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Team: Monroe
Titel: Ein Schritt Vor, Zwei Zurück [Teil 2]
Fandom: Original
Challenge: unüberwindbare Differenzen, Päckchen #2
Beinhaltet... m/m


Ein Schritt Vor, Zwei Zurück [Teil 2]

Mit einem Bimmeln fiel die Tür hinter Aydin zu. Für einen Moment kam er sich vor, als wäre es wie in der Umkleide, Berkant eng hinter ihm, sie beide fast ganz allein. Dann roch er den Kaffee und hörte die Gespräche der Leute. Er musste seinen Kopf schütteln, um wieder klar denken zu können.

Berkant trat neben ihn. „Chocolate Mocca?“

Aydin nickte. „Tall. Und... Zum mitnehmen“, sagte Aydin schnell. „Meine Bahn kommt in fünfzehn Minuten, und ich muss ja noch zum Gleis.“

Berkant zuckte mit den Schultern. „Wie du willst.“

Aydin atmete aus, als Berkant sich an der Theke anstellte. Berkant blickte nach oben zu der Getränkekarte, dann in die Vitrine mit Sandwiches und Schokomuffins. Vielleicht würde er Aydin einen mitbringen. Aber Aydin konnte sich nicht vorstellen, dass Berkant oft Kaffee trinken ging. Schon gar nicht bei Starbucks. Er passte einfach nicht hinein, wie jetzt, hinter der vielleicht dreißigjährigen Mutter mit dem Baby auf dem Arm, das über ihrer Schulter die Hände nach Berkant ausstreckte. Aydin biss sich auf die Lippe. Süß.

Berkant hob natürlich genau in dem Moment seinen Kopf und ihre Blicke kreuzten sich. Aydin sah schnell weg. Stattdessen ging er einen Schritt in den Sitzbereich rein. Dunkle Sessel und Tische, alles sehr bequem, aber wenn er seinen Zug verpasste, müsste er über eine Stunde auf den nächsten Warten. Ein paar Typen arbeiteten jeder an einem Laptop, zwei Kinder schlürften ihr... was-auch-immer mit viel Schokolade dem Aussehen nach, neben den Müttern. Wäre sowieso nur noch drei Plätze direkt vor der Scheibe und eine schmale Couch frei, vor einem kleinen Tisch. Auf die würden sie höchstens passen, wenn Aydin sich auf Berkants Schoß setzte. Oder andersherum.

„Aha“, hörte er Ginas Stimme hinter sich. Aydin zuckte zusammen. „Wer ist denn da noch eingetrudelt?“

„Hey“, grüßte Aydin Gina und Svenja, die beide beladen mit Getränk und Schokoladenkeksen in den Sitzbereich schlenderten. Aydin folgte ihnen ein paar Schritte. Sie setzten sich an die freien Plätze direkt an der Fensterscheibe, mit gutem Blick raus auf den Bahnhof. Natürlich. Leute Gucken.

„Ich dachte, du musst deiner Schwester helfen“, sagte Gina. „Keks?“

„Nee, danke“, sagte Aydin. „Mein Zug braucht noch einen Moment...“

„Solltest du dich anstellen“, sagte Gina und stopfte sich einen ganzen Keks in den Mund. „Isch voll“, fügte sie hinzu und musste sich die Hand vor den Mund halten.

Aydin zuckte mit den Schultern. „Na ja“, sagte er. „Ich werde... eingeladen?“

„Ah, ah, ah! Vielleicht hat Aydin ein heißes Date“, sagte Svenja und grinste, als Aydin mit gerunzelter Stirn zu ihr herüber sah. „Kann doch sein, wer weiß!“

Aydin strich sich die Haare aus dem Gesicht. Gina fing an zu lächeln.

„Also hast du ein Date“, sagte sie.

Aydin zuckte mit den Schultern. „Vielleicht“, sagte er dann und musste selber lachen.

Gina lachte mit ihm. „Aw“, sagte sie und nahm einen Schluck aus ihrem Becher. Chai Latte vermutlich, dem Geruch nach. „Ist doch niedlich.“

„Kennen wir ihn denn?“, fragte Svenja.

„Eh“, sagte Aydin und zuckte mit den Schultern. „Ist nicht wirklich--“

„Aydin?“, fragte Berkant laut. Aydin drehte sich langsam um. Berkant stand noch in der Schlange, immer noch zwei Leute vor ihm. „Mit Sahne oder ohne?“

„...ohne“, antwortete Aydin. Berkant nickte einmal. Aydin presste seine Lippen zusammen und drehte sich wieder um. Gina starrte ihn an, genau wie Svenja.

