Autor: Jenchan
Team: Sartre
Challenge: Szenario: Familientreffen/-feier
Word count: 2283
Fandom: Original
Charaktere: Samantha und ihre Verwandtschaft
Titel: Der 100. Geburtstag
Warnungen: unbetaed
Kommentar: Hmm ich mag das Ende nicht... das ist mir irgendwie misslungen, aber nachdem die ganze Story nicht unbedingt vor Handlung strotzt, sehe ich dezent drüber hinweg. Wenigstens schaffe ich es jetzt wieder überhaupt Zeilen auf den Bildschirm zu klatschen >.<
Der 100. Geburtstag
Samantha fragte sich wirklich, warum sie sich das antat. Der Weg war weit und es würde sie nichts als Demütigung erwarten. Tadel, Anschuldigungen, 'gute' Ratschläge. Aber vor allen Dingen würde sie immer und immer wieder zu hören bekommen, was für eine Versagerin sie doch war. Schämen musste man sich für sie und warum fing sie nicht endlich etwas Ordentliches mit ihrem Leben an.
Sie wollte ja. Sie mochte ihren Job in dieser Imbisskette nicht. Die Kunden waren meistens alle etwas beschränkt und die Kollegen verstand sie alle nicht. Sie fragte sich immer noch, warum die niemanden anstellten, der wenigstens ein bisschen besser die national gängige Sprache konnte. Andererseits hatten sie auch schon öfters das Problem das die Kunden nicht ihre Sprache sprachen. Insofern war die Wahl der Belegschaft vielleicht doch gerechtfertigt.
Aber darum ging es ja jetzt nicht. Hier ging es darum, dass sie in weniger als zehn Minuten in ihrem Elternhaus ankommen würde. Dort wurde der 100. Geburtstag ihrer Oma gefeiert und obwohl sie diese Oma wirklich mochte, fand sie dieses ganze Spektaktel einfach nur übertrieben. Nur für diesen Tag die ganze Verwandtschaft zusammenzurotten - ihre Oma konnte sich sicher nicht an den Großteil von ihnen erinnern, weil sie NIE zu besuch kamen, außer sie wussten, dass sie Freibier und jede Menge zu fressen bekamen, ohne auch nur einen Cent beizusteuern. Sie hatte noch nie begriffen, wieso sich ihre Eltern das antaten, nachdem das ja wirklich eine ganze Menge Kohle verschlang. Aber wehe sie wagte es daran Kritik zu üben. Dann bekam sie wieder Vorhaltungen, dass sie in einem Imbiss jobbte.
Darauf hatte sie eigentlich keine Lust.
Sie war so schon unzufrieden genug mit ihrem Leben, da musste man nicht auch noch Vorlagen liefern, damit alle anderen bewusst darauf rumhackten.
Mit gemischten Gefühlen bog sie auf die Einfahrt ein. Schon da sah sie wieder den Unterschied zwischen ihr und ihrer Familie. Die ganze Verwandtschaft fuhr protzige hübsch glänzende Autos. Sie war froh, dass sie diese Rostkarre hatte und dass diese sie den ganzen Weg hierher gebracht hatte. Mehr war mit ihrem derzeitigen Gehalt auch gar nicht leistbar und sie mochte ihr kleines Auto eigentlich, auch wenn es schon fast auseinanderfiel. Aber es fuhr noch und solange es das tat, war es egal, wie es aussah.
Nur ihrer Familie war das nicht egal. „Sammy Baby... du weißt doch, dass du dich nicht hier parken sollst. Stell dich auf den Parkplatz gegenüber...“, flötete ihre Mutter mit zuckersüßer Stimme und Samantha wollte kotzen. „Warum bist du denn nicht mit dem Zug gefahren. Onkel Danny hätte dich bestimmt abgeholt.“
„Onkel Daniel hat bestimmt jetzt schon wieder fünf Bier intus...“, schoss Samantha zurück und wollte aussteigen. Sie gehörte zu dieser Familie und dann hatte sie auch ein Recht hier zu stehen.
„Papperlapapp. Bei dir hört sich das so an, als würde er Alkoholiker sein. Und nun husch husch, park dich um.“ Fast wollte Sam wieder protestieren, aber sie tat es nicht, sondern startete krachend ihr Auto und ließ es wieder von der Auffahrt hinunterrollen. Dann parkte sie sich vor dem Grundstück der Nachbarn und stieg grummelnd aus.
