Ein Schritt Vor, Zwei Zurück [Teil 1]
Jul. 7th, 2010 03:32 pmTeam: Monroe
Titel: Ein Schritt Vor, Zwei Zurück [Teil 1]
Fandom: Original
Challenge: Regenwetter (mit oder ohne Schirm), Päckchen #2
Beinhaltet... m/m
Ein Schritt Vor, Zwei Zurück [Teil 1]
„Und Schluss für heute!“, rief Herr Nowak und klatschte ein paar Mal in die Hände. „Bälle wegräumen; Clemens, Dieter, Enver, Mirella, Carlos und, sagen wir, Marius, ihr baut das Netz ab.“
„Ich musste schon letzte Woche“, rief Marius durch die Halle.
„Tja“, sagte Herr Nowak mit einem Grinsen und klappt das Kursheft zu. „Dann kommst du vielleicht nächste Woche nicht mehr zu spät.“
„Man“, grunzte Marius neben Aydin. „Die Trachel hat mich noch bequatscht, da konnte ich jetzt echt nichts für.“
„Ach, geht doch schnell“, sagte Aydin. „Gib mir deinen Ball, ich bring' den mit weg.“ Marius titschte den Ball einmal auf den Boden in Aydins Richtung und Aydin musste ich strecken, um ihn zu fangen.
„Danke, man“, sagte Marius und drehte sich zum Volleyballnetz, das der Kurs vor ihnen für sie stehen gelassen hatte.
„Kein Problem“, murmelte Aydin. Er duckte sich unter dem Netz durch und beeilte sich, ans andere Ende der Halle zu kommen, wo die Kiste für die Bälle stand. Noch einige Meter weiter weg, nahm er erst den einen Ball und warf ihn in die Kiste, dann den anderen.
„Aydin“, sagte Gina, schüttelte den Kopf und lachte, während sie ihren Ball in den Kasten rein legte. Aydin grinste zurück. Sie trat neben ihn, als er zum Hallenausgang ging. „Hast du noch Lust, zu Starbucks zu gehen? Da am Bahnhof? Ich lad' auch ein, für die Last-Minute-Lernhilfe letztes Jahr, da schulde ich dir noch was.“
„Pah“, sagte Aydin. „Hab ich doch gern gemacht.“ Und nicht ganz uneigennützig. Immerhin war es schon im Juni total heiß gewesen, Ginas älterer Bruder war gerade von der Bundeswehr zurück gekommen und hatte eine ganze Woche lang jeden Tag nur in Shorts den Garten hinter dem Haus umgegraben. Das schlimme? Aydin vermutete, dass Gina wusste, weswegen er gern auch mal ein paar Stunden länger geholfen hatte.
Gina hob eine Augenbraue und verzog ihren Mund zu einem Schmollen, das sich aber sofort in ein Grinsen auflöste. „Trotzdem Starbucks?“, fragte sie. „Du kannst so einen Mocca trinken und wir können über Jungs quatschen. Klingt doch nach einem guten Freitag Nachmittag.“
Aydin lachte und kratzte sich am Nacken, mit der anderen Hand stieß er die Hallentür auf. „Sorry“, sagte er. „Aber ich hab echt keine Zeit, ich muss nach Hause. Meine Schwester schreibt Montag Deutsch.“ Das stimmte zwar, aber seine Schwester würde den Teufel tun und sich von Aydin helfen lassen. Das letzte Mal, als sie das versucht hatten, für eine Mathearbeit, hatte damit geendet, dass Fusun geschrieen und sich dann heulend in ihrem Zimmer verkrochen hatte.
„Schade“, sagte Gina. „Ein anderes Mal, okay?“
„Aydin!“, rief Svenja. „Guter Abschlag vorhin! Und Gina natürlich.“
„Hey Svenülein, und danke! Klar“, fügte Aydin an Gina hinzu und ging nach links, Richtung der Männerumkleiden für die kleine Halle. „Wir sehen uns Montag!“
„Jo, bis dann“, sagte Gina und folgte Svenja und Sarah zu der Damenumkleide.