„Das ist nicht dein Ernst“, sagte Gina langsam, beide Augenbrauen gehoben, ihren Becher mit beiden Händen umfasst.

Aydin leckte sich über die Lippen. „Ich--“, begann er.

„Das ist nicht dein Ernst!“, wiederholte Gina und schüttelte ihren Kopf. „Aydin, echt... “

„Du bist so ein lieber Kerl“, sagte Svenja. „Und dann hast ein ein... Date mit Berkant, von allen Assis unserer Schule!“

„Ist kein richtiges Date“, zischte Aydin. „Er wollte sich nur für Mittwoch entschuldigen.“

Gina starrte ihn an. Oh. Mittwoch.

„Du hast gesagt, du wärst gegen eine Tür gerannt“, sagte Gina langsam.

Aydin presste seine Lippen zusammen. Er stützte sich mit beiden Händen auf den leeren hohen Stuhl neben den beiden, auf denen Gina und Svenja saßen. Was hätte er sonst sagen sollen – immerhin stimmte das genauso. Und es war einfacher zu erklären, als er am Mittwoch schließlich zur zweiten Stunde zu Italienisch gekommen war, Kühlpack im Gesicht und die Nase angeschwollen. Vor allem war es einfacher auf italienisch zu sagen gewesen.

„Berkant hat die Tür zu-- gemacht“, sagte Aydin leise. Er warf einen kurzen Blick nach hinten. Berkant war am Bestellen, aber die Zubereitung würde ja noch einen Moment dauern. „War nicht seine Schuld.“

„Stimmt“, sagte Gina trocken. „Die Tür hat dich angegriffen.“

Aydin verzog das Gesicht. „Er hat nicht--“, begann er, brach ab und versuchte es erneut: „Er ist nicht wirklich--“

„...ein totales Arschloch?“, beendete Svenja. „Doch, Aydin, ist er.“ Sie schüttelte ihren Kopf. „Weißt du nicht mehr, was mit Seppel war?“

„Dein Bruder ist genauso ein Assi“, sagte Aydin.

Gina warf ihm einen bösen Blick zu, gerunzelte Stirn und funkelnde Augen. „Und deswegen hat er es verdient, von Berkant und seinen Freunden zusammen geschlagen zu werden?“, fragte sie bissig.

Aydin öffnete seinen Mund, aber was sollte er darauf sagen? Selbst Seppel, mit seiner ewigen Provokation und Homophobie und allem hatte das nicht verdient gehabt. Svenja war damals ziemlich aufgelöst gewesen, vermutlich das einzige Mal, dass sie sich um ihren Bruder Sorgen gemacht hatte.

Aydin schloss seinen Mund wieder.

„Aydin...“, begann Gina, doch Aydin schüttelte seinen Kopf. Sie hatten ja Recht.

„Ich mach das schon“, sagte Aydin und seufzte. „Ich sollte 'rüber.“ Er warf einen Blick zu Berkant, der mit zwei Bechern in den Händen an der Tür stand und zu ihnen herüber starrte. „Tschüss ihr beiden.“

„Telefonieren wir später?“, fragte Gina. Aydin nickte nur, dann ging er zum Ausgang.

Berkant reichte ihm wortlos seinen Becher.

„Danke“, murmelte Aydin.

Berkant strahlte ihn an, sagte aber nichts.

„Ich muss auf Gleis drei“, sagte Aydin nach den ersten Schritten. „Wenn du also in die andere Richtung--“

„Ich weiß“, unterbrach ihn Berkant. „Und ich hab noch was Zeit, bis mein Zug kommt.“

Aydin nickte und nahm einen Schluck Chocolate Mocca. Lecker, wie immer, aber irgendwie bitter und viel zu heiß in seinem Mund. Aydin zuckte zusammen. Aua.

Berkant dagegen trank in großen Schlücken, als wäre,was auch immer er da hatte, nichts zu genießen. Als wäre es nicht brühend heiß.

Aydin zeigte die Rolltreppe hoch und dann standen sie da, Aydin auf der oberen Stufe, Berkant mit einem Bein auf der, mit dem anderen Bein auf der da drunter. Jedes Mal, wenn Berkant seinen Becher hob, streifte sein Arm gegen Aydins.

Das Gleis war schon relativ voll, wie immer Freitag zum Feierabend. Aydin ging sich ein Stück weiter, immerhin würde der Zug C-A halten, und Aydin hatte keine Lust, sich mit zehn Leuten und fünf Fahrrädern in den letzten Wagon quetschen zu müssen. Berkant blieb schließlich neben ihm stehen.

