[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Original
Challenge: Freak!
Personen: Jamey und Karen, frisch gebackene Studenten
Genre: Grusel-Horror-irgendwas (mein erster, wackliger Versuch)
Wörter: 930
Kommentar: Go Team Sartre, go!


„Du hast nur Heimweh, oder?“, lachte Karen ihn am Telefon aus.
Es war ihre erstaunlich liebevolle Art, Anteilnahme für ihn auszudrücken. Nicht zuletzt auch für sich, immerhin vermisste sie ihn ebenfalls. Zumindest hoffte er das.
„Das meine ich damit aber gar nicht“, widersprach er schnell und schaute sich in seinem Raum um.

Nur das Licht des Laptops flackerte vor ihm. Das Zimmer lag in Finsternis und Schweigen. Auf dem Gang draußen flog eine Tür zu.

Eigentlich hatte er sich auf das Wohnheim gefreut. So etwas gehörte doch zum College dazu. Tausend schlechte Filme und vielleicht nicht ganz so schlechte Bücher sprachen davon. Nur hätte er seine Freundin lieber dabei gehabt. Aber sie hatte nach Yale gewollt, ganz karrierebewusst und mit einem klaren Ziel vor Augen. Schnurstracks. Sie hatte ihn auch gar nicht gefragt, ob das für ihn okay sei. Sie war einfach gegangen.

„Sind die Leute nicht nett?“, fragte sie, ihre Stimme nun etwas sanfter.

„Wenn ich mal Leute treffen würde“, murmelte er ins Handy.
„Aber ich begegne niemandem. Angeblich wohnen hier mehr als hundert Menschen, allein auf meinem Gang sollten es mindestens fünfundzwanzig andere sein, aber ich sehe nie jemanden. Es gibt Aushänge am schwarzen Brett über Parties, aber es scheint nie jemand hinzugehen. Wenn ich da bin, bin ich jedes Mal allein und dann steht der Hausmeister vor mir und sagt, es sei abgeblasen.“

Wobei ihm der Mann trotz seiner blutunterlaufenen Augen und dem ruhelosen Blick auch nicht ganz koscher vorkam.

„Wenn ich hier drinnen sitze, ist draußen ein Wahnsinnslärm, dann werden Türen auf- und zugeworfen, trampeln die Leute über den Flur. Aber sobald ich rausgehe, ist alles totenstill und menschenleer.“

Seine Freundin seufzte.
„Jamey, du hast lediglich Heimweh und fühlst dich alleine. Das ist doch okay, ich hab hier auch noch keine Freunde gefunden. Ist ja auch erst drei Wochen her, seitdem wir angefangen haben.“

„Du denkst, ich bilde mir nur ein, dass alle mir aus dem Weg gehen, oder?“, fragte er bitter.
„Du hältst mich für einen Freak.“

„Warum sollte ich das tun?“
Jetzt lachte sie. Er hasste es, wenn sie so überlegen mit ihm sprach. Was sie eigentlich sehr oft tat, wie ihm jetzt so auffiel.
Karen hatte es gut. Sie fand sich immer sofort an einem fremden Ort zurecht, wusste wie man Menschen am besten ansprach.
Sie wollte Politikerin werden, da brauchte man das auch.

Aber er... er war der wahrscheinlich planloseste Mensch auf der ganzen Welt.

Er betrachtete seinen Schatten, der vom Licht des PCs an die Wand gegenüber geworfen wurde. Der Schatten sah groß und fremd aus, er bewegte seinen Mund und starrte wie ein schwarzes Loch.

Jamey suchte seine Wäsche zusammen und fuhr mit dem Fahrstuhl in den Keller. Wie immer war niemand weiter zu sehen. Im Waschraum liefen zwei Trockner und eine Waschmaschine in deren Trommel ausschließlich rote Kleidung lag, die unglaublich abfärbte und das Waschwasser wie Blut wirken ließ. Er lachte durch die Nase. Das war schon fast wieder billig. Spielte hier jemand einen Streich mit ihm? War das ein „Wir verarschen den Freshman“-Projekt?

Gewirkt hatte es aber. Er fühlte sich unsicher und blickte, während er dreckige Hemden und Socken in die Trommel schaufelte, immer wieder über seine Schulter.
Mit dem leeren Wäschebeutel wanderte er den langen Kellergang entlang. An den Wänden hatten Spinne ihre Netze gewebt, Motten flirrten um die kalten Lampen über den Kellerräumen.
Jamey seufzte. Karen hatte Recht. Vermutlich drehte er nur am Rad, weil er noch niemanden kannte und sich allein fühlte. Es war nicht unbedingt toll, wenn der einzige Mensch, mit dem man am Tag sprach, die Kassiererin im Supermarkt um die Ecke war. Die Einführungsveranstaltungen würden erst übermorgen beginnen.

Er stieg in den Fahrstuhl und rückte erschrocken fast bis an die sich hinter ihm schließende Tür zurück als er bemerkte, dass dort schon jemand war. Ein Typ, den er nicht hatte einsteigen sehen, stand mit einem riesigen leeren Wäschekorb da, mit dem Rücken zu Jamey. Er grüßte nicht, er drehte sich auch nicht um, auch nicht als Jamey sich räusperte und „´n Abend“ nuschelte.

Immerhin bewies der Kerl, dass hier doch Menschen wohnten und es nicht Gespenster waren, die auf den Gängen Türen zuwarfen. Womöglich hatte Jamey einfach den Jackpot geknackt und war in ein Wohnheim gezogen, in dem ausschließlich menschenscheue Leute wohnten, die den ganzen Tag nur in ihrem Zimmer saßen, Filme guckten oder Onlinespiele zockten.

Doch dann hielt der Fahrstuhl im dritten Stock (er selbst wohnte im vierten) und der Junge mit dem Wäschekorb wandte sich zur Seite um auszusteigen. Da sah Jamey es zuerst in der Spiegelung der metallenen Fahrstuhlwand und schließlich mit eigenen Augen.

Die Gestalt hatte kein Gesicht.
An der Stelle, wo sonst Augen, Nase und Mund saßen, war eine glatte, fleischfarbene Fläche.

Jamey hatte das Gefühl bis zu dem Moment, in welchem der Fahrstuhl in seiner Etage hielt und sich die Türen mit schleifendem Geräusch öffneten, keinen einzigen Atemzug getan zu haben.
War das ein Witz? Konnte man so etwas in Scherzartikelläden kaufen?

Er trat aus dem Fahrstuhl und hörte noch in der Ferne im Gang eine Tür zuknallen. Die Stille, nur durchbrochen vom Sirren der Lampen im Flur, hüllte ihn ein.

Er hastete zu seinem Zimmer zurück, den Schlüssel in zitternden Fingern beinahe verlierend. Seine Knie waren weich wie Butter, sein Gehirn voll und leer zugleich, seine Schultern hochgezogen bis zu den Ohren.
Erst als er die Tür hinter sich geschlossen hatte und mit dem Rücken daran auf den Boden rutschte, sich an seinen schäbigen Wäschebeutel klammernd, wagte er es, wieder ein wenig Atem zu schöpfen.

Freak hin oder her- er musste hier schleunigst wieder raus.

Date: 2010-07-20 06:47 pm (UTC)
From: [identity profile] tristraine.livejournal.com
Ich find Horror ist so schwer zu schreiben - und das ist wirklich, wirklich gut!
[manchmal geht es mir im Wohnheim auch so *g* Wenn ich weiß, dass eigentlich alle von meiner Flurhälfte weg sind und dann plötzlich Türen gehen...]

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