Aydin beeilte sich, auch zu seiner Umkleide zu kommen. Aus der großen Halle konnte er immer noch vereinzeltes Titschen von Bällen hören und Herr Schwartzer machte sowieso immer ein paar Minuten länger, um die Minuten wieder aufzuholen, die die Schüler ihn kosteten, wenn sie zu spät kamen. Wobei er das nur so sagte. Aydin hatte ihn in der achten gehabt und, als er jetzt in der Elf die Wahl hatte, wohlweißlich nicht seinen Kurs genommen. Weil Julia, oder Anna, war schon zu lange her, einmal drei Minuten zu spät gekommen war, hatte Schwartzer gleich die nächsten zehn Stunden um fünfzehn Minuten verlängert. Das brauchte Aydin nicht. Außerdem waren da zu viele Asis in Schwartzers Kurs. Stefan. Kevin. Berkant.
Aydin schmiss Hemd, Sporthose und Schuhe einfach in seine Tasche. Das würde er nachher noch ordentlich machen, die Sachen zusammenlegen, bevor seine Mutter sich die Tasche zum Waschen schnappte. Aydin nahm sein Handtuch, um sich wenigstens halbwegs den Schweiß abzuwischen, dann streifte er schnell Jeans und Hemd über, und schließlich die Turnschuhe, während er schon seine Tasche griff.
Die Tür zur Umkleide schlug auf und Aydin erstarrte.
„Hey, Aydin!“, sagte Micha und hob seine Hand, während sich Dieter und Clemens an ihm vorbei quetschten. Aydin atmete aus und trat an die Tür. „Lust, gleich noch mit zu zu Enver zu kommen? Er meine, wir könnten auch mal auf dem Parkplatz 'ne Runde mit dem Bike drehen“, fuhr Micha fort.
Aydin schüttelte den Kopf und ging rückwärts hinaus in den Gang. Er hielt die Tür mit einer Hand offen. „Nee, sorry“, sagte er. „Keine Zeit.“
„Man“, sagte Micha.
„Du verpasst echt was“, fügte Dieter hinzu, während er seine Sporthose auszog.
„Nächstes Mal?“, fragte Aydin mit einem Kopfnicken. Enver hatte seit Wochen von nichts anderem als seinem neuen Bike gesprochen – Envers Bruder würde heiraten und umziehen, da hatte er gleich mal ausgemistet an Sachen, die sein neues Familienleben nicht gebrauchen konnte - und die Gelegenheit war wirklich verlockend. „Ich muss echt weg, meiner Schwester bei Mathe--“
„Ach“, wurde Aydin unterbrochen und ein schwerer Arm legte sich über seine Schulter, zusammen mit dem Geruch von Schweiß und Rasierwasser. „Und ich dachte, wir beide hätten da was vor“, sagte Berkant an Aydins Ohr.
Aydin zuckte zusammen und musste sich zwingen, weiter zu lächeln. Micha war einen Schritt zurück getreten, während Dieter und Clemens die Köpfe gehoben hatten und rüber starrten.
„Aydin?“, fragte Micha, einen Hauch von Unsicherheit in der Stimme. Aber gut, Micha war vielleicht einssiebzig groß, bewegte sich wie ein Stock mit Brille und sah auch so aus. Mehr wollte Aydin auch nicht von ihm erwarten.
Aydin zwang sich, weiter zu grinsen. „Schon gut“, sagte er und zuckte mit den Schultern. „Berkant wollte noch eben was besprechen.“
Micha runzelte die Stirn. Dieter trat einen Schritt zu ihnen hin und Clemens hob seinen Kopf.
„Also“, sagte Aydin schnell. „Bis Montag!“ Er stieß die Umkleidentür zu.
Berkants Griff wurde einen Moment fester, dann zog er an Aydin, bis der nach vorne stolperte. Berkant nahm seinen Arm runter.„Komm“, sagte er.
Aydin kniff die Augen zusammen. „Wohin?“
„Muss mich noch umziehen?“, sagte Berkant und hob seine Augenbrauen. Musste er wirklich. Aydin machte Sport in etwas großen, dunkelblauen T-Shirt, dessen Saum schon ausgefranzt war, mit einem fast verschwundenen Mickey Maus-Logo vorne drauf. Hatte sein Onkel Fusun als Nachthemd geschenkt. Jetzt trug Fusun pastell, war für Mickey Maus 'zu alt' und Aydin hatte das T-Shirt bekommen.
Berkant trug sicher keine T-Shirts von seinen kleinen Schwestern. Oder seine kleinen Schwestern, falls er denn welche hatte, trugen sicher keine hautengen Muscle Shirts, bei denen Aydin den Schweiß an Berkants Bauchmuskeln und seinen Schultern herunter laufen sehen konnte.
