria wieß ihn darauf hin, dass er bloß Acht geben sollte, und er meinte, dass er aber zwölf von den Dingern gekauft habe.
Hannes und ich standen daneben, sahen uns die Szene an, halfen Irma, als sie sich wieder beruhigt hatte, den Sekt auf Pappbecher zu verteilen, und ich ging zu Franz und Luise um sie zum Anstoßen einzuladen, aber sie ignorierten mich, also sagte ich noch ein mal ihre Namen, bis mir bewußt wurde, dass so, wie er da über ihr lag und sie sich bewegten und stöhnten, dass da wahrscheinlich gar nicht mehr nur ihre Hände unter den Wintermänteln zu gange waren, und plötzlich wurde mir ganz heiß vor Scham und ich drehte mich schnell weg und stapfte durch den halb gefrohrenen Sand zurück zu den andern.
„Frohes Neues!“, prosteten wir uns zu und umarmten uns und Irma presste ihren Mund gegen meinen und versuchte ihre Zunge zwischen meine Lippen und meinen Körper ganz nah an ihren zu ziehen, oder vielleicht hielt sie sich auch nur an mir fest, weil ihr das Gleichgewicht so langsam abhanden kam.
Später mussten wir den Arzt, der zum Glück ganz in der Nähe des Sees wohnte, holen, und der brachten Irma nach Hause (denn ein Krankenhaus gab es nicht in der Nähe), und Heiner fragte mich, ob ich nicht mitfahren wollte, schließlich wäre ich doch so gut wie mit Irma zusammen.
Wer das erzählt habe, wollte ich wissen, und Heiner zuckte mit den Schultern, aber sah schließlich doch ein, dass er wohl seine kleine Schwester selbst begleiten müsse, und Maria erklärte, sie würde mitkommen, und dass es uns hoffentlich nicht zu viel ausmachen würde, zu viert zu bleiben. (Franz und Luise hatten irgendwann, ich glaube als Irma auf ihre Beine gekotzt hatte, doch mitbekommen dass es noch eine Welt um sie herum gab und standen nun, ganz zerzaust und mit wunden Lippen, Hand in Hand bei uns.)
„Macht nichts.“, sagte Franz, und kaum dass der Arzt mit seinem Wagen weg gefahren war, fügte er hinzu, „Wir geh'n jetzt auch heim, oder?“, und Luise machte ein „Hm“, geräusch, das glaube ich so viel wie „Ja bitte!“, hieß.

Hannes und ich standen alleine auf dem Feldweg und guckten unsern Freunden, oder so, hinterher, und als wir uns ganz sicher waren, dass sie nicht mehr zurück kommen würden, fassten wir uns bei den Händen, als hätten wir den ganzen Abend als Vorlauf für diesen Augenblick geplant, und machten uns auf den Weg, zurück zum See. Nicht an den Sandstrand, wo leere Flaschen, Böllerreste und Erbrochenes von unserem Gelage zeugten, sondern zu dem Steg, wo man am Tag von den Anglern vertrieben wurde, wo die alte Trauerweide ihre winterlich kahlen Äste in den See baumeln ließ, dort setzten wir uns hin und ließen unsere Beine auch baumeln.
Wir saßen bis es hell wurde. Hand in Hand, Kopf an Schulter, Knie an Knie, Atem an Atem, und sagten nichts. Erst als die Kirchenglocken leuteten standen wir auf, wir sahen uns an und küssten uns und es war der schönste Augenblick in meinem Leben, und hätte nicht schöner sein können wenn Hannes nicht, seine Arme immer noch um meinen Körper gelegt, geflüstert hätte: „Nächstes Jahr bin ich bestimmt nicht mehr hier.“
Es war etwas zartes und etwas verbotenes, wie er es sagte, etwas konspiratives. Als wollte er, dass ich mitkäme, mit ihm das Dorf und seine vernagelte Spießigkeit verließ. Auf, auf, in eine Neue Welt, über dem Regenbogen, im Großstadtgetümmel. Das sagte er, und dann küsste er mich noch einmal und wir gingen getrennter Wege heim.

