Fünf Uhr Morgens
Jun. 30th, 2010 12:31 pmTeam: Monroe
Titel: Fünf Uhr Morgens
Fandom: Original
Challenge: Schritt halten, Päckchen #1 ist damit für mich beendet
Beinhaltet... m/m
Fünf Uhr Morgens
„Bella, aus! Ruhe!“, zischte ich und schob Bella mit meinem Fuß von der Haustür weg. „Du machst doch schon nach der Hälfte schlapp.“
Bella winselte mich an, ihre Augen fast mitleiderweckend und presste sich schon wieder gegen die Tür, ein Berg aus ergrautem Golden Retriever. Ich zog meinen anderen Turnschuh an und schnürte ihn straff. Wir hatten Bella als Welpen bekommen, vom Bruder meiner Oma, als ich sieben war, mit dem Versprechen, da nach ein wenig Erziehung einen ganz lieben Hund zu haben, Treue bis in den Tod; Bellas Mutter war wohl genauso gewesen, einer dieser Hunde, die in Bild der Frau erwähnt werden, weil sie Kinderwagen von der Straße ziehen. Jetzt war Bella alt, rund und ihre besten Tage waren vorbei, zu langsam um Kinderwagen zu retten und zu schnell erschöpft, um beim Joggen mit mir mitzuhalten.
Ich kraulte Bella am Kopf und sie japste, zweimal, während ihr Schwanz gegen die Tür stieß. „Pscht!“, flüsterte ich ihr zu, ihr Gesicht in beiden Händen und blickte ihr in die Augen, bis sie weg sah. „Du weckst noch das ganze Haus.“
Ich schob Bella mit einem Bein zur Seite, während ich die Tür öffnete, um raus zu schlüpfen. Bella bellte einmal und ich zuckte zusammen, als im oberen Stockwerk das kleine Flurlicht anging. „Oliver?“, fragte Mama.
Ich warf Bella einen bösen Blick zu, dann kam auch schon Mama die Treppe herunter, Augen verschlafen zusammen gekniffen, Haare wild durcheinander und im Bademantel. Sie seufzte, als sie meine Joggingklamotten sah.
„Es ist fünf Uhr morgens“, sagte sie langsam und kam ein paar weitere Stufen nach unten, damit Papa uns nicht hörte.
„Ja“, sagte ich und presste meine Lippen aufeinander.
Ich konnte ihren Gesichtsausdruck nicht erkennen, aber sie sprach mit einer Mischung aus Erschöpfung, Unglauben und Gereiztheit. „Denkst du nicht, du übertreibst es?“
„Soll ich für immer so... fett bleiben?“, zischte ich.
Mama schloss für einen Moment die Augen. „Oliver--“, begann sie, doch ich schüttelte nur den Kopf.
„Bin dann weg“, sagte ich und schlüpfte durch die offene Tür nach draußen. Die Sonne ging gerade erst auf und es war noch frisch genug, dass ich richtig froh war, Papas alte Sportjacke im Keller in der Waschküche gefunden zu haben. Mama hatte sie da vermutlich hinter die Tür gestopft. Zu schade zum Wegschmeißen, aber rein passen würde Papa schon lange nicht mehr. Früher hatten wir mal zusammen Fußball gespielt, vielleicht als ich sechs war - dass Bella dabei war konnte ich mich nämlich nicht erinnern.
Ich fing an zu langsam zu laufen, die Straße runter, zum Waldstück hin.
Ich war damals extrem unglücklich über den Ball gestolpert und wusste seitdem genau, wie sich ein zweifach gebrochener Arm anfühlt. Das Krankenhaus und danach die endlosen Wochen mit eingegipstem Arm waren immerhin irgendwann vorbei. Die zweitschlimmste Zeit meines Lebens, und das sagte ich immer noch mit siebzehn. Danach war natürlich Sport verboten, solange mein Arm noch schwach war, und wegen des Krankenhauses hatte ich auch noch den Schulanfang verpasst. Toller Start.
Jetzt war es fünf Uhr morgens, mein Magen knurrte und ich musste die Ärmel über meine Hände ziehen, sonst wären mir meine Finger in den ersten Metern abgefallen. Trotzdem musste ich grinsen, als ich um die letzte Ecke lief.
„Du warst gestern nicht da!“, rief ich Mark entgegen, der schon bei den letzten Metern asphaltierter Straße stand, von wo aus es in den Waldweg hinein ging. Mark drehte gerade seine Beine, ein Bein vorne, das andere nach hinten gestreckt. Trotzdem lächelte er mit entgegen.
„Fußball. Wir hatten ein Spiel“, sagte er. „Sorry, dachte, ich hätte es erwähnt.“
„Nee“, sagte ich und blieb neben ihm stehen, um ihm meinen Ellbogen in die Seite zu stoßen. „Haste nicht. Ich hab hier echt bis halb sechs gewartet.“
„Hach“, sagte Mark, immer noch am Lächeln. „Süß.“
Ich duckte mich, als er nach mir griff. „Ey!“, sagte ich und lachte. „Aber ist okay, nicht so schlimm. Habt ihr denn wenigstens gewonnen?“
„Jup“, antwortete Mark. „Zwei zu Eins.“
„Glückwunsch“, sagte ich. „Ist doch extrem cool. Und das sag ich auch, weil ich gar kein Fußball kann. Ich find' das klasse, echt.“
„Sag das meinem Vater“, sagte Mark und verdrehte die Augen.
Ich runzelte meine Stirn. „Kein Fußballfan?“
„Ehemaliger Marathonläufer“, sagte Mark und schnitt eine Grimasse.
„Uh“, sagte ich. „Übel.“
„Laufen ist für meinen Vater halt... keine Ahnung, eine Religion“, antwortete Mark und zuckte mit den Schultern, bevor er einen Ausfallschritt machte und seine Beine noch einmal dehnte. Ich machte es ihm nach. „War es schon immer. Und, na ja, jetzt, wo er es nicht mehr kann, ist es halt noch schlimmer! Hat sogar ein Laufteam für die Schule angefangen, damit 'Jugendliche wie wir wieder Spaß an einer ehrlichen, ordentlichen Sportart bekommen'.“ Mark schüttelte seinen Kopf und stellte sich wieder gerade hin. „Er muss das jetzt leiten, und will es zu einer AG werden lassen und später mit Note... ätzend. Dann vor allem so peinliche Sachen wie auf dem Schulfest.“
„Ah!“, sagte ich. „Dein Vater ist der--“ Ich brach ab, bevor ich das beenden konnte, meine Ohren rot.
„Der Behinderte“, knurrte Mark. „Du kannst es ruhig sagen.“
Ich verzog mein Gesicht. „Ich wollte sagen, der Mann im Rollstuhl.“ Das klang selbst in meinen Ohren dämlich.
Mark schnaubte und wandte sich ab, zum Wald hin, zu 'unserer' Strecke. Ich bückte mich, um meine Schuhe fester zu binden, und kniete noch da, als Mark weiter sprach, seine Stimme leise und tief: „Ist okay, echt. Nimmt sonst auch keiner Rücksicht.“
„Sorry“, sagte ich und stand auf.
„Hm“, machte Mark. „Fangen wir mal besser an.“
Er hüpfte ein paar Mal auf der Stelle, dann fing er an zu laufen. Ich presste meine Lippen zusammen und lief auch los, neben Mark. Der starrte nach vorne und ich zwang mich, ruhiger zu atmen, im Takt meiner Schritte. Zwei Schritte einatmen, zwei Schritte ausatmen.
Mit Mark zu laufen war ziemlich angenehm. Ich hatte erst versucht, abends zu joggen, aber da war hier alles überfüllt, lauter Spaziergänger, Walker und Profijogger, die alle mit zwanzig km/h an mir vorbeizogen und mich anstarrten. Mark dagegen lief einfach langsam. Hatte vermutlich manchmal gar keine Lust zu laufen, er machte das sicher nur wegen seines Vaters.
Er war dann irgendwie unterwegs gewesen, morgens beim ersten Sonnenstrahl, genau wie ich, und beim Dehnen war mir das halt aufgefallen, dass er mir bekannt vor kam. Natürlich, hatte er mir gesagt, er spiele Fußball in der Fußball-AG an unserer Schule, da hätte ich ja manchmal zugeguckt. Ich hatte dann lieber genickt, obwohl ich mich nicht richtig erinnerte, denn als ich noch zu den Spielen ging, hatte ich halt... na ja, nur Augen für Pascal.
„Und dir macht Laufen Spaß?“, fragte Mark nach einer Weile.
Ich lachte trocken. „Als ob! Mir hat halt nur-- Pascal hat-- na ja, ich dachte, ich sollte halt was Joggen.“ Mark sah zu mir herüber und hob seine Augenbrauen.
„Pascal? Aus meiner Stufe?“, fragte er. Ich nickte. „Pascal hat was gesagt?“
„Er hat noch nicht mal--“, begann ich, bloß, um dann abzubrechen. Die ganze Sache war so-- peinlich. Natürlich hatte ich sie Mama erzählt, als ich dann nach Hause gekommen war, mitten in der Nacht, mit roten, aufgequollenen Augen, um Pascals Worten auch ja alle Ehre zu machen. Mama hatte Eiscreme, Kekse und Cognac, den Papa ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, alles nur für mich. Ich hatte das alles einfach gegessen, heulend und verschnieftes Elend, das ich war. Am nächsten Tag über der Toilette war ich zwei Stunden lang nur am Kotzen gewesen.
Ich warf einen Blick zu Mark herüber. Schweiß lief ihm in den Kragen seiner Jacke und sein Gesicht leuchtete rot, besonders in der aufgehenden Sonne. Pascal schwitzte sicher nie, zumindest hatte ich ihn noch nie gesehen – Mark sah erschöpft aus, heiß, rot und glitschig überall. Ich schluckte und sah wieder nach vorne.
„Letzten Monat? Lisas Geburtstag?“, fuhr ich fort. Mark brummte seine Zustimmung. Für einen Moment waren unsere Schritte das einzige, was ich hörte, neben dem penetranten Vogelgezwitscher. „Wenn-- wenn Pascal was getrunken hat, dann ist er immer lustiger und manchmal flirten wir halt.“ Ich redete etwas schneller. „Auf Lisas Geburtstag auch. Ich-- er fängt das immer an, keine Ahnung, kommt immer zu mir, bringt was zu trinken mit, ist ja auch okay, aber... als ob ich der einzige andere Schwule auf diesen Partys wäre, oder so. Da wären ja auch Manuel oder Lukas oder du, aber er kommt echt immer zu mir und will was machen. 'Irgendwo zu Zweit hingehen' halt.“
„Klingt nach Pascal“, sagte Mark trocken.
„Wir haben“, fuhr ich fort und meine Stimme klang nicht nach mir, sondern ruhig, was überhaupt nicht zu meinem rasenden Herzen passte. Aber jetzt redete ich und ich konnte nicht aufhören. „Na ja, wir haben halt bisschen 'rum gemacht und geknutscht, im Garten da, bei dem Gartenhäuschen neben den Kaninchen? Und, jedenfalls, kam dann halt Tobias, Lisas Bruder, war eine über dir, jetzt auf der Berufsschule? Sagt 'Boah, Pascal, von dir hätte ich besseres gedacht.' Er hat das nicht laut gesagt, aber halt... schon hörbar. Ist wieder rein gegangen.“ Ich schluckte. „Pascal-- der hat mich dann halt weg gestoßen, und dann meinte er halt, 'Sorry, Olli, aber ich steh nicht auf Fetties.'“ Ich presste meine Lippen aufeinander.
Mark schnaubte.
...Was? Mein Hirn brauchte einen Moment, deswegen lief ich noch einen weiteren Schritt, dann blieb ich stehen. Mark drehte sich um, gerade rechtzeitig, um meinem Schlag auszuweichen.
„Wa--“, sagte er, da hatte ich ihn schon bei den Schultern gepackt und stieß ihn.
„Bist du eigentlich bescheuert?“, zischte ich. Mark starrte mich nur an. „Das ist nicht lustig!“
Ich zwang ihn einen weiteren Schritt zurück und er stolperte. Die Blätter federten unseren Sturz wenigstens ein bisschen ab, aber Mark keuchte trotzdem, als ich auf ihm landete und direkt dort blieb. „Das ist echt--“, fauchte ich weiter, aber Mark unterbrach mich.
„Beruhig' dich mal“, sagte er und schüttelte seinen Kopf.
