Tor Zweiundzwanzig (22)
Dec. 22nd, 2010 03:14 amTitel: Neue Wege
Challenge: Umzug, Fake
Fandom: original
Die Winterfesttage waren die härteste und zugleich die bequemste Zeit um kein richtiges zuhause zu haben. Sie waren hart, weil es Winter war und in jener Provinz, zu der die Stadt Regen gehörte, waren die Winter rau, mit einem schroffen Wind, der einem die Schneeflocken als eisige Glassplitter in das Gesicht bließ.
Die Färbereikinder hatten es da noch gut, denn sie hatten ein Dach über dem Kopf, und Fenster, die – wenn sie auch keine Glasscheiben mehr hatten – doch mit Brettern versehen und mit Stoffen verstopft werden konnten. Sie hatten einen kleinen Kamin, um den sie sich sammelten, ihre Körper wärmten, sich Geschichten erzählten, und ihre Beute miteinander teilten.
Die Winterfesttage waren die bequemste Zeit, weil in diesen vier Wochen jeder, und war er auch noch so ungeschickt, mit Beute zurück kommen konnte.
In den Straßen war überall der Winterfestmarkt aufgebaut, zu dem Händler aus dem ganzen Reich in die Stadt kamen, und das Menschengedränge war, dem Wetter zum trotz, groß. Nur ein Idiot oder ein Feigling fand hier nichts, was er stehlen konnte, und selbst wer nichts stahl fand doch irgend eine freundliche Seele, die vom Honigpunsch zu überschwänglicher Großzügigkeit erwärmt worden war.
Eichhörnchens Taschen, alle fünf, die sich an ihrem Mantel befanden, waren bis zum Rand gefüllt mit Zuckerbrot, Äpfeln und Nüssen. In einem Korb lagen ein herzhafter Fleischkuchen, in Tücher gewickelt um nicht vollkommen auszukühlen, eine Dose mit Plätzchen, ein paar Spielsachenund ein verkorkter Tohnkrug, in dem dickflüßiger Honigtee darauf wartete getrunken zu werden. Den Korb hatte Eichhörnchen nicht gestohlen, sondern von der Witwe Raring, die – seit ihre eigenen Söhne an der Front gefallen waren – jedes Jahr für das Wohl der Färbereikinder zu sorgen half, und Eichhörnchen den Korb geschenkt hatte, bevor sie die nächste Kutsche zum Bahnhof genommen hatte um für die Feiertage zu ihrer Schwester in die Hauptstadt zu fahren.
Der Fluss, der die Städte Nebel und Regen trennte, war nicht sonderlich breit und bereits halb zugefrohren. Eichhörnchen stapfte an seinem Ufer entlang, an toten, in Eis gehüllten Brennenesselstauden vorbei, und freute sich über die Stiefel an ihren Füßen (ebenfalls ein Geschenk der Witwe Raring), die warm und wasserfest waren, sie freute sich über das Eis und den Schnee der unter ihren Füßen knackte und sie freute sich auf die Gesichter der anderen Kindern, wenn sie erst in die Färberei zurück kehren, ihre Taschen ausleeren und mit ihnen das Winterfest feiern würde, mit Liedern und Honigtee und einem Feuer im Ofen. Mit allem was dazu gehörte. Wie eine richtige Familie.
Eichhörnchen hatte große Angst vor dem Winter gehabt, vor der Verantwortung die sie, als neue Anführerin der Färbereikinder hatte, aber bis jetzt ging es ihnen gut, keiner von ihnen war erkrankt, keiner hatte Hunger, und auch wenn Eichhörnchen nicht wirklich an Gott zu glauben gelernt hatte, dankte sie ihm dafür, dass dieser – ihr erster – Winter, der angenehmste war, den sie je erlebt hatte.
Das dachte sie, und in dem selben Moment, in dem sie ihr frei erfundenes Dankgebet mit einem halb schüchtern, halb belustigten „Amen“ beendet hatte, sah sie in der Ferne, flussaufwärts, Staub und Rauch in die Höhe steigen, und kurz darauf hörte sie einen lauten Knall, und spürte eine Erschütterung die das Eis um sie herum klirren ließ. Und auch wenn sie nicht wußte, was geschehen war, ließ sie den Korb mit dem Fleischkuchen und dem Honigtee fallen und rannte los, so schnell Sie konnte, dort hin wo die Explosion gewesen war, dort hin, wo ihr zuhause lag, dort hin, wo die anderen Kinder in der alten Färberei auf sie warteten.
