Wichtelbeitrag für Gobbolina
Dec. 26th, 2010 11:22 amFür:
gobbolina
Autor:
schwarze_elster
Wörter: rund 4000
Disclaimer: Ist mir alles selbst eingefallen (als ich betrunken war).
Fandom/Genre: Original, Urban Fantasy
Rating/Warnungen: PG-13. Es ist ziemlich gewalttätig.
Kommentar: Ich wusste nicht so recht mit den Challenges, aber Oskar und Anselm sind zumindest hintig und es gibt schwarzen Humor. Ich hoffe du hast nichts gegen Übernatürliches, das konnte ich in deinem Wunschzettel nicht sehen und die Geschichte hat sich irgendwie so entwickelt. ^^°
What Fun It Is to Laugh and Sing a Slaying Song Tonight
„Anselm“, sagt der nächste Kunde mit einem flüchtigen Lächeln und einem Nicken in Richtung Anselms Namensschild. Er hat sich in der Schlange vorgedrängelt, ignoriert den Protest von hinten aber. „Cooler Name.“
„Uhm... danke“, antwortet Anselm in zweifelndem Tonfall. Der Kunde sieht ihn an und es entsteht eine seltsame Pause. Normalerweise knallen die Kunden einfach ihre Sachen aufs Band und man kann sich geehrt fühlen, wenn sie den Gruß erwidern, aber der Kunde hat keine Sachen. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“
„Sie arbeiten hier.“
Anselm nickt. Es lässt sich nicht bestreiten, immerhin sitzt er an der Kasse. Er wirft einen besorgten Blick auf die Schlange von ungeduldigen Panikkäufern hinter dem Kunden. Vierundzwanzigster Dezember, hier im Kaufhaus herrscht Krieg.
„Ist Ihnen irgendwas Seltsames aufgefallen?“
Anselm sieht dem Kunden aufmerksam ins Gesicht, seine Augen sind auffällig hell, eine wässrige Farbe, die sich im faden Halogenlicht unmöglich bestimmen lässt, seine Kleidung schwarz, ansonsten aber unauffällig.
„Sie sind ziemlich seltsam“, bietet er nach kurzem Überlegen schließlich an und ja, eventuell klingt er ein bisschen frustriert, wie jemand, dem heute einmal zu viel vorwurfsvoll gesagt wurde, dass es keinen Grünkohl mehr gäbe. Eventuell ist er auch besorgt, dass dieser eigenartige Typ gleich eine Waffe zieht und ihn bittet, die Kasse zu leeren.
Der seltsame Kunde lächelt, diesmal länger. Er sieht aus als würde ihn diese Antwort ehrlich amüsieren. „Nicht schlecht. Aber abgesehen von mir?“
„Der Weihnachtsmann am Eingang der Arkaden“, sagt Anselm, ohne so recht zu wissen, warum. Er erinnert sich, wie er heute morgen an ihm vorbei gegangen ist. Der Stand war schon am ersten Advent vorm Südeingang der Arkaden aufgebaut worden: ein großer Sessel mit roten Samtpolstern für den Weihnachtsmann, bunt verpackte Pappschachteln unter einer Tanne, ein echtes Rentier. Anselm mag das Rentier, es wirkt so unglaublich gelangweilt. Der Weihnachtsmann war heute neu und er war... ja, irgendwie eigenartig.
Der Kunde nickt kurz und rennt los in Richtung der Rolltreppen. Anselm sieht ihm noch ein paar Sekunden lang verwirrt nach, bevor er durch ein ungeduldiges Räuspern an den nächsten Kunden erinnert wird. Eine Frau mit schwarzer Mähne. „Leute gibt es“, stellt sie missbilligend fest.
Anselm nickt nur, es gibt Sätze, denen kann man ganz problemlos zustimmen, und fängt an, ihre Ware über den Scanner zu ziehen. „Haben Sie alles bekommen?“
„Keinen Grünkohl! Der Grünkohl war alle!“
Eine knappe Viertelstunde später sind aufgeregte Stimmen zu hören. Als Anselm sich umdreht, sieht er wie der seltsame Kunde von vorhin die Rolltreppe herunter fällt und dabei mehrere Passanten mit sich reißt. Es bildet sich eine Menschentraube, aus der sich nach einer Weile die schwarz gekleidete Gestalt herausschält. „Sorry, sorry. Nichts passiert. Oder?“
Anselm kann aus den verärgerten Rufen mühelos schließen, dass anderen sehr wohl etwas passiert ist, aber der Blick des Unruhestifters bleibt an ihm hängen. Er wirft einen Blick über die Schulter, um zu prüfen, ob er wirklich gemeint ist.
„Anselm!“, ruft der Mann als er auf ihn zu rennt.“Verkauft ihr Messer?“ Er klingt gehetzt, er ist ganz offensichtlich völlig wahnsinnig.
In die Menschenmenge am oberen Teil der Rolltreppe kommt Unruhe. Irgendjemand hat die Treppe angehalten. Anselm sieht ungläubig zu, wie ein paar Kinder durch die Menge brechen, um die Treppe herunter zu rennen. Sie sind alle grün und rot gekleidet, aber irgendetwas an dem Anblick ist falsch. Irgendetwas an den Kindern ist furchterregend, er kann aus der Entfernung allerdings nicht festmachen, was es ist.
Dann blinzelt er und da sind keine Kinder. Die Rolltreppe steht nicht mehr still.
„Anselm?“ Der seltsame Typ steht direkt vor ihm, Blut rinnt zwischen den rabenschwarzen Haaren hervor über seine Schläfe, die Augen haben ein so helles Grau, dass die Iris fast zu verschwinden scheint, es sieht irritierend aus. „Wieviel Zeit haben wir?“
„Drei Minuten“, antwortet er automatisch und fragt sich gleich darauf für was und woher er diese Zahl nimmt. „Was zum Teufel-“
„Komm!“ Der Fremde greift seine Hand und zerrt ihn hinter der Kasse hervor, dann durch die Menschenmenge in den Schlangen, hinein in den Supermarkt. Anselm versucht ziemlich erfolglos, gleichzeitig den Griff um sein Handgelenk zu lösen und nicht allzu viele Menschen anzurempeln.
„Stopp! Lass los, du Arsch!“ Der Fremde sieht über seine Schulter, ein gänzlich verbotenes Grinsen auf den Lippen. „Was soll das?!“
„Waffen.“ Er sagt es als ob es tatsächlich eine Erklärung für irgendwas wäre. „Ich hatte ein bisschen Pech...“
„Oskar, du kannst nicht-“ Er stockt, zögert. Der Fremde scheint keine Notiz davon zu nehmen, zerrt ihn einfach weiter durch die Gänge.
„Oh! Tschibo!“, ruft – Oskar? – plötzlich und kugelt fast Anselms Arm aus, als er mit einer scharfen Kurve in den Seitengang mit Kaffee einbiegt. „Ha!“ Es gibt große Edelstahlmesser im Angebot. Der Wahnsinnige lässt endlich Anselms Arm los, um hastig drei der Messer auszupacken. Er reicht Anselm eines und nimmt selbst zwei. Anselm ist inzwischen völlig verwirrt, vor allem von sich selbst, weil er nicht wegrennt, sondern sich das Ding in die Hand drücken lässt.
Oskar wiegt das Messer in seiner linken Hand für einen Moment, dann wirbelt er es durch die Luft, und fängt es fachmännisch wieder auf. „Gar nicht schlecht.“
Anselm verdreht die Augen. „Wenn du fertig bist mit angeben: sie kommen.“
„Von da?“ Oskar deutet in Richtung des Hauptgangs. Es ist faszinierend, dass dieser Wahnsinnige keinerlei Zweifel an Anselms Worten zeigt, während Anselm selbst nicht die blasseste Ahnung hat, was zum Teufel er da redet.