Berkant wandte sich ab. „Los“, sagte er über seine Schulter. „Ich will nicht ewig hier bleiben. Wir haben noch was vor.“
Aydin folgte Berkant stumm zu der Umkleide der anderen Halle.
„Hey Aydin“, grüßte Daniel, als er aus der Umkleide kam. Berkant fing die Tür ab und hielt sie auf, während Daniel schon den Gang herunter ging.
„Hey“, sagte Aydin zu Daniels Rücken und blieb stehen. Berkant hielt die Tür weiter offen, solange bis Aydin die Zähne zusammen biss und in die Umkleide trat. Dann war Berkant hinter ihm und die Tür fiel zu und Aydin fühlte sich, als wäre er in eine Falle geraten.
Die Umkleide war fast leer – nur Stefan zog sich noch um. Er blickte kurz auf, als sie hereinkamen. Stefan war... Stefan. Sie waren in einer Klasse gewesen, aber die einzige richtige Unterhaltung - neben einem Deutsch-Projekt und selbst da hatte Stefan nur eine von Claudia geschriebene Einleitung vorgelesen - war einfach nur gewesen, dass Stefan nach Mathe plötzlich vor Aydins Tisch stand und gefragt hatte, ob Aydin schwul sei. Aydin hatte bejaht, Stefan gegrunzt, das Gesicht verzogen und 'wie schwul' gesagt, bevor er gegangen war. Aydin hätte das sicher vergessen, hätten nicht Svenja und Mirella zwei Wochen später beim Klassenfest einen Sketch dazu aufgeführt.
Das war solange der Running Gag der Klasse gewesen, bis Aydin sie doch gebeten hatte, aufzuhören. Er hatte keine Lust, sein Fahrrad irgendwann demoliert im Graben zu finden.
„Setz' dich“, sagte Berkant. Aydin setzte sich auf die andere Seite des Raumes, gegenüber von Stefan. So viel mehr Platz war auch nicht da.
Berkant streifte sich sein Shirt über den Kopf, langsam, als würde er sich gleichzeitig strecken.
Aydin sah weg, seine Wangen gerötet. Stefan zog sich gerade seine Schuhe an, während er zu ihnen herüber starrte. Aydins und sein Blick kreuzten sich.
„Ist was?“, fragte Stefan leise, aber nicht weniger bissig. Er musste 'Schwuchtel' nicht aussprechen, Aydin hörte es auch so.
Berkant fuhr herum und schnaubte, als er Stefan sah. „Was bist du noch hier?“
„Ich zieh mich vielleicht auch um“, sagte Stefan, während er langsam seinen zweiten Schuh anzog, ohne den Blick von Aydin zu nehmen.
„Ich sag's nur einmal“, knurrte Berkant. „Verpiss dich.“
„Schon gut“, sagte Stefan und hob die Hände beschwichtigend. Er stand auf, griff nach seiner Sporttasche und schüttelte seinen Kopf. Für einen Moment sah es aus, als würde er noch etwas sagen wollen, dann ging er nur zur Tür und raus. Aydin atmete aus.
„Wenn der nochmal was sagt“, sagte Berkant, „kommst du zu mir, klar?“
„Okay?“, sagte Aydin. Berkant hatte sich inzwischen wieder angezogen. Ein nicht viel weniger enges Shirt, offene Sweatjacke, Jeans. Aydin sah wieder weg. „Ich hab noch nichts fürs Projekt“, sagte er dann. „Das wollten wir ja eigentlich machen? Ich dachte, wir könnten das verschieben...“
Berkant schnaubte. „Komm, bevor der Schwartzer zu macht“, sagte er und ging zur Tür, um sie auf zu halten. „Ich bring dich zum Bahnhof.“
Aydin runzelte die Stirn, während er vor Berkant durch die Tür trat. „Ich bin mit dem Rad.“
Berkant lachte leise, heißer Atem direkt in Aydins Nacken. Aydin zuckte zusammen und nahm schnell einen weiteren Schritt nach vorne. „Dein Fahrrad steht nicht draußen“, sagte Berkant, seine Stimme tief. Aydin drehte sich nicht zu ihm um. „Außerdem hat es heute morgen geregnet.“
Aydin sagte nichts, sondern beeilte sich, zum Ausgang zu kommen. Berkant blieb neben ihm, ein bisschen zu nah, aber Aydin sah nicht herüber. Das Bild in seinem Kopf war deutlich genug.