„Was lachst du da?“, knurrte ich. Mein Knie drückte ihm auf den Brustkorb, meine Hände hielten Marks Schultern am Boden und er starrte zu mir hoch.
„Du bist nicht 'fett'“, sagte Mark, seine Stimme ruhig. „Echt nicht.“
„Ja klar“, sagte ich und fühlte ein Prickeln auf meiner Haut, in meinen Augen.
„Nee, wirklich.“ Marks Hände umfassten meine Oberarme. „Du bist halt was kompakter, aber--“ Ich kniff meine Augen zusammen und Mark fuhr schnell fort. „Aber das ist süß! Echt!“ Sein Gesicht war immer noch gerötet.
Ich rollte von Mark runter und landete in den Laubblättern neben ihm. Sofort war mein Rücken kalt, trotz der Laufjacke. Die Bäume hatten immer noch Blätter, der Herbst hatte ja gerade erst angefangen.
„Hast du seitdem--“, fragte Mark und stockte kurz. Ich sah zu ihm herüber. „Nochmal. Mit Pascal?“
Ich starrte Mark an. „Wie bitte?“, zischte ich. „Du denkst, ich würde dann auch noch--“
„Geredet, meine ich“, sagte Mark schnell. „Mit ihm geredet.“
„Nein! Bitte, das tu' ich mir nicht an!“
„Pascal hat halt gesagt--“, sagte Mark und brach ab.
„Was hat Pascal gesagt?“, fragte ich und richtete mich auf. Meine Hände fühlten sich eisig an, genau wie der Rest meines Körpers.
Mark schüttelte nur den Kopf. „Nichts, ist nur--“
„Was?“, knurrte ich und knirschte mit den Zähnen. „Was hat er gesagt? Du kannst nicht so anfangen und dann aufhören! Diese ganze Scheiße--“ Ich stieß mich hoch und wäre fast weg gerutscht an den Blättern, als ich aufstand. „Ich hab keinen Bock mehr--“
„Man“, murmelte Mark und setzte sich auch auf. Er fuhr sich mit den Händen übers Gesicht und durch die Haare, dann sah er zu mir herüber. „Er hat halt erzählt, na ja, dass ihr zusammen wärt. Du und er. Seit 'n paar Monaten.“
Ich ließ mich zurückfallen und starrte Mark an. „Was?“, fragte ich heiser.
Mark... Mark wurde rot und strich sich wieder durch die Haare, bis sie in alle Richtungen hoch standen, als hätte er Gel rein gemacht, bloß, um morgens Joggen zu gehen. Mit mir. „Keine Ahnung“, murmelte er. „Hat er halt dauernd erzählt in der Schule.“
„Oh“, sagte ich. „Okay. Das war mir neu.“ Meine Stimme klang nicht nach mir, noch nicht mal mein Körper schien meiner zu sein, alles ein wenig surreal, seltsam.
Mark kratzte sich am Hals, sah mir aber nicht in die Augen. „Also seid ihr nicht--?“
Ich schüttelte meinen Kopf. „Nee, auf keinen Fall!“
Mark nickte. Ich starrte auf den Baumstamm einige Meter vor mir. In zwei Stunden zirka müsste die Schule beginnen, Französisch bei der Becker direkt in der ersten. Ich musste noch duschen und danach mit dem Rad halt zur Schule. Die Hausaufgaben--
Ich sah zu Mark herüber und holte tief Luft. „Ich hätte aber nichts dagegen“, sagte ich langsam. „Allgemein.“
Mark hob seinen Kopf und ich kam mir so dämlich vor, richtig bescheuert. Ich war fe-- kompakt und da war immer noch ein Rest Akne, den ich jeden Tag im Spiegel bewundern durfte. Ich sah aus wie vierzehn an meinen guten Tagen, in Papas viel zu großer Laufjacke um so mehr. Ich fühlte mich so... dumm.
Ich leckte mir über die Lippen, bevor ich weiter sprach. „Also, gegen einen Freund hätte ich generell nichts. Nur halt nicht Pascal.“
Mark brauchte eine Sekunde, dann fing er aber an zu lächeln.