„Ja“, sagt er verwirrt. „Nein. Keine Ahnung.“
Oskar schiebt sie beide dicht ans Regal und schleicht vorsichtig Richtung Hauptgang. Anselm fällt auf, dass Oskar vor ihm bleibt, so als wolle er ihn beschützen. Es wäre beruhigender, wäre der Typ nicht fast einen Kopf kleiner als Anselm und vor wenigen Minuten eine Rolltreppe herunter gefallen.
Eine junge Frau mit Kopfhörer schiebt seelenruhig ihren Wagen an ihrem Versteck vorbei und verschwindet als sie in die Regalreihe mit den Süßigkeiten einbiegt. Ansonsten ist es seltsam still, abgesehen von einer besonders nervtötenden Version von White Christmas, die hier (zumindest Anselms Gefühl nach) alle halbe Stunde spielt.
Er zuckt zusammen, als ihn etwas anspringt, Klauen bohren sich in seinen Hals und er kann spüren, wie ihm warmes Blut den Rücken herunter rinnt. Er sinkt nach unten, am Regal und an Oskars Kleidung nach Halt suchend, bis er auf dem Boden sitzt. Er bekommt keine Luft, schwarze Punkte tanzen vor seinen Augen und ihm wird klar, dass er stirbt.
Oskar, der den Gang beobachtet hat, dreht sich hastig zu ihm um, sinkt neben ihm auf die Knie. „Anselm! Was ist los?“ Er lässt eines der Messer fallen und legt seine Hand auf Anselms Schulter. „Tief durchatmen.“
Anselm will lachen, weil das unmöglich ist, aber dann ist es plötzlich vorbei und er schnappt nach Luft. Da ist kein Schmerz, da ist nichtmal mehr Blut, nur ein irritierendes Jucken und der Instinkt wegzurennen.
„Oben. Sie kommen von oben.“
Geräusche nähern sich. In der benachbarten Regalreihe fällt irgendetwas aus den Regalen. Oskar hat gerade genug Zeit, Anselm wegzustoßen und sich das Messer wieder zu schnappen, als eines der Kinder von vorhin sich vom obersten Regalbrett aus auf sie stürzt. Oskar hat ein Messer gehoben und spießt es auf, dann reißt die Wucht das Messer durch den halben Körper bis er auf der Erde zu aufprallt.
Anselm ist für einen Augenblick vor Schrecken erstarrt. Da liegt ein Kind, tot auf dem Boden, getötet von einem wahnsinnigen Möchtegernvampir mit einem Tschibo-Messer in jeder Hand. Dann dreht das Kind seinen Kopf in einem unnatürlichen Winkel, es faucht und, oh Gott, das Gesicht, das ist kein Kind! Es kriecht auf die beiden zu, was Anselm bis eben für Blut hielt ist viel zu dunkel, schwärzlich braun und übelriechend, es spritzt aus der Seite des Monsters heraus und zischt leise, wo es auf den Boden tropft. Anselm ist plötzlich sehr froh, dass Oskar vor ihm steht, Rolltreppe und geringe Körpergröße hin oder her.
Oskar macht einen Ausfallschritt nach vorn, das Monster springt und plötzlich ist Oskar über dem Ding und rammt ihm das Messer tief in den Rücken. Mehr von dem widerlichen Blut spritzt heraus, kleine Rauchfahnen kräuseln sich dort, wo es Oskars Kleidung trifft. Es bewegt sich immer noch, versucht sich unter dem Messer wegzudrehen, aber Oskar drückt es mit seinem Knie auf den Boden.
„Gott, ich hasse diese Mistviecher“, stöhnt er und stochert mit dem Messer herum. „Herzloser! Kleiner! Bastard!“ Bei jedem Wort sticht er zu, erst beim vierten Versuch stößt das Monster einen Schrei aus und bleibt bewegungslos liegen.
Anselm starrt ihn an.
„Winzige Herzen.“ Oskar zuckt entschuldigend die Schultern. „Aber den Kopf abschneiden ist tatsächlich noch schwieriger.“
„Was zum Teufel ist das?“ fragt er fassungslos.
„Ein... Zombieweihnachtswichtel. Würde ich sagen.“ Oskar klingt amüsiert. „Punkte für kreative Kostüme.“
„Punkte?!“
Aber Oskar beachtet ihn nicht mehr, er hat sich umgedreht und scheint zu lauschen. „Sht! Da waren noch mehr, oder?“
„Vier.“ Anselm weiß diesmal, woher die Antwort kommt, er hatte sie vorhin gesehen. Nur dass er sie nicht gesehen haben konnte... Das hier ist mit Abstand der verwirrendste Tag in seinem Leben.
„Vier mit dem oder-“
„Nein, ohne das hier offensichtlich“, schnappt Anselm.
Oskar runzelt die Stirn. „Nicht so offensichtlich“, murmelt er beleidigt.
„Was ist hier los?“ fragt Anselm noch einmal. Er ist lauter als beabsichtigt.
Oskar wirft ihm einen panischen Blick zu und zieht ihn ein paar Regale weiter. „Pscht!“ sagt er mit Nachdruck. Anselm verdreht die Augen.
„Okay. Die Zombies sind unter der Kontrolle eines Nekromanten, der hinter dir her ist-“
„Wieso hinter mir her?“
„-wir werden sie abhängen, ihn finden und töten und dann-“
„Wieso. Hinter. Mir her?“
„-wird alles gut, mach dir keine Sorgen, ich krieg das hin.“
Anselm will eigentlich sagen, dass er das absolut nicht glaubt und immer noch eine Antwort auf seine Frage will, aber was stattdessen aus seinem Mund kommt, ist: „Zombiewichtel von rechts in drei, zwei, eins-“
Das Vieh kommt kreischend auf sie zugestürzt, aber Oskar ist bereit, bringt es mit einer zielsicher geworfenen Dose Kondensmilch zu Fall, stürzt sich auf es und sticht mit seinen Messern darauf ein.
„Wir sollten wirklich verschwinden“, sagt er und Anselm ordnet seine Prioritäten neu und nickt nur.
Sie laufen eng ans Regal gepresst bis zum Ende von Konserven und treffen auf den Korridor, der von der Obst-und-Gemüse-Abteilung zu den Frischetheken führt. Aus dem Backzutatenkorridor schräg gegenüber dringen verdächtige, knackende Geräusche. Die Lautsprecheranlage spielt „Little Drummer Boy“ und sie hasten nach einem kurzen „Fertig?“ von Oskar den Hauptgang entlang, hinter den Spirituosen scharf links auf die TK-Abteilung zu, dem Ausgang entgegen. Auf halbem Weg hören sie das bösartige Quietschen der aus Backzutaten kommenden Zombiewichtel, die ihnen mit einem Affenzahn folgen.
Oskar wirft eines seiner Messer, es bleibt in der Augenhöhle eines der Wichtel stecken, aber der einzige Effekt sind ein Fauchen und ein kurzes Straucheln, das Tempo behält es bei. „Nervige Biester!“ beschwert sich Oskar. „Wie hoch kannst du springen?“
„Was?“ Anselm kommt nicht dazu, eine eloquentere Frage zu formulieren, Oskar hat ihn schon wieder am Handgelenk gepackt und sie rennen auf die Kassen zu.
„Über die Kühltruhe“, sagt Oskar und großer Gott, er sagt solche Sätze wirklich, als würden sie so etwas wie einen Plan darstellen.
Anselm versucht seine Hand frei zu zerren. „Vergiss es!“
„Nicht?“ Oskar zögert einen Moment. „Man kann die Dinger schieben, ja?“
Es braucht nicht viel mehr Erklärung. Anselm löst die Bremse an der Truhe und zusammen schieben sie sie mit Wucht auf die näher kommenden Wichtel zu. Zwei springen ohne sichtliche Mühe drüber hinweg, aber das dritte mit dem Messer im Auge verpasst den Absprung und wird unter der Truhe eingeklemmt.
Oskar und Anselm sprinten auf die Kassen zu, gefüllte Einkaufskörben, die von den fliehenden Kunden verlassen wurden, verstellen den Weg.