„Hey Sam... lange nicht gesehen...“, quatschte sie eine Männerstimme von der Seite an. „Traust du dich wieder mal in die Höhle der gefräßigen Löwen?“ Samantha seufzte, setzte ein gequältes Lächeln auf und wandte sich zum Nachbarsjungen. Der war in ihrem Alter und wie man sich denken konnte waren sie miteinander aufgewachsen.
„Hey Sam...“, grüßte sie ihn und erinnerte sich daran, dass sie immer Sam² gerufen wurden. Er hieß Samuel und sie hätte ihm am liebsten einen anderen Spitznamen verpasst, aber ihr war nie ein guter eingefallen, außer wenn sie stritten. Dann waren es immer Wörter wie Pissgurke, Affenschädel und Dorftrottel gewesen. Aber aus dem Alter war sie raus und heute wusste sie, dass es absolut nicht nett war, ihm all diese Dinge an den Kopf geschmissen zu haben - auch wenn sie vielleicht ein bisschen gerechtfertigt waren. „Heute hat meine Granny ihren Hundertsten und ich mag Granny.“ Nur wegen ihr war sie überhaupt hergekommen. „Vielleicht kann ich sie ja von der Horde Alkoholiker befreien und ihr ein wenig den Tag versüßen, den meine Eltern zu einer Katastrophe aufbauen.“
„Liebe alte Granny. Richt ihr einen schönen Gruß aus und wenn du ne Auszeit brauchst: Tür und Tor stehen offen. Ich kann doch meine süße kleine Sammy nicht völlig schutzlos ihrer grauenhaften Verwandschaft überlassen.“ Nun musste Sam ehrlich lächeln, aber sie winkte gerührt ab.
„Ich werd das schon schaffen...“, meinte sie und wollte stark sein, aber eigentlich war sie schon jetzt sauer und als sie Samuel zum Abschied eine Hand auf die Schulter legen wollte, hielt er ihre Hand fest und zog sie näher.
„Ich mein es ernst Samantha. Du bist sensibel und das dort ist eine Herde aus Trampeltieren. Du musst dir das nicht antun. Dir sollte dein...“
„Lass es... bitte sags nicht.“ Das Lächeln war von Samanthas Gesicht geflossen und sie sah ihren Nachbarn ernst, aber auch traurig an. „Auch wenn du Recht haben mögest, es ist meine Familie. Und es ist Grannys Geburtstag. Ich werde mich davor nicht drücken. Ich muss jetzt auch rüber...“ Auch wenn sie nicht glaubte, dass sie schon vermisst wurde.
„Ich werde ein Augen und Ohren offen halten...“, versprach Samuel noch und schenkte ihr ein aufmunterndes Grinsen. „Go Tiger Go...“, rief er ihr dann auch noch einen Schlachtruf nach und Samantha entkam tatsächlich ein leises Lachen. Sie fühlte sich jetzt ein bisschen besser.
So schlimm war es nicht. Immer wieder redete Samantha sich das ein, aber Fakt war, dass es noch viel schrecklicher war. Jetzt wurde nicht nur ihr Leben niedergemacht, sondern sie wurde auch noch wie eine Bedienstete behandelt. 'Sammy bring mir das, hey Kleine noch ein Bier, Sam bringst du das bitte nach draußen?' Sie war keine verdammte Kellnerin und schon gar nicht wollte sie den Alkoholkonsum ihrer Verwandschaft fördern.
Onkel Danny hatte schon einen so hochroten Kopf, dass sie das Gefühl hatte, er würde jeden Moment platzen. Das Grinsen auf seinem Gesicht sah einfach nur dämlich aus und es würde sie nicht wundern, wenn sie heute noch die Rettung rufen mussten. Gut - Onkel Daniel war da ein sehr schwerer Fall, aber der Rest hatte auch schon mehr als genug getrunken.
Und das allerschlimmste, wie sie fand, war die Tatsache, dass scheinbar der Sinn dieser Festivität vollkommen in den Hintergrund gerückt war. Jedes Mal wenn sie zu ihrer Oma sah, konnte Samantha deutlich sehen, dass sie sich nicht nur langweilte, sondern das Ganze fast schon genauso ekelhaft fand, wie sie selbst.