Titel: Fünf Uhr Morgens
Fandom: Original
Challenge: Schritt halten, Päckchen #1 ist damit für mich beendet
Beinhaltet... m/m
Fünf Uhr Morgens
„Bella, aus! Ruhe!“, zischte ich und schob Bella mit meinem Fuß von der Haustür weg. „Du machst doch schon nach der Hälfte schlapp.“
Bella winselte mich an, ihre Augen fast mitleiderweckend und presste sich schon wieder gegen die Tür, ein Berg aus ergrautem Golden Retriever. Ich zog meinen anderen Turnschuh an und schnürte ihn straff. Wir hatten Bella als Welpen bekommen, vom Bruder meiner Oma, als ich sieben war, mit dem Versprechen, da nach ein wenig Erziehung einen ganz lieben Hund zu haben, Treue bis in den Tod; Bellas Mutter war wohl genauso gewesen, einer dieser Hunde, die in Bild der Frau erwähnt werden, weil sie Kinderwagen von der Straße ziehen. Jetzt war Bella alt, rund und ihre besten Tage waren vorbei, zu langsam um Kinderwagen zu retten und zu schnell erschöpft, um beim Joggen mit mir mitzuhalten.
Ich kraulte Bella am Kopf und sie japste, zweimal, während ihr Schwanz gegen die Tür stieß. „Pscht!“, flüsterte ich ihr zu, ihr Gesicht in beiden Händen und blickte ihr in die Augen, bis sie weg sah. „Du weckst noch das ganze Haus.“
Ich schob Bella mit einem Bein zur Seite, während ich die Tür öffnete, um raus zu schlüpfen. Bella bellte einmal und ich zuckte zusammen, als im oberen Stockwerk das kleine Flurlicht anging. „Oliver?“, fragte Mama.
Ich warf Bella einen bösen Blick zu, dann kam auch schon Mama die Treppe herunter, Augen verschlafen zusammen gekniffen, Haare wild durcheinander und im Bademantel. Sie seufzte, als sie meine Joggingklamotten sah.
„Es ist fünf Uhr morgens“, sagte sie langsam und kam ein paar weitere Stufen nach unten, damit Papa uns nicht hörte.
„Ja“, sagte ich und presste meine Lippen aufeinander.
Ich konnte ihren Gesichtsausdruck nicht erkennen, aber sie sprach mit einer Mischung aus Erschöpfung, Unglauben und Gereiztheit. „Denkst du nicht, du übertreibst es?“
„Soll ich für immer so... fett bleiben?“, zischte ich.
Mama schloss für einen Moment die Augen. „Oliver--“, begann sie, doch ich schüttelte nur den Kopf.
„Bin dann weg“, sagte ich und schlüpfte durch die offene Tür nach draußen. Die Sonne ging gerade erst auf und es war noch frisch genug, dass ich richtig froh war, Papas alte Sportjacke im Keller in der Waschküche gefunden zu haben. Mama hatte sie da vermutlich hinter die Tür gestopft. Zu schade zum Wegschmeißen, aber rein passen würde Papa schon lange nicht mehr. Früher hatten wir mal zusammen Fußball gespielt, vielleicht als ich sechs war - dass Bella dabei war konnte ich mich nämlich nicht erinnern.
Ich fing an zu langsam zu laufen, die Straße runter, zum Waldstück hin.
Ich war damals extrem unglücklich über den Ball gestolpert und wusste seitdem genau, wie sich ein zweifach gebrochener Arm anfühlt. Das Krankenhaus und danach die endlosen Wochen mit eingegipstem Arm waren immerhin irgendwann vorbei. Die zweitschlimmste Zeit meines Lebens, und das sagte ich immer noch mit siebzehn. Danach war natürlich Sport verboten, solange mein Arm noch schwach war, und wegen des Krankenhauses hatte ich auch noch den Schulanfang verpasst. Toller Start.
Jetzt war es fünf Uhr morgens, mein Magen knurrte und ich musste die Ärmel über meine Hände ziehen, sonst wären mir meine Finger in den ersten Metern abgefallen. Trotzdem musste ich grinsen, als ich um die letzte Ecke lief.
„Du warst gestern nicht da!“, rief ich Mark entgegen, der schon bei den letzten Metern asphaltierter Straße stand, von wo aus es in den Waldweg hinein ging. Mark drehte gerade seine Beine, ein Bein vorne, das andere nach hinten gestreckt. Trotzdem lächelte er mit entgegen.