Sie stolperte und strauchelte, rutschte aus, fiel, fing sich wieder, schlug sich das Knie an einem Stein auf, krabbelte ein Stück, rannte weiter, unter der Ostbrücke hindurch. Hier blieb stehen, einen Augenblick, jeder Atemzug schmerzte, die Kälte schnitt, wie tausend Rasierklingen, in ihre Lunge.
Von hier aus müsste sie die Alte Färberei bereits sehen, aber sie erkannte nichts, nur eine große, dunkle Wolke aus Rus. Der Wind wehte von Westen her, und brachte ihr also auch keine Hinweise in Form von Gerüchen. Trotzdem schnuppete sie, mit geschlossenen Augen – denn so konnte sie besser riechen, bildete sie sich jedenfalls ein.
Da hörte sie Schritte, und als sie die Augen wieder öffnete erblickte sie Goldlöckchen, ohne Schuhe, aber in fünf Wollpullover gekleidet, ihre blonden Locken waren rußverschmiert, auf ihrer Stirn prangte eine Platzwunde, aus der das Blut wie ein kleiner Wasserfall auf ihre Wange und von dort auf ihre Brust tropfte. Ihren rechten Arm presste das Mädchen fest an ihren Körper, hielt ihn mit ihrer linken Hand fest, als würde er sonst herunter fallen.
Sie sagte kein Wort, sie weinte auch nicht, bewegte ihre Lippen nur stumm, ihre Augen waren so groß wie Teller, ihre Füße, auf denen sie hin und her schwankte, blaue von der Kälte.
Rasch kniete Eichhörnchen sich zu ihr nieder, nahm sie vorsichtig in den Arm, und fragte, so leise sie konnte, was geschehen wäre.
Goldlöckchen sagte nichts.
Erst als Eichhörnchen sie behutsam auf den Arm nahm und zurück zur Färberei tragen wollte begann das Mädchen zu schreien, hysterisch und so hoch und grell, wie es nur eine Siebenjährige kann, und was Eichhörnchen auch tat, sie konnte Goldlöckchen nicht beruhigen, ehe sie umgekehrt war und von der Färberei fort lief.
Inzwischen hatte sich in Eichhörnchens Kopf bereits ein recht klares Bild dessen abgezeichnet, was geschehen war, auch wenn sie nicht begriff weshalb jemand die alte Färberei in die Luft jagen sollte, und – viel wichtiger – weshalb dies ohne Ankündigung geschah. Sie versuchte von Goldlöckchen zu erfahren, wie es den Anderen ging, ob noch jemand entkommen war, doch wieder schwieg das Mädchen, zitterte nur und wimmerte. Ihr rechter Arm war gebrochen, da war Eichhörnchen sich sicher, und sie versuchte angestrengt nicht über die anderen Kinder sondern erst einmal darüber nachzudenken, wo sie Goldlöckchen hinbringen könnte, jetzt wo die Witwe Raring verreist war.
Als erster fielen ihr die Schwestern vom Regener Kloster ein, doch die hatten für Diebe und Tunichtsgute, egal welchen Alters, so wenig übrig wie der Rest der Kirche – da war keine Rede von Nächstenliebe, wer stahl verdiente Gottes Gnade nicht – dann dachte sie an die Universität, mit ihrer Klinik, aber die nahmen auch nur solche Menschen auf, die ihre Behandlung zahlen konnten. Eichhörnchen zählte im Kopf die Groschen und Taler, die sie auf dem Winterfestmarkt zusammengeklaubt hatte.
Vielleicht, mit ein wenig Glück, würde es reichen. Immerhin ging es um Goldlöckchen, die selbst in ihrem jetzigen, erbärmlichen Zustand noch so lieblich – wie eine kleine Prinzessin oder eine Puppe – wirkte, dass Eichhörnchen sich nicht vorstellen konnte, dass irgend jemand sie fort schickte.
Auf der Talstraße begegneten sie dem Lampenputzer, der die Straßenlaternen bereits angesteckt hatte und jetzt nur noch zur Kontrolle umher ging, dass auch bloß kein Licht erlöschte, der den Mädchen aber keine Beachtung schenkte. Eichhörnchen ging weiter, auf die Fichtenstraße, hier hatten Kutschen und Stiefel den Schnee zu einem bräunlich grauen Matsch gemacht, der unter den Füßen schmatzte und spritzte. Hier tauchten bereits die ersten Winterfestmarkt-Stände auf, und die Händler priesen ihre Güter an, versprachen, dass ihr Lampenöl länger brannte, dass ihre Messer besser schneiden, ihre Hüte besser sitzen, ihre Uhren besser laufen und ihre Maronen besser schmecken würden als alles andere in der Welt, aber niemand, kein einziger der Händler, der Passanten, der Gardisten, schenkte den beiden Mädchen beachtung, die sich durch die Menschenmengen zwangen. Zwei unsichtbare Gestalten.
