Wichtelbeitrag für Lokuro
Dec. 26th, 2010 11:19 amTitel: Chk-chk Boom
Fandom: Original
Für:
lokuro
Autor:
kleine_aster
Personen: Rufus Murnau, Damien und Lucas Lestrade
Challenges: „Falsche Entscheidungen“, „Love your enemies – nothing annoys them so much!“ (Oscar Wilde), von allem hoffentlich ein bisschen.
Wörter: 2,999
Anmerkungen: „Realistische Charaktere“ äääh lasst uns nicht darüber reden, haha … ^^*
Lieber Wichtelmensch, ich wünsche dir frohe Weihnachten, und hoffe, dass dir diese ziemliche merkwürdige kleine Geschichte irgendwie etwas Freude macht! ♥
Nachwuchs-Detektiv Murnau ist inspiriert von Joseph Gordon-Levitt in Brick. Also zumindest hier ein kleiner Augenschmaus nebenher. =)
Es war kalt. So kalt. Der Frost schien sich fest in die schmucklosen Betonwände verbissen zu haben. Was wahrscheinlich daran lag, dass sie sich im schätzungsweise -15. Stock einer unterirdischen Basis befanden, irgendwo an der Ostsee, wo keiner einen schreien hörte. Murnau hatte schon von diesem Ort gehört. Allerdings nur gerüchteweise. Die, die schon einmal hier gewesen waren, wurden betäubt oder mit verbundenen Augen hergekarrt und mussten hinterher eine Erklärung unterschreiben, niemandem etwas davon zu verraten. Wenn sie noch Finger hatten, mit denen sie das konnten.
Zum ersten Mal in seinem Leben bereute er, dass er immer nur seine coolen fingerlosen Handschuhe trug, damit er auch im Winter beim Lösen seiner Fälle lässig an einer Zigarette ziehen konnte. Er unterdrückte den Impuls, sich zum Aufwärmen auf seine Finger zu blasen. Kein Anzeichen von Schwäche zeigen. Die Lage war kritisch. Oder zumindest unübersichtlich.
„Weißt du, welcher Tag heute ist?“
Die Frage war in einem höhnischen Ton gestellt – was nicht weiter verwunderte, wenn man wusste, von wem sie kam. Und Rufus Murnau wusste es genau.
Die Lestrade-Brüder hatten sich über seine Pritsche gebeugt wie zwei hungrige Raubvögel. Damien Lestrade, der ältere, trug ein sardonisches Lächeln und einen erlesenen Smoking mit einer leicht anzüglichen pinken Fliege. Neben ihm stand sein kleiner Bruder Lucas. In einem mausgrauen Anzug, der extra dafür geschneidert schien, Damien nicht die Show zu stehlen. Er grinste, wie nur er grinsen konnte, während er einem gleichzeitig eine Walther PPK ins Gesicht hielt.
Die Brüder waren die Gründer und Vorsitzenden der UCYD (United Club Of Young Detectives – Damien hatte sich den Namen ausgedacht, als er 12 war und noch nicht sonderlich viel Englisch konnte), für dessen Mitgliedschaft sich Murnau beworben hatte, weil es keine Wahl gab. Die Lestrades hielten das internationale Nachwuchsdetektiv-Business fest in ihren Klauen. Als Kinder waren sie die Stars ihrer eigenen Detektivserie gewesen, hatten abenteuerliche Fälle gelöst, ein kleines Vermögen verdient. Dann waren sie offensichtlich beide wahnsinnig geworden, und verhielten sich wie Gangster gegen alle, die sie als Bedrohung empfanden. Sie hatten sozusagen fließend die Seite gewechselt, und keiner traute sich, es ihnen zu sagen.
Die beiden sahen beinahe identisch aus – nur war Lucas etwas gedrungener, etwas weniger imposant, und Damien hatte ganz offensichtlich alles an Charisma geerbt, was der Familiengenpool hergab. Man hätte Lucas übersehen, wenn er nicht so oft und gut bewaffnet gewesen wäre. Damien wäre es natürlich nie eingefallen, etwas mit einem Abzug auch nur anzufassen.
Murnau richtete sich ohne Eile auf. Er war schon eine Weile im Geschäft. Er sprang mittlerweile nicht mehr gleich aus der Haut, wenn man ihm eine Knarre ins Gesicht schob.
„Weihnachten,“ war seine Antwort auf die gehässige Frage. Er war sich ziemlich sicher. Als man ihn in seinem Zimmer des Nachts betäubt und verschleppt hatte, war es der 22. gewesen. Seitdem saß er in diesem Verlies ohne Fenster, aber seine innere Uhr ließ ihn nie im Stich. In Gefangenschaft nicht den Überblick zu verlieren, gehörte zu den wichtigsten Eigenschaften eines Detektives.
Ein unwilliges Zucken in Damiens Mundwinkel verriet Murnau, dass er recht hatte.
„Das mag sein,“ sagte der ältere Lestrade leicht verärgert, „aber vor allem ist heute der Tag deiner letzten Prüfung vor der Aufnahme in unseren illustren Verein.“ Er machte eine große Geste, die im Sande verlief, da ihn nur die karge Zelle umgab. „Bist du bereit?“
Murnau grinste. Die dicken Ringe unter seinen Augen sprachen zwar eine andere Sprache, aber er hatte nicht vor, sich verunsichert zu geben. „Nein,“ brummte er mit so viel Kraft, wie er aufbrachte, nachdem man ihn zwei Tage lang nur mit Suppe und Toast gefüttert hatte. „Ist das nicht der Sinn der Sache?“
Damien starrte ihn nieder. Murnau wusste, dass von ihm erwartet wurde, sich zu erkundigen was er zu tun hätte. Aber das würde nicht passieren.
Schließlich beugte sich Damien höchst verstimmt zu ihm herunter. „Ok, kleiner Tip: ein stures Arschloch zu sein, zahlt sich in diesem Business GAR nicht aus. Hat man dir niemals etwas über Diplomatie beigebracht?“
Diplomatie? Das sagte der Richtige. „Hast du dich eigentlich selbst in meinem Wandschrank eingerollt, um mich zu betäuben?“ Wollte Murnau frech wissen. „Oder hast du dein Äffchen vorgeschickt?“ Lucas Lestrade machte ein ziemlich hell klingendes, verwundetes Geräusch, was verriet, dass er sich mit „Äffchen“ durchaus angesprochen fühlte, was irgendwie traurig war.
