Wichtelbeitrag für Keksdiebin
Dec. 25th, 2010 03:52 pmFandom: Original
Für:
Autor:
Genres: aus bestellten „Romance“ wurde „Kitsch“, aus „Drama“ – „sentimentaler Kitsch“ und aus „Comedy“ – „dumme Nebenkommentare“. Alles in allein würde ich den Genre als ein „Wintermärchen“ einstufen XD
Wörter: 1125
Challenges: Wunschdenken, „Fine. Be like that.“ (die beiden Challenges haben sich sehr geschickt zwischen den Zeilen versteckt. Sie sind aber da. Wirklich.)
Kommentar: Verschneites England, ein verlorener Junge und ein ratloser Autor, der hofft zumindest ungefähr den Ton getroffen zu haben. Wenn nicht, wünsche ich meinem unglückseligen Wichtelkind trotzdem frohe Weihnachten? ^^““
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Das erste, was Arthur jeden Morgen beim Aufwachen hörte, waren schwere Schritte, langsam, bedächtig, schleppend. Tag für Tag dauerte es für den alten Hausmeister ein wenig länger Holz in jedes Zimmer zu bringen. Der Winter zog sich hin und das Haus verwandelte sich in ein Märchenschloss, überzogen mit einer eisigen Kruste Monotonie. Um diese zu durchbrechen lugte eine dünne Hand unter den Decken hervor. Arthur stellte sich das Eis an seinen Wimpern bereits deutlich vor, doch seltsamerweise klirrten keine abgebrochene Eiszapfen, als er sich heftig die Augen rieb. Viel wacher wurde er von der Aktion allerdings auch nicht. Kaltes Wasser, das am Ende des morgendlichen Rituals auf ihn wartete, kam einem tödlichen Galgenstrick gleich. Er sah sich schon langsam die Stufen zum Podest erklimmen, seine Schritte beinahe so schwer wie die des Hausmeisters, die Last einer ganzen Generation lastete auf seinen schmächtigen Schultern. Er war verleumdet, verurteilt, verraten worden. Natürlich hatte man ihn zu Unrecht angeklagt. Und am Ende würde er stolz auf die Menge herabschauen, mit abgeklärten, ruhigen Augen und …
„Aufstehen, Arti!“
Nie ließ man ihn zu Ende träumen.
Es gelang ihm erst in der zweiten Schulstunde sich wieder auf das Universum einzustimmen – der Lehrer sprach von englischer Literatur und Arthur versuchte nicht allzu auffällig dem Tanz der Schneeflocken zu folgen. Kleine, flauschige Kügelchen waren freiheitsliebende Geschöpfe. Sie wirbelten im schwachen Wind umher und neckten die Schüler, indem sie ganz nah an die Glasscheibe heranflogen und verschwanden. Bestimmt waren es Gedankenfetzen. Vereinzelte, einsame Träume, die sich nachts von den Träumenden gelöst und auf eigene Faust nach Erfüllung gesucht hatten. Kein Wunder, dass es im Winter immer Schnee gab, wollte man doch die ganze Zeit nur schlafen und träumen...
Alleine bei dem Gedanken an Schlaf musste Arthur gähnen. Hinter der vorgehaltenen Hand versteht sich. Seine liebe Gouvernante wäre vor Scham im Boden versunken, wenn er sich erlauben würde sich wie ein schlecht erzogene Bauernjunge zu benehmen. Dennoch war dem Lehrer seine mangelnde Begeisterung aufgefallen. Vielleicht flogen gerade verräterische Schneeflocken um seinen Kopf herum?
In der nächsten Stunde hatte Arthur dem Schnee Krieg erklärt. Die kleinen weißen Sterne würde nicht mehr in seinem blonden Haarschopf Zuflucht suchen können – heldenhaft ignorierte er das verführerisch helle Fenster und konzentriere sich stattdessen auf die Arithmetik. Angestrengt starrte er sein Aufgabenheft an, doch die Feder bewegte sich wie von selbst und statt Zahlen erblühten auf dem Papierrand exotische Blumen. Sie ergossen sich frei über das leuchtende Weiß und schlangen sich hemmungslos über das ganze Blatt bis sie die verängstigen Ziffern und Zeichen, die sich mittlerweile in eng stehende, zitternde Grüppchen zusammengedrängt hatten, mit ihrer Dornen-übersäten Umarmung förmlich erdrückt hatten.
„Also, ich mag's.“
Verwunderte hob Arthur den Kopf und erstarrte.
Jonathan.
Nicht nur dass Jonathan ein ganzes Jahr älter war als Arthur, er hatte auch so beunruhigende braune Augen und war der Anführer der Furchtlosen. Ganze fünf andere Jungs hatte er unter seinem Kommando.
„Ich mag's, wie du malst. Hat so einen schönen Schwung. Und ein bisschen was verrücktes... du heißt Arthur, richtig? Magst du unser Wappen zeichnen?“
Peinliche Röte krocht über seine Nasenspitze auf die Ohren zu und auf seinen Lippen machte sich ein dummes, verlegenes Lächeln breit. Konnte er in so einem wichtigen Augenblick denn nicht ein wenig edelmütiger aussehen?
Arthur war nicht nur geschmeichelt, er war aufgeregt, er brannte auf ein Abenteuer, auf ein Erlebnis, das er mit dem dunkelhaarigen, verlässlichen Partner teilen konnte, ein Ausflug in die Wildnis, der sie beide näher brachte und einen unzertrennlichen Band zwischen einem schüchternen Einzelgänger und dem angesehensten Hitzekopf der Schule spannen würde.