„Golfschläger!“, ruft Anselm, drückt Oskar sein Messer in die Hand und hastet auf die Sonderangebote zu, wo neben bunten Überdecken auch Golfsets auf großen Paletten liegen. Er schnappt sich eine der Taschen und beginnt an der Plastikverpackung zu zerren. „Verflucht!“
„Beeil dich!“, ruft Oskar, der ihm den Rücken freihält, indem er den Wichteln die Einkaufskörbe in den Weg schiebt.
Anselm bekommt endlich die Verpackung und die darunterliegende Tragetasche auf, reißt die beiden am größten aussehenden Schläger heraus und reicht einen an Oskar weiter, der inzwischen an seiner Seite angelangt ist und schon wieder nur noch eines der Messer in der Hand hat, das andere steckt in der Schulter eines der Wichtel. Der Wichtel ohne Messer setzt gerade zu einem Sprung über einen Einkaufskorb an als Anselm ausholt und wird in der Luft von dem Eisen erwischt und gute drei Meter weiter in das Zeitschriftenregal geschleudert.
Anselm sieht sich kurz nach Oskar um, der dabei ist dem anderen Wichtel mit seinem Golfschläger den Schädel einzuschlagen und dreht sich schnell wieder zum Zeitschriftenregal um, als sich der Wichtel dort aufrappelt und fauchend auf ihn zurennt. Ein paar kräftige Schläge lösen auch dieses Problem und dann ist es still um sie her, wenn man von „Jingle Bells“ absieht, das aus den Lautsprechern dringt.
„Okay“, sagt Anselm, ein bisschen außer Atem. „Was war das und warum ist ein Nekromant hinter mir her?“
Oskar schüttelt den Kopf. „Keine Zeit, wir müssen ihn finden und töten, bevor er uns noch mehr Zombies auf den Hals hetzt.“ Er ist schon auf halbem Weg zu den Rolltreppen, den Golfschläger lässig über der Schulter und das Messer in der Hand baumelnd.
Anselm wirft noch einen schnellen Blick zurück auf das Chaos an den Kassen, dann folgt er ihm hastig. „Kannst du gleichzeitig laufen und reden oder ist das unmöglich?“ fragt Anselm sarkastisch, als sie die ausgeschaltete Rolltreppe hinaufsteigen.
Oskar seufzt theatralisch. „Er will deine Seele stehlen und in eine Kristallkugel einsperren. Schätze ich. Naja, so würde ich es machen – also, an seiner Stelle“, fügt er hastig hinzu.
Anselm versucht eine Antwort zu formulieren, scheitert aber an der schieren Absurdität. Er folgt Oskar als dieser sich nach links wendet, vorbei an einem Schuhgeschäft und einem Coffeeshop. „Warum?“ fragt er schließlich.
„Er will in die Zukunft sehen und die Kugeln auf ebay waren ihm zu teuer?“ bietet Oskar an. „Oder er steht auf Do It Yourself. Und ich muss zugeben, man kann okkulten Objekten, die es im Internet zu kaufen gibt, auch nicht trauen.“
„Aha“, sagt Anselm schwach.
„Wirklich, ich habe mal diesen furchtbaren Zeremoniendolch gekauft und-“ Oskar bricht mitten im Satz ab, um das Rentier anzuschreien, das auf sie zu getrottet kommt. „Wo warst du? Da waren fünf Minizombies, falls es dir nicht aufgefallen ist!“
Das Rentier sieht sich gelassen um. „Du bist mit ihnen zurecht gekommen, wie ich sehe.“
„Nicht dass du einen Anteil daran hattest! Gott, du bist sicher der nutzloseste Geist, mit dem jemals ein Schamane geschlagen war!“
„Auf jeden Topf passt ein Deckel“, bemerkt das Rentier seelenruhig. „Der Weihnachtsmann-“
„Ist ein Nekromant. Ich hätte es beinahe nicht gemerkt. Sag mal, wozu stehst du da seit Wochen, wenn du dann fast den ganzen Tag brauchst, um ihn zu erkennen? Nachdem er Minizombies beschworen hat?“
„Eile mit Weile“, sagt das Rentier. „Ich hätte es auch vorgezogen, nicht wochenlang manifest zu sein und mich angaffen zu lassen. Dieses Geweih ist eine Zumutung.“
„Wo ist er?“
Das Rentier hält die Schnauze in die Luft und schnüffelt ein paar Sekunden gedankenverloren und mit geschlossenen Augen, bevor es sich dazu bequemt, seinen langen Kopf wieder zu senken. „Er ist weggegangen, um die Zombies zu beschwören, ich denke, die Beschwörung hat auf den Herrentoiletten im zweiten Stock stattgefunden. Da ist er aber nicht mehr. Er ist in... nördlicher Richtung. Nordnordwest, würde ich sagen.“
„Anselm?“, fragt Oskar barsch. „Wo ist er?“
„Keine Ahnung. Nordnordwest hat das Rentier gesagt.“ Es sagt eine Menge über den Verlauf dieses Tages aus, dass ihm der Satz nicht weiter verwunderlich vorkommt.
„Ich habe gehört, was das Rentier gesagt hat“, gibt Oskar genervt zurück. „Das Rentier ist unbrauchbar.“
Anselm öffnet den Mund und wartet einen Moment auf die Antwort, aber sie kommt nicht. „Ich habe wirklich keine Ahnung.“
„Ein einfacher Abwehrzauber“, sagt das Rentier beiläufig, „um die prophetischen Kräfte des Orakels zu blockieren. Aber ich bin mir sicher, du wärst auch allein darauf gekommen.“
„Die was des was?“, fragt Anselm.
Das Rentier verdreht die Augen, aber Oskar sieht immerhin so aus, als hätte er es früher erwähnen sollen, als er sagt: „Oh. Du bist ein Orakel, Prophet, Hellseher, Wahrsager, hast das zweite Gesicht und so weiter. Gut für dich. Oder schlecht, je nach Blickwinkel. Glückwunsch jedenfalls.“
Anselm würde gern etwas Schlagfertiges oder Sarkastisches sagen, aber leider ergibt das Sinn. Anselm hatte immer überdurchschnittlich akkurate Intuitionen und sehr lebhafte Träume, Tagträume und Déjà-vus. Er hat als Kind Medikamente dagegen bekommen und es später auf die Drogen geschoben, aber es war nur so ein Ding, nie eine Gabe. Es war nicht so, dass er jemals etwas davon gehabt hätte, außer dass ihn die Leute für irre hielten, wenn er ihnen davon erzählte.
„Anselm? Hallo? Erde an Anselm! Was ist nordnordwestlich von hier?“
„Ähm...“ Das Seltsame, denkt Anselm, ist, dass er das weiß, weil er hier arbeitet, aber er wüsste es auch einfach weil Oskar ihn gefragt hat. „Weihnachtsbaum, Springbrunnen, Imbissecke, Toys'R'us, Centermanagement,-“
„Centermanagement! Irgendwo, von wo aus man die Aufzeichnungen der Überwachungskameras sehen kann?“
„Oh. Ja, klar. Folgt mir.“
Sie machen sich auf den Weg und Anselm fällt erst jetzt auf, dass die Arkaden bis auf sie menschenleer sind. Als er sich umdreht, hat sich das Rentier in Luft aufgelöst und Oskar ist dicht hinter ihm, Gesichtsausdruck entschlossen, Golfschläger in der rechten und Messer in der linken Hand.
Die Tür zu den Büros des Centermanagements ist unauffällig. „Zutritt für Unbefugte verboten“, sagt sie in unaufdringlichen, schnörkellosen Lettern. Es gibt keine Klinke, nur einen Knauf und ein Schlüsselloch. Oskar hebt den Golfschläger, aber Anselm unterbricht ihn mit einer Hand auf seinem Arm.
„Ich kann die aufmachen, wenn du willst“, bietet er an.