Stunden später, jedenfalls schien es Eichhörnchen so, erreichte sie endlich das Hospital der Universität, ein klobiges Gebäude, aus schweren, großen Steinen, mit dicken Mauern und winzigen Fenstern. Es war in der letzten Dynastie erbaut worden, wie die gesamte Universität, hatte fast dreihundert Jahre auf dem Buckel, und strahlte etwas monumentales aus, größer als Kirche, oder das Rathaus, nicht heilig und nicht hoheitlich, sondern ewig. Beständig. Sicher.
Hier, in der Universität der Stadt Regen, hatten sich die Wissenschaftler vor gut zweihundert Jahren verschanzt, als der damals neue, junge Kaiser dem Rat des Kirchenvaters gefolgt war und die Forschung verbieten lies. Diese Tage waren lange vorbei, inzwischen war die Wissenschaft auf dem besten Weg die Kirche als höchste Instanz zu verdrängen, aber trotzdem war Eichhörnchen, als betrete sie eine Zitadelle, eine Festung, als sie in den Hospitalsgarten gelangte.
Sie kletterte die Stufen zum Haupteingang empor, stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte verzweifelt den Türklopfer zu erreichen, ohne dabei Goldlöckchen, die inzwischen eingeschlafen oder ohnmächtig geworden war, loslassen zu müssen. Eichhörnchen rief nach Hilfe, verfluchte ihre all zu kleine Körpergröße, und ließ sich schließlich, müde auf die oberste Eingangsstufe fallen, drückte Goldlöckchen an sich und betete, dass überhaupt noch jemand im Hospital war, dass sie nicht alle frei bekommen hatten um die Winterfesttage zu feiern, und dass einer von jenen unglücklichen, die an diesem Abend nicht bei ihrer Familie sein durften sondern arbeiten mussten, dass einer von ihnen zufällig auf die Idee käme hinaus zu sehen, ob der Winter nicht vielleicht zwei Straßenkinder angespült hatte, zwei kleine Mädchen denen man ihr Zuhause in die Luft gejagt hatte.
Eichhörnchen zitterte, die Kälte kroch langsam aber stetig auch durch ihre Stiefel und in ihren Mantel.
Um sie herum war es bereits Nacht, der Schnee und die Sterne tauchten die Welt in ein geisterhaftes Licht, im Tal leuchteten die Kerzen in den Fenstern der Häuser, in denen Menschen lebten die es warm hatten, die keine Angst haben mussten, dass ihre Freunde, ihre Familie, irgendwo unter Trümmern begraben lagen. Eichhörnchens Zehen und Finger wurden taub, ihre Nase spürte sie schon lange nicht mehr. „Dann erfriere ich eben.“, dachte sie, und dass sie dann wenigstens im Jenseits wieder auf die anderen Färbereikinder achtgeben konnte, als sie in der Ferne einen Mann erkannte, groß und breitschultrig, ein wahrhaftiger Kolloss. Erst als er näher kam erkannte Eichhörnchen, dass er eine Uniform trug, den Wintermantel eines Soldaten über die Schulter geworfen, einen Feldrucksack auf dem Rücken, irgendwelche Abzeichen, die an seiner Brust hingen und klimperten.
Bevor Eichhörnchen überhaupt fähig war aufzustehen hatte er sie erreicht, blieb vor ihr stehen – groß wie ein Turm – und sah zu ihr hinab.
„Was machst du hier?“, fragte er. Seine Stimme war ein tiefes, tiefes Brummen, und auch wenn sie Eichhörnchen vielleicht hätte Angst einjagen sollen, fand sie nur etwas warmes, beruhigendes in ihr.
Sie öffnete ihren Mund um zu antworten, brachte jedoch nichts als ein jämmerliches Fiepsen hervor.
Der Soldat kniete sich zu ihr, er hatte dunkle Knopfaugen und eine runde Nase, und schmale Lippen, auf denen sich ein kaum merkliches, fürsorglich Lächeln abzeichnete.
Er half Eichhörnchen auf die Beine, nahm ihr Goldlöckchen ab. „Er ist überhaupt nicht verletzt“, dachte Eichhörnchen, aber sie sagte nichts.
Dann trat er, mit seinen schweren, metallbeschlagenen Soldatenstiefeln, gegen die Eingangstür des Spitals (und Eichhörnchen ärgerte sich, dass sie nicht selbst auf die Idee gekommen war), solange, bis ihnen endlich geöffnet wurde.
