Ich weiß dass es keine Punkte mehr gibt, aber der Vollständigkeit halber poste ich die fertigen und halbfertigen Storys zur Sommerchallenge, die noch so auf meinem Computer rumschwirren. Ich hab zu lange damit gewartet sie on zu stellen und dann hat die Internetverbindung gestreikt. Dumm gelaufen! Aber an der Rangliste hätte es vermutlich eh nix geändert. Also just for fun-
Nummer eins: Regeln!
(gleiches Original wie "Schritt halten" und "Sinkende Schiffe")
Fandom: original
Challenge: "Regeln"
Warnings: leichtes Gefluche?
Regeln
Es schüttete wie aus Kübeln. Nach einem beschissen trüben Frühling hatte das Wetter die Frechheit, ausgerechnet zum Sommeranfang so nass und kalt zu sein, wie sonst nur im tiefsten Herbst. Die Innenstadt war wie ausgestorben. Auf dem Universitätsplatz war das Kopfsteinpflaster so glitschig, dass der einsame junge Kerl, der quer darüber hinweg zum Hauptgebäude mehr schlitterte als rannte, jetzt schon das zweite Mal ausgerutscht war und sich mit ruinierten Klamotten wieder aufrappelte.
Im Pförtnerhäuschen thronte eine ältere Dame auf einem Holzschemel, die ihre Fingernägel feilte, und dabei über schmale Brillengläser hinweg blickend in einer Zeitschrift las. Nur das plötzliche, heftige Trommeln gegen die Sicherheitsscheibe ließ sie aufblicken.
Vor ihr stand der Regendurchquerer. Lang und schlacksig, ein typischer junger Mensch von den vielen, die sich in der Stadt festgesetzt hatten. Kurzer, lässiger Haarschnitt, modischer Schal um den Hals, auffällig dunkle Wimpern- natürlich ein Ausländer- und ein nasses Elend von Kopf bis Fuß.
Im Moment schien er endlich am Ziel angekommen und er schlug mit verzweifelter Hektik und beiden Fäusten so auf das Pförtnerhäuschen ein, dass die Dame brüskiert zurückwich und ihre Zeitschrift schloss.
„Entschuldigung!“ , keuchte er, und zerrte einen zerfleddert wirkenden Lappen aus der rechten Hosentasche, um ihn gegen die Scheibe zu pressen, „Ich bin Student, lassen sie mich bitte rein! Ich hab verschlafen, ich muss unbedingt zu der Prüfung in Hörsaal drei!“
Die Lippen der Dame zogen sich zu einem dünnen Strich zusammen.
Ihre Augen wurden sehr schmal, bevor sie ein kleines Fenster in der Scheibe öffnete, um ungehinderter sprechen zu können.
„Hörsaal drei ist bereits seit einer halben Stunde geschlossen!“, bemerkte sie kühl in das unwirtliche Wetter vor ihrer Nase hinaus.
„Ich weiß!“ , jammerte der junge Mann, und wischte sich Haarsträhnen aus der Stirn, die der Farbe von nassem Beton sehr nahe kamen, „Aber es ist lebenswichtig! Um Himmels Willen! Bitte machen sie eine Ausnahme! Ich kann nichts dafür, ich verschlafe sonst nur ganz selten!“
Die Pförtnerhäuschendame warf einen Blick auf den Fetzen Papier.
„Hören sie… Ferris.“ , begann sie in ernüchtertem Ton, „Ihr Vorhaben, an der Universität dieser Stadt zu studieren, setzt gewisse Fähigkeiten voraus. Zum Beispiel die Fähigkeit, sich an Regeln zu halten. Und eine sehr wichtige Regel besagt, wie sie wissen, dass niemand eine Prüfung mitschreibt, der nicht rechtzeitig vor Prüfungsbeginn vor Ort ist. Geschweige denn eine halbe Stunde später!“
„Ich weiß, es tut mir auch furchtbar leid!“, der junge Student raufte sich verzweifelt die nassen Haare, „Gibt es denn nicht eine zweite Chance? Irgendeine Möglichkeit, das wieder gut zu machen? Seien sie nicht so herzlos! Ich hab doch nicht mit Absicht verschlafen!“
„Bedauere.“ , bemerkte die ältere Dame, „Ich bin nicht befugt, Ausnahmen zu erteilen.“
Damit schloss sie ungerührt das kleine Fenster in der Scheibe, rückte die schmalen Brillengläser zurecht, und schlug wieder die Zeitschrift auf.
