[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Original
Challenge: Das kleinere Übel (Sommerpäckchen 6)
Warnung: sappy
Summary: Du und ich und eine Trennung. Liebesschmerz-Krempel.
Wörter: 645


„Und ich wünschte, du würdest endlich mal deine Meinung dazu sagen“, murmelst du.
Zwischen deinen Fingern verreibst du das kleine, weiße Preisschild der Raffaellos, die zwischen uns stehen, von denen ich mir entschuldigenderweise eins nach dem anderen in den Mund stecke und sie immer mit derselben Taktik esse. Erst die Kokosflockenhülle mit den Zähnen abkratzen, dann die Waffel nacktlutschen und schließlich den weißen, weichen, süßen Kern mit der Mandel knacken.

Wenn es um dich geht, habe ich viel weniger Ahnung. Dich kann ich nicht einfach weglutschen.

Es gab Zeiten, da hätte ich es gerne versucht. Wörtlich.

Aber nicht jetzt, nicht hier, wo du aus dem unschuldigen Preisschildchen kleine, weiße Popel machst und sie auf dem Tisch verstreust, neben der Zimtkerze, neben den winzigen grünen Fliegen, die durch das Fenster hereinkommen und zwischen uns verenden.

Es schreit eigentlich nach einer kitschigen Metapher von sterbender Liebe und gebrochenen Herzen.

Du willst eine Meinung haben, aber du würdest ihr nie zuhören. Das ist das Problem. Wenn ich dir meine Meinung mitteilte, was würdest du sagen?
Daher schweige ich lieber.
Es ist das kleinere Übel. Andernfalls würden wir uns nur die Köpfe einschlagen.

Über vergangene Liebe sollte man schweigen, sich in Freundschaft die Hand geben und sich trennen. Es tut doch so schon genug weh.

„Und dabei habe ich immer gedacht, du wärst jemand mit Charakter“, sagst du seufzend und lehnst dich nach hinten.
Siehst du, schon wird es hässlich.

„Ich wollte immer mit einer Frau zusammen sein, die Charisma hat. Die sich nichts gefallen lässt, die einzigartig ist. Naja, eben Charakter hat.“

Ich starre auf die flackernde Zimtkerze. Durch das weit offene Fenster dringt das Zirpen von Grillen und Wind spielt mit deinen hübschen, schulterlangen Haaren. Die Lippen aufeinandergepresst sitze ich da und habe den Drang, eine Tür zuzuwerfen. Denn ich schreie nicht, wenn ich wirklich wütend bin, ich knalle lieber Gegenstände irgendwohin.

„Hat wohl einfach nicht sollen sein, oder?“
Du seufzt noch einmal.

Ist das deine Art, darüber hinwegzukommen? Mich klein zu reden?

Ich beginne mich zu fragen, ob das vermeintlich kleinere Übel nicht doch das größere ist.
Für mich.

Aber denken Menschen nicht sowieso zu oft an sich selbst?
Sicher, ich bin der Nabel meiner Welt. Ich kenne es ja nicht anders.
Aber ich sollte meine Welt nicht mit der Welt verwechseln. Die hat keinen Nabel.

„Was hast du erwartet?“, sage ich gepresst und nehme noch ein Raffaello. Kokosflockenkrümel fallen auf den Tisch, zu toten Fliegen und Papierknöllchen.

„Soll ich dich anschreien und dich „Arschloch“ nennen? Willst du dir ein reines Gewissen verschaffen, damit du aushältst, dich je mit mir eingelassen zu haben ?“

Ich schaue auf und sehe in dein plötzlich sehr starres Gesicht.
Ups.
Mitten ins Schwarze, und das völlig unbeabsichtigt.

Da wird mir ziemlich klar, dass ich überhaupt keine Wahl habe zwischen einem großen und einem kleinen Übel. Es gibt nur eines: Nämlich die Tatsache, dass wir inkompatibel sind. Obwohl wir uns sehr mögen.
Wahrscheinlich mehr als mögen.

„Ich...mann...“, machst du und wischst unglücklich sämtliche Materie vom Tisch. Nur die Zimtkerze flackert tröstend vor sich hin.

„Tu das nicht“, beharre ich leise.
„Es ist schon so schlimm genug.“

Du starrst auf die Flamme als ich langsam aufstehe und meine Tasche nehme. Wer weiß, ob und wie oft ich in nächster Zukunft mal wieder an diesem Tisch sitzen werde. Einen kurzen Augenblick überlege ich, ob ich dich zum Abschied umarmen soll, aber dann lasse ich es sein. Könnte zu unschönen Konsequenzen führen.

Als ich fast schon aus dem Raum bin, höre ich plötzliches Stuhlscharren, eilige Schritte.
Ich drehe mich erschrocken um, habe Angst, was kommen könnte.

Doch du stehst nur da, guckst und drückst mir die Packung Raffaellos in die Hand.

„Nimm mit. Ich ess die nicht.“

Doch, tust du, für dein Leben gern.
Aber wahrscheinlich nicht in nächster Zeit.

Als ich auf die Straße trete, Kokosflocken kauend, umarmt mich sanft die schmerzende Stille.

Date: 2010-08-20 05:09 pm (UTC)
From: [identity profile] kleine-aster.livejournal.com
:(
:(
:(

Herzzerreißend. Mehr kann ich eigentlich gar nicht dazu schreiben, einfach nur ... herzzerreißend. Sooo gut!

Date: 2010-08-21 07:22 pm (UTC)
From: [identity profile] somali77.livejournal.com
Autsch... ;___;

Der letzte Satz ist bombastisch. Oh mann.

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