Dann kam das Jahr, und wie es kam. Hannes Vater starb, Arbeitsunfall, da hatte ein Stier, der eingeschläfert werden sollte, den Spieß umgedreht, und seine Mutter wurde mit einem Schlag grau und alt, und wollte weder Essen noch Schlafen noch sonst irgend etwas mehr.
Als wir im Frühling mit unseren Abschlusszeugnissen in der Tasche dastanden, und ich meine Koffer packte, sagte er, er würde nachkommen, und als Beweiß gab er mir seine Armbanduhr, die er seit seiner Kommunion besaß, an die er selbst ein neues Band genäht hatte und der er treu blieb, auch wenn sie nicht mehr ganz genau lief.
Er sagte, wenn er mich auch vielleicht vergessen würde, an die Uhr würde er schon noch denken, und ich fuhr in die Großstadt, verließ meine Eltern und meine Freunde, brach Irmas Herz, und meines dazu, und begann in der Großstadt, in dem Land über dem Regenbogen, ein neues Leben, begann eine Lehre zum Uhrmacher.
Wir schrieben uns, Hannes und ich, lange und innige Briefe. Im August, schrieb er, würde es seiner Mutter mit Sicherheit besser gehen, im September, Oktober, November. Ich antwortete ihm, geduldig, denn wenn man einen wirklich liebhat, und nicht nur um die Einsamkeit zu vertreiben, dann kann man auch gut mit ihm geduldig sein, und dann, kurz vor Weihnachten, hörten die Briefe auf.

Ich schrieb ihm, wieder und wieder, und wieder, aber erhielt keine Antwort. Schließlich fuhr ich zurück in das Dorf, um ihn zu sehen. Silvester bleibe ich nicht in der Stadt.
Ich komme mir vor wie ein Verbrecher, mit meinem hochgeschlagenen Kragen und tiefgezogener Mütze. Ich hatte das Dorf verlassen, ich hatte meine Familie betrogen, ich hatte ihnen noch nicht einmal eine Karte zur Weihnacht geschickt.
Als ich den Vorgarten von Hannes Elternhaus betrete fällt mir auf, dass ich ihn niemals zuhause besucht hatte. Ich drücke den Klingelknopf. Kurz, lang, mehrmals schnell hintereinander, und endlich öffnet seine Mutter mir die Tür. Sie sieht noch kleiner, noch grauer aus, als bei der Beerdigung ihres Mannes. Dann erkennt sie mich, und plötzlich fängt sie an zu schreien und zu schimpfen, und wirft eine tannengrünes Gesteck, das das nächste ist nach dem sie greifen kann, nach mir und jagd mich fort. Und ich weiß nicht wohin mit mir, wie ich überhaupt hier her gekommen bin. Meine Füße laufen von selber, während es langsam Abend wird.
Am Anglersteg bleiben sie stehen, und ich setze mich langsam hin, blicke auf das Wasser, und sehe den Zweigen der Trauerweide zu, wie sie mit den Wellen des Wassers wippen.
„Er hat mir von euch erzählt.“, sagt plötzlich jemand hinter mir, eine Mädchenstimme, die in meiner Erinnerung viel jünger war, dabei ist noch kein Jahr vergangen, seit ich sie das letzte mal gehört hatte.
„Und dass er dir nach kommen wollte, wenn es seiner Mutter erst besser geht.“
Irma setzt sich neben mich. Sie nimmt meine Hand, ganz plantonisch, freundschaftlich, und lehnt ihren Kopf an meine Schulter.
„Seine Mutter hatte die Kiste mit deinen Briefen gefunden“, flüsterte sie, und danach schweigen wir.
Auf der anderen Seeseite hören wir die Jugendlichen, die dieses Jahr an der Reihe sind ihr Silvester am See zu feiern, singen und gröhlen, und schließlich die Leuchtraketen anstecken, für die die sie ihr ganzes Taschengeld ausgegeben haben, und der See färbt sich abwechselnd rot und grün und weiß und gelb, und wie ein Regenbogen, und Irma und ich sitzen da, Hand in Hand, Kopf an Schulter, Atem an Atem. Und Irma zieht ihre Nase hoch, und wischt sich über die Augen, und sagt, mit all der Trauer und der Wut, die sie vielleicht bis dahin noch niemandem mitteilen konnte:
„Nächstes Jahr bin ich bestimmt nicht mehr hier!“

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