Der stahlgraue Himmel grollte effektvoll, ein mächtiges Geräusch, das von allen Seiten widerzuhallen schien.
Und der junge Mann namens Ferris stand wie betäubt vor den verschlossenen Toren der Lernanstalt. Man konnte zusehen, wie seine Schultern sanken. Seine Haare wurden immer nasser, der Ausweis in seiner Hand begann aufzuweichen, der Stoff seiner nicht ganz billig gekauften Kleidung sog sich mit Wasser voll.
Irgendwo tief in seinem Innern spürte er in genau diesem Moment die Gewissheit, versagt zu haben. Nicht nur bei dieser bescheuerten Prüfung- das sowieso. Eher globaler. Am Leben insgesamt. Hier stand er, ohne die Entschuldigung von trauriger Kindheit oder Lese- Rechtschreib- Schwäche, und er hatte das sichere Gefühl, seine Chancen verpasst zu haben. Noch einmal warf er einen Blick auf die ehrfurchtsgebietenden, weiß getünchten Mauern der Universität, das mächtige Tor, die Gargoyles aus Sandstein, die jetzt als dunkle, nasse Schatten höhnisch gegen den düsteren Himmel vom Dach herunter starrten. Irgendwo hinter den schmalen Fensterscheiben kamen junge Leute ihrem Ziel der gesicherten Zukunft ein kleines Stück näher, und er, Ferris, hatte den Startschuss verpasst. Wieder einmal. Der unrühmliche Höhepunkt in einer quälenden Reihe akademischer Katastrophen.
Schließlich löste er sich von dem Anblick. Er drehte er sich um und trottete mit eingezogenem Kopf seinen Weg zurück. Durchnässt war er eh schon. Es hatte keinen Sinn mehr, jetzt schnell noch nach einem trockenen Platz zu suchen.
Der Regen pladderte derart herunter, dass sich links und rechts in den Abflussrinnen der Straße kleine Sturzbäche bildeten. Obwohl es früher Nachmittag war, hatten die meisten Geschäfte geschlossen.
Sommeranfang.
Bei diesem Wetter fiel das Straßenfest wohl ins Wasser, aber aus vielen der Fenster in den kleinen Läden und dicht gedrängten Wohnhäusern drang Licht. Wer Familie hatte, würde den Tag zuhause verbringen. Ferris war zu weit weg von seiner Familie in den Bergen, und nach langer Zeit hatte er zum ersten Mal wieder so etwas wie Heimweh.
Sommeranfang war ein großer Spaß, besonders Abends, wenn man mit anderen Leuten um die Häuser ziehen, und die Funkenfeuer sehen konnte. Heute sah es aus, als schien selbst das Wetter sich im Kalender geirrt zu haben.
Als er mit quietschenden Sandalen endlich vor der klapperigen Tür seiner ärmlichen, momentanen Bleibe stand, öffnete sich über ihm das Fenster der Wohnung seines alten Vermieters.
„Da sind sie ja!“ , raunzte der spitzbärtige, dürre Mann heraus, „Es liegt schon wieder Müll neben der Haustür, haben sie das gesehen?“
Ferris warf einen ernüchterten Blick in die schmale Seitengasse neben der Bruchbude, in der er schon viel zu lange seine Nächte verbrachte. Wie immer stapelte sich dort ein Haufen von Verpackungen und Essensresten. Jeder Fußgänger, der vorbei kam, schien die Gasse für praktischer zu halten als jede öffentliche Mülltonne im Umkreis von zweihundert Metern.
„Ich hab ihnen schon tausendmal gesagt, dass der nicht von mir ist!“, murrte er hinauf, obwohl er tief im Innern wusste, dass jedes Wort dieser Diskussion verschwendet war.
„Er liegt neben ihrer Haustür, also übernehmen sie Verantwortung! Ich will nicht, dass Ungeziefer in die Wohnung kommt, weil sie Müll neben der Haustür haben!“
Ferris stöhnte leise, und hantierte mit dem rostigen Schlüssel.
Es war nicht so, dass den Vermieter der Schimmel, der bereits in der Wohnung war, jemals interessiert hätte.