Damiens Lächeln war nach wie vor mörderisch, aber seine Augenbrauen zuckten bedenklich. „Ich … ok, ich hab keine Zeit für sowas. Hier ist deine Aufgabe, Murnau.“
Murnau lehnte sich zurück und verschränkte die Arme, als bereite er sich auf ein sehr dummes Referat vor. Damien begann, vor ihm auf und ab zu schreiten, was er zugegebenermaßen sehr gut konnte. „Dies,“ hub er an, „ist im wahrste Sinne die letzte Prüfung. Denn wenn ein Detektiv das hier nicht beherrscht, kann ihn all sein Können nicht retten.“
Murnau begann unwillkürlich zuzuhören. Damien sprach mit Autorität, als wüsste er, wovon er redete.
Er gab seinem Bruder ein Zeichen, und zum ersten Mal wurden Murnaus Knie weich, als er das scharfe Klicken der Sicherung hörte, die ausgestellt wurde. Es hallte unangenehm in dem nackten Raum nach.
„Es kommt immer der Moment,“ fuhr Damien ungerührt fort, „in dem ein Meisterdetektiv seiner Nemesis in die Hände fällt. Ganz allein, schutzlos, vielleicht – “ er tat schockiert – „sogar gänzlich unvorbereitet. In dem er sich mit einem Messer im Rücken wiederfindet. Einer Klinge an seinem Hals. Oder dem Lauf einer Pistole zwischen den Augen … so wie du.“
Der ältere der Lestrade-Brüder neigte sich ihm wieder zu, so dass Murnau fast seinen Atem auf der Haut fühlen konnte, der ohne Zweifel minzfrisch duftete, denn Damien achtete auf sowas.
„Und weißt du was …? Diese Dinge enden. Immer. Auf. Dieselbe. Weise.“
Murnau zwang sich, langsam und regelmäßig zu atmen. Er wusste nicht mehr, wo er hinsehen sollte. Damien sprach mit ihm, aber der geölte Lauf der Walther, die Lucas hielt, war hypnotisch, schwarz und endlos und direkt vor seinem Gesicht. Damiens Stimme war ein intimes Flüstern; wie er in den Ruf geraten konnte, auf der Seite des Gesetzes zu stehen … Murnau wusste es nicht.
„Ich werde dir verraten, wie’s ausgeht,“ raunte er. „Das Beste, das Klügste, das ein Verbrecher in diesem Moment tun könnte, wäre zuzustechen. Abzudrücken. Seinen Gegner – das bist du – ein für allemal auszuschalten.“
Murnau hielt die Luft an. Aber Damien schnippte mit den Fingern, und Lucas, der ihm so bezaubert zugehört hatte, zog sich zurück.
„Aber aus irgendeinem Grund … tun sie es nie.“
Es war ein perfekt einstudiertes Schauspiel. Entweder die beiden Brüder machten das unentwegt, oder sie probten es heimlich in ihrer Freizeit, was den ganzen Mumpiz fast noch lächerlicher machte. Dennoch konnte Murnau einen erleichterten Laut nicht unterdrücken. Er brach aus ihm heraus, hörbar und beschämend.
Lucas‘ Füße scharrten auf dem steinernen Boden, als er sich diskret hinter seinem Bruder aufstellte, der Murnau nach wie vor anstarrte, als wolle er ihn fressen. Oder unanständige Dinge mit ihm tun.
Ein nervöses Zucken, vielleicht eine Art Tick, lief über sein Gesicht. „Es ist der alles entscheidende Moment. Und sie entscheiden sich immer dagegen, den Helden zu töten. Und weißt du, warum?“
Murnau, dem gerade die Worte fehlten, zuckte mit den Schultern. Nicht sein smartester Moment. Damien nickte zufrieden und richtete sich auf.
„Niemand weiß es,“ sagte er dann, wesentlich nüchterner. „Es wäre eine vernünftige Entscheidung, und die meisten Verbrecher sind klug. Aber irgendetwas hält sie immer zurück. Ein Wort. Ein Blick. Irgendetwas, das du tust, muss sie davon abhalten, dich töten zu wollen. Und nur, wenn du diese Kunst beherrscht, wirst du lange genug leben, sie zur Strecke zu bringen.“
Murnau lief ein leiser Schauer über den Rücken. Er war noch nicht lange genug dabei; er hatte keine Erznemesis. Aber er wusste, dass Damien recht hatte. Dieser hatte nun eine 180 Grad-Wende gemacht und wirkte wieder so vergnügt und distanziert wie zu Beginn des Gesprächs. Er machte erneut eine einladende Geste. Sein bewaffneter Bruder stand hinter ihm wie ein tückischer Schatten.
„Und diese Kunst wirst du nun unter Beweis stellen, Murnau. Kannst du einen Verbrecher davon abbringen, dich abzuknallen? Du musst. Es ist der einzige Weg für dich, unserer Organisation beizutreten. Im Übrigen ist es auch der einzige Weg für dich, unsere Insel lebend zu verlassen.“
Murnau flog der Mund auf. Kidnapping? Einschüchterung? Ok. Aber die Bewerbung bei der UCYD hatte eine Sterbeklausel? Wirklich?
„Die Rolle deiner Erznemesis wird in diesem Falle von meinem kleinen Bruder gespielt.“
„Hi!“ sagte Lucas eine Spur zu aufgeregt, als hätte er Murnau nicht eben schon mit einer Knarre im Gesicht bedroht. Mit einem schuldbewussten Blick auf Damien riss er sich zusammen und versuchte, so sadistisch wie sein Bruder auszusehen. „Es wird mir ein Vergnügen sein,“ sagte er dann einem weitaus schurkischeren Ton.
Murnau musste trotz seiner Todesangst grinsen. Gut. Es war der alles entscheidende Test, und Damien überließ ihn der lahmenden Gazelle.
„Wir bieten dir sicher ein tolles Schauspiel,“ sagte er herablassend.
„Was, mir?“ Damien winkte ab und warf sich seinen Kaschmirschal über die Schulter, wie nur er es konnte. „Nein, ich hab besseres zu tun. Ich geh auf eine Weihnachtsfeier im Marriot. Ich werde später nachsehen, ob noch was von dir übrig ist. Lebwohl, Murnau.“
Mit diesen Worten drehte er sich um und verliess mit leichten, federnden Schritten die Zelle. „Ich freue mich auf die Videoauswertung!“ sagte er noch, bevor die schwere Tür hinter ihm zufiel.
Nun waren es nur noch er, Lucas, und eine Walther PPK.
Murnau hatte ernsthaft geglaubt, er würde mit ihm fertig. Aber während sie sich anschwiegen, kroch das Unbehagen an ihm hoch.