Als Eichhörnchen am nächsten Morgen erwachte, lag sie in einem Krankenbett. Die Sonne strahlte kalt und hell durch die kahlen Äste einer Kastanie in ihre Augen und der erste Gedanke der ihr kam war, dass sie tot sein musste. Aber dann entdeckte sie den Soldaten, der im Schatten einer Ecke des Zimmers saß und sie mit ernster Miene beobachtete.
„Wo ist Goldlöckchen?“, fragte Eichhörnchen, kaum dass ihre Erinnerungen an die letzte Nacht zurückgekehrt waren.
Der Soldat schwieg, blickte verlegen auf seine Hände, dann stand er auf, deutete auf Eichhörnchens Kleider, die über der Armlehne des Stuhls hingen und brummte nur, sie solle sich anziehen.
Während sie also das Nachthemd, in das man sie gesteckt hatte, abstreifte und wieder in ihre eigenen – ein Glück trockenen und warmen – Kleider schlüpfte, stand er da, mit dem Rücken zu ihr und wartete, sein Gewicht immer wieder vom einen auf den andern Fuß verlagernd.
Sie war gerade fertig, als die Zimmertür aufgestoßen wurde und drei Gardisten hinein stürmten.
„Im Namen des Kaisers und der Kirche verhafte ich sie unter Beschuldigung folgender Straftaten:“, erklärte der Ranghöchste der Gardisten, und begann aufzuzählen. „Illegales Tragen einer Uniform, Betrug, Diebstahl vertraulicher Dokumente...“, er war gerade so weit gekommen, als der falsche Soldat ihm einen so heftigen und plötzlichen Kinnhaken verpasste, dass keiner der anderen beiden Gardisten rechtzeitig ihre Säbel gezogen hätten.
„Lauf weg!“, befahl der falsche Soldat Eichhörnchen, doch die hörte nicht, sah nur im weitaufgerissenen Augen zu, wie er (mit einer Hand!), ihr Krankenbett ergriff und den drei Gardisten entgegen schleuderte.
Ohne groß zu überlegen öffnete Eichhörnchen das Fenster, sprang mit einem Satz hinaus, bekam einen Ast der Kastanie zu fassen, blieb kurz dort, bevor sie, den Kopf voran, die Baum hinunter rannte und weg, weg von dem falschen Soldaten, der ihr das Leben gerettet hatte.
Die Straßen waren wie leer gefegt, die verlassenen Winterfestmarkt Buden wirkten wie vergessene Grabsteine. Heute war der große, der letzte Winterfesttag. Heute ging niemand auf die Straße. Heute saßen sie alle bei ihren Familien, bei ihren Freunden.
Mitten auf einer Kreuzung blieb Eichhörnchen stehen, fiel mit einem Mal auf die Knie, und begann zu weinen.
Sie selbst hatte den anderen Kindern gesagt, nein, befohlen, am letzten Abend in der Färberei zu bleiben. Keiner von ihnen sollte auf die Straße, keiner sollte sich um etwas kümmern müssen. Sie hatte gewollt, dass sie spielen, sich Geschichten erzählen, in Ruhe gelassen. So wie richtige Kinder, Kinder mit Eltern. Sie hatte sie überraschen wollen, mit den Geschenken die sie ihnen von der Witwe Raring mitgebracht hätte.
Hätte sie sich nicht in den Kopf gesetzt den Färbereikindern ein richtiges Winterfest zu schenken, wären sie an jenem Nachmittag vermutlich alle draußen und auf der Straße gewesen.
Hufgetrappel brachte sie zurück in die Realtiät, und als sie aufblickte kam neben ihr ein Pferd zu stehen, im Geschirr der Reitergarde, aber ohne Gardisten auf dem Rücken. Statt dessen saß da der falsche Soldat aus dem Hospital und blickte zu Eichhörnchen hinunter.
„Soll ich dich nach Hause bringen?“, fragte er.
„Ich hab keins“, antwortete Eichhörnchen mit der größten Bemühung nicht all zu erbärmlich zu klingen.
Der falsche Soldat zuckte mit den Schultern, reichte ihr eine Hand, zog sie ohne jede Anstrengung zu sich hoch und setzte sie vor sich in den Sattel.