„Du hast einen Schlüssel?“
Anselm ist schon vor der Tür in die Knie gegangen und hat seine Picks herausgeholt. „Das hab ich nicht gesagt“, murmelt er. Es dauert knappe vier Minuten, weil Anselm seit Jahren kein Schloss geknackt hat und Oskar ihn alle paar Sekunden fragt, ob er fertig ist. „Du wärst mit einem Golfschläger nicht wesentlich schneller, du Idiot“, faucht Anselm nach dem vierten mal, woraufhin Oskar beleidigt schnaubt und ein paar Schritte zurück geht.
Er murmelt irgendetwas unverständliches.
„Wie bitte?“, fragt Anselm.
„Ich beschwöre Dings in meine Waffe zu fahren.“
„Ah“, macht Anselm, findet dann aber, dass ihm ein paar Fragen durchaus zustehen. „Dings?“
„So nenne ich meinen Geist“, erklärt Oskar. „Das Rentier.“
„Hat es keinen ordentlichen Namen?“
Oskar zuckt die Schultern. „Wenn man den Namen eines Geistes kennt, kann man ihn rufen. Man ist also als Schamane gut beraten, den Namen des eigenen Geistes nicht bei jeder Gelegenheit auszuposaunen.“
Anselm muss kein Orakel sein, um zu ahnen, dass Oskar diese Lektion auf die harte Tour gelernt hat. Zu wissen, dass die mentalen Bilder nicht seiner überaktiven Phantasie entstammen, sondern vermutlich der Realität entsprechen, macht die Sache allerdings weniger komisch.
Als die Tür endlich offen ist, schiebt sich Oskar an Anselm vorbei nach vorn, den Golfschläger erhoben und das Messer nach vorne gerichtet in derselben Hand wie das Ende des Schlägers. Es sieht ziemlich effizient aus, findet Anselm.
Der Flur ist dunkel und sie stoßen nacheinander die Türen der Büros auf. Sie sind alle leer, bis sie zum fünften Raum. Zwischen Monitoren, auf denen Bilder der Überwachungskameras flackern, steht der Weihnachtsmann und grinst hämisch. „Ich habe euch erwartet!“, sagt er.
Oskar seufzt genervt. „Punktabzug.“
Der Weihnachtsmann sieht ihn verwirrt an.
„'Ich habe euch erwartet'? Wirklich?“ Oskar verdreht die Augen und hat dem Nekromanten im nächsten Moment das Messer von unten in den Brustkorb gestochen.
Der wachsame Blick löst sich vom Golfschläger und der Mann scheint erst jetzt das Messer zu bemerken. Der weiße Saum des Weichnachtsmannkostüms färbt sich rot, als er sich mit Blut vollsaugt. Der Mund öffnet sich für ein gurgelndes Geräusch und ein kleines Rinnsal aus Speichel und Blut, dann sackt der Nekromant vor Oskars Füßen zusammen.
„Hm“, macht Oskar. „Das war antiklimaktisch.“ Er wendet sich zu Anselm um, der ein wenig ungläubig auf den toten Weihnachtsmann starrt. „Was meinst du, könnten wir zwei vielleicht mal einen Kaffee zusammen trinken?“
Anselm braucht einen Moment, um sich zu fassen. „Was?“ fragt er dann, ziemlich ruhig und, wie er findet, ziemlich gerechtfertigt.
„Kaffee. Du und ich“, bricht Oskar es auf die wichtigsten Stichpunkte herunter. „Obwohl das 'du und ich' hier entscheidend ist und ich den Kaffee eher euphemistisch meinte. Oder symbolisch?“ Er runzelt die Stirn und lächelt trocken. „Ich mag tatsächlichen Kaffee nicht besonders.“
Er wäre der erste, der zugibt, darin nicht sonderlich viel Erfahrung zu haben, aber Anselm ist sich ziemlich sicher, dass es schlechte Etikette ist, jemandem über der Leiche eines als Weihnachtsmann verkleideten Nekromanten nach einem Date zu fragen. Apropos-
Anselm kommt gerade noch dazu „Pass a-!“ zu sagen, bevor er gegen eine Wand geschleudert wird. Es fühlt sich an, als würden seine Arme von eisigen Händen festgehalten. So unglaublich kalt, dass er sich nicht sicher ist, ob der unsichtbare Griff weh tut. Vermutlich schon. Er fühlt, wie er nach oben gezogen wird, bis seine Füße den Boden kaum noch berühren. Inzwischen ist er sich ziemlich sicher, dass es verdammt weh tut.
Er sieht sich panisch nach Oskar um, der unter ihm auf dem Boden liegt. Sein Körper lehnt schlaff gegen die Wand und Anselm kann sehen, dass seine Augen geschlossen sind und sich die Kopfwunde vom Sturz die Rolltreppe hinunter sich wieder geöffnet hat.
„Geisterbeschwörer“, sagt der Nekromant abfällig. „Dummes Pack.“ Er steht schwerfällig auf, aber die Bewegungen werden schnell flüssiger und als er sich Anselm nähert, wirkt er ganz als wäre er nie erstochen worden. „Versucht, jemanden wie mich mit einer gewöhnlichen Waffe zu töten!“ Sein Ton klingt amüsiert, aber seine Augen bleiben kalt auf Anselm gerichtet, der plötzlich versteht, warum er als Kind solche panische Angst vor Weihnachtsmännern hatte.
Der Nekromant hebt seine Hand, in der er eine silberne Flasche hält. Seine andere Hand fährt Anselm durch die Haare, bis sie auf seinem Hinterkopf liegen bleibt und sich festkrallt. Sein Kopf wird nach hinten gezwungen und die Flasche nähert sich seinen Lippen. Er versucht sich verzweifelt zu wehren, aber es gibt wirklich nicht viel, was er tun kann, und die Kälte ist inzwischen so schlimm, dass sie das Atmen schwer macht.
Dann ist da plötzlich ein dumpfer Schlag. Die Flasche stoppt und die Kälte stoppt. Anselm fällt auf die Knie und er kann sich gerade so aufrecht genug halten, um nach hinten gegen die Wand zu kippen und nicht nach vorn auf den Nekromanten. Oskar steht über der liegenden Gestalt und schlägt wie von Sinnen mit dem Golfschläger auf dessen Kopf ein.
„Gott! Verdammt! Ich HASSE! Diesen absolut! Nutzlosen! Geist!“ Als der Schläger beim Auftreffen nur noch matschige Geräusche macht, hält Oskar schließlich inne, dann feuert er ihn mit unverhohlener Wut in die Zimmerecke und gibt der Leiche noch einen Tritt, um die Sache abzurunden.
Für einen Moment steht er schwer atmend da, dann weicht die Anspannung aus seinen Schultern und er geht hinüber zu Anselm und lässt sich neben ihm an der Wand hinunter rutschen. „Ich schwöre dir, dieser verdammte Geist will mich umbringen“, sagt er und klingt dabei so verletzt, dass Anselm ihm gern einen Arm um die Schultern legen würde. Aber in seinen Armen setzt gerade dieses brennende Prickeln des Auftauens ein und er hält es für besser, sie so wenig wie möglich zu bewegen. Stattdessen lehnt er sich ein wenig zur Seite, bis sich ihre Schultern berühren.
„Also falls du nichts anderes vor hast“, beginnt er zögerlich.
„Hm?“ macht Oskar und dreht seinen Kopf, um ihn anzusehen. Sein Gesicht sieht ganz unmöglich aus mit den schrecklich blassen Augen hinter den wirren schwarzen Haaren und der bleichen, blutverschmierten Haut.
„Ähm. Meine Mitbewohnerinnen geben ein Weihnachtsessen, also wenn du möchtest...“
Oskar grinst verwegen und Anselm lächelt zurück.
Autor:
Wörter: rund 4000
Disclaimer: Ist mir alles selbst eingefallen (als ich betrunken war).
Fandom/Genre: Original, Urban Fantasy
Rating/Warnungen: PG-13. Es ist ziemlich gewalttätig.