Murnau starrte ihn an. Es war merkwürdig. Er wusste, dass die Lestrades oft als Doppelgänger voneinander auftraten, aber wenn man nur Lucas allein sah, funktionierte die Illusion nicht. Er und Damien waren wirklich fast identisch. Aber die stahlblauen Augen, die bei Damien magnetisch und entschlossen wirkten, sahen an ihm wässrig und trübe und fast leblos aus. Er sprach fast nie, er handelte nur, wenn Damien es ihm sagte. Er agierte im wahrsten Sinne des Wortes wie der Schatten seines Bruders und wenn dieser nicht da war, blieb nur Dunkelheit –
Das nächste, was Murnau hörte, war der Abzug, der gedrückt wurde.
Bzzzt!
Und das nächste, was er fühlte, war ein brennender Schmerz, der ihn direkt an der Brust packte und schüttelte.
„Y-ARGH!“
Er stürzte von seiner Pritsche und krümmte sich am Boden. Er hätte fast vor unterwürfiger Dankbarkeit geweint, als der Schmerz so plötzlich nachließ, wie er begonnen hatte. Erst dann entdeckte er die Elektroden, die sich an seine Brust geheftet hatten. Der Stromstoß war milde genug, um nicht gefährlich zu sein, und trotzdem höllisch wehzutun.
Lucas hatte eine Elektroschock-Walther. Das musste eine Spezialanfertigung sein. Die für nichts anderes bestimmt war als das hier. Ihm wurde schlecht.
„Was … zum …was … du Bastard … was …war das?“ Keuchte er.
Lucas neigte den Kopf. „Du bist tot,“ teilte er ihm trocken mit. „Du hast zu lange gewartet. Du hast außerdem überhaupt nichts gemacht. Dein Moment ist vorbei.“ Er setzte ein höfliches, kaltes Lächeln auf. „Ich muss dir nun eine Spritze mit mehreren Millilitern von etwas verabreichen und dich entfernen. Tut mir leid. Das sind die Reg – “
„Warte!“
Lucas erstarrte verblüfft und großäugig in der Bewegung. Murnau floppte hilflos auf dem Boden herum wie ein sterbender Fisch. „Gib mir noch eine Chance. Ich … ich wusste nicht, dass wir schon angefangen hatten!“
Lucas sah ihn fassungslos an. Die Waffe baumelte lose an seiner Seite. „Denkst du, im wirklichen Leben warten sie, bis du angefangen hast?!“ Spie er. Murnau fiel zum ersten Mal auf, dass all diese unterschwellige Boshaftigkeit an Damien theatralisch wirkte, an Lucas dagegen verstörend echt. „Glaubst du, Moriarty wartet, bis du angefangen hast? Hannibal Lecter wartet, bis du angefangen hast? Lord Voldemort wartet, bis d – “
Murnau hob amüsiert eine Augenbraue. „Lord Voldemort?“ Fragte er gedehnt.
Lucas verschränkte die Arme vor der Brust. „Es geht dich gar nichts an, was ich in meiner Freizeit lese,“ erklärte er kategorisch. Aber er war offensichtlich aus dem Konzept gekommen. Murnau richtete sich auf den Knien auf und probierte seinen einzigen liebenswerten Gesichtsausdruck aus.
„Ich bitte dich bei allem, was mir heilig ist.“ Er war ein Atheist, von daher war ihm gar nichts heilig, außer vielleicht seiner Sammlung aus DVDs von Krimis aus den 30ern. „Lass es mich noch einmal versuchen. Bitte.“
„Warum sollte ich?“
Dazu fiel Murnau, zumindest im ersten Moment, nichts ein. Dann kam ihm eine Idee. „Gehst du deinem Bruder nach auf die Weihnachtsfeier, wenn das hier vorbei ist?“
„Nein, ich bin nicht eingeladen,“ sagte Lucas gerade heraus. „Wir machen doch immer noch die Doppelgänger-Nummer und Damien sagt, es ist nicht gut, wenn zu viele Leute uns zusammen sehen, also …“
Murnaus Augen verengten sich zu Schlitzen. „Das heißt also, an Heiligabend macht dein Bruder Party und trifft sich mit den Reichen und Schönen, und du machst … das hier?“
„Nicht den ganzen Abend!“ Lucas schlenkerte mit der Waffe, die von Murnau besorgt beäugt wurde. „Später wollte ich noch ein Sudoku in der Badewanne mach – “ Er wurde rot und entsicherte seine Waffe erneut. „Na schön. Noch einen Versuch!“
Murnau lächelte triumphierend. „Ok – “
Bzzzt!
„Y-AUGH! OH GOTT. DU ARSCHLOCH. WARUM?!“
„Dein Moment war schon wieder vorbei!“ Lucas klang langsam genervt. „Du musst irgendwas machen, mann! Tu irgendwas, das mich dazu bringt, dich WENIGER umbringen zu wollen. Dieses feiste Grinsen ist keine Hilfe.“
Murnau rechnete fest damit, dass es nun gelaufen war, aber stattdessen blickte er einen Moment später erneut in die Pistolenmündung. „Nochmal.“
Mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht blickte er zu Lucas auf. „Hast du eigentlich keine Eltern…?“ Stöhnte er. „Hast du denn niemanden, zu dem du eigentlich gehen müsstest? Wenn du daran denkst, dass in diesem Augenblick überall auf der Welt Menschen Geschenke auspacken und beisammen sind und Kekse essen und Lieder singen, erfüllt dich das nicht mit Leere und Traurigk – “
Bzzzt!
„AU!“
„Schon besser. Die klassische hast-du-denn-keinen-der-dich-liebt-Ansprache. Gleich am Start mit den Gefühlen. Besser, aber noch nicht gut genug. Aber ich glaube, du hattest es fast.“ Klick-klick. „Nochmal.“
„Lucas,“ röchelte Murnau, der sich am Boden krümmte. „Du bist ein Psychopath.“
Die Miene des anderen blieb versteinert. Er bewegte abwartend die Hand. „Uuund…?“ Machte er erwartungsvoll.
„Nichts. Das ist keine Strategie. Das ist meine ehrliche Meinung. Ich glaube, du hast tiefe Probleme, über die du mit irgendwem reden mu …“
„Hm.“ Bzzzt!
Murnau rollte sich auf den Rücken. Bewusstlos werden wurde als Option immer attraktiver. Über sich sah er Lucas‘ merkwürdig mitleidsloses Gesicht.
„Ich … nghn … hasse dich … gerade … so sehr … “, brachte er gurgelnd hervor.
Seltsamerweise brachte ihm das keinen Schock ein. Lucas schmunzelte. „Das macht nichts.“ Klick-klick. „Wir haben noch den ganzen Abend, um uns kennen zu lernen.“
Und genau so war es.
…
„Außerdem bin ich das einzige Kind meiner Mutter, willst du eine unschuldige Frau zum weinen bri – “
Bzzzt!
…
„Du kannst mich nicht töten! Nicht mit den wichtigen Informationen, die ich über …“
„…?“
„Äh … über d- ähm.“
Bzzzt!
…
„…weißt du was? Alle gehen davon aus, dass dein Bruder labil und gemeingefährlich ist, aber in Wirklichkeit bist du es! DU bist labil und gemeingefährlich!“
„Oh. Danke.“
„Wie, DAS funktioniert?“
Bzzzt!
…
„Sie fragen, was du willst.“
„Die Nummer 37, mit scharfer Soße, aber ohne Pilze. Du?“
„Nummer 12, mit Reis statt Nudeln und einem Glückskeks.“
„Ich glaube, ich will auch einen Glückskeks. Klingt g – “
Bzzzt!
„OKAY, WOFÜR WAR DAS DENN? Ich dachte, wir wären noch im Time-out! Argh.“
„Nur so.“
…
„…“
„Murnau? Greifst du mir gerade am Bein hoch? Was … was wird das? Versuchst du gerade, mich zu verführen? Was zum …“
„Äh. Ah ha ha. I-ich dachte, warum eigentlich nicht?“
„…“
„Bzzzt?“
„Hm. Nein. Ich find’s eigentlich nicht schlecht. Mach weiter. Du könntest ein bisschen mehr so agieren, als wenn‘s dir Spaß macht.“
…
Murnaus innere Uhr verriet ihm, dass es in den frühen Morgenstunden sein musste, als sie schließlich zusammen erschöpft auf dem Boden des Verlieses lagen und beide nicht mehr konnten. Er hätte Lucas nun die Wumme entreißen und ihm sein Gesicht zu Brei schlagen können. Aber er kam einfach nicht mehr hoch.
„Sag mal,“ murmelte er. „Geht dein Bruder immer so lange aus? Es ist fast fünf oder so.“
„Mhm.“ Lucas stieß unenthusiastisch die Faust in die Luft. „Er ist ein Feierbiest!“
Murnau blinzelte träge. „Ich nehm an … es wird ihn freuen, dass ich … versagt habe…“
„Nein, du hast bestanden. Ich geh gleich hoch, deinen Mitgliedsausweis laminieren.“
„Was?!“
Lucas seufzte, setzte sich auf und schlang die Arme um seine Knie. „Nun,“ sagte er verlegen. „Mein Auftrag war es, dich mit einer Spritze zu betäuben und dich wieder zurück nach Hause zu bringen, wenn du die Prüfung nicht schaffst. Das wäre dein eigentliches Game Over gewesen. Aber …“
Er biss sich auf die Lippen. „Das habe ich nicht gemacht, stimmt’s? Es war die einzige Sache, die ich mit dir tun sollte, und du hast mich davon abgebracht. Und damit hast du … gewonnen.“
Murnau sah ihn ergriffen an. „Alter,“ sagte er langsam. „Das ist so meta.“ Dann stutzte er. „Moment. Wenn ich in dem Moment schon gewonnen hatte – warum hast du mich die ganze Nacht gequält!?“
Lucas hob die Schultern. „Es ist Weihnachten, ich wollte nicht alleine sein.“
Murnau blickte ihn für einen Augenblick nur wortlos an. Dann reifte in ihm ein Gedanke, der sich sofort seinen Weg über die Lippen nach draußen suchte.
„Ich glaube, ich hab meine Erznemesis gefunden.“
Das schien Lucas noch verlegener zu machen. Er winkte ab. „Nicht doch, das geht nicht! Wie soll das funktionieren? Wir sind beide bei den Guten.“
Murnau blinzelte. Einmal. Zweimal.
„Lucas,“ sagte er dann aufrichtig. „Du bist keiner von den Guten. Bitte, bitte versteh das. Du bist sowas von keiner von den Guten.“
Lucas drehte sich ihm zu und schien ihn scharf ins Auge zu fassen. Und einen Moment lang sah es aus, als würde er gegen die Versuchung ankämpfen. Dann hob er lapidar die Schultern.
„Wie du meinst,“ sagte er dann, und rammte Murnau eine Dosis Betäubungsmittel ins Bein.
Fandom: Original
Für:
Autor:
Personen: Rufus Murnau, Damien und Lucas Lestrade
Challenges: „Falsche Entscheidungen“, „Love your enemies – nothing annoys them so much!“ (Oscar Wilde), von allem hoffentlich ein bisschen.
Wörter: 2,999
Anmerkungen: „Realistische Charaktere“ äääh lasst uns nicht darüber reden, haha … ^^*
Lieber Wichtelmensch, ich wünsche dir frohe Weihnachten, und hoffe, dass dir diese ziemliche merkwürdige kleine Geschichte irgendwie etwas Freude macht! ♥
Nachwuchs-Detektiv Murnau ist inspiriert von Joseph Gordon-Levitt in Brick. Also zumindest hier ein kleiner Augenschmaus nebenher. =)
Es war kalt. So kalt. Der Frost schien sich fest in die schmucklosen Betonwände verbissen zu haben. Was wahrscheinlich daran lag, dass sie sich im schätzungsweise -15. Stock einer unterirdischen Basis befanden, irgendwo an der Ostsee, wo keiner einen schreien hörte. Murnau hatte schon von diesem Ort gehört. Allerdings nur gerüchteweise. Die, die schon einmal hier gewesen waren, wurden betäubt oder mit verbundenen Augen hergekarrt und mussten hinterher eine Erklärung unterschreiben, niemandem etwas davon zu verraten. Wenn sie noch Finger hatten, mit denen sie das konnten.
Zum ersten Mal in seinem Leben bereute er, dass er immer nur seine coolen fingerlosen Handschuhe trug, damit er auch im Winter beim Lösen seiner Fälle lässig an einer Zigarette ziehen konnte. Er unterdrückte den Impuls, sich zum Aufwärmen auf seine Finger zu blasen. Kein Anzeichen von Schwäche zeigen. Die Lage war kritisch. Oder zumindest unübersichtlich.
„Weißt du, welcher Tag heute ist?“
Die Frage war in einem höhnischen Ton gestellt – was nicht weiter verwunderte, wenn man wusste, von wem sie kam. Und Rufus Murnau wusste es genau.
Die Lestrade-Brüder hatten sich über seine Pritsche gebeugt wie zwei hungrige Raubvögel. Damien Lestrade, der ältere, trug ein sardonisches Lächeln und einen erlesenen Smoking mit einer leicht anzüglichen pinken Fliege. Neben ihm stand sein kleiner Bruder Lucas. In einem mausgrauen Anzug, der extra dafür geschneidert schien, Damien nicht die Show zu stehlen. Er grinste, wie nur er grinsen konnte, während er einem gleichzeitig eine Walther PPK ins Gesicht hielt.