Natürlich war es Arthur, der auf einer Aufnahmeprüfung bestand. Wenn er schon so einen verantwortungsvollen Posten übernahm, wie die Essenz der Gang in wenigen ausdrucksvollen Strichen festzuhalten, so musste er dazu doch ein etabliertes Mitglied sein, um dessen Geist zu spüren. Bisher merkte er nämlich nur, dass sie alle fast einen Kopf größer waren als er, zwei von ihnen heute werden nachsitzen müssen und einer, den Arthurs ganz besonderen beneidete, eine kriegerische dünne Narbe quer über die Augenbraue besaß. Fast wie ein verwegener Pirat. Arthurs zärtlichste Zuneigung galt zwar trotzdem Jonathan, aber einen echten Pirat zu kennen war ebenfalls recht beflügelnd.
Die Mutprobe fing wie ein Spaziergang an. Die große Pause dehnte sich zu Unendlichkeit aus und die stummen Bäume im angrenzenden Wald wurden zu misstrauischen Wächtern einer uralten, verschneiten Schatzinsel. Wie zwei letzten Überlebenden kämpften sie sich durch die Schneewehen, der Wind drohte sie jede Sekunde mitzureißen – Arthurs Nasenspitze wurde schon wieder ganz rot, diesmal vor Kälte – und der Himmel verdunkelte sich zusehends, bestimmt kam ein großer Schneesturm auf. Jonathan ging vor, wenn das auch etwas unfair war, doch konnte Arthur ihn so besser retten, falls sein Held in eine heimtückische Falle tappen sollte. Schließlich waren sie jetzt Kameraden, fast Brüder und vielleicht… Arthur wagte weiter nicht daran zu denken und lächelte stattdessen dem eisigen Wind zu. Heute würde er fremdes Vertrauen gewinnen, es wie einen Spatzen in den Händen aufwärmen und sorgenvoll großziehen, bis es einem Adler gleich ihn in den siebten Himmel tragen kann.
Und dann sah er das Haus. Es war nicht einfach alt, er war mehr die Erinnerung an eine Heimstätte denn etwas worin man hätte tatsächlich wohnen konnte. Die leeren Fensterhöhlen starrten die Eindringlinge erbost an, dunkle Flüche kreisten wie schwarze Krähen über die halb zerfallenen Mauern und abgebrochene Treppen ragten, voller neuartigen Philosophie, weit in den grauen Winterhimmel auf. Bei jedem Schritt konnte das Gemäuer zusammenbrechen und die unglückseligen Abenteurer unter den Steinen begraben.
Arthur war begeistert.
Sein Herz schlug so schnell, dass er glaubte, alle unheiligen Geister würde ihn hören und auf den Ton wie auf das Licht eines einsamen Leuchtturmes angeflattert kommen. Vermutlich war das laute Herzklopfen auch schuld daran, dass er das verdächtige Knarren nicht rechtzeitig gehört hatte. Als die Stufen nachgaben, stockte ihm der Atmen und für wenige Augenblicke öffnete er verzweifelt den Mund in einem vergeblichen Versuch Luft zu holen. Der Sauerstoff blieb irgendwo unterwegs zu seinen Lungen stecken und schwarze Pünktchen stürzten sich von allen Seiten auf ihn zu, verdeckten die Sicht, füllten seinen Kopf und druckten gegen die Schläfen.
Als er zu sich kam, war es schon dunkel. Und kalt. Sehr kalt.
Jonathan?
Er sprach den Namen, den er so oft geflüstert hatte, nicht laut aus. Er konnte es nicht glauben, dass das Abentuer schon vorbei war, dass sein Prinz sich in einen hohlen Kürbis verwandelt und einfach geflohen war.
Er wusste, dass er aufstehen musste. Zuhause machten sie sich bestimmt schon Sorgen... Die Schneeflocken rieselten erneut vom schwarzen Himmel herab, doch diesmal waren es nicht seine Gedanken, die so elegant herunterflogen, viel zu weiß und hoffnungsvoll leuchteten die kleinen Sterne. Und er wollte keine Träume mehr auffangen. Denn Winterträume waren kalt und stachlig. Und sie taten weh.
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Date: 2010-12-26 01:45 am (UTC)Aber wow, das ist eine total atmosphärische FF! Es klingt alles sehr märchenhaft und jung - Arthur wächst einem richtig ans Herz *ihn flausch*
Und die Challenges sind toll umgesetzt <3
Vielen Dank für die FF, sie hat mir sehr gut gefallen *-* (was das Namenraten betrifft muss ich mich die nächsten Tage nochmal ransetzten, weil ich momentan wiirklich keine Ahnung habe ^-^°)
Vielen Dank lieber Wichtel!
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Date: 2010-12-26 07:36 pm (UTC)Hach, nur das Ende. óò Armer Arthur.
Ich habe auch meine halbe Kindheit über für einen fiktiven Charakter namens Jonathan geschwärmt. ;)
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Date: 2010-12-27 02:55 pm (UTC)Und er wollte keine Träume mehr auffangen. so unglaublich traurig. Der Unterschied zwischen Realität und Träumerei ist zwar oft sehr schmerzlich, sich aber deswegen gänzlich den Träumen zu verwehren finde ich immer furchtbar erschreckend und traurig. ;___;