Also nahm sie sich in einer freien Minute etwas Zeit und setzte sich zu ihrer Großmutter. „Hey Granny. Soll ich dir noch etwas zu trinken bringen?“ Sie hatte einen Schattenplatz erhalten, saß aber dafür abseits vom Geschehen. In der letzten Stunde war sie die einzige gewesen, die immer wieder zu ihr gekommen war und mit ihr gesprochen hatte.
„Ach Samantha...“, seufzte ihre Oma und nahm einer ihrer Hände. Samantha spürte die runzelige Haut, die scheinbar jegliche Elastizität verloren hatte. Dennoch war ihre Großmutter für ihr Alter erstaunlich fit. „Warum tust du das? Du solltest gar nicht hier sein... du bist ein gutes Mädchen.“
Warum sagten ihr das heute alle? Zuerst ihr Nachbar und nun ihre Großmutter auch noch. Was sollte sie denn darauf sagen. „Du hast heute Geburtstag. Ist doch selbstverständlich, dass ich vorbeikomme“, meinte sie und lächelte.
Ihre Oma drückte ihre Hand und lächelte ebenfalls. „Du bist wirklich ein sehr, sehr liebes Mädchen. Lass dich nicht immer so herumschubbsen von diesen Schnapsdrosseln...“, wiederholte sie und sah Samantha ernst an. „Geh und schau, vielleicht ist der Nachbar da. Den hast du schon lange nicht mehr gesehen. Geh ihn besuchen...“
Samantha lachte leise und erwiderte: „Nur wenn ich dich mitnehmen darf... und jetzt genug davon. Ich bringe dir noch ein Glas Wasser. Möchtest du auch etwas zu essen?“
„Du bist nicht meine Angestellte. Wenn ich etwas möchte, kann ich es mir selbst holen. Und nun geh schon - wehe ich seh dich jetzt noch einmal denen irgendetwas in ihre wohlgenährten Hintern schieben... dann werde ich dich eigenhändig mit meinem Stock jagen...“ Samantha lachte.
„Alles klar, Granny. Wenn das dein Wunsch ist, werde ich dir das erfüllen...“ Aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass selbst das ihr nicht gelingen würde.
„Es reicht!“ Samantha wollte gerade in die Küche, blieb aber erschrocken stehen, als sie die laute Stimme ihrer Oma hörte. Sie hatte es sich also nicht nur eingebildet, dass sie nicht mehr dort saß. Aber sie war auch nicht, wie sie zuerst vermutet hatte, auf der Toilette. Ganz offensichtlich war sie in der Küche und regte sich fürchterlich auf. Dabei war das in ihrem Alter total gefährlich.
„Was denkst du dir eigentlich dabei? Ich habe dich nicht großgezogen, dass du mir die alkoholkranke Verwandschaft deiner Frau vorsetzt. Hat dir dieses kleine Luder nun wirklich den letzten Grips geraubt? Hast du schon einmal bemerkt, wie sie dich und deine Tochter behandelt? Vergiss nicht, dass sie nur ein Gossenkind ist und ich habe schon bei vielem zugesehen, aber irgendwo sind Grenzen erreicht, John.“
„Sie ist kein Gossenkind, Mutter...“, protestierte ihr Vater und Samantha wusste, dass sie lieber verschwinden sollte, dass sie das alles nichts anging, aber sie konnte nicht. Sie war wie festgefroren, während Granny ihrem Sohn weiterhin zurechtwies, auf die Art, wie es nur Granny konnte. Sam wusste um das giftigte Mundwerk ihrer Oma, aber sie hatte es nie erlebt, dass sie wirklich... so wütend sein konnte. Bissig ja, aber das hier war... ein richtiger Streit. Sie hatte nie gesehen, dass ihre Oma mit irgendwem stritt.
Sie wollte es gar nicht hören. Sie wollte nicht hören, wie Oma sie verteidigte und versuchte ihren Sohn wach zu rütteln. Celine war ja noch nicht einmal ihre echte Mutter. Johns erste Frau war bei ihrer Geburt gestorben und Samantha hatte seit jeher nur Celine gekannt. Mit fünf hatte sie aus ihrem Mund auf die grässlichste Weise erfahren, dass sie nicht die richtige Mutter war und eigentlich vollkommen unerwünscht.
