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Titel: Das Wertvollste
Autor: Servena
Fandom: Original
Challenge: „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“
Team: Van Gogh
Kommentar: Spontane Idee, spontane Umsetzung. :)

Das Wertvollste

 

Sie zog sich das farbenprächtige Tuch tiefer in das Gesicht und hielt den Blick gesenkt, während sie durch die engen Gassen ging. Es war Markttag, und die Straßen waren bevölkert von Händlern, die ihre Stände errichtet hatten, Frauen und Kindern. Maultierkarren kreuzten ihren Weg; es war laut und es roch nach allerlei Essbarem und dem Rauch von offenem Feuer.

Sie versuchte sich möglichst unauffällig zu verhalten und niemanden anzusehen, während sie sich ihren weg durch das Treiben bahnte.

Schließlich erreichte sie einen etwas abgelegeneren Teil der Stadt, wo es ruhiger war. Erst jetzt konnte sie richtig durchatmen und schneller gehen. Ein paar Kinder spielten auf der staubigen Straße mit einem Springseil und mehreren Ringen, die sie sich gegenseitig zuwarfen. Sie nickte ihnen mit einem leichten Lächeln zu und eilte weiter.

Hier, abseits des bunten Treibens, waren die Häuser kleiner und ärmlicher. Die Fenster waren gegen die Mittagssonne mit Tüchern verhängt und über ihrem Kopf spannten sich die Wäscheleinen von einem Haus zum anderen. Ein sandfarbener streunender Hund kam an ihr vorbei; seine Zunge hing hechelnd heraus. Es war warm, doch erst als ihr weit und breit niemand mehr entgegen kam, wagte sie, das Tuch abzustreifen und ihre langen schwarzen Haare damit zusammenzufassen. Sie schwitzte unter der langen Kