[identity profile] lokuro.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Autor: Loki
Fandom: Original
Challenge:  # 2 Nachlassende Schmerzen (laut) und # 1 "Tu es nicht!" (leise)
Genre: absurd?
Wörter:  ~866
Warnung 1: Der Autor glaubt nicht an Weihnachten. Und trotzdem ist Kitsch bei rausgekommen^^"
Warnung 2: nicht ge[beta]ed. Gestern Abend geschrieben und für gut befunden, heute Morgen noch mal durchgelesen und die Entscheidung zurückgenommen. Autch.
Dafür ist es kurz und schmerzlos? <3
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Er würde nicht daran denken.
Unser Vorstellungskraft hatte die Macht das Universum zu verändern, wenn er also nicht daran dachte, raubte er dem Monstrum einen Teil seiner Stärke und Allmacht.

Die Ruhe selbst band er sich weiter die Krawatte um. Die seidene Schleife drohte sich gerade aus den nervösen Finger herauszuwinden, da packte er den schmalen Streifen Stoff fest wie eine giftige Natter. Dieses Ende festhalten, das andere herumwickeln, einen Knoten herausbekommen und zuziehen. Hm. Nicht so fest vielleicht.

Ein letzter prüfender Blick in die Garderobe und das Spiegelbild schaute voller Zuversicht zurück. Etwas blass um die Nase aber immer noch recht erfolgversprechend.
Ohne sich noch weiter in seinem alten Kinderzimmer aufzuhalten, ging er herunter, tauchte in die eindringliche Wärme des Wohnzimmers ein, in die Geräuschkulisse einer vollversammelten Großfamilie.  

Sein Lächeln war tadellos, der maßgeschneiderte Anzug kniff nur an wenigen Stellen und die kühlen Augen hatten von dem vielen Kerzenschein diesen romantischen blauen Schimmer angenommen - er weigerte sich standhaft den farblosen Ton als ‚mausgrau‘ zu bezeichnen.

Ah, da war die Verlobte seines Cousins - hatte er nicht mit ihr letztes Weihnachten eine stimmungsvolle Begegnung in der Küche? Mit zwei Flaschen Glühwein (oder war es der Kognak, den die Großmutter dort verscharrte?), Sex und verstautem Knöchel als er versuchte, sie auf den Armen in den oberen Stockwerk zu tragen?
Jetzt glomm ein goldener Ring auf ihrer Hand gefährlich auf - wie kitschig - wahrscheinlich war sie bereits verheiratet, er erinnerte sich sogar wage an die verschickten Hochzeitseinladungen, die er zusammen mit der Werbung entsorgt hatte.
Viel Glück, Mädchen.

Und da war sein Onkel - ein bedeutungsvoller Politiker, dick wie ein Walfisch, wenn er doch nur genauso stumm wäre. Seine laute Stimme beherrschte den Raum im Umkreis von zwei und die selbstherrliche Arroganz breitete sich sogar auf ganze drei Metern aus. Seine Kompromissbereitschaft gegenüber den einleuchtenden Argumenten der industriellen Lobby schien durchaus rentabel, wenn auch recht anstrengend zu sein: Die spärlichen Haare verließen den guten Mann zwar zusehends, doch zum Ausgleich bekam er einige gemütliche Fettpolsterchen, die ihn stattdessen warm halten sollten. Alles in der Natur stand mit einander in Beziehung, die Harmonie des Universums sorgte immer um den gerechten Ausgleich - das systematische Chaos, das unsere Gedanken, Taten und Wünsche mit einander verband. Leider.

Und da war sie - die alte Hexe, das Familienoberhaupt seit zig tausend Jahren, das jedes Jahr aufs Neue die verbliebenen Familienangehörige um sich scharrte, die jedes Jahr vergebens darauf hofften, dies möge ihre letzte gemeinsame Feier sein. Außer vielleicht der Beerdigung: Die Frauen hatten bereits wunderschöne schwarze Kleider gekauft und die Männer eine hingebungsvolle Rede einstudiert. Alles umsonst. Jedes Weihnachten enttäuschte Mrs. Colubridae ihre zahlreichen Kinder und bleib hartnäckig am Leben.
Jeder kannte das Märchen von Krabat, jeder wusste, welchen Preis sie dafür zahlen würden.

„Liebling.“
Er erschauerte. Was musste sich die alte Schachtel ausgerechnet ihn aussuchen?  
„Hm. Großmutter?“
„Komm doch her, Schatz, oder soll sich eine alte Frau wie ich zu dir bequemen?“
Natürlich.
Die Rollstuhlnummer. Er wusste nicht mal mit Sicherheit, ob sie den Rollstuhl wirklich brauchte oder ob nur benutze um ungestraft die anderen hin und her zu schicken.

Eine dürre, ausgezerrte Gestalt, scharfe Augen - es würde keinem in den Sinn kommen, sie anderes als stahlgrau zu beschreiben - eine gebogene Nase. Alle typischen Merkmale einer Hexe, er musste es wissen, schließlich hatte er nicht umsonst seinen Bachelor in Kunstmärchen gemacht.