„Und ziehen sie ihre Schuhe aus, bevor sie auf den Holzboden treten!“ , wetterte es von oben, „Wenn sich ihretwegen die Dielen verziehen, werden sie mir das zahlen, verstehen sie? Es ist mir egal ob sie Geld dafür haben!“
Ferris trat in den düsteren Flur und schloss die Tür hinter sich.
Das Schimpfen verstummte. Ein paar Momente lang war es nur düster und klamm. Er setzte sich in Bewegung, durchquerte den Gang, stieg die zwei Stufen zu seinem Zimmer hinauf, öffnete eine zweite Tür. Vor ihm erstreckte sich in düsterem Regenwetterlicht ein heilloses Chaos. Stapelweise FastFood-Verpackungen, Haufenweise Kleidung und Decken, ein paar verstreute Aufschriebe, aufgeschlagene Bücher.
Die verzweifelte Frustration über viel zu aufwändiges Totalversagen in dieser Stadt schlug ihm so heftig entgegen und schien ihn in voller Wucht unter sich zu begraben, dass ihm in diesem Moment die Lust verging, jemals wieder einen Fuß in diesen Raum hier zu setzen. Heute jedenfalls nicht mehr.
Fluchtartig verließ er die Wohnung. Er schob die Hände ganz tief in die Hosentaschen, streunte im ruhiger gewordenen Regen die geraden, langweiligen Kopfsteinpflasterstraßen hinunter, wo sich aus rötlichem Sandstein gebaute Hausfassaden an Fachwerkhäuschen drängten, wo Glycinien sich über Eingangstüren hinaufrankten, und wilder Wein durchnässt vor sich hintropfte.
Er wusste nicht recht wo er hin sollte. Einfach nur so weit wie möglich weg von dieser gescheiterten Spießigkeit, die so gar nicht zu ihm zu passen schien, egal wie sehr er sich anstrengte. So weit wie möglich weg von dem Zwang, sich beweisen zu müssen, und seinen Lebenswert von einer dummen Note auf einem Blatt Papier abhängig zu machen. Irgendwohin, wo er keine Verantwortung aufgezwängt bekam, für Müll der nicht einmal seiner war. Weit weg von dieser bescheuerten Welt. Er brauchte einen Ausgang. Eine Pause. Eigentlich wollte er am Besten nie wieder zurück.
Vor ihm lag die Straße, die zum Händlerweg und zum Stadttor hinaus führte.
Er wurde langsamer.
Der Regen rieselte jetzt nur noch sanft, beinahe einer von diesen Sommerregen, die leise, fast lautlos in langen Schnüren vom Himmel zur Erde fallen und die ganze Gegend durchnässen. Wenn nur die Kälte dabei nicht gewesen wäre.
Die letzten Geschäfte und Wohnhäuser lagen weit hinter ihm. Er kam am Friedhof vorbei. Rechts stille Grabsteine, links regenrauschender Liguster.
Die letzten Häuser vor dem Stadttor lagen im Dunkeln, aber ihre Fenster waren hell erleuchtet. Noch weiter die Straße hinunter war der Weg zu Ende.
Links dunkle Stallungen, rechts das Gasthaus für Reisende. Wie immer möglichst weit außerhalb vom behüteten Zentrum. Und dahinter, im Regen, war nur noch das Stadttor.
Unschlüssig blieb Ferris stehen. Vor den Stallungen links flackerte eine Lampe wie ein Irrlicht. Eigentlich sollte er gar nicht hier sein.
Friedhöfe waren schon schlimm genug, aber kein anständiger Mensch ging in Gasthäuser. Gasthäuser waren tabu... das materialisierte Ende der Zivilisation.
Aber warum eigentlich?
An diesem zum Heulen verpassten Nachmittag keimte in ihm ein geradezu wissenschaftlicher Drang, herauszufinden warum das so war.
Das, und er brauchte jetzt einen Drink. Keine Kneipe der Innenstadt schenkte Studenten so viel aus, wie sie wollten. „Prävention durch Regulation“ nannte sich das, die neueste Idee ihrer vorbildlichen und bürgerfreundlichen Stadtordnung.
Ferris fühlte Wut in sich hochbrodeln. Mit entschlossenen Schritten steuerte er direkt das mit pechversiegelten Holzschindeln gedeckte Gebäude an, das sich an einen grasbewachsenen Hügel duckte. Die verdammten Regeln konnten ihn mal.
Heute fühlte er sich rebellisch.
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