„Ich auch nicht“, meinte er und zuckte mit den Schultern „Aber wenn wir ein wenig ausschau halten finden wir bestimmt eines, was wir für ein paar Tage ausborgen können.“
Challenge: Umzug, Fake
Fandom: original
Die Winterfesttage waren die härteste und zugleich die bequemste Zeit um kein richtiges zuhause zu haben. Sie waren hart, weil es Winter war und in jener Provinz, zu der die Stadt Regen gehörte, waren die Winter rau, mit einem schroffen Wind, der einem die Schneeflocken als eisige Glassplitter in das Gesicht bließ.
Die Färbereikinder hatten es da noch gut, denn sie hatten ein Dach über dem Kopf, und Fenster, die – wenn sie auch keine Glasscheiben mehr hatten – doch mit Brettern versehen und mit Stoffen verstopft werden konnten. Sie hatten einen kleinen Kamin, um den sie sich sammelten, ihre Körper wärmten, sich Geschichten erzählten, und ihre Beute miteinander teilten.
Die Winterfesttage waren die bequemste Zeit, weil in diesen vier Wochen jeder, und war er auch noch so ungeschickt, mit Beute zurück kommen konnte.
In den Straßen war überall der Winterfestmarkt aufgebaut, zu dem Händler aus dem ganzen Reich in die Stadt kamen, und das Menschengedränge war, dem Wetter zum trotz, groß. Nur ein Idiot oder ein Feigling fand hier nichts, was er stehlen konnte, und selbst wer nichts stahl fand doch irgend eine freundliche Seele, die vom Honigpunsch zu überschwänglicher Großzügigkeit erwärmt worden war.
Eichhörnchens Taschen, alle fünf, die sich an ihrem Mantel befanden, waren bis zum Rand gefüllt mit Zuckerbrot, Äpfeln und Nüssen. In einem Korb lagen ein herzhafter Fleischkuchen, in Tücher gewickelt um nicht vollkommen auszukühlen, eine Dose mit Plätzchen, ein paar Spielsachenund ein verkorkter Tohnkrug, in dem dickflüßiger Honigtee darauf wartete getrunken zu werden. Den Korb hatte Eichhörnchen nicht gestohlen, sondern von der Witwe Raring, die – seit ihre eigenen Söhne an der Front gefallen waren – jedes Jahr für das Wohl der Färbereikinder zu sorgen half, und Eichhörnchen den Korb geschenkt hatte, bevor sie die nächste Kutsche zum Bahnhof genommen hatte um für die Feiertage zu ihrer Schwester in die Hauptstadt zu fahren.
Der Fluss, der die Städte Nebel und Regen trennte, war nicht sonderlich breit und bereits halb zugefrohren. Eichhörnchen stapfte an seinem Ufer entlang, an toten, in Eis gehüllten Brennenesselstauden vorbei, und freute sich über die Stiefel an ihren Füßen (ebenfalls ein Geschenk der Witwe Raring), die warm und wasserfest waren, sie freute sich über das Eis und den Schnee der unter ihren Füßen knackte und sie freute sich auf die Gesichter der anderen Kindern, wenn sie erst in die Färberei zurück kehren, ihre Taschen ausleeren und mit ihnen das Winterfest feiern würde, mit Liedern und Honigtee und einem Feuer im Ofen. Mit allem was dazu gehörte. Wie eine richtige Familie.
Eichhörnchen hatte große Angst vor dem Winter gehabt, vor der Verantwortung die sie, als neue Anführerin der Färbereikinder hatte, aber bis jetzt ging es ihnen gut, keiner von ihnen war erkrankt, keiner hatte Hunger, und auch wenn Eichhörnchen nicht wirklich an Gott zu glauben gelernt hatte, dankte sie ihm dafür, dass dieser – ihr erster – Winter, der angenehmste war, den sie je erlebt hatte.
Das dachte sie, und in dem selben Moment, in dem sie ihr frei erfundenes Dankgebet mit einem halb schüchtern, halb belustigten „Amen“ beendet hatte, sah sie in der Ferne, flussaufwärts, Staub und Rauch in die Höhe steigen, und kurz darauf hörte sie einen lauten Knall, und spürte eine Erschütterung die das Eis um sie herum klirren ließ. Und auch wenn sie nicht wußte, was geschehen war, ließ sie den Korb mit dem Fleischkuchen und dem Honigtee fallen und rannte los, so schnell Sie konnte, dort hin wo die Explosion gewesen war, dort hin, wo ihr zuhause lag, dort hin, wo die anderen Kinder in der alten Färberei auf sie warteten.
Sie stolperte und strauchelte, rutschte aus, fiel, fing sich wieder, schlug sich das Knie an einem Stein auf, krabbelte ein Stück, rannte weiter, unter der Ostbrücke hindurch. Hier blieb stehen, einen Augenblick, jeder Atemzug schmerzte, die Kälte schnitt, wie tausend Rasierklingen, in ihre Lunge.