„Fußball. Wir hatten ein Spiel“, sagte er. „Sorry, dachte, ich hätte es erwähnt.“
„Nee“, sagte ich und blieb neben ihm stehen, um ihm meinen Ellbogen in die Seite zu stoßen. „Haste nicht. Ich hab hier echt bis halb sechs gewartet.“
„Hach“, sagte Mark, immer noch am Lächeln. „Süß.“
Ich duckte mich, als er nach mir griff. „Ey!“, sagte ich und lachte. „Aber ist okay, nicht so schlimm. Habt ihr denn wenigstens gewonnen?“
„Jup“, antwortete Mark. „Zwei zu Eins.“
„Glückwunsch“, sagte ich. „Ist doch extrem cool. Und das sag ich auch, weil ich gar kein Fußball kann. Ich find' das klasse, echt.“
„Sag das meinem Vater“, sagte Mark und verdrehte die Augen.
Ich runzelte meine Stirn. „Kein Fußballfan?“
„Ehemaliger Marathonläufer“, sagte Mark und schnitt eine Grimasse.
„Uh“, sagte ich. „Übel.“
„Laufen ist für meinen Vater halt... keine Ahnung, eine Religion“, antwortete Mark und zuckte mit den Schultern, bevor er einen Ausfallschritt machte und seine Beine noch einmal dehnte. Ich machte es ihm nach. „War es schon immer. Und, na ja, jetzt, wo er es nicht mehr kann, ist es halt noch schlimmer! Hat sogar ein Laufteam für die Schule angefangen, damit 'Jugendliche wie wir wieder Spaß an einer ehrlichen, ordentlichen Sportart bekommen'.“ Mark schüttelte seinen Kopf und stellte sich wieder gerade hin. „Er muss das jetzt leiten, und will es zu einer AG werden lassen und später mit Note... ätzend. Dann vor allem so peinliche Sachen wie auf dem Schulfest.“
„Ah!“, sagte ich. „Dein Vater ist der--“ Ich brach ab, bevor ich das beenden konnte, meine Ohren rot.
„Der Behinderte“, knurrte Mark. „Du kannst es ruhig sagen.“
Ich verzog mein Gesicht. „Ich wollte sagen, der Mann im Rollstuhl.“ Das klang selbst in meinen Ohren dämlich.
Mark schnaubte und wandte sich ab, zum Wald hin, zu 'unserer' Strecke. Ich bückte mich, um meine Schuhe fester zu binden, und kniete noch da, als Mark weiter sprach, seine Stimme leise und tief: „Ist okay, echt. Nimmt sonst auch keiner Rücksicht.“
„Sorry“, sagte ich und stand auf.
„Hm“, machte Mark. „Fangen wir mal besser an.“
Er hüpfte ein paar Mal auf der Stelle, dann fing er an zu laufen. Ich presste meine Lippen zusammen und lief auch los, neben Mark. Der starrte nach vorne und ich zwang mich, ruhiger zu atmen, im Takt meiner Schritte. Zwei Schritte einatmen, zwei Schritte ausatmen.
Mit Mark zu laufen war ziemlich angenehm. Ich hatte erst versucht, abends zu joggen, aber da war hier alles überfüllt, lauter Spaziergänger, Walker und Profijogger, die alle mit zwanzig km/h an mir vorbeizogen und mich anstarrten. Mark dagegen lief einfach langsam. Hatte vermutlich manchmal gar keine Lust zu laufen, er machte das sicher nur wegen seines Vaters.
Er war dann irgendwie unterwegs gewesen, morgens beim ersten Sonnenstrahl, genau wie ich, und beim Dehnen war mir das halt aufgefallen, dass er mir bekannt vor kam. Natürlich, hatte er mir gesagt, er spiele Fußball in der Fußball-AG an unserer Schule, da hätte ich ja manchmal zugeguckt. Ich hatte dann lieber genickt, obwohl ich mich nicht richtig erinnerte, denn als ich noch zu den Spielen ging, hatte ich halt... na ja, nur Augen für Pascal.
„Und dir macht Laufen Spaß?“, fragte Mark nach einer Weile.