Nervös nahm Aydin einen kleinen Schluck. Immer noch heiß.

Berkant hingegen nahm einen letzten Schluck aus seinem Pappbecher, den Kopf weit zurück gelehnt und Aydin beobachtete seinen Hals, den Adamsapfel, als Berkant schluckte. „Hm, war okay“, sagte Berkant und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.. Er knickte den Becher in der Hand und ließ ihn in den Abfalleimer fallen. „Hätte ja nicht gedacht, dass--“

„Ey, Berkant!“, tönte Stefans Stimme über das Gleis. Aydin erstarrte. „Hat Kevin also die Wahrheit gesagt: Du bist unter die Schwuchteln gegangen!“

Berkant fuhr herum. Als wären sie nicht zwanzig Meter voneinander entfernt, ging Stefan einen Schritt zurück, dann noch einen, dann raste er die Treppe herunter.

„Na warte“, knurrte Berkant und trat einen Schritt zur Rolltreppe auf ihrer Seite hin.

Aydin packte Berkant am Arm.

„Wo willst du hin?“, fragte Aydin. Berkant blickte herunter, auf Aydins Hand und Aydin zog sie schnell weg.

„Ich werd' dem zeigen, wer 'ne Schwuchtel ist“, zischte Berkant und zuckte mit den Schultern. „Was denkst du denn?“

„Er hat doch Recht“, sagte Aydin und blinzelte. „Du musst nicht--“

„Och, Aydin“, sagte Berkant und schnaubte. Er wandte sich ab, um wegzugehen, blieb dann aber stehen.

Berkant drehte sich wieder Aydin hin, langsam, und es kam Aydin fast so vor, als wären Berkants Wangen gerötet. Aydin öffnete seinen Mund, um einfach irgendetwas zu sagen.

„Warte“, murmelte Berkant. Er schlug eine Tasche auf und nahm direkt einen Kugelschreiber zwischen die Zähne, dann zog er ein Heft heraus. Es war ordentlicher als die Blätter in Aydins Ordner, noch nicht einmal kleine Eselsohren. Aydin starrte das Heft an. Berkant schlug es auf.

„Nicht--“, sagte Aydin, doch Berkant hatte schon mit einer schnellen Geste fast die halbe Seite aus seinem Heft heraus gerissen. Er nahm einen Stift, legte sich den Zettel auf den Arm und kritzelte kurz seine Nummer, mit abgehackten Bewegungen.

„Ruf mich an, okay?“, sagte Berkant. Er reichte Aydin den Zettel und der griff automatisch zu.„Später. Dann können wir morgen--“

Die Ansage unterbrach ihn. Berkant verzog sein Gesicht. Dann zuckte der mit den Schultern, lehnte sich nach vorn, in Aydins Richtung, als wollte er... was? Dann lehnte er sich wieder zurück. Er lächelte einmal kurz, fast verlegen, und lief zur Rolltreppe. Er sprang die ersten Stufen herunter, als müsste er sich besonders beeilen. Und das musste er sicher auch. Stefan konnte schnell laufen.

Aber vermutlich war Berkant schneller.

Aydin presste seine Lippen zusammen und blickte auf den Zettel in seiner Hand. Berkants Schrift war kantig, die Nullen sahen aus wie Sechsen, die Eins nur ein Strich. Die andere Seite des Blattes war beschrieben, sah nach Mathe aus. Aydin knüllte den Zettel in seiner Hand zusammen.

Mit einem Quietschen kam der Zug auf seinem Gleis zum stehen und Aydin half der Frau mit dem Kinderwagen und stieg dann ein, aber nicht, ohne vorher den Zettel mit Berkants Nummer in den Abfalleimer geschmissen zu haben.

Date: 2010-07-09 07:04 pm (UTC)
From: [identity profile] kurimukeiki.livejournal.com
;_; Teil drei! Jetzt! Sofort! Hopp! Dukönntestschonlänsgstfertigsein!!! (und wehe dir, wenn es keinen Teil 3 gibt!)

Ich hab mich bei der Unterhaltung zwischen Aydin und seinen Freundinnen ebenso unwohl gefühlt, wie Aydin, glaube ich.

Date: 2010-07-10 03:31 pm (UTC)
From: [identity profile] kurimukeiki.livejournal.com
*geht in eine Ecke und weint*

Naja~ dann kann ich nur warten und hoffen ^_^

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