Von hier aus müsste sie die Alte Färberei bereits sehen, aber sie erkannte nichts, nur eine große, dunkle Wolke aus Rus. Der Wind wehte von Westen her, und brachte ihr also auch keine Hinweise in Form von Gerüchen. Trotzdem schnuppete sie, mit geschlossenen Augen – denn so konnte sie besser riechen, bildete sie sich jedenfalls ein.
Da hörte sie Schritte, und als sie die Augen wieder öffnete erblickte sie Goldlöckchen, ohne Schuhe, aber in fünf Wollpullover gekleidet, ihre blonden Locken waren rußverschmiert, auf ihrer Stirn prangte eine Platzwunde, aus der das Blut wie ein kleiner Wasserfall auf ihre Wange und von dort auf ihre Brust tropfte. Ihren rechten Arm presste das Mädchen fest an ihren Körper, hielt ihn mit ihrer linken Hand fest, als würde er sonst herunter fallen.
Sie sagte kein Wort, sie weinte auch nicht, bewegte ihre Lippen nur stumm, ihre Augen waren so groß wie Teller, ihre Füße, auf denen sie hin und her schwankte, blaue von der Kälte.
Rasch kniete Eichhörnchen sich zu ihr nieder, nahm sie vorsichtig in den Arm, und fragte, so leise sie konnte, was geschehen wäre.
Goldlöckchen sagte nichts.
Erst als Eichhörnchen sie behutsam auf den Arm nahm und zurück zur Färberei tragen wollte begann das Mädchen zu schreien, hysterisch und so hoch und grell, wie es nur eine Siebenjährige kann, und was Eichhörnchen auch tat, sie konnte Goldlöckchen nicht beruhigen, ehe sie umgekehrt war und von der Färberei fort lief.
Inzwischen hatte sich in Eichhörnchens Kopf bereits ein recht klares Bild dessen abgezeichnet, was geschehen war, auch wenn sie nicht begriff weshalb jemand die alte Färberei in die Luft jagen sollte, und – viel wichtiger – weshalb dies ohne Ankündigung geschah. Sie versuchte von Goldlöckchen zu erfahren, wie es den Anderen ging, ob noch jemand entkommen war, doch wieder schwieg das Mädchen, zitterte nur und wimmerte. Ihr rechter Arm war gebrochen, da war Eichhörnchen sich sicher, und sie versuchte angestrengt nicht über die anderen Kinder sondern erst einmal darüber nachzudenken, wo sie Goldlöckchen hinbringen könnte, jetzt wo die Witwe Raring verreist war.
Als erster fielen ihr die Schwestern vom Regener Kloster ein, doch die hatten für Diebe und Tunichtsgute, egal welchen Alters, so wenig übrig wie der Rest der Kirche – da war keine Rede von Nächstenliebe, wer stahl verdiente Gottes Gnade nicht – dann dachte sie an die Universität, mit ihrer Klinik, aber die nahmen auch nur solche Menschen auf, die ihre Behandlung zahlen konnten. Eichhörnchen zählte im Kopf die Groschen und Taler, die sie auf dem Winterfestmarkt zusammengeklaubt hatte.
Vielleicht, mit ein wenig Glück, würde es reichen. Immerhin ging es um Goldlöckchen, die selbst in ihrem jetzigen, erbärmlichen Zustand noch so lieblich – wie eine kleine Prinzessin oder eine Puppe – wirkte, dass Eichhörnchen sich nicht vorstellen konnte, dass irgend jemand sie fort schickte.
Auf der Talstraße begegneten sie dem Lampenputzer, der die Straßenlaternen bereits angesteckt hatte und jetzt nur noch zur Kontrolle umher ging, dass auch bloß kein Licht erlöschte, der den Mädchen aber keine Beachtung schenkte. Eichhörnchen ging weiter, auf die Fichtenstraße, hier hatten Kutschen und Stiefel den Schnee zu einem bräunlich grauen Matsch gemacht, der unter den Füßen schmatzte und spritzte. Hier tauchten bereits die ersten Winterfestmarkt-Stände auf, und die Händler priesen ihre Güter an, versprachen, dass ihr Lampenöl länger brannte, dass ihre Messer besser schneiden, ihre Hüte besser sitzen, ihre Uhren besser laufen und ihre Maronen besser schmecken würden als alles andere in der Welt, aber niemand, kein einziger der Händler, der Passanten, der Gardisten, schenkte den beiden Mädchen beachtung, die sich durch die Menschenmengen zwangen. Zwei unsichtbare Gestalten.