Kommentar: Ich wusste nicht so recht mit den Challenges, aber Oskar und Anselm sind zumindest hintig und es gibt schwarzen Humor. Ich hoffe du hast nichts gegen Übernatürliches, das konnte ich in deinem Wunschzettel nicht sehen und die Geschichte hat sich irgendwie so entwickelt. ^^°
What Fun It Is to Laugh and Sing a Slaying Song Tonight
„Anselm“, sagt der nächste Kunde mit einem flüchtigen Lächeln und einem Nicken in Richtung Anselms Namensschild. Er hat sich in der Schlange vorgedrängelt, ignoriert den Protest von hinten aber. „Cooler Name.“
„Uhm... danke“, antwortet Anselm in zweifelndem Tonfall. Der Kunde sieht ihn an und es entsteht eine seltsame Pause. Normalerweise knallen die Kunden einfach ihre Sachen aufs Band und man kann sich geehrt fühlen, wenn sie den Gruß erwidern, aber der Kunde hat keine Sachen. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“
„Sie arbeiten hier.“
Anselm nickt. Es lässt sich nicht bestreiten, immerhin sitzt er an der Kasse. Er wirft einen besorgten Blick auf die Schlange von ungeduldigen Panikkäufern hinter dem Kunden. Vierundzwanzigster Dezember, hier im Kaufhaus herrscht Krieg.
„Ist Ihnen irgendwas Seltsames aufgefallen?“
Anselm sieht dem Kunden aufmerksam ins Gesicht, seine Augen sind auffällig hell, eine wässrige Farbe, die sich im faden Halogenlicht unmöglich bestimmen lässt, seine Kleidung schwarz, ansonsten aber unauffällig.
„Sie sind ziemlich seltsam“, bietet er nach kurzem Überlegen schließlich an und ja, eventuell klingt er ein bisschen frustriert, wie jemand, dem heute einmal zu viel vorwurfsvoll gesagt wurde, dass es keinen Grünkohl mehr gäbe. Eventuell ist er auch besorgt, dass dieser eigenartige Typ gleich eine Waffe zieht und ihn bittet, die Kasse zu leeren.
Der seltsame Kunde lächelt, diesmal länger. Er sieht aus als würde ihn diese Antwort ehrlich amüsieren. „Nicht schlecht. Aber abgesehen von mir?“
„Der Weihnachtsmann am Eingang der Arkaden“, sagt Anselm, ohne so recht zu wissen, warum. Er erinnert sich, wie er heute morgen an ihm vorbei gegangen ist. Der Stand war schon am ersten Advent vorm Südeingang der Arkaden aufgebaut worden: ein großer Sessel mit roten Samtpolstern für den Weihnachtsmann, bunt verpackte Pappschachteln unter einer Tanne, ein echtes Rentier. Anselm mag das Rentier, es wirkt so unglaublich gelangweilt. Der Weihnachtsmann war heute neu und er war... ja, irgendwie eigenartig.
Der Kunde nickt kurz und rennt los in Richtung der Rolltreppen. Anselm sieht ihm noch ein paar Sekunden lang verwirrt nach, bevor er durch ein ungeduldiges Räuspern an den nächsten Kunden erinnert wird. Eine Frau mit schwarzer Mähne. „Leute gibt es“, stellt sie missbilligend fest.
Anselm nickt nur, es gibt Sätze, denen kann man ganz problemlos zustimmen, und fängt an, ihre Ware über den Scanner zu ziehen. „Haben Sie alles bekommen?“
„Keinen Grünkohl! Der Grünkohl war alle!“
Eine knappe Viertelstunde später sind aufgeregte Stimmen zu hören. Als Anselm sich umdreht, sieht er wie der seltsame Kunde von vorhin die Rolltreppe herunter fällt und dabei mehrere Passanten mit sich reißt. Es bildet sich eine Menschentraube, aus der sich nach einer Weile die schwarz gekleidete Gestalt herausschält. „Sorry, sorry. Nichts passiert. Oder?“
Anselm kann aus den verärgerten Rufen mühelos schließen, dass anderen sehr wohl etwas passiert ist, aber der Blick des Unruhestifters bleibt an ihm hängen. Er wirft einen Blick über die Schulter, um zu prüfen, ob er wirklich gemeint ist.
„Anselm!“, ruft der Mann als er auf ihn zu rennt.“Verkauft ihr Messer?“ Er klingt gehetzt, er ist ganz offensichtlich völlig wahnsinnig.
In die Menschenmenge am oberen Teil der Rolltreppe kommt Unruhe. Irgendjemand hat die Treppe angehalten. Anselm sieht ungläubig zu, wie ein paar Kinder durch die Menge brechen, um die Treppe herunter zu rennen. Sie sind alle grün und rot gekleidet, aber irgendetwas an dem Anblick ist falsch. Irgendetwas an den Kindern ist furchterregend, er kann aus der Entfernung allerdings nicht festmachen, was es ist.
Dann blinzelt er und da sind keine Kinder. Die Rolltreppe steht nicht mehr still.
„Anselm?“ Der seltsame Typ steht direkt vor ihm, Blut rinnt zwischen den rabenschwarzen Haaren hervor über seine Schläfe, die Augen haben ein so helles Grau, dass die Iris fast zu verschwinden scheint, es sieht irritierend aus. „Wieviel Zeit haben wir?“
„Drei Minuten“, antwortet er automatisch und fragt sich gleich darauf für was und woher er diese Zahl nimmt. „Was zum Teufel-“
„Komm!“ Der Fremde greift seine Hand und zerrt ihn hinter der Kasse hervor, dann durch die Menschenmenge in den Schlangen, hinein in den Supermarkt. Anselm versucht ziemlich erfolglos, gleichzeitig den Griff um sein Handgelenk zu lösen und nicht allzu viele Menschen anzurempeln.
„Stopp! Lass los, du Arsch!“ Der Fremde sieht über seine Schulter, ein gänzlich verbotenes Grinsen auf den Lippen. „Was soll das?!“
„Waffen.“ Er sagt es als ob es tatsächlich eine Erklärung für irgendwas wäre. „Ich hatte ein bisschen Pech...“
„Oskar, du kannst nicht-“ Er stockt, zögert. Der Fremde scheint keine Notiz davon zu nehmen, zerrt ihn einfach weiter durch die Gänge.
„Oh! Tschibo!“, ruft – Oskar? – plötzlich und kugelt fast Anselms Arm aus, als er mit einer scharfen Kurve in den Seitengang mit Kaffee einbiegt. „Ha!“ Es gibt große Edelstahlmesser im Angebot. Der Wahnsinnige lässt endlich Anselms Arm los, um hastig drei der Messer auszupacken. Er reicht Anselm eines und nimmt selbst zwei. Anselm ist inzwischen völlig verwirrt, vor allem von sich selbst, weil er nicht wegrennt, sondern sich das Ding in die Hand drücken lässt.
Oskar wiegt das Messer in seiner linken Hand für einen Moment, dann wirbelt er es durch die Luft, und fängt es fachmännisch wieder auf. „Gar nicht schlecht.“
Anselm verdreht die Augen. „Wenn du fertig bist mit angeben: sie kommen.“
„Von da?“ Oskar deutet in Richtung des Hauptgangs. Es ist faszinierend, dass dieser Wahnsinnige keinerlei Zweifel an Anselms Worten zeigt, während Anselm selbst nicht die blasseste Ahnung hat, was zum Teufel er da redet.
„Ja“, sagt er verwirrt. „Nein. Keine Ahnung.“
Oskar schiebt sie beide dicht ans Regal und schleicht vorsichtig Richtung Hauptgang. Anselm fällt auf, dass Oskar vor ihm bleibt, so als wolle er ihn beschützen. Es wäre beruhigender, wäre der Typ nicht fast einen Kopf kleiner als Anselm und vor wenigen Minuten eine Rolltreppe herunter gefallen.