"Man sieht dich hier in letzte Zeit so selten..."
Da er sich nicht gleich entscheiden konnte, ob das eher wie ein Vorwurf oder wie eine erfreute Feststellung klang, reagierte er ganz neutral. Und vergaß nicht dabei zu lächeln.
"Die Uni ist 'ne bi.. eine harte Sache. Sehr zeitaufreibend."
Falsche Antwort.
Definitiv falsche Antwort.
Ihr Blick verdunkelt sich (stahlgrau? Von wegen! Die Farbe eines sturmgepeitschten Meeres, an dessen Abgrund sich scharfe Felsen verbergen und nach dem Blut unachtsamer Abenteurer gieren.)
"Der Krieg war auch eine Zeitaufwenige Angelegenheit und trotzdem habe ich es geschafft euch großzuziehen!"
Also nicht ihn persönlich, aber seine Mutter. Und ihre zwei Brüder. Und noch ein Findelkind dazu.
"Und jetzt will ich keine leidliche Entschuldigungen mehr hören - setz dich hin und lies. Die alten Wunden melden sich wieder und ich brauche Ablenkung."
Jetzt ist auch ihr Gesicht ein wenig grau. Aschfahl. Ausgemergelt. Müde.

Vielleicht wurde es doch ihr letztes Weihnachten. Nur das schadenfrohe Gefühl verspätete sich wie immer. Musste sich wohl durch die dicken Schneewehen auf den Straßen aufhalten lassen.
„Es war einmal ein Konig... Hm, machen wir eine Königin daraus. Und hatte diese Königin zwei Söhne und eine wunderschöne Tochter...“

Er wusste nicht, ob sein Märchen gut wird. Nach dem Bachelor in Literatur hatte er das Studium abgebrochen und sich als freier Journalist versucht. Erfolglos.

... und eigentlich brauchte er das Erbe wirklich.
Die grauen Augen beobachteten in scharf, sahen durch ihn hindurch und er kam ins Stocken, die Königstochter stellte auf einmal unmögliche Ansprüche an die Ritter und er hatte keine Ahnung, wie er die Geschichte beenden konnte ohne die Aliens miteinzubeziehen.

„Findest du mein Herz und bringst es zu mir zurück, ehe es ganz gefriert, so darfst du es behalten.“

Beruhigend, dass keine zuhörte, wie er das eigene Herz an den banalen aber wirksamen Sentimentalitäten aufwärmte.
Beruhigend, dass die alte Hexe die Augen schloss und ihm lauschte.

Beruhigend, dass sie noch lebte.


Date: 2010-12-07 06:19 pm (UTC)
der_jemand: (making sense)
From: [personal profile] der_jemand
Eines Tages, wenn ich groß bin und erwachsen und schreiben kann und so, möchte ich sowas schreiben und befinden können, dass es nicht gut genug ist.
Bis dahin sitze ich mit großen Augen vor dir und freue mich, dass du das kannst.
...Alte Hexen sind eine feine Sache, Weihnachten hin oder her.^^

Kohärente Kommentare wurden zugunsten von Phasenumwandlungen abgeschafft, aber ich find's für dich mit gut.^_^
(Und ich stehe ungemein auf die Harmonie des Universums, die mangelnde Haare mit Fett ausgleicht. *fangirl*)

Date: 2010-12-07 10:03 pm (UTC)
ext_184151: (Karen)
From: [identity profile] nyx-chan.livejournal.com
Was ich am interessantesten fand, war der Umschwung meiner Gedanken dabei. "Ah ja, das böse Element, das gehört einfach auch zu Weihnachten. Wie ich Familienfeiern hasse. Wie sehr auch Böses in den Adventskalender gehört. Ich kann auf Advent wirklich verzichten." - "Es ist unendlich bitter und unendlich traurig - und bissig mit wissendem Schmunzeln." - "Ja... Bei mir ist es auch noch unterwegs. Schneewehen eben. Familienfeiern. Man kommt nicht drum rum, sich selbst an der Wahrheit zu verraten."
Es ist ein schönes Sujet und die Personen, mehr die Hexe und ihrer Brutes Brut, sind einfach nur so bekannt. <3

*setzt sich zu Aku* Hach, ja - wir fangirlen und finden dich gerne für dich mit toll <33 Wir sind professionelle passionierte Fangirls :D
Schöner Beitrag - thx!

Date: 2010-12-22 02:07 pm (UTC)
ext_184151: (coffee)
From: [identity profile] nyx-chan.livejournal.com
Ich mag lange Kommentare und Antworten, auch wenn das mehr Zeit und Muse in Anspruch nimmt und es bei mir deswegen schnell dazukommt, dass es erst nach einer Ewigkeit beantwortet wird. *hust* (Ja, ich bin verplant, kopflos und ... hab ich verplant erwähnt?)

Ja, eine Mischung aus allem ist gut. Besonders weil ich der Weihnachtszeit selber mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber stehe. XD~
Hmmm, ich denke, sie hätten es verdient vom Geist der Weihnacht donnergleich getroffen zu werden. Erschütternd und erleuchtend. *g*

Yay, sie ist verlegen! *im Kreis tanzt* Jaaa, gib ne Runde Glühwein aus! *3*

@PS: *hust* *Tarnkappe wieder aufsetzt*

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