Ich lachte trocken. „Als ob! Mir hat halt nur-- Pascal hat-- na ja, ich dachte, ich sollte halt was Joggen.“ Mark sah zu mir herüber und hob seine Augenbrauen.
„Pascal? Aus meiner Stufe?“, fragte er. Ich nickte. „Pascal hat was gesagt?“
„Er hat noch nicht mal--“, begann ich, bloß, um dann abzubrechen. Die ganze Sache war so-- peinlich. Natürlich hatte ich sie Mama erzählt, als ich dann nach Hause gekommen war, mitten in der Nacht, mit roten, aufgequollenen Augen, um Pascals Worten auch ja alle Ehre zu machen. Mama hatte Eiscreme, Kekse und Cognac, den Papa ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, alles nur für mich. Ich hatte das alles einfach gegessen, heulend und verschnieftes Elend, das ich war. Am nächsten Tag über der Toilette war ich zwei Stunden lang nur am Kotzen gewesen.
Ich warf einen Blick zu Mark herüber. Schweiß lief ihm in den Kragen seiner Jacke und sein Gesicht leuchtete rot, besonders in der aufgehenden Sonne. Pascal schwitzte sicher nie, zumindest hatte ich ihn noch nie gesehen – Mark sah erschöpft aus, heiß, rot und glitschig überall. Ich schluckte und sah wieder nach vorne.
„Letzten Monat? Lisas Geburtstag?“, fuhr ich fort. Mark brummte seine Zustimmung. Für einen Moment waren unsere Schritte das einzige, was ich hörte, neben dem penetranten Vogelgezwitscher. „Wenn-- wenn Pascal was getrunken hat, dann ist er immer lustiger und manchmal flirten wir halt.“ Ich redete etwas schneller. „Auf Lisas Geburtstag auch. Ich-- er fängt das immer an, keine Ahnung, kommt immer zu mir, bringt was zu trinken mit, ist ja auch okay, aber... als ob ich der einzige andere Schwule auf diesen Partys wäre, oder so. Da wären ja auch Manuel oder Lukas oder du, aber er kommt echt immer zu mir und will was machen. 'Irgendwo zu Zweit hingehen' halt.“
„Klingt nach Pascal“, sagte Mark trocken.
„Wir haben“, fuhr ich fort und meine Stimme klang nicht nach mir, sondern ruhig, was überhaupt nicht zu meinem rasenden Herzen passte. Aber jetzt redete ich und ich konnte nicht aufhören. „Na ja, wir haben halt bisschen 'rum gemacht und geknutscht, im Garten da, bei dem Gartenhäuschen neben den Kaninchen? Und, jedenfalls, kam dann halt Tobias, Lisas Bruder, war eine über dir, jetzt auf der Berufsschule? Sagt 'Boah, Pascal, von dir hätte ich besseres gedacht.' Er hat das nicht laut gesagt, aber halt... schon hörbar. Ist wieder rein gegangen.“ Ich schluckte. „Pascal-- der hat mich dann halt weg gestoßen, und dann meinte er halt, 'Sorry, Olli, aber ich steh nicht auf Fetties.'“ Ich presste meine Lippen aufeinander.
Mark schnaubte.
...Was? Mein Hirn brauchte einen Moment, deswegen lief ich noch einen weiteren Schritt, dann blieb ich stehen. Mark drehte sich um, gerade rechtzeitig, um meinem Schlag auszuweichen.
„Wa--“, sagte er, da hatte ich ihn schon bei den Schultern gepackt und stieß ihn.
„Bist du eigentlich bescheuert?“, zischte ich. Mark starrte mich nur an. „Das ist nicht lustig!“
Ich zwang ihn einen weiteren Schritt zurück und er stolperte. Die Blätter federten unseren Sturz wenigstens ein bisschen ab, aber Mark keuchte trotzdem, als ich auf ihm landete und direkt dort blieb. „Das ist echt--“, fauchte ich weiter, aber Mark unterbrach mich.
„Beruhig' dich mal“, sagte er und schüttelte seinen Kopf.
„Was lachst du da?“, knurrte ich. Mein Knie drückte ihm auf den Brustkorb, meine Hände hielten Marks Schultern am Boden und er starrte zu mir hoch.
„Du bist nicht 'fett'“, sagte Mark, seine Stimme ruhig. „Echt nicht.“
„Ja klar“, sagte ich und fühlte ein Prickeln auf meiner Haut, in meinen Augen.