Eine junge Frau mit Kopfhörer schiebt seelenruhig ihren Wagen an ihrem Versteck vorbei und verschwindet als sie in die Regalreihe mit den Süßigkeiten einbiegt. Ansonsten ist es seltsam still, abgesehen von einer besonders nervtötenden Version von White Christmas, die hier (zumindest Anselms Gefühl nach) alle halbe Stunde spielt.
Er zuckt zusammen, als ihn etwas anspringt, Klauen bohren sich in seinen Hals und er kann spüren, wie ihm warmes Blut den Rücken herunter rinnt. Er sinkt nach unten, am Regal und an Oskars Kleidung nach Halt suchend, bis er auf dem Boden sitzt. Er bekommt keine Luft, schwarze Punkte tanzen vor seinen Augen und ihm wird klar, dass er stirbt.
Oskar, der den Gang beobachtet hat, dreht sich hastig zu ihm um, sinkt neben ihm auf die Knie. „Anselm! Was ist los?“ Er lässt eines der Messer fallen und legt seine Hand auf Anselms Schulter. „Tief durchatmen.“
Anselm will lachen, weil das unmöglich ist, aber dann ist es plötzlich vorbei und er schnappt nach Luft. Da ist kein Schmerz, da ist nichtmal mehr Blut, nur ein irritierendes Jucken und der Instinkt wegzurennen.
„Oben. Sie kommen von oben.“
Geräusche nähern sich. In der benachbarten Regalreihe fällt irgendetwas aus den Regalen. Oskar hat gerade genug Zeit, Anselm wegzustoßen und sich das Messer wieder zu schnappen, als eines der Kinder von vorhin sich vom obersten Regalbrett aus auf sie stürzt. Oskar hat ein Messer gehoben und spießt es auf, dann reißt die Wucht das Messer durch den halben Körper bis er auf der Erde zu aufprallt.
Anselm ist für einen Augenblick vor Schrecken erstarrt. Da liegt ein Kind, tot auf dem Boden, getötet von einem wahnsinnigen Möchtegernvampir mit einem Tschibo-Messer in jeder Hand. Dann dreht das Kind seinen Kopf in einem unnatürlichen Winkel, es faucht und, oh Gott, das Gesicht, das ist kein Kind! Es kriecht auf die beiden zu, was Anselm bis eben für Blut hielt ist viel zu dunkel, schwärzlich braun und übelriechend, es spritzt aus der Seite des Monsters heraus und zischt leise, wo es auf den Boden tropft. Anselm ist plötzlich sehr froh, dass Oskar vor ihm steht, Rolltreppe und geringe Körpergröße hin oder her.
Oskar macht einen Ausfallschritt nach vorn, das Monster springt und plötzlich ist Oskar über dem Ding und rammt ihm das Messer tief in den Rücken. Mehr von dem widerlichen Blut spritzt heraus, kleine Rauchfahnen kräuseln sich dort, wo es Oskars Kleidung trifft. Es bewegt sich immer noch, versucht sich unter dem Messer wegzudrehen, aber Oskar drückt es mit seinem Knie auf den Boden.
„Gott, ich hasse diese Mistviecher“, stöhnt er und stochert mit dem Messer herum. „Herzloser! Kleiner! Bastard!“ Bei jedem Wort sticht er zu, erst beim vierten Versuch stößt das Monster einen Schrei aus und bleibt bewegungslos liegen.
Anselm starrt ihn an.
„Winzige Herzen.“ Oskar zuckt entschuldigend die Schultern. „Aber den Kopf abschneiden ist tatsächlich noch schwieriger.“
„Was zum Teufel ist das?“ fragt er fassungslos.
„Ein... Zombieweihnachtswichtel. Würde ich sagen.“ Oskar klingt amüsiert. „Punkte für kreative Kostüme.“
„Punkte?!“
Aber Oskar beachtet ihn nicht mehr, er hat sich umgedreht und scheint zu lauschen. „Sht! Da waren noch mehr, oder?“
„Vier.“ Anselm weiß diesmal, woher die Antwort kommt, er hatte sie vorhin gesehen. Nur dass er sie nicht gesehen haben konnte... Das hier ist mit Abstand der verwirrendste Tag in seinem Leben.
„Vier mit dem oder-“
„Nein, ohne das hier offensichtlich“, schnappt Anselm.
Oskar runzelt die Stirn. „Nicht so offensichtlich“, murmelt er beleidigt.
„Was ist hier los?“ fragt Anselm noch einmal. Er ist lauter als beabsichtigt.
Oskar wirft ihm einen panischen Blick zu und zieht ihn ein paar Regale weiter. „Pscht!“ sagt er mit Nachdruck. Anselm verdreht die Augen.
„Okay. Die Zombies sind unter der Kontrolle eines Nekromanten, der hinter dir her ist-“
„Wieso hinter mir her?“
„-wir werden sie abhängen, ihn finden und töten und dann-“
„Wieso. Hinter. Mir her?“
„-wird alles gut, mach dir keine Sorgen, ich krieg das hin.“
Anselm will eigentlich sagen, dass er das absolut nicht glaubt und immer noch eine Antwort auf seine Frage will, aber was stattdessen aus seinem Mund kommt, ist: „Zombiewichtel von rechts in drei, zwei, eins-“
Das Vieh kommt kreischend auf sie zugestürzt, aber Oskar ist bereit, bringt es mit einer zielsicher geworfenen Dose Kondensmilch zu Fall, stürzt sich auf es und sticht mit seinen Messern darauf ein.
„Wir sollten wirklich verschwinden“, sagt er und Anselm ordnet seine Prioritäten neu und nickt nur.
Sie laufen eng ans Regal gepresst bis zum Ende von Konserven und treffen auf den Korridor, der von der Obst-und-Gemüse-Abteilung zu den Frischetheken führt. Aus dem Backzutatenkorridor schräg gegenüber dringen verdächtige, knackende Geräusche. Die Lautsprecheranlage spielt „Little Drummer Boy“ und sie hasten nach einem kurzen „Fertig?“ von Oskar den Hauptgang entlang, hinter den Spirituosen scharf links auf die TK-Abteilung zu, dem Ausgang entgegen. Auf halbem Weg hören sie das bösartige Quietschen der aus Backzutaten kommenden Zombiewichtel, die ihnen mit einem Affenzahn folgen.
Oskar wirft eines seiner Messer, es bleibt in der Augenhöhle eines der Wichtel stecken, aber der einzige Effekt sind ein Fauchen und ein kurzes Straucheln, das Tempo behält es bei. „Nervige Biester!“ beschwert sich Oskar. „Wie hoch kannst du springen?“
„Was?“ Anselm kommt nicht dazu, eine eloquentere Frage zu formulieren, Oskar hat ihn schon wieder am Handgelenk gepackt und sie rennen auf die Kassen zu.
„Über die Kühltruhe“, sagt Oskar und großer Gott, er sagt solche Sätze wirklich, als würden sie so etwas wie einen Plan darstellen.
Anselm versucht seine Hand frei zu zerren. „Vergiss es!“
„Nicht?“ Oskar zögert einen Moment. „Man kann die Dinger schieben, ja?“
Es braucht nicht viel mehr Erklärung. Anselm löst die Bremse an der Truhe und zusammen schieben sie sie mit Wucht auf die näher kommenden Wichtel zu. Zwei springen ohne sichtliche Mühe drüber hinweg, aber das dritte mit dem Messer im Auge verpasst den Absprung und wird unter der Truhe eingeklemmt.
Oskar und Anselm sprinten auf die Kassen zu, gefüllte Einkaufskörben, die von den fliehenden Kunden verlassen wurden, verstellen den Weg.
„Golfschläger!“, ruft Anselm, drückt Oskar sein Messer in die Hand und hastet auf die Sonderangebote zu, wo neben bunten Überdecken auch Golfsets auf großen Paletten liegen. Er schnappt sich eine der Taschen und beginnt an der Plastikverpackung zu zerren. „Verflucht!“
„Beeil dich!“, ruft Oskar, der ihm den Rücken freihält, indem er den Wichteln die Einkaufskörbe in den Weg schiebt.