Die Brüder waren die Gründer und Vorsitzenden der UCYD (United Club Of Young Detectives – Damien hatte sich den Namen ausgedacht, als er 12 war und noch nicht sonderlich viel Englisch konnte), für dessen Mitgliedschaft sich Murnau beworben hatte, weil es keine Wahl gab. Die Lestrades hielten das internationale Nachwuchsdetektiv-Business fest in ihren Klauen. Als Kinder waren sie die Stars ihrer eigenen Detektivserie gewesen, hatten abenteuerliche Fälle gelöst, ein kleines Vermögen verdient. Dann waren sie offensichtlich beide wahnsinnig geworden, und verhielten sich wie Gangster gegen alle, die sie als Bedrohung empfanden. Sie hatten sozusagen fließend die Seite gewechselt, und keiner traute sich, es ihnen zu sagen.
Die beiden sahen beinahe identisch aus – nur war Lucas etwas gedrungener, etwas weniger imposant, und Damien hatte ganz offensichtlich alles an Charisma geerbt, was der Familiengenpool hergab. Man hätte Lucas übersehen, wenn er nicht so oft und gut bewaffnet gewesen wäre. Damien wäre es natürlich nie eingefallen, etwas mit einem Abzug auch nur anzufassen.
Murnau richtete sich ohne Eile auf. Er war schon eine Weile im Geschäft. Er sprang mittlerweile nicht mehr gleich aus der Haut, wenn man ihm eine Knarre ins Gesicht schob.
„Weihnachten,“ war seine Antwort auf die gehässige Frage. Er war sich ziemlich sicher. Als man ihn in seinem Zimmer des Nachts betäubt und verschleppt hatte, war es der 22. gewesen. Seitdem saß er in diesem Verlies ohne Fenster, aber seine innere Uhr ließ ihn nie im Stich. In Gefangenschaft nicht den Überblick zu verlieren, gehörte zu den wichtigsten Eigenschaften eines Detektives.
Ein unwilliges Zucken in Damiens Mundwinkel verriet Murnau, dass er recht hatte.
„Das mag sein,“ sagte der ältere Lestrade leicht verärgert, „aber vor allem ist heute der Tag deiner letzten Prüfung vor der Aufnahme in unseren illustren Verein.“ Er machte eine große Geste, die im Sande verlief, da ihn nur die karge Zelle umgab. „Bist du bereit?“
Murnau grinste. Die dicken Ringe unter seinen Augen sprachen zwar eine andere Sprache, aber er hatte nicht vor, sich verunsichert zu geben. „Nein,“ brummte er mit so viel Kraft, wie er aufbrachte, nachdem man ihn zwei Tage lang nur mit Suppe und Toast gefüttert hatte. „Ist das nicht der Sinn der Sache?“
Damien starrte ihn nieder. Murnau wusste, dass von ihm erwartet wurde, sich zu erkundigen was er zu tun hätte. Aber das würde nicht passieren.
Schließlich beugte sich Damien höchst verstimmt zu ihm herunter. „Ok, kleiner Tip: ein stures Arschloch zu sein, zahlt sich in diesem Business GAR nicht aus. Hat man dir niemals etwas über Diplomatie beigebracht?“
Diplomatie? Das sagte der Richtige. „Hast du dich eigentlich selbst in meinem Wandschrank eingerollt, um mich zu betäuben?“ Wollte Murnau frech wissen. „Oder hast du dein Äffchen vorgeschickt?“ Lucas Lestrade machte ein ziemlich hell klingendes, verwundetes Geräusch, was verriet, dass er sich mit „Äffchen“ durchaus angesprochen fühlte, was irgendwie traurig war.
Damiens Lächeln war nach wie vor mörderisch, aber seine Augenbrauen zuckten bedenklich. „Ich … ok, ich hab keine Zeit für sowas. Hier ist deine Aufgabe, Murnau.“
Murnau lehnte sich zurück und verschränkte die Arme, als bereite er sich auf ein sehr dummes Referat vor. Damien begann, vor ihm auf und ab zu schreiten, was er zugegebenermaßen sehr gut konnte. „Dies,“ hub er an, „ist im wahrste Sinne die letzte Prüfung. Denn wenn ein Detektiv das hier nicht beherrscht, kann ihn all sein Können nicht retten.“
Murnau begann unwillkürlich zuzuhören. Damien sprach mit Autorität, als wüsste er, wovon er redete.
Er gab seinem Bruder ein Zeichen, und zum ersten Mal wurden Murnaus Knie weich, als er das scharfe Klicken der Sicherung hörte, die ausgestellt wurde. Es hallte unangenehm in dem nackten Raum nach.
„Es kommt immer der Moment,“ fuhr Damien ungerührt fort, „in dem ein Meisterdetektiv seiner Nemesis in die Hände fällt. Ganz allein, schutzlos, vielleicht – “ er tat schockiert – „sogar gänzlich unvorbereitet. In dem er sich mit einem Messer im Rücken wiederfindet. Einer Klinge an seinem Hals. Oder dem Lauf einer Pistole zwischen den Augen … so wie du.“
Der ältere der Lestrade-Brüder neigte sich ihm wieder zu, so dass Murnau fast seinen Atem auf der Haut fühlen konnte, der ohne Zweifel minzfrisch duftete, denn Damien achtete auf sowas.
„Und weißt du was …? Diese Dinge enden. Immer. Auf. Dieselbe. Weise.“
Murnau zwang sich, langsam und regelmäßig zu atmen. Er wusste nicht mehr, wo er hinsehen sollte. Damien sprach mit ihm, aber der geölte Lauf der Walther, die Lucas hielt, war hypnotisch, schwarz und endlos und direkt vor seinem Gesicht. Damiens Stimme war ein intimes Flüstern; wie er in den Ruf geraten konnte, auf der Seite des Gesetzes zu stehen … Murnau wusste es nicht.
„Ich werde dir verraten, wie’s ausgeht,“ raunte er. „Das Beste, das Klügste, das ein Verbrecher in diesem Moment tun könnte, wäre zuzustechen. Abzudrücken. Seinen Gegner – das bist du – ein für allemal auszuschalten.“
Murnau hielt die Luft an. Aber Damien schnippte mit den Fingern, und Lucas, der ihm so bezaubert zugehört hatte, zog sich zurück.
„Aber aus irgendeinem Grund … tun sie es nie.“
Es war ein perfekt einstudiertes Schauspiel. Entweder die beiden Brüder machten das unentwegt, oder sie probten es heimlich in ihrer Freizeit, was den ganzen Mumpiz fast noch lächerlicher machte. Dennoch konnte Murnau einen erleichterten Laut nicht unterdrücken. Er brach aus ihm heraus, hörbar und beschämend.