„Nee, wirklich.“ Marks Hände umfassten meine Oberarme. „Du bist halt was kompakter, aber--“ Ich kniff meine Augen zusammen und Mark fuhr schnell fort. „Aber das ist süß! Echt!“ Sein Gesicht war immer noch gerötet.
Ich rollte von Mark runter und landete in den Laubblättern neben ihm. Sofort war mein Rücken kalt, trotz der Laufjacke. Die Bäume hatten immer noch Blätter, der Herbst hatte ja gerade erst angefangen.
„Hast du seitdem--“, fragte Mark und stockte kurz. Ich sah zu ihm herüber. „Nochmal. Mit Pascal?“
Ich starrte Mark an. „Wie bitte?“, zischte ich. „Du denkst, ich würde dann auch noch--“
„Geredet, meine ich“, sagte Mark schnell. „Mit ihm geredet.“
„Nein! Bitte, das tu' ich mir nicht an!“
„Pascal hat halt gesagt--“, sagte Mark und brach ab.
„Was hat Pascal gesagt?“, fragte ich und richtete mich auf. Meine Hände fühlten sich eisig an, genau wie der Rest meines Körpers.
Mark schüttelte nur den Kopf. „Nichts, ist nur--“
„Was?“, knurrte ich und knirschte mit den Zähnen. „Was hat er gesagt? Du kannst nicht so anfangen und dann aufhören! Diese ganze Scheiße--“ Ich stieß mich hoch und wäre fast weg gerutscht an den Blättern, als ich aufstand. „Ich hab keinen Bock mehr--“
„Man“, murmelte Mark und setzte sich auch auf. Er fuhr sich mit den Händen übers Gesicht und durch die Haare, dann sah er zu mir herüber. „Er hat halt erzählt, na ja, dass ihr zusammen wärt. Du und er. Seit 'n paar Monaten.“
Ich ließ mich zurückfallen und starrte Mark an. „Was?“, fragte ich heiser.
Mark... Mark wurde rot und strich sich wieder durch die Haare, bis sie in alle Richtungen hoch standen, als hätte er Gel rein gemacht, bloß, um morgens Joggen zu gehen. Mit mir. „Keine Ahnung“, murmelte er. „Hat er halt dauernd erzählt in der Schule.“
„Oh“, sagte ich. „Okay. Das war mir neu.“ Meine Stimme klang nicht nach mir, noch nicht mal mein Körper schien meiner zu sein, alles ein wenig surreal, seltsam.
Mark kratzte sich am Hals, sah mir aber nicht in die Augen. „Also seid ihr nicht--?“
Ich schüttelte meinen Kopf. „Nee, auf keinen Fall!“
Mark nickte. Ich starrte auf den Baumstamm einige Meter vor mir. In zwei Stunden zirka müsste die Schule beginnen, Französisch bei der Becker direkt in der ersten. Ich musste noch duschen und danach mit dem Rad halt zur Schule. Die Hausaufgaben--
Ich sah zu Mark herüber und holte tief Luft. „Ich hätte aber nichts dagegen“, sagte ich langsam. „Allgemein.“
Mark hob seinen Kopf und ich kam mir so dämlich vor, richtig bescheuert. Ich war fe-- kompakt und da war immer noch ein Rest Akne, den ich jeden Tag im Spiegel bewundern durfte. Ich sah aus wie vierzehn an meinen guten Tagen, in Papas viel zu großer Laufjacke um so mehr. Ich fühlte mich so... dumm.
Ich leckte mir über die Lippen, bevor ich weiter sprach. „Also, gegen einen Freund hätte ich generell nichts. Nur halt nicht Pascal.“
Mark brauchte eine Sekunde, dann fing er aber an zu lächeln.
no subject
Date: 2010-06-30 01:59 pm (UTC)no subject
Date: 2010-06-30 06:49 pm (UTC)(Was intelligenteres fällt mir gerade nicht ein, das ist SO warm hier. x_x)
no subject
Date: 2010-07-02 08:50 pm (UTC)Auf Eloquenz wird wegen der Temperatur verzichtet, sorry.
no subject
Date: 2010-07-04 02:33 pm (UTC)