Anselm bekommt endlich die Verpackung und die darunterliegende Tragetasche auf, reißt die beiden am größten aussehenden Schläger heraus und reicht einen an Oskar weiter, der inzwischen an seiner Seite angelangt ist und schon wieder nur noch eines der Messer in der Hand hat, das andere steckt in der Schulter eines der Wichtel. Der Wichtel ohne Messer setzt gerade zu einem Sprung über einen Einkaufskorb an als Anselm ausholt und wird in der Luft von dem Eisen erwischt und gute drei Meter weiter in das Zeitschriftenregal geschleudert.
Anselm sieht sich kurz nach Oskar um, der dabei ist dem anderen Wichtel mit seinem Golfschläger den Schädel einzuschlagen und dreht sich schnell wieder zum Zeitschriftenregal um, als sich der Wichtel dort aufrappelt und fauchend auf ihn zurennt. Ein paar kräftige Schläge lösen auch dieses Problem und dann ist es still um sie her, wenn man von „Jingle Bells“ absieht, das aus den Lautsprechern dringt.
„Okay“, sagt Anselm, ein bisschen außer Atem. „Was war das und warum ist ein Nekromant hinter mir her?“
Oskar schüttelt den Kopf. „Keine Zeit, wir müssen ihn finden und töten, bevor er uns noch mehr Zombies auf den Hals hetzt.“ Er ist schon auf halbem Weg zu den Rolltreppen, den Golfschläger lässig über der Schulter und das Messer in der Hand baumelnd.
Anselm wirft noch einen schnellen Blick zurück auf das Chaos an den Kassen, dann folgt er ihm hastig. „Kannst du gleichzeitig laufen und reden oder ist das unmöglich?“ fragt Anselm sarkastisch, als sie die ausgeschaltete Rolltreppe hinaufsteigen.
Oskar seufzt theatralisch. „Er will deine Seele stehlen und in eine Kristallkugel einsperren. Schätze ich. Naja, so würde ich es machen – also, an seiner Stelle“, fügt er hastig hinzu.
Anselm versucht eine Antwort zu formulieren, scheitert aber an der schieren Absurdität. Er folgt Oskar als dieser sich nach links wendet, vorbei an einem Schuhgeschäft und einem Coffeeshop. „Warum?“ fragt er schließlich.
„Er will in die Zukunft sehen und die Kugeln auf ebay waren ihm zu teuer?“ bietet Oskar an. „Oder er steht auf Do It Yourself. Und ich muss zugeben, man kann okkulten Objekten, die es im Internet zu kaufen gibt, auch nicht trauen.“
„Aha“, sagt Anselm schwach.
„Wirklich, ich habe mal diesen furchtbaren Zeremoniendolch gekauft und-“ Oskar bricht mitten im Satz ab, um das Rentier anzuschreien, das auf sie zu getrottet kommt. „Wo warst du? Da waren fünf Minizombies, falls es dir nicht aufgefallen ist!“
Das Rentier sieht sich gelassen um. „Du bist mit ihnen zurecht gekommen, wie ich sehe.“
„Nicht dass du einen Anteil daran hattest! Gott, du bist sicher der nutzloseste Geist, mit dem jemals ein Schamane geschlagen war!“
„Auf jeden Topf passt ein Deckel“, bemerkt das Rentier seelenruhig. „Der Weihnachtsmann-“
„Ist ein Nekromant. Ich hätte es beinahe nicht gemerkt. Sag mal, wozu stehst du da seit Wochen, wenn du dann fast den ganzen Tag brauchst, um ihn zu erkennen? Nachdem er Minizombies beschworen hat?“
„Eile mit Weile“, sagt das Rentier. „Ich hätte es auch vorgezogen, nicht wochenlang manifest zu sein und mich angaffen zu lassen. Dieses Geweih ist eine Zumutung.“
„Wo ist er?“
Das Rentier hält die Schnauze in die Luft und schnüffelt ein paar Sekunden gedankenverloren und mit geschlossenen Augen, bevor es sich dazu bequemt, seinen langen Kopf wieder zu senken. „Er ist weggegangen, um die Zombies zu beschwören, ich denke, die Beschwörung hat auf den Herrentoiletten im zweiten Stock stattgefunden. Da ist er aber nicht mehr. Er ist in... nördlicher Richtung. Nordnordwest, würde ich sagen.“
„Anselm?“, fragt Oskar barsch. „Wo ist er?“
„Keine Ahnung. Nordnordwest hat das Rentier gesagt.“ Es sagt eine Menge über den Verlauf dieses Tages aus, dass ihm der Satz nicht weiter verwunderlich vorkommt.
„Ich habe gehört, was das Rentier gesagt hat“, gibt Oskar genervt zurück. „Das Rentier ist unbrauchbar.“
Anselm öffnet den Mund und wartet einen Moment auf die Antwort, aber sie kommt nicht. „Ich habe wirklich keine Ahnung.“
„Ein einfacher Abwehrzauber“, sagt das Rentier beiläufig, „um die prophetischen Kräfte des Orakels zu blockieren. Aber ich bin mir sicher, du wärst auch allein darauf gekommen.“
„Die was des was?“, fragt Anselm.
Das Rentier verdreht die Augen, aber Oskar sieht immerhin so aus, als hätte er es früher erwähnen sollen, als er sagt: „Oh. Du bist ein Orakel, Prophet, Hellseher, Wahrsager, hast das zweite Gesicht und so weiter. Gut für dich. Oder schlecht, je nach Blickwinkel. Glückwunsch jedenfalls.“
Anselm würde gern etwas Schlagfertiges oder Sarkastisches sagen, aber leider ergibt das Sinn. Anselm hatte immer überdurchschnittlich akkurate Intuitionen und sehr lebhafte Träume, Tagträume und Déjà-vus. Er hat als Kind Medikamente dagegen bekommen und es später auf die Drogen geschoben, aber es war nur so ein Ding, nie eine Gabe. Es war nicht so, dass er jemals etwas davon gehabt hätte, außer dass ihn die Leute für irre hielten, wenn er ihnen davon erzählte.
„Anselm? Hallo? Erde an Anselm! Was ist nordnordwestlich von hier?“
„Ähm...“ Das Seltsame, denkt Anselm, ist, dass er das weiß, weil er hier arbeitet, aber er wüsste es auch einfach weil Oskar ihn gefragt hat. „Weihnachtsbaum, Springbrunnen, Imbissecke, Toys'R'us, Centermanagement,-“
„Centermanagement! Irgendwo, von wo aus man die Aufzeichnungen der Überwachungskameras sehen kann?“
„Oh. Ja, klar. Folgt mir.“
Sie machen sich auf den Weg und Anselm fällt erst jetzt auf, dass die Arkaden bis auf sie menschenleer sind. Als er sich umdreht, hat sich das Rentier in Luft aufgelöst und Oskar ist dicht hinter ihm, Gesichtsausdruck entschlossen, Golfschläger in der rechten und Messer in der linken Hand.
Die Tür zu den Büros des Centermanagements ist unauffällig. „Zutritt für Unbefugte verboten“, sagt sie in unaufdringlichen, schnörkellosen Lettern. Es gibt keine Klinke, nur einen Knauf und ein Schlüsselloch. Oskar hebt den Golfschläger, aber Anselm unterbricht ihn mit einer Hand auf seinem Arm.
„Ich kann die aufmachen, wenn du willst“, bietet er an.
„Du hast einen Schlüssel?“
Anselm ist schon vor der Tür in die Knie gegangen und hat seine Picks herausgeholt. „Das hab ich nicht gesagt“, murmelt er. Es dauert knappe vier Minuten, weil Anselm seit Jahren kein Schloss geknackt hat und Oskar ihn alle paar Sekunden fragt, ob er fertig ist. „Du wärst mit einem Golfschläger nicht wesentlich schneller, du Idiot“, faucht Anselm nach dem vierten mal, woraufhin Oskar beleidigt schnaubt und ein paar Schritte zurück geht.
Er murmelt irgendetwas unverständliches.