Schließlich fast Samantha doch Mut und stieß die Türe zur Küche energisch auf. „Hört auf zu streiten“, meinte sie ernst und in ihren Augen sammelte sich Wasser. „Wenn sich die beiden liebsten Menschen hier auf diesem Grundstück anfangen zu streiten, was soll dann aus der Welt werden? Und du Granny solltest dich ohnehin schonen. Du weißt genau, dass soviel Aufregung in deinem Alter nicht gut ist...“ Samantha konnte es nicht verhindern, dass ihre die Augen überliefen und ihr die Tränen über das Gesicht flossen, die sie immer wieder wegwischte. In ihr tobten gerade so viele Gefühle, dass sie ein bisschen selbst Angst hatte, einen Herzstillstand zu erleiden.
„Sam...“ Ihr Vater sah sie erstaunt an und hatte ganz offensichtlich nicht erwartet, dass sie das mitanhörte.
„Junge Dame - ich kann mich erinnern, ich habe dich schon vor einer Stunde zum Nachbarn geschickt...“
Daraufhin knallte Samantha das Tablett auf die Arbeitsfläche und starrte beide finster an. „Und ich bin lieber hiergeblieben, weil hier meine Familie ist. Auch wenn ich euch im Moment alle miteinander nicht ausstehen kann!“, tobte sie und im selbsten Moment tat es ihr auch schon wieder Leid und sie schluchzte auf. „Ich wollte euch einfach wiedersehen. Dich und Papa... ist das wirklich so schwer zu verstehen?“
Im Raum herrschte Schweigen, zu lange wie Samantha fand und als sie aufsah, hielt sich ihre Großmutter verkrampft auf der Arbeitsfläche fest. „Nein...“, hauchte sie und war schnell bei ihr. „Bitte, Granny... tu uns das nicht an...“ Dann sah sie zu ihrem Papa auf und blaffte ihn an: „Schnell, ruf einen Krankenwagen...“ Sonst war alles zu spät und Samantha wollte nicht, dass ihre Oma starb.
Samantha saß mit ihrem Vater im Warteraum des Krankenhauses, während ihre Großmutter notoperiert wurde. Sie war stolz auf ihn, da Celine verhindern wollte, dass Sam mitfuhr. Aber diesmal war er stark geblieben und hatte seine zweite Ehefrau zurechtgewiesen. Er hatte ihr klipp und klar gesagt, dass wenn sie wiederkamen, sie all diese betrunkenen Leute aus seinem Haus und seinem Garten geschafft hat, sonst würde das Konsequenzen haben. Dann waren sie in den Krankenwagen gestiegen und ins nächste Hospital gedüst.
Die ganze Zeit hatte sie schon diesen Knoten im Magen und sah besorgt zur Türe, die in den Operationssaal führte. Sie drückte ihrer Granny alle Daumen, die sie hatte, damit sie das durchstand. Außgerechnet an ihrem hundertsten Geburtstag. Sam fand das ziemlich ungerecht.
„Hey... Samantha...“, sprach ihr Vater sie plötzlich an in einem Ton, den sie nicht von ihm kannte. „Es tut mir Leid...“ Er sah traurig zu ihr aus und sie merkte, dass er genauso besorgt wie sie war. „Dass ich all die Jahre nicht bemerkt habe, wie schlecht dich Celine behandelt... es tut mir wirklich Leid.“
Sam senkte den Blick und als sie wieder aufblickte, hatte sie ein Lächeln auf dem Gesicht und winkte ab: „Mach dir keinen Kopf darum. So schlimm ist es nicht...“
„Du bist meine Tochter, natürlich ist es schlimm. Ich möchte es wieder gut machen...“
„Darf ich mir was wünschen?“
„Alles was du willst...“
„Dann möchte ich, dass du und Granny mich an meinem Geburtstag besuchen kommst. Dann ist alles vergeben und vergessen.“
„Du bist wirklich ein gutes Mädchen, Samantha. Ich bin stolz auf dich.“
Das von ihrem Vater zu hören, erstaunte sie noch mehr als die Entschuldigung. Sie sah ihn einen Moment entgeistert an, bevor sie ihn in die Arme schloss und unwillkürlich gegen seine Schulter schluchzte. Das hatte sie schon so lange hören wollen und jetzt wusste sie, dass alles gut werden würde.