Stunden später, jedenfalls schien es Eichhörnchen so, erreichte sie endlich das Hospital der Universität, ein klobiges Gebäude, aus schweren, großen Steinen, mit dicken Mauern und winzigen Fenstern. Es war in der letzten Dynastie erbaut worden, wie die gesamte Universität, hatte fast dreihundert Jahre auf dem Buckel, und strahlte etwas monumentales aus, größer als Kirche, oder das Rathaus, nicht heilig und nicht hoheitlich, sondern ewig. Beständig. Sicher.
Hier, in der Universität der Stadt Regen, hatten sich die Wissenschaftler vor gut zweihundert Jahren verschanzt, als der damals neue, junge Kaiser dem Rat des Kirchenvaters gefolgt war und die Forschung verbieten lies. Diese Tage waren lange vorbei, inzwischen war die Wissenschaft auf dem besten Weg die Kirche als höchste Instanz zu verdrängen, aber trotzdem war Eichhörnchen, als betrete sie eine Zitadelle, eine Festung, als sie in den Hospitalsgarten gelangte.
Sie kletterte die Stufen zum Haupteingang empor, stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte verzweifelt den Türklopfer zu erreichen, ohne dabei Goldlöckchen, die inzwischen eingeschlafen oder ohnmächtig geworden war, loslassen zu müssen. Eichhörnchen rief nach Hilfe, verfluchte ihre all zu kleine Körpergröße, und ließ sich schließlich, müde auf die oberste Eingangsstufe fallen, drückte Goldlöckchen an sich und betete, dass überhaupt noch jemand im Hospital war, dass sie nicht alle frei bekommen hatten um die Winterfesttage zu feiern, und dass einer von jenen unglücklichen, die an diesem Abend nicht bei ihrer Familie sein durften sondern arbeiten mussten, dass einer von ihnen zufällig auf die Idee käme hinaus zu sehen, ob der Winter nicht vielleicht zwei Straßenkinder angespült hatte, zwei kleine Mädchen denen man ihr Zuhause in die Luft gejagt hatte.
Eichhörnchen zitterte, die Kälte kroch langsam aber stetig auch durch ihre Stiefel und in ihren Mantel.
Um sie herum war es bereits Nacht, der Schnee und die Sterne tauchten die Welt in ein geisterhaftes Licht, im Tal leuchteten die Kerzen in den Fenstern der Häuser, in denen Menschen lebten die es warm hatten, die keine Angst haben mussten, dass ihre Freunde, ihre Familie, irgendwo unter Trümmern begraben lagen. Eichhörnchens Zehen und Finger wurden taub, ihre Nase spürte sie schon lange nicht mehr. „Dann erfriere ich eben.“, dachte sie, und dass sie dann wenigstens im Jenseits wieder auf die anderen Färbereikinder achtgeben konnte, als sie in der Ferne einen Mann erkannte, groß und breitschultrig, ein wahrhaftiger Kolloss. Erst als er näher kam erkannte Eichhörnchen, dass er eine Uniform trug, den Wintermantel eines Soldaten über die Schulter geworfen, einen Feldrucksack auf dem Rücken, irgendwelche Abzeichen, die an seiner Brust hingen und klimperten.
Bevor Eichhörnchen überhaupt fähig war aufzustehen hatte er sie erreicht, blieb vor ihr stehen – groß wie ein Turm – und sah zu ihr hinab.
„Was machst du hier?“, fragte er. Seine Stimme war ein tiefes, tiefes Brummen, und auch wenn sie Eichhörnchen vielleicht hätte Angst einjagen sollen, fand sie nur etwas warmes, beruhigendes in ihr.
Sie öffnete ihren Mund um zu antworten, brachte jedoch nichts als ein jämmerliches Fiepsen hervor.
Der Soldat kniete sich zu ihr, er hatte dunkle Knopfaugen und eine runde Nase, und schmale Lippen, auf denen sich ein kaum merkliches, fürsorglich Lächeln abzeichnete.
Er half Eichhörnchen auf die Beine, nahm ihr Goldlöckchen ab. „Er ist überhaupt nicht verletzt“, dachte Eichhörnchen, aber sie sagte nichts.
Dann trat er, mit seinen schweren, metallbeschlagenen Soldatenstiefeln, gegen die Eingangstür des Spitals (und Eichhörnchen ärgerte sich, dass sie nicht selbst auf die Idee gekommen war), solange, bis ihnen endlich geöffnet wurde.