Lucas‘ Füße scharrten auf dem steinernen Boden, als er sich diskret hinter seinem Bruder aufstellte, der Murnau nach wie vor anstarrte, als wolle er ihn fressen. Oder unanständige Dinge mit ihm tun.
Ein nervöses Zucken, vielleicht eine Art Tick, lief über sein Gesicht. „Es ist der alles entscheidende Moment. Und sie entscheiden sich immer dagegen, den Helden zu töten. Und weißt du, warum?“
Murnau, dem gerade die Worte fehlten, zuckte mit den Schultern. Nicht sein smartester Moment. Damien nickte zufrieden und richtete sich auf.
„Niemand weiß es,“ sagte er dann, wesentlich nüchterner. „Es wäre eine vernünftige Entscheidung, und die meisten Verbrecher sind klug. Aber irgendetwas hält sie immer zurück. Ein Wort. Ein Blick. Irgendetwas, das du tust, muss sie davon abhalten, dich töten zu wollen. Und nur, wenn du diese Kunst beherrscht, wirst du lange genug leben, sie zur Strecke zu bringen.“
Murnau lief ein leiser Schauer über den Rücken. Er war noch nicht lange genug dabei; er hatte keine Erznemesis. Aber er wusste, dass Damien recht hatte. Dieser hatte nun eine 180 Grad-Wende gemacht und wirkte wieder so vergnügt und distanziert wie zu Beginn des Gesprächs. Er machte erneut eine einladende Geste. Sein bewaffneter Bruder stand hinter ihm wie ein tückischer Schatten.
„Und diese Kunst wirst du nun unter Beweis stellen, Murnau. Kannst du einen Verbrecher davon abbringen, dich abzuknallen? Du musst. Es ist der einzige Weg für dich, unserer Organisation beizutreten. Im Übrigen ist es auch der einzige Weg für dich, unsere Insel lebend zu verlassen.“
Murnau flog der Mund auf. Kidnapping? Einschüchterung? Ok. Aber die Bewerbung bei der UCYD hatte eine Sterbeklausel? Wirklich?
„Die Rolle deiner Erznemesis wird in diesem Falle von meinem kleinen Bruder gespielt.“
„Hi!“ sagte Lucas eine Spur zu aufgeregt, als hätte er Murnau nicht eben schon mit einer Knarre im Gesicht bedroht. Mit einem schuldbewussten Blick auf Damien riss er sich zusammen und versuchte, so sadistisch wie sein Bruder auszusehen. „Es wird mir ein Vergnügen sein,“ sagte er dann einem weitaus schurkischeren Ton.
Murnau musste trotz seiner Todesangst grinsen. Gut. Es war der alles entscheidende Test, und Damien überließ ihn der lahmenden Gazelle.
„Wir bieten dir sicher ein tolles Schauspiel,“ sagte er herablassend.
„Was, mir?“ Damien winkte ab und warf sich seinen Kaschmirschal über die Schulter, wie nur er es konnte. „Nein, ich hab besseres zu tun. Ich geh auf eine Weihnachtsfeier im Marriot. Ich werde später nachsehen, ob noch was von dir übrig ist. Lebwohl, Murnau.“
Mit diesen Worten drehte er sich um und verliess mit leichten, federnden Schritten die Zelle. „Ich freue mich auf die Videoauswertung!“ sagte er noch, bevor die schwere Tür hinter ihm zufiel.
Nun waren es nur noch er, Lucas, und eine Walther PPK.
Murnau hatte ernsthaft geglaubt, er würde mit ihm fertig. Aber während sie sich anschwiegen, kroch das Unbehagen an ihm hoch.
Murnau starrte ihn an. Es war merkwürdig. Er wusste, dass die Lestrades oft als Doppelgänger voneinander auftraten, aber wenn man nur Lucas allein sah, funktionierte die Illusion nicht. Er und Damien waren wirklich fast identisch. Aber die stahlblauen Augen, die bei Damien magnetisch und entschlossen wirkten, sahen an ihm wässrig und trübe und fast leblos aus. Er sprach fast nie, er handelte nur, wenn Damien es ihm sagte. Er agierte im wahrsten Sinne des Wortes wie der Schatten seines Bruders und wenn dieser nicht da war, blieb nur Dunkelheit –
Das nächste, was Murnau hörte, war der Abzug, der gedrückt wurde.
Bzzzt!
Und das nächste, was er fühlte, war ein brennender Schmerz, der ihn direkt an der Brust packte und schüttelte.
„Y-ARGH!“
Er stürzte von seiner Pritsche und krümmte sich am Boden. Er hätte fast vor unterwürfiger Dankbarkeit geweint, als der Schmerz so plötzlich nachließ, wie er begonnen hatte. Erst dann entdeckte er die Elektroden, die sich an seine Brust geheftet hatten. Der Stromstoß war milde genug, um nicht gefährlich zu sein, und trotzdem höllisch wehzutun.
Lucas hatte eine Elektroschock-Walther. Das musste eine Spezialanfertigung sein. Die für nichts anderes bestimmt war als das hier. Ihm wurde schlecht.
„Was … zum …was … du Bastard … was …war das?“ Keuchte er.
Lucas neigte den Kopf. „Du bist tot,“ teilte er ihm trocken mit. „Du hast zu lange gewartet. Du hast außerdem überhaupt nichts gemacht. Dein Moment ist vorbei.“ Er setzte ein höfliches, kaltes Lächeln auf. „Ich muss dir nun eine Spritze mit mehreren Millilitern von etwas verabreichen und dich entfernen. Tut mir leid. Das sind die Reg – “
„Warte!“
Lucas erstarrte verblüfft und großäugig in der Bewegung. Murnau floppte hilflos auf dem Boden herum wie ein sterbender Fisch. „Gib mir noch eine Chance. Ich … ich wusste nicht, dass wir schon angefangen hatten!“
Lucas sah ihn fassungslos an. Die Waffe baumelte lose an seiner Seite. „Denkst du, im wirklichen Leben warten sie, bis du angefangen hast?!“ Spie er. Murnau fiel zum ersten Mal auf, dass all diese unterschwellige Boshaftigkeit an Damien theatralisch wirkte, an Lucas dagegen verstörend echt. „Glaubst du, Moriarty wartet, bis du angefangen hast? Hannibal Lecter wartet, bis du angefangen hast? Lord Voldemort wartet, bis d – “
Murnau hob amüsiert eine Augenbraue. „Lord Voldemort?“ Fragte er gedehnt.