Team: Sartre
Challenge: Szenario: Familientreffen/-feier
Word count: 2283
Fandom: Original
Charaktere: Samantha und ihre Verwandtschaft
Titel: Der 100. Geburtstag
Warnungen: unbetaed
Kommentar: Hmm ich mag das Ende nicht... das ist mir irgendwie misslungen, aber nachdem die ganze Story nicht unbedingt vor Handlung strotzt, sehe ich dezent drüber hinweg. Wenigstens schaffe ich es jetzt wieder überhaupt Zeilen auf den Bildschirm zu klatschen >.<
Der 100. Geburtstag
Samantha fragte sich wirklich, warum sie sich das antat. Der Weg war weit und es würde sie nichts als Demütigung erwarten. Tadel, Anschuldigungen, 'gute' Ratschläge. Aber vor allen Dingen würde sie immer und immer wieder zu hören bekommen, was für eine Versagerin sie doch war. Schämen musste man sich für sie und warum fing sie nicht endlich etwas Ordentliches mit ihrem Leben an.
Sie wollte ja. Sie mochte ihren Job in dieser Imbisskette nicht. Die Kunden waren meistens alle etwas beschränkt und die Kollegen verstand sie alle nicht. Sie fragte sich immer noch, warum die niemanden anstellten, der wenigstens ein bisschen besser die national gängige Sprache konnte. Andererseits hatten sie auch schon öfters das Problem das die Kunden nicht ihre Sprache sprachen. Insofern war die Wahl der Belegschaft vielleicht doch gerechtfertigt.
Aber darum ging es ja jetzt nicht. Hier ging es darum, dass sie in weniger als zehn Minuten in ihrem Elternhaus ankommen würde. Dort wurde der 100. Geburtstag ihrer Oma gefeiert und obwohl sie diese Oma wirklich mochte, fand sie dieses ganze Spektaktel einfach nur übertrieben. Nur für diesen Tag die ganze Verwandtschaft zusammenzurotten - ihre Oma konnte sich sicher nicht an den Großteil von ihnen erinnern, weil sie NIE zu besuch kamen, außer sie wussten, dass sie Freibier und jede Menge zu fressen bekamen, ohne auch nur einen Cent beizusteuern. Sie hatte noch nie begriffen, wieso sich ihre Eltern das antaten, nachdem das ja wirklich eine ganze Menge Kohle verschlang. Aber wehe sie wagte es daran Kritik zu üben. Dann bekam sie wieder Vorhaltungen, dass sie in einem Imbiss jobbte.
Darauf hatte sie eigentlich keine Lust.
Sie war so schon unzufrieden genug mit ihrem Leben, da musste man nicht auch noch Vorlagen liefern, damit alle anderen bewusst darauf rumhackten.
Mit gemischten Gefühlen bog sie auf die Einfahrt ein. Schon da sah sie wieder den Unterschied zwischen ihr und ihrer Familie. Die ganze Verwandtschaft fuhr protzige hübsch glänzende Autos. Sie war froh, dass sie diese Rostkarre hatte und dass diese sie den ganzen Weg hierher gebracht hatte. Mehr war mit ihrem derzeitigen Gehalt auch gar nicht leistbar und sie mochte ihr kleines Auto eigentlich, auch wenn es schon fast auseinanderfiel. Aber es fuhr noch und solange es das tat, war es egal, wie es aussah.
Nur ihrer Familie war das nicht egal. „Sammy Baby... du weißt doch, dass du dich nicht hier parken sollst. Stell dich auf den Parkplatz gegenüber...“, flötete ihre Mutter mit zuckersüßer Stimme und Samantha wollte kotzen. „Warum bist du denn nicht mit dem Zug gefahren. Onkel Danny hätte dich bestimmt abgeholt.“
„Onkel Daniel hat bestimmt jetzt schon wieder fünf Bier intus...“, schoss Samantha zurück und wollte aussteigen. Sie gehörte zu dieser Familie und dann hatte sie auch ein Recht hier zu stehen.
„Papperlapapp. Bei dir hört sich das so an, als würde er Alkoholiker sein. Und nun husch husch, park dich um.“ Fast wollte Sam wieder protestieren, aber sie tat es nicht, sondern startete krachend ihr Auto und ließ es wieder von der Auffahrt hinunterrollen. Dann parkte sie sich vor dem Grundstück der Nachbarn und stieg grummelnd aus.