„Und!“, fügte Berkant schließlich hinzu und trat die Tür auf. „Ich schulde dir noch was für die fast gebrochene Nase--“ Er brach ab. „Ach, Mist.“
Aydin blickte nach draußen in den Regen und verzog sein Gesicht. „War so klar.“
„Jo“, sagte Berkant. Er ließ seine Tasche fallen und streckte einen Arm. „Hier, du kannst dir meine Jacke überhängen--“
„Warte“, sagte Aydin schnell und griff schon in eine Tasche. „Ich hab einen Schirm.“
Berkant zog seine Jacke wieder an. „Du hast 'nen Schirm“, sagte er langsam.
Aydin nickte. Das eine in seiner Hand war sein Mäppchen, also griff er etwas zur Seite und da war-- ah. Sein Schirm. Aydin zog den kleinen, roten Klappschirm hervor.
Berkant grinste. „Süß“, sagte er.
Aydin zuckte mit den Schultern, klappte den Schirm auf und hielt ihn über sich. Er blickte nach oben. „Muss wohl reichen.“
„Klar“, sagte Berkant und trat unter den Schirm, direkt neben Aydin. Aydin hielt den Schirm etwas höher, und Berkant remeplte ihn an, als sie nach draußen in den Regen traten, Schulter an Schulter.
Aydin blickte nach vorne und seufzte. Für einige Minuten gingen sie schweigend, vorbei am Schultor bis zur Mariannenstraße, der Ecke mit dem Kiosk. Weiter die Heinrich-Böll-Straße herunter.
„Du magst Starbucks, oder?“, fragte Berkant schließlich. Seine Schulter stieß gegen Aydins, aber der Schirm war nun eben wirklich ein kleiner, diese zweifünfzig Minischirme von Rossmann für maximal eine halbe Person. „Dieses Kaffeezeug mit Schoko und Sahne und was auch immer? Chocolate Mocca Blah?“
Aydin blinzelte. „Ja...?“, sagte er vorsichtig. Woher wusste Berkant--
Berkant grunzte. Wieder stieß seine Schulter gegen Aydins. „Wir gehen am Bahnhof einen trinken“, sagte Berkant. „Ich zahl.“
„Hör zu“, sagte Aydin. Er hob seine freie Hand und strich sich übers Gesicht. „Ich hab das niemandem gesagt, dass du das mit der Tür warst, echt. Ich habe Herrn Rewahrt gesagt, ich hätte einfach nur besser aufpassen müssen. Er hat mir das geglaubt, es ist also nicht so, als würdest du jetzt irgendwelchen Ärger kriegen--“
Berkant schnaubte. „Der kann mir eh nichts“, sagte er. Aus den Augenwinkeln könnte Aydin ihn kurz grinsen sehen.
„Dann musst du mich ja auch nicht einladen“, sagte Aydin und zuckte zusammen. Er warf einen schnellen Blick zu Berkant. Der lächelte nicht mehr. Aydin fühlte den Schweiß in seinem Nacken und redete schnell weiter: „Ich meine, ist echt nett, dass du mich auch zur Bahn bringst und dass wir das Projekt zusammen machen, klasse, geht sicher schneller! Aber das musst du nicht, ich meine, ich sag das echt niemandem und bis Montag mach ich auch mehr für das Projekt, da ist es nicht-- du musst mich nicht einladen. Wir-- du musst auch nicht mitkommen, ist zwar nett, aber halt eben... na ja, ich brauch das nicht, ich kann auch so die Klappe halt--“
„Gehört sich halt so“, unterbrach ihn Berkant.
„Wie bitte?“, fragte Aydin und runzelte die Stirn.
Berkant zuckte mit den Schultern, dann hob hob er kurz die Augenbrauen, mit einem Blick zu Aydin, bevor er wieder nach vorne sah. „Gehört sich so für ein Date“, sagte Berkant.
Huh.
Aydin blickte nach vorne. Er sagte nichts, als Berkant ihm nach ein paar Sekunden beiläufig seinen Arm um die Schultern legte.