Als Eichhörnchen am nächsten Morgen erwachte, lag sie in einem Krankenbett. Die Sonne strahlte kalt und hell durch die kahlen Äste einer Kastanie in ihre Augen und der erste Gedanke der ihr kam war, dass sie tot sein musste. Aber dann entdeckte sie den Soldaten, der im Schatten einer Ecke des Zimmers saß und sie mit ernster Miene beobachtete.
„Wo ist Goldlöckchen?“, fragte Eichhörnchen, kaum dass ihre Erinnerungen an die letzte Nacht zurückgekehrt waren.
Der Soldat schwieg, blickte verlegen auf seine Hände, dann stand er auf, deutete auf Eichhörnchens Kleider, die über der Armlehne des Stuhls hingen und brummte nur, sie solle sich anziehen.
Während sie also das Nachthemd, in das man sie gesteckt hatte, abstreifte und wieder in ihre eigenen – ein Glück trockenen und warmen – Kleider schlüpfte, stand er da, mit dem Rücken zu ihr und wartete, sein Gewicht immer wieder vom einen auf den andern Fuß verlagernd.
Sie war gerade fertig, als die Zimmertür aufgestoßen wurde und drei Gardisten hinein stürmten.
„Im Namen des Kaisers und der Kirche verhafte ich sie unter Beschuldigung folgender Straftaten:“, erklärte der Ranghöchste der Gardisten, und begann aufzuzählen. „Illegales Tragen einer Uniform, Betrug, Diebstahl vertraulicher Dokumente...“, er war gerade so weit gekommen, als der falsche Soldat ihm einen so heftigen und plötzlichen Kinnhaken verpasste, dass keiner der anderen beiden Gardisten rechtzeitig ihre Säbel gezogen hätten.
„Lauf weg!“, befahl der falsche Soldat Eichhörnchen, doch die hörte nicht, sah nur im weitaufgerissenen Augen zu, wie er (mit einer Hand!), ihr Krankenbett ergriff und den drei Gardisten entgegen schleuderte.
Ohne groß zu überlegen öffnete Eichhörnchen das Fenster, sprang mit einem Satz hinaus, bekam einen Ast der Kastanie zu fassen, blieb kurz dort, bevor sie, den Kopf voran, die Baum hinunter rannte und weg, weg von dem falschen Soldaten, der ihr das Leben gerettet hatte.
Die Straßen waren wie leer gefegt, die verlassenen Winterfestmarkt Buden wirkten wie vergessene Grabsteine. Heute war der große, der letzte Winterfesttag. Heute ging niemand auf die Straße. Heute saßen sie alle bei ihren Familien, bei ihren Freunden.
Mitten auf einer Kreuzung blieb Eichhörnchen stehen, fiel mit einem Mal auf die Knie, und begann zu weinen.
Sie selbst hatte den anderen Kindern gesagt, nein, befohlen, am letzten Abend in der Färberei zu bleiben. Keiner von ihnen sollte auf die Straße, keiner sollte sich um etwas kümmern müssen. Sie hatte gewollt, dass sie spielen, sich Geschichten erzählen, in Ruhe gelassen. So wie richtige Kinder, Kinder mit Eltern. Sie hatte sie überraschen wollen, mit den Geschenken die sie ihnen von der Witwe Raring mitgebracht hätte.
Hätte sie sich nicht in den Kopf gesetzt den Färbereikindern ein richtiges Winterfest zu schenken, wären sie an jenem Nachmittag vermutlich alle draußen und auf der Straße gewesen.
Hufgetrappel brachte sie zurück in die Realtiät, und als sie aufblickte kam neben ihr ein Pferd zu stehen, im Geschirr der Reitergarde, aber ohne Gardisten auf dem Rücken. Statt dessen saß da der falsche Soldat aus dem Hospital und blickte zu Eichhörnchen hinunter.
„Soll ich dich nach Hause bringen?“, fragte er.
„Ich hab keins“, antwortete Eichhörnchen mit der größten Bemühung nicht all zu erbärmlich zu klingen.
Der falsche Soldat zuckte mit den Schultern, reichte ihr eine Hand, zog sie ohne jede Anstrengung zu sich hoch und setzte sie vor sich in den Sattel.
„Ich auch nicht“, meinte er und zuckte mit den Schultern „Aber wenn wir ein wenig ausschau halten finden wir bestimmt eines, was wir für ein paar Tage ausborgen können.“
no subject
Date: 2010-12-22 04:11 am (UTC)Mir fehlen die Worte.
Ein wirklich wunderschönes 22. Türchen.
no subject
Date: 2010-12-22 08:59 am (UTC)