„Hey Sam... lange nicht gesehen...“, quatschte sie eine Männerstimme von der Seite an. „Traust du dich wieder mal in die Höhle der gefräßigen Löwen?“ Samantha seufzte, setzte ein gequältes Lächeln auf und wandte sich zum Nachbarsjungen. Der war in ihrem Alter und wie man sich denken konnte waren sie miteinander aufgewachsen.
„Hey Sam...“, grüßte sie ihn und erinnerte sich daran, dass sie immer Sam² gerufen wurden. Er hieß Samuel und sie hätte ihm am liebsten einen anderen Spitznamen verpasst, aber ihr war nie ein guter eingefallen, außer wenn sie stritten. Dann waren es immer Wörter wie Pissgurke, Affenschädel und Dorftrottel gewesen. Aber aus dem Alter war sie raus und heute wusste sie, dass es absolut nicht nett war, ihm all diese Dinge an den Kopf geschmissen zu haben - auch wenn sie vielleicht ein bisschen gerechtfertigt waren. „Heute hat meine Granny ihren Hundertsten und ich mag Granny.“ Nur wegen ihr war sie überhaupt hergekommen. „Vielleicht kann ich sie ja von der Horde Alkoholiker befreien und ihr ein wenig den Tag versüßen, den meine Eltern zu einer Katastrophe aufbauen.“
„Liebe alte Granny. Richt ihr einen schönen Gruß aus und wenn du ne Auszeit brauchst: Tür und Tor stehen offen. Ich kann doch meine süße kleine Sammy nicht völlig schutzlos ihrer grauenhaften Verwandschaft überlassen.“ Nun musste Sam ehrlich lächeln, aber sie winkte gerührt ab.
„Ich werd das schon schaffen...“, meinte sie und wollte stark sein, aber eigentlich war sie schon jetzt sauer und als sie Samuel zum Abschied eine Hand auf die Schulter legen wollte, hielt er ihre Hand fest und zog sie näher.
„Ich mein es ernst Samantha. Du bist sensibel und das dort ist eine Herde aus Trampeltieren. Du musst dir das nicht antun. Dir sollte dein...“
„Lass es... bitte sags nicht.“ Das Lächeln war von Samanthas Gesicht geflossen und sie sah ihren Nachbarn ernst, aber auch traurig an. „Auch wenn du Recht haben mögest, es ist meine Familie. Und es ist Grannys Geburtstag. Ich werde mich davor nicht drücken. Ich muss jetzt auch rüber...“ Auch wenn sie nicht glaubte, dass sie schon vermisst wurde.
„Ich werde ein Augen und Ohren offen halten...“, versprach Samuel noch und schenkte ihr ein aufmunterndes Grinsen. „Go Tiger Go...“, rief er ihr dann auch noch einen Schlachtruf nach und Samantha entkam tatsächlich ein leises Lachen. Sie fühlte sich jetzt ein bisschen besser.
So schlimm war es nicht. Immer wieder redete Samantha sich das ein, aber Fakt war, dass es noch viel schrecklicher war. Jetzt wurde nicht nur ihr Leben niedergemacht, sondern sie wurde auch noch wie eine Bedienstete behandelt. 'Sammy bring mir das, hey Kleine noch ein Bier, Sam bringst du das bitte nach draußen?' Sie war keine verdammte Kellnerin und schon gar nicht wollte sie den Alkoholkonsum ihrer Verwandschaft fördern.
Onkel Danny hatte schon einen so hochroten Kopf, dass sie das Gefühl hatte, er würde jeden Moment platzen. Das Grinsen auf seinem Gesicht sah einfach nur dämlich aus und es würde sie nicht wundern, wenn sie heute noch die Rettung rufen mussten. Gut - Onkel Daniel war da ein sehr schwerer Fall, aber der Rest hatte auch schon mehr als genug getrunken.
Und das allerschlimmste, wie sie fand, war die Tatsache, dass scheinbar der Sinn dieser Festivität vollkommen in den Hintergrund gerückt war. Jedes Mal wenn sie zu ihrer Oma sah, konnte Samantha deutlich sehen, dass sie sich nicht nur langweilte, sondern das Ganze fast schon genauso ekelhaft fand, wie sie selbst.