Titel: Ein Schritt Vor, Zwei Zurück [Teil 1]
Fandom: Original
Challenge: Regenwetter (mit oder ohne Schirm), Päckchen #2
Beinhaltet... m/m
Ein Schritt Vor, Zwei Zurück [Teil 1]
„Und Schluss für heute!“, rief Herr Nowak und klatschte ein paar Mal in die Hände. „Bälle wegräumen; Clemens, Dieter, Enver, Mirella, Carlos und, sagen wir, Marius, ihr baut das Netz ab.“
„Ich musste schon letzte Woche“, rief Marius durch die Halle.
„Tja“, sagte Herr Nowak mit einem Grinsen und klappt das Kursheft zu. „Dann kommst du vielleicht nächste Woche nicht mehr zu spät.“
„Man“, grunzte Marius neben Aydin. „Die Trachel hat mich noch bequatscht, da konnte ich jetzt echt nichts für.“
„Ach, geht doch schnell“, sagte Aydin. „Gib mir deinen Ball, ich bring' den mit weg.“ Marius titschte den Ball einmal auf den Boden in Aydins Richtung und Aydin musste ich strecken, um ihn zu fangen.
„Danke, man“, sagte Marius und drehte sich zum Volleyballnetz, das der Kurs vor ihnen für sie stehen gelassen hatte.
„Kein Problem“, murmelte Aydin. Er duckte sich unter dem Netz durch und beeilte sich, ans andere Ende der Halle zu kommen, wo die Kiste für die Bälle stand. Noch einige Meter weiter weg, nahm er erst den einen Ball und warf ihn in die Kiste, dann den anderen.
„Aydin“, sagte Gina, schüttelte den Kopf und lachte, während sie ihren Ball in den Kasten rein legte. Aydin grinste zurück. Sie trat neben ihn, als er zum Hallenausgang ging. „Hast du noch Lust, zu Starbucks zu gehen? Da am Bahnhof? Ich lad' auch ein, für die Last-Minute-Lernhilfe letztes Jahr, da schulde ich dir noch was.“
„Pah“, sagte Aydin. „Hab ich doch gern gemacht.“ Und nicht ganz uneigennützig. Immerhin war es schon im Juni total heiß gewesen, Ginas älterer Bruder war gerade von der Bundeswehr zurück gekommen und hatte eine ganze Woche lang jeden Tag nur in Shorts den Garten hinter dem Haus umgegraben. Das schlimme? Aydin vermutete, dass Gina wusste, weswegen er gern auch mal ein paar Stunden länger geholfen hatte.
Gina hob eine Augenbraue und verzog ihren Mund zu einem Schmollen, das sich aber sofort in ein Grinsen auflöste. „Trotzdem Starbucks?“, fragte sie. „Du kannst so einen Mocca trinken und wir können über Jungs quatschen. Klingt doch nach einem guten Freitag Nachmittag.“
Aydin lachte und kratzte sich am Nacken, mit der anderen Hand stieß er die Hallentür auf. „Sorry“, sagte er. „Aber ich hab echt keine Zeit, ich muss nach Hause. Meine Schwester schreibt Montag Deutsch.“ Das stimmte zwar, aber seine Schwester würde den Teufel tun und sich von Aydin helfen lassen. Das letzte Mal, als sie das versucht hatten, für eine Mathearbeit, hatte damit geendet, dass Fusun geschrieen und sich dann heulend in ihrem Zimmer verkrochen hatte.
„Schade“, sagte Gina. „Ein anderes Mal, okay?“
„Aydin!“, rief Svenja. „Guter Abschlag vorhin! Und Gina natürlich.“
„Hey Svenülein, und danke! Klar“, fügte Aydin an Gina hinzu und ging nach links, Richtung der Männerumkleiden für die kleine Halle. „Wir sehen uns Montag!“
„Jo, bis dann“, sagte Gina und folgte Svenja und Sarah zu der Damenumkleide.
Aydin beeilte sich, auch zu seiner Umkleide zu kommen. Aus der großen Halle konnte er immer noch vereinzeltes Titschen von Bällen hören und Herr Schwartzer machte sowieso immer ein paar Minuten länger, um die Minuten wieder aufzuholen, die die Schüler ihn kosteten, wenn sie zu spät kamen. Wobei er das nur so sagte. Aydin hatte ihn in der achten gehabt und, als er jetzt in der Elf die Wahl hatte, wohlweißlich nicht seinen Kurs genommen. Weil Julia, oder Anna, war schon zu lange her, einmal drei Minuten zu spät gekommen war, hatte Schwartzer gleich die nächsten zehn Stunden um fünfzehn Minuten verlängert. Das brauchte Aydin nicht. Außerdem waren da zu viele Asis in Schwartzers Kurs. Stefan. Kevin. Berkant.