„Wie bitte?“, fragt Anselm.
„Ich beschwöre Dings in meine Waffe zu fahren.“
„Ah“, macht Anselm, findet dann aber, dass ihm ein paar Fragen durchaus zustehen. „Dings?“
„So nenne ich meinen Geist“, erklärt Oskar. „Das Rentier.“
„Hat es keinen ordentlichen Namen?“
Oskar zuckt die Schultern. „Wenn man den Namen eines Geistes kennt, kann man ihn rufen. Man ist also als Schamane gut beraten, den Namen des eigenen Geistes nicht bei jeder Gelegenheit auszuposaunen.“
Anselm muss kein Orakel sein, um zu ahnen, dass Oskar diese Lektion auf die harte Tour gelernt hat. Zu wissen, dass die mentalen Bilder nicht seiner überaktiven Phantasie entstammen, sondern vermutlich der Realität entsprechen, macht die Sache allerdings weniger komisch.
Als die Tür endlich offen ist, schiebt sich Oskar an Anselm vorbei nach vorn, den Golfschläger erhoben und das Messer nach vorne gerichtet in derselben Hand wie das Ende des Schlägers. Es sieht ziemlich effizient aus, findet Anselm.
Der Flur ist dunkel und sie stoßen nacheinander die Türen der Büros auf. Sie sind alle leer, bis sie zum fünften Raum. Zwischen Monitoren, auf denen Bilder der Überwachungskameras flackern, steht der Weihnachtsmann und grinst hämisch. „Ich habe euch erwartet!“, sagt er.
Oskar seufzt genervt. „Punktabzug.“
Der Weihnachtsmann sieht ihn verwirrt an.
„'Ich habe euch erwartet'? Wirklich?“ Oskar verdreht die Augen und hat dem Nekromanten im nächsten Moment das Messer von unten in den Brustkorb gestochen.
Der wachsame Blick löst sich vom Golfschläger und der Mann scheint erst jetzt das Messer zu bemerken. Der weiße Saum des Weichnachtsmannkostüms färbt sich rot, als er sich mit Blut vollsaugt. Der Mund öffnet sich für ein gurgelndes Geräusch und ein kleines Rinnsal aus Speichel und Blut, dann sackt der Nekromant vor Oskars Füßen zusammen.
„Hm“, macht Oskar. „Das war antiklimaktisch.“ Er wendet sich zu Anselm um, der ein wenig ungläubig auf den toten Weihnachtsmann starrt. „Was meinst du, könnten wir zwei vielleicht mal einen Kaffee zusammen trinken?“
Anselm braucht einen Moment, um sich zu fassen. „Was?“ fragt er dann, ziemlich ruhig und, wie er findet, ziemlich gerechtfertigt.
„Kaffee. Du und ich“, bricht Oskar es auf die wichtigsten Stichpunkte herunter. „Obwohl das 'du und ich' hier entscheidend ist und ich den Kaffee eher euphemistisch meinte. Oder symbolisch?“ Er runzelt die Stirn und lächelt trocken. „Ich mag tatsächlichen Kaffee nicht besonders.“
Er wäre der erste, der zugibt, darin nicht sonderlich viel Erfahrung zu haben, aber Anselm ist sich ziemlich sicher, dass es schlechte Etikette ist, jemandem über der Leiche eines als Weihnachtsmann verkleideten Nekromanten nach einem Date zu fragen. Apropos-
Anselm kommt gerade noch dazu „Pass a-!“ zu sagen, bevor er gegen eine Wand geschleudert wird. Es fühlt sich an, als würden seine Arme von eisigen Händen festgehalten. So unglaublich kalt, dass er sich nicht sicher ist, ob der unsichtbare Griff weh tut. Vermutlich schon. Er fühlt, wie er nach oben gezogen wird, bis seine Füße den Boden kaum noch berühren. Inzwischen ist er sich ziemlich sicher, dass es verdammt weh tut.
Er sieht sich panisch nach Oskar um, der unter ihm auf dem Boden liegt. Sein Körper lehnt schlaff gegen die Wand und Anselm kann sehen, dass seine Augen geschlossen sind und sich die Kopfwunde vom Sturz die Rolltreppe hinunter sich wieder geöffnet hat.
„Geisterbeschwörer“, sagt der Nekromant abfällig. „Dummes Pack.“ Er steht schwerfällig auf, aber die Bewegungen werden schnell flüssiger und als er sich Anselm nähert, wirkt er ganz als wäre er nie erstochen worden. „Versucht, jemanden wie mich mit einer gewöhnlichen Waffe zu töten!“ Sein Ton klingt amüsiert, aber seine Augen bleiben kalt auf Anselm gerichtet, der plötzlich versteht, warum er als Kind solche panische Angst vor Weihnachtsmännern hatte.
Der Nekromant hebt seine Hand, in der er eine silberne Flasche hält. Seine andere Hand fährt Anselm durch die Haare, bis sie auf seinem Hinterkopf liegen bleibt und sich festkrallt. Sein Kopf wird nach hinten gezwungen und die Flasche nähert sich seinen Lippen. Er versucht sich verzweifelt zu wehren, aber es gibt wirklich nicht viel, was er tun kann, und die Kälte ist inzwischen so schlimm, dass sie das Atmen schwer macht.
Dann ist da plötzlich ein dumpfer Schlag. Die Flasche stoppt und die Kälte stoppt. Anselm fällt auf die Knie und er kann sich gerade so aufrecht genug halten, um nach hinten gegen die Wand zu kippen und nicht nach vorn auf den Nekromanten. Oskar steht über der liegenden Gestalt und schlägt wie von Sinnen mit dem Golfschläger auf dessen Kopf ein.
„Gott! Verdammt! Ich HASSE! Diesen absolut! Nutzlosen! Geist!“ Als der Schläger beim Auftreffen nur noch matschige Geräusche macht, hält Oskar schließlich inne, dann feuert er ihn mit unverhohlener Wut in die Zimmerecke und gibt der Leiche noch einen Tritt, um die Sache abzurunden.
Für einen Moment steht er schwer atmend da, dann weicht die Anspannung aus seinen Schultern und er geht hinüber zu Anselm und lässt sich neben ihm an der Wand hinunter rutschen. „Ich schwöre dir, dieser verdammte Geist will mich umbringen“, sagt er und klingt dabei so verletzt, dass Anselm ihm gern einen Arm um die Schultern legen würde. Aber in seinen Armen setzt gerade dieses brennende Prickeln des Auftauens ein und er hält es für besser, sie so wenig wie möglich zu bewegen. Stattdessen lehnt er sich ein wenig zur Seite, bis sich ihre Schultern berühren.
„Also falls du nichts anderes vor hast“, beginnt er zögerlich.
„Hm?“ macht Oskar und dreht seinen Kopf, um ihn anzusehen. Sein Gesicht sieht ganz unmöglich aus mit den schrecklich blassen Augen hinter den wirren schwarzen Haaren und der bleichen, blutverschmierten Haut.
„Ähm. Meine Mitbewohnerinnen geben ein Weihnachtsessen, also wenn du möchtest...“
Oskar grinst verwegen und Anselm lächelt zurück.
no subject
Date: 2010-12-26 10:38 am (UTC)♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥
Ich hab die ganze Zeit nur gefeiert beim Lesen. Herr~lich.
Oskar ist einfach entzückend planlos und lolig und adorable - und ich finde Tschibo auch eine segensreiche Erfindung. <3 Und Anselm ist ja soooo cool. Man versteht vollkommen wieso Oskar so hin und weg von ihm ist.
Und Zombieweihnachteswichtel! Zombie~weihnachts~wichtel! Ich kann das nicht oft genug wiederholen. Wie awesome ist das? *-*
Es war so romantisch und lustig und blutig und einfach herrlich. Liebe.
Bitte mehr, bitte bald, bitte schnell! *_*
no subject
Date: 2010-12-30 12:19 pm (UTC)Ich habe mich köstlich amüsiert. Vielen Dank! ♥