Also nahm sie sich in einer freien Minute etwas Zeit und setzte sich zu ihrer Großmutter. „Hey Granny. Soll ich dir noch etwas zu trinken bringen?“ Sie hatte einen Schattenplatz erhalten, saß aber dafür abseits vom Geschehen. In der letzten Stunde war sie die einzige gewesen, die immer wieder zu ihr gekommen war und mit ihr gesprochen hatte.
„Ach Samantha...“, seufzte ihre Oma und nahm einer ihrer Hände. Samantha spürte die runzelige Haut, die scheinbar jegliche Elastizität verloren hatte. Dennoch war ihre Großmutter für ihr Alter erstaunlich fit. „Warum tust du das? Du solltest gar nicht hier sein... du bist ein gutes Mädchen.“
Warum sagten ihr das heute alle? Zuerst ihr Nachbar und nun ihre Großmutter auch noch. Was sollte sie denn darauf sagen. „Du hast heute Geburtstag. Ist doch selbstverständlich, dass ich vorbeikomme“, meinte sie und lächelte.
Ihre Oma drückte ihre Hand und lächelte ebenfalls. „Du bist wirklich ein sehr, sehr liebes Mädchen. Lass dich nicht immer so herumschubbsen von diesen Schnapsdrosseln...“, wiederholte sie und sah Samantha ernst an. „Geh und schau, vielleicht ist der Nachbar da. Den hast du schon lange nicht mehr gesehen. Geh ihn besuchen...“
Samantha lachte leise und erwiderte: „Nur wenn ich dich mitnehmen darf... und jetzt genug davon. Ich bringe dir noch ein Glas Wasser. Möchtest du auch etwas zu essen?“
„Du bist nicht meine Angestellte. Wenn ich etwas möchte, kann ich es mir selbst holen. Und nun geh schon - wehe ich seh dich jetzt noch einmal denen irgendetwas in ihre wohlgenährten Hintern schieben... dann werde ich dich eigenhändig mit meinem Stock jagen...“ Samantha lachte.
„Alles klar, Granny. Wenn das dein Wunsch ist, werde ich dir das erfüllen...“ Aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass selbst das ihr nicht gelingen würde.
„Es reicht!“ Samantha wollte gerade in die Küche, blieb aber erschrocken stehen, als sie die laute Stimme ihrer Oma hörte. Sie hatte es sich also nicht nur eingebildet, dass sie nicht mehr dort saß. Aber sie war auch nicht, wie sie zuerst vermutet hatte, auf der Toilette. Ganz offensichtlich war sie in der Küche und regte sich fürchterlich auf. Dabei war das in ihrem Alter total gefährlich.
„Was denkst du dir eigentlich dabei? Ich habe dich nicht großgezogen, dass du mir die alkoholkranke Verwandschaft deiner Frau vorsetzt. Hat dir dieses kleine Luder nun wirklich den letzten Grips geraubt? Hast du schon einmal bemerkt, wie sie dich und deine Tochter behandelt? Vergiss nicht, dass sie nur ein Gossenkind ist und ich habe schon bei vielem zugesehen, aber irgendwo sind Grenzen erreicht, John.“
„Sie ist kein Gossenkind, Mutter...“, protestierte ihr Vater und Samantha wusste, dass sie lieber verschwinden sollte, dass sie das alles nichts anging, aber sie konnte nicht. Sie war wie festgefroren, während Granny ihrem Sohn weiterhin zurechtwies, auf die Art, wie es nur Granny konnte. Sam wusste um das giftigte Mundwerk ihrer Oma, aber sie hatte es nie erlebt, dass sie wirklich... so wütend sein konnte. Bissig ja, aber das hier war... ein richtiger Streit. Sie hatte nie gesehen, dass ihre Oma mit irgendwem stritt.
Sie wollte es gar nicht hören. Sie wollte nicht hören, wie Oma sie verteidigte und versuchte ihren Sohn wach zu rütteln. Celine war ja noch nicht einmal ihre echte Mutter. Johns erste Frau war bei ihrer Geburt gestorben und Samantha hatte seit jeher nur Celine gekannt. Mit fünf hatte sie aus ihrem Mund auf die grässlichste Weise erfahren, dass sie nicht die richtige Mutter war und eigentlich vollkommen unerwünscht.