Aydin schmiss Hemd, Sporthose und Schuhe einfach in seine Tasche. Das würde er nachher noch ordentlich machen, die Sachen zusammenlegen, bevor seine Mutter sich die Tasche zum Waschen schnappte. Aydin nahm sein Handtuch, um sich wenigstens halbwegs den Schweiß abzuwischen, dann streifte er schnell Jeans und Hemd über, und schließlich die Turnschuhe, während er schon seine Tasche griff.
Die Tür zur Umkleide schlug auf und Aydin erstarrte.
„Hey, Aydin!“, sagte Micha und hob seine Hand, während sich Dieter und Clemens an ihm vorbei quetschten. Aydin atmete aus und trat an die Tür. „Lust, gleich noch mit zu zu Enver zu kommen? Er meine, wir könnten auch mal auf dem Parkplatz 'ne Runde mit dem Bike drehen“, fuhr Micha fort.
Aydin schüttelte den Kopf und ging rückwärts hinaus in den Gang. Er hielt die Tür mit einer Hand offen. „Nee, sorry“, sagte er. „Keine Zeit.“
„Man“, sagte Micha.
„Du verpasst echt was“, fügte Dieter hinzu, während er seine Sporthose auszog.
„Nächstes Mal?“, fragte Aydin mit einem Kopfnicken. Enver hatte seit Wochen von nichts anderem als seinem neuen Bike gesprochen – Envers Bruder würde heiraten und umziehen, da hatte er gleich mal ausgemistet an Sachen, die sein neues Familienleben nicht gebrauchen konnte - und die Gelegenheit war wirklich verlockend. „Ich muss echt weg, meiner Schwester bei Mathe--“
„Ach“, wurde Aydin unterbrochen und ein schwerer Arm legte sich über seine Schulter, zusammen mit dem Geruch von Schweiß und Rasierwasser. „Und ich dachte, wir beide hätten da was vor“, sagte Berkant an Aydins Ohr.
Aydin zuckte zusammen und musste sich zwingen, weiter zu lächeln. Micha war einen Schritt zurück getreten, während Dieter und Clemens die Köpfe gehoben hatten und rüber starrten.
„Aydin?“, fragte Micha, einen Hauch von Unsicherheit in der Stimme. Aber gut, Micha war vielleicht einssiebzig groß, bewegte sich wie ein Stock mit Brille und sah auch so aus. Mehr wollte Aydin auch nicht von ihm erwarten.
Aydin zwang sich, weiter zu grinsen. „Schon gut“, sagte er und zuckte mit den Schultern. „Berkant wollte noch eben was besprechen.“
Micha runzelte die Stirn. Dieter trat einen Schritt zu ihnen hin und Clemens hob seinen Kopf.
„Also“, sagte Aydin schnell. „Bis Montag!“ Er stieß die Umkleidentür zu.
Berkants Griff wurde einen Moment fester, dann zog er an Aydin, bis der nach vorne stolperte. Berkant nahm seinen Arm runter.„Komm“, sagte er.
Aydin kniff die Augen zusammen. „Wohin?“
„Muss mich noch umziehen?“, sagte Berkant und hob seine Augenbrauen. Musste er wirklich. Aydin machte Sport in etwas großen, dunkelblauen T-Shirt, dessen Saum schon ausgefranzt war, mit einem fast verschwundenen Mickey Maus-Logo vorne drauf. Hatte sein Onkel Fusun als Nachthemd geschenkt. Jetzt trug Fusun pastell, war für Mickey Maus 'zu alt' und Aydin hatte das T-Shirt bekommen.
Berkant trug sicher keine T-Shirts von seinen kleinen Schwestern. Oder seine kleinen Schwestern, falls er denn welche hatte, trugen sicher keine hautengen Muscle Shirts, bei denen Aydin den Schweiß an Berkants Bauchmuskeln und seinen Schultern herunter laufen sehen konnte.
Berkant wandte sich ab. „Los“, sagte er über seine Schulter. „Ich will nicht ewig hier bleiben. Wir haben noch was vor.“
Aydin folgte Berkant stumm zu der Umkleide der anderen Halle.