Lucas verschränkte die Arme vor der Brust. „Es geht dich gar nichts an, was ich in meiner Freizeit lese,“ erklärte er kategorisch. Aber er war offensichtlich aus dem Konzept gekommen. Murnau richtete sich auf den Knien auf und probierte seinen einzigen liebenswerten Gesichtsausdruck aus.
„Ich bitte dich bei allem, was mir heilig ist.“ Er war ein Atheist, von daher war ihm gar nichts heilig, außer vielleicht seiner Sammlung aus DVDs von Krimis aus den 30ern. „Lass es mich noch einmal versuchen. Bitte.“
„Warum sollte ich?“
Dazu fiel Murnau, zumindest im ersten Moment, nichts ein. Dann kam ihm eine Idee. „Gehst du deinem Bruder nach auf die Weihnachtsfeier, wenn das hier vorbei ist?“
„Nein, ich bin nicht eingeladen,“ sagte Lucas gerade heraus. „Wir machen doch immer noch die Doppelgänger-Nummer und Damien sagt, es ist nicht gut, wenn zu viele Leute uns zusammen sehen, also …“
Murnaus Augen verengten sich zu Schlitzen. „Das heißt also, an Heiligabend macht dein Bruder Party und trifft sich mit den Reichen und Schönen, und du machst … das hier?“
„Nicht den ganzen Abend!“ Lucas schlenkerte mit der Waffe, die von Murnau besorgt beäugt wurde. „Später wollte ich noch ein Sudoku in der Badewanne mach – “ Er wurde rot und entsicherte seine Waffe erneut. „Na schön. Noch einen Versuch!“
Murnau lächelte triumphierend. „Ok – “
Bzzzt!
„Y-AUGH! OH GOTT. DU ARSCHLOCH. WARUM?!“
„Dein Moment war schon wieder vorbei!“ Lucas klang langsam genervt. „Du musst irgendwas machen, mann! Tu irgendwas, das mich dazu bringt, dich WENIGER umbringen zu wollen. Dieses feiste Grinsen ist keine Hilfe.“
Murnau rechnete fest damit, dass es nun gelaufen war, aber stattdessen blickte er einen Moment später erneut in die Pistolenmündung. „Nochmal.“
Mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht blickte er zu Lucas auf. „Hast du eigentlich keine Eltern…?“ Stöhnte er. „Hast du denn niemanden, zu dem du eigentlich gehen müsstest? Wenn du daran denkst, dass in diesem Augenblick überall auf der Welt Menschen Geschenke auspacken und beisammen sind und Kekse essen und Lieder singen, erfüllt dich das nicht mit Leere und Traurigk – “
Bzzzt!
„AU!“
„Schon besser. Die klassische hast-du-denn-keinen-der-dich-liebt-Ansprache. Gleich am Start mit den Gefühlen. Besser, aber noch nicht gut genug. Aber ich glaube, du hattest es fast.“ Klick-klick. „Nochmal.“
„Lucas,“ röchelte Murnau, der sich am Boden krümmte. „Du bist ein Psychopath.“
Die Miene des anderen blieb versteinert. Er bewegte abwartend die Hand. „Uuund…?“ Machte er erwartungsvoll.
„Nichts. Das ist keine Strategie. Das ist meine ehrliche Meinung. Ich glaube, du hast tiefe Probleme, über die du mit irgendwem reden mu …“
„Hm.“ Bzzzt!
Murnau rollte sich auf den Rücken. Bewusstlos werden wurde als Option immer attraktiver. Über sich sah er Lucas‘ merkwürdig mitleidsloses Gesicht.
„Ich … nghn … hasse dich … gerade … so sehr … “, brachte er gurgelnd hervor.
Seltsamerweise brachte ihm das keinen Schock ein. Lucas schmunzelte. „Das macht nichts.“ Klick-klick. „Wir haben noch den ganzen Abend, um uns kennen zu lernen.“
Und genau so war es.
…
„Außerdem bin ich das einzige Kind meiner Mutter, willst du eine unschuldige Frau zum weinen bri – “
Bzzzt!
…
„Du kannst mich nicht töten! Nicht mit den wichtigen Informationen, die ich über …“
„…?“
„Äh … über d- ähm.“
Bzzzt!
…
„…weißt du was? Alle gehen davon aus, dass dein Bruder labil und gemeingefährlich ist, aber in Wirklichkeit bist du es! DU bist labil und gemeingefährlich!“
„Oh. Danke.“
„Wie, DAS funktioniert?“
Bzzzt!
…
„Sie fragen, was du willst.“
„Die Nummer 37, mit scharfer Soße, aber ohne Pilze. Du?“
„Nummer 12, mit Reis statt Nudeln und einem Glückskeks.“
„Ich glaube, ich will auch einen Glückskeks. Klingt g – “
Bzzzt!
„OKAY, WOFÜR WAR DAS DENN? Ich dachte, wir wären noch im Time-out! Argh.“
„Nur so.“
…
„…“
„Murnau? Greifst du mir gerade am Bein hoch? Was … was wird das? Versuchst du gerade, mich zu verführen? Was zum …“
„Äh. Ah ha ha. I-ich dachte, warum eigentlich nicht?“
„…“
„Bzzzt?“
„Hm. Nein. Ich find’s eigentlich nicht schlecht. Mach weiter. Du könntest ein bisschen mehr so agieren, als wenn‘s dir Spaß macht.“
…
Murnaus innere Uhr verriet ihm, dass es in den frühen Morgenstunden sein musste, als sie schließlich zusammen erschöpft auf dem Boden des Verlieses lagen und beide nicht mehr konnten. Er hätte Lucas nun die Wumme entreißen und ihm sein Gesicht zu Brei schlagen können. Aber er kam einfach nicht mehr hoch.
„Sag mal,“ murmelte er. „Geht dein Bruder immer so lange aus? Es ist fast fünf oder so.“
„Mhm.“ Lucas stieß unenthusiastisch die Faust in die Luft. „Er ist ein Feierbiest!“
Murnau blinzelte träge. „Ich nehm an … es wird ihn freuen, dass ich … versagt habe…“
„Nein, du hast bestanden. Ich geh gleich hoch, deinen Mitgliedsausweis laminieren.“
„Was?!“
Lucas seufzte, setzte sich auf und schlang die Arme um seine Knie. „Nun,“ sagte er verlegen. „Mein Auftrag war es, dich mit einer Spritze zu betäuben und dich wieder zurück nach Hause zu bringen, wenn du die Prüfung nicht schaffst. Das wäre dein eigentliches Game Over gewesen. Aber …“
Er biss sich auf die Lippen. „Das habe ich nicht gemacht, stimmt’s? Es war die einzige Sache, die ich mit dir tun sollte, und du hast mich davon abgebracht. Und damit hast du … gewonnen.“
Murnau sah ihn ergriffen an. „Alter,“ sagte er langsam. „Das ist so meta.“ Dann stutzte er. „Moment. Wenn ich in dem Moment schon gewonnen hatte – warum hast du mich die ganze Nacht gequält!?“
Lucas hob die Schultern. „Es ist Weihnachten, ich wollte nicht alleine sein.“
Murnau blickte ihn für einen Augenblick nur wortlos an. Dann reifte in ihm ein Gedanke, der sich sofort seinen Weg über die Lippen nach draußen suchte.
„Ich glaube, ich hab meine Erznemesis gefunden.“
Das schien Lucas noch verlegener zu machen. Er winkte ab. „Nicht doch, das geht nicht! Wie soll das funktionieren? Wir sind beide bei den Guten.“
Murnau blinzelte. Einmal. Zweimal.
„Lucas,“ sagte er dann aufrichtig. „Du bist keiner von den Guten. Bitte, bitte versteh das. Du bist sowas von keiner von den Guten.“
Lucas drehte sich ihm zu und schien ihn scharf ins Auge zu fassen. Und einen Moment lang sah es aus, als würde er gegen die Versuchung ankämpfen. Dann hob er lapidar die Schultern.
„Wie du meinst,“ sagte er dann, und rammte Murnau eine Dosis Betäubungsmittel ins Bein.
no subject
Date: 2010-12-26 05:39 pm (UTC)*lacht sich weg*
Erstmal danke für den schönen Augenschmaus am Anfang - so wie JGL stell ich mir jederzeit gerne smarte Nachwuchs-Detektive vor. *g*
Und dass du sie Lestrade genannt hast - entzückend. *hatte sofort Sherlock-Flashbacks*
Das war beinah schon romantisch. Der Beginn einer epischen Feindschaft, die Geburtststunde der Erznemesis. *_* Was ist das Leben überhaupt ohne Erznemesis? Eben!
Rufus ist ein entzückender Hauptchara und er schwankt immer so schön zwischen verpeilt, frustriert und herablassend. Lucas hat definitiv einen Dachschaden, aber er ist lolig und evil und steht offenbar darauf wenn Rufus ihn befummelt! Er hat auch was sehr mitleidenserregendes an sich, wobei einem eigentlich ab der Hälfte trotzdem klar ist, dass ER irgendwann die Welt erobert während seiner großer Bruder noch an seinen Lachshäppchen kaut und seine Schuhe poliert. Hinter den Kulissen sind immer die coolsten Bösewichte.
Hab mich herrlich amüsiert und hätte jetzt gerne noch mehr zu den beiden, nein den dreien. ;) Nachdem sie ihn nun in ihren illustren Verein verrückter Nachwuchsdetektive aufgenommen haben ... und Rufus schonmal seine Nemesis gefunden hat...
Frohe Weihnachten. ;)
no subject
Date: 2010-12-27 08:29 pm (UTC)Noch mal!
Und noch mal!
Gosh, ich könnte die Story auch immer wieder durchlesen *_*;;
Am Anfang war ich noch vorsichtig, wohin es mich führen mag, aber das Ende hatte jedes bisschen Bedanken zerschmettert. Das ist _meine_ Story. Von den dubiosen Brüdern bis hin zu zu dem verpeilten und liebenswerten Rufus.
(by the way, mein lieber Wichtel, kennst du eventuell "Baccano!"? Falls nein, kann ich dir den Anime nur wärmstens empfehlen, ich glaube, du hättest wirklich Spaß daran... falls du ihn aber schon kennst, dann sei mein Seelenverwandter *_*;)
JGL wäre übrigens eine perfekte Besetzung. Mein grausamer Wichtel, falls du mal ein ganz großer Drehbuchautor wirst, bestehe ich auf einer Verfilmung. Selbst wenn es heißen würde, dass du dann eine Fortsetzung schreiben musst. Nein, falsch. Vor allem, wenn es dann heißt, dass du eine Fortsetzung schreiben musst.
Und ich liebe deinen verquerten Sinn für Humor.
„Sie fragen, was du willst.“
„Die Nummer 37, mit scharfer Soße, aber ohne Pilze. Du?“
„Nummer 12, mit Reis statt Nudeln und einem Glückskeks.“
„Ich glaube, ich will auch einen Glückskeks. Klingt g – “
Bzzzt!
Nein, wie goldig, Lukas will einen Glückskeks... habe ich erwähnt, dass er grausam und gestört ist und garantiert einen Bruderkomplex hat? Und es trotzdem schafft irgendwie niedlich und liebenswert rüber zu kommen? Vielleicht weil er Rufus quält. (Habe ich es in meinen Wünschen gebeichtet, wie ich es liebe, wenn meine Lieblinge leiden... oder ging es aus den anderen Angaben hervor?)
Dazu kommt dein Schreibstil - ich wünschte, ich könnte mehr zu dem Schreibstil schreiben, aber leider habe ich nicht viel davon mitbekommen, weil die Handlung so spannend war. Versteh mich jetzt aber bitte nicht falsch - ich finde, dass es ist das größte Kompliment, das man einem Autor machen kann, wenn man nicht mal Zeit hat auf den Schreibstil zu achten. Irgendwie gingen die Worte und Gesten direkt ins Gehirn rein. Ich erinnere mich an Rufus schmerzverzerrtes Gesicht, an die Fummelei, an den öligen, schwarzen Lauf der Walther PPK. Aber die Worte sind verschwunden, ich sehe nur lauter Menschen vor meinen Augen.
It's magic...
Und dann:
Murnau sah ihn ergriffen an. „Alter,“ sagte er langsam. „Das ist so meta.“ Dann stutzte er. „Moment. Wenn ich in dem Moment schon gewonnen hatte – warum hast du mich die ganze Nacht gequält!?“
Lucas hob die Schultern. „Es ist Weihnachten, ich wollte nicht alleine sein.“
Murnau blickte ihn für einen Augenblick nur wortlos an. Dann reifte in ihm ein Gedanke, der sich sofort seinen Weg über die Lippen nach draußen suchte.
„Ich glaube, ich hab meine Erznemesis gefunden.“
Damn, kann ich bitte die ganze Story zitieren? Das würde mir die Mühe ersparen, die Lieblingsmomente herauszupicken.
Aber das war so ein perfekter Abschluss. So richtig, richtig passend. Wie die hundert passende Wörter davor eigentlich auch schon.
Damn, ich bin begeistert.
Später kommt noch was konstruktives aber bisher kann ich nur eins sagen:
Vielen Dank noch mal für diese herrliche Geschichte, ich bin reichlich beschenkt worden! ♥