Schließlich fast Samantha doch Mut und stieß die Türe zur Küche energisch auf. „Hört auf zu streiten“, meinte sie ernst und in ihren Augen sammelte sich Wasser. „Wenn sich die beiden liebsten Menschen hier auf diesem Grundstück anfangen zu streiten, was soll dann aus der Welt werden? Und du Granny solltest dich ohnehin schonen. Du weißt genau, dass soviel Aufregung in deinem Alter nicht gut ist...“ Samantha konnte es nicht verhindern, dass ihre die Augen überliefen und ihr die Tränen über das Gesicht flossen, die sie immer wieder wegwischte. In ihr tobten gerade so viele Gefühle, dass sie ein bisschen selbst Angst hatte, einen Herzstillstand zu erleiden.
„Sam...“ Ihr Vater sah sie erstaunt an und hatte ganz offensichtlich nicht erwartet, dass sie das mitanhörte.
„Junge Dame - ich kann mich erinnern, ich habe dich schon vor einer Stunde zum Nachbarn geschickt...“
Daraufhin knallte Samantha das Tablett auf die Arbeitsfläche und starrte beide finster an. „Und ich bin lieber hiergeblieben, weil hier meine Familie ist. Auch wenn ich euch im Moment alle miteinander nicht ausstehen kann!“, tobte sie und im selbsten Moment tat es ihr auch schon wieder Leid und sie schluchzte auf. „Ich wollte euch einfach wiedersehen. Dich und Papa... ist das wirklich so schwer zu verstehen?“
Im Raum herrschte Schweigen, zu lange wie Samantha fand und als sie aufsah, hielt sich ihre Großmutter verkrampft auf der Arbeitsfläche fest. „Nein...“, hauchte sie und war schnell bei ihr. „Bitte, Granny... tu uns das nicht an...“ Dann sah sie zu ihrem Papa auf und blaffte ihn an: „Schnell, ruf einen Krankenwagen...“ Sonst war alles zu spät und Samantha wollte nicht, dass ihre Oma starb.
Samantha saß mit ihrem Vater im Warteraum des Krankenhauses, während ihre Großmutter notoperiert wurde. Sie war stolz auf ihn, da Celine verhindern wollte, dass Sam mitfuhr. Aber diesmal war er stark geblieben und hatte seine zweite Ehefrau zurechtgewiesen. Er hatte ihr klipp und klar gesagt, dass wenn sie wiederkamen, sie all diese betrunkenen Leute aus seinem Haus und seinem Garten geschafft hat, sonst würde das Konsequenzen haben. Dann waren sie in den Krankenwagen gestiegen und ins nächste Hospital gedüst.
Die ganze Zeit hatte sie schon diesen Knoten im Magen und sah besorgt zur Türe, die in den Operationssaal führte. Sie drückte ihrer Granny alle Daumen, die sie hatte, damit sie das durchstand. Außgerechnet an ihrem hundertsten Geburtstag. Sam fand das ziemlich ungerecht.
„Hey... Samantha...“, sprach ihr Vater sie plötzlich an in einem Ton, den sie nicht von ihm kannte. „Es tut mir Leid...“ Er sah traurig zu ihr aus und sie merkte, dass er genauso besorgt wie sie war. „Dass ich all die Jahre nicht bemerkt habe, wie schlecht dich Celine behandelt... es tut mir wirklich Leid.“
Sam senkte den Blick und als sie wieder aufblickte, hatte sie ein Lächeln auf dem Gesicht und winkte ab: „Mach dir keinen Kopf darum. So schlimm ist es nicht...“
„Du bist meine Tochter, natürlich ist es schlimm. Ich möchte es wieder gut machen...“
„Darf ich mir was wünschen?“
„Alles was du willst...“
„Dann möchte ich, dass du und Granny mich an meinem Geburtstag besuchen kommst. Dann ist alles vergeben und vergessen.“
„Du bist wirklich ein gutes Mädchen, Samantha. Ich bin stolz auf dich.“
Das von ihrem Vater zu hören, erstaunte sie noch mehr als die Entschuldigung. Sie sah ihn einen Moment entgeistert an, bevor sie ihn in die Arme schloss und unwillkürlich gegen seine Schulter schluchzte. Das hatte sie schon so lange hören wollen und jetzt wusste sie, dass alles gut werden würde.