„Hey Aydin“, grüßte Daniel, als er aus der Umkleide kam. Berkant fing die Tür ab und hielt sie auf, während Daniel schon den Gang herunter ging.
„Hey“, sagte Aydin zu Daniels Rücken und blieb stehen. Berkant hielt die Tür weiter offen, solange bis Aydin die Zähne zusammen biss und in die Umkleide trat. Dann war Berkant hinter ihm und die Tür fiel zu und Aydin fühlte sich, als wäre er in eine Falle geraten.
Die Umkleide war fast leer – nur Stefan zog sich noch um. Er blickte kurz auf, als sie hereinkamen. Stefan war... Stefan. Sie waren in einer Klasse gewesen, aber die einzige richtige Unterhaltung - neben einem Deutsch-Projekt und selbst da hatte Stefan nur eine von Claudia geschriebene Einleitung vorgelesen - war einfach nur gewesen, dass Stefan nach Mathe plötzlich vor Aydins Tisch stand und gefragt hatte, ob Aydin schwul sei. Aydin hatte bejaht, Stefan gegrunzt, das Gesicht verzogen und 'wie schwul' gesagt, bevor er gegangen war. Aydin hätte das sicher vergessen, hätten nicht Svenja und Mirella zwei Wochen später beim Klassenfest einen Sketch dazu aufgeführt.
Das war solange der Running Gag der Klasse gewesen, bis Aydin sie doch gebeten hatte, aufzuhören. Er hatte keine Lust, sein Fahrrad irgendwann demoliert im Graben zu finden.
„Setz' dich“, sagte Berkant. Aydin setzte sich auf die andere Seite des Raumes, gegenüber von Stefan. So viel mehr Platz war auch nicht da.
Berkant streifte sich sein Shirt über den Kopf, langsam, als würde er sich gleichzeitig strecken.
Aydin sah weg, seine Wangen gerötet. Stefan zog sich gerade seine Schuhe an, während er zu ihnen herüber starrte. Aydins und sein Blick kreuzten sich.
„Ist was?“, fragte Stefan leise, aber nicht weniger bissig. Er musste 'Schwuchtel' nicht aussprechen, Aydin hörte es auch so.
Berkant fuhr herum und schnaubte, als er Stefan sah. „Was bist du noch hier?“
„Ich zieh mich vielleicht auch um“, sagte Stefan, während er langsam seinen zweiten Schuh anzog, ohne den Blick von Aydin zu nehmen.
„Ich sag's nur einmal“, knurrte Berkant. „Verpiss dich.“
„Schon gut“, sagte Stefan und hob die Hände beschwichtigend. Er stand auf, griff nach seiner Sporttasche und schüttelte seinen Kopf. Für einen Moment sah es aus, als würde er noch etwas sagen wollen, dann ging er nur zur Tür und raus. Aydin atmete aus.
„Wenn der nochmal was sagt“, sagte Berkant, „kommst du zu mir, klar?“
„Okay?“, sagte Aydin. Berkant hatte sich inzwischen wieder angezogen. Ein nicht viel weniger enges Shirt, offene Sweatjacke, Jeans. Aydin sah wieder weg. „Ich hab noch nichts fürs Projekt“, sagte er dann. „Das wollten wir ja eigentlich machen? Ich dachte, wir könnten das verschieben...“
Berkant schnaubte. „Komm, bevor der Schwartzer zu macht“, sagte er und ging zur Tür, um sie auf zu halten. „Ich bring dich zum Bahnhof.“
Aydin runzelte die Stirn, während er vor Berkant durch die Tür trat. „Ich bin mit dem Rad.“
Berkant lachte leise, heißer Atem direkt in Aydins Nacken. Aydin zuckte zusammen und nahm schnell einen weiteren Schritt nach vorne. „Dein Fahrrad steht nicht draußen“, sagte Berkant, seine Stimme tief. Aydin drehte sich nicht zu ihm um. „Außerdem hat es heute morgen geregnet.“
Aydin sagte nichts, sondern beeilte sich, zum Ausgang zu kommen. Berkant blieb neben ihm, ein bisschen zu nah, aber Aydin sah nicht herüber. Das Bild in seinem Kopf war deutlich genug.
„Und!“, fügte Berkant schließlich hinzu und trat die Tür auf. „Ich schulde dir noch was für die fast gebrochene Nase--“ Er brach ab. „Ach, Mist.“
Aydin blickte nach draußen in den Regen und verzog sein Gesicht. „War so klar.“
„Jo“, sagte Berkant. Er ließ seine Tasche fallen und streckte einen Arm. „Hier, du kannst dir meine Jacke überhängen--“
„Warte“, sagte Aydin schnell und griff schon in eine Tasche. „Ich hab einen Schirm.“
Berkant zog seine Jacke wieder an. „Du hast 'nen Schirm“, sagte er langsam.
Aydin nickte. Das eine in seiner Hand war sein Mäppchen, also griff er etwas zur Seite und da war-- ah. Sein Schirm. Aydin zog den kleinen, roten Klappschirm hervor.
Berkant grinste. „Süß“, sagte er.
Aydin zuckte mit den Schultern, klappte den Schirm auf und hielt ihn über sich. Er blickte nach oben. „Muss wohl reichen.“
„Klar“, sagte Berkant und trat unter den Schirm, direkt neben Aydin. Aydin hielt den Schirm etwas höher, und Berkant remeplte ihn an, als sie nach draußen in den Regen traten, Schulter an Schulter.
Aydin blickte nach vorne und seufzte. Für einige Minuten gingen sie schweigend, vorbei am Schultor bis zur Mariannenstraße, der Ecke mit dem Kiosk. Weiter die Heinrich-Böll-Straße herunter.
„Du magst Starbucks, oder?“, fragte Berkant schließlich. Seine Schulter stieß gegen Aydins, aber der Schirm war nun eben wirklich ein kleiner, diese zweifünfzig Minischirme von Rossmann für maximal eine halbe Person. „Dieses Kaffeezeug mit Schoko und Sahne und was auch immer? Chocolate Mocca Blah?“
Aydin blinzelte. „Ja...?“, sagte er vorsichtig. Woher wusste Berkant--
Berkant grunzte. Wieder stieß seine Schulter gegen Aydins. „Wir gehen am Bahnhof einen trinken“, sagte Berkant. „Ich zahl.“
„Hör zu“, sagte Aydin. Er hob seine freie Hand und strich sich übers Gesicht. „Ich hab das niemandem gesagt, dass du das mit der Tür warst, echt. Ich habe Herrn Rewahrt gesagt, ich hätte einfach nur besser aufpassen müssen. Er hat mir das geglaubt, es ist also nicht so, als würdest du jetzt irgendwelchen Ärger kriegen--“
Berkant schnaubte. „Der kann mir eh nichts“, sagte er. Aus den Augenwinkeln könnte Aydin ihn kurz grinsen sehen.
„Dann musst du mich ja auch nicht einladen“, sagte Aydin und zuckte zusammen. Er warf einen schnellen Blick zu Berkant. Der lächelte nicht mehr. Aydin fühlte den Schweiß in seinem Nacken und redete schnell weiter: „Ich meine, ist echt nett, dass du mich auch zur Bahn bringst und dass wir das Projekt zusammen machen, klasse, geht sicher schneller! Aber das musst du nicht, ich meine, ich sag das echt niemandem und bis Montag mach ich auch mehr für das Projekt, da ist es nicht-- du musst mich nicht einladen. Wir-- du musst auch nicht mitkommen, ist zwar nett, aber halt eben... na ja, ich brauch das nicht, ich kann auch so die Klappe halt--“
„Gehört sich halt so“, unterbrach ihn Berkant.
„Wie bitte?“, fragte Aydin und runzelte die Stirn.
Berkant zuckte mit den Schultern, dann hob hob er kurz die Augenbrauen, mit einem Blick zu Aydin, bevor er wieder nach vorne sah. „Gehört sich so für ein Date“, sagte Berkant.
Huh.
Aydin blickte nach vorne. Er sagte nichts, als Berkant ihm nach ein paar Sekunden beiläufig seinen Arm um die Schultern legte.
no subject
Date: 2010-07-07 01:57 pm (UTC)Ich freu mich auf Teil 2!
no subject
Date: 2010-07-08 12:53 am (UTC)no subject
Date: 2010-07-09 06:52 pm (UTC)Ich wünsch ihnen ja alles Gute, aber irgendwie hab ich ein wenig Angst.
Ich freu mich schon auf die nächsten Teile! (MIND THE PLURAL!! <>_<>)
*geht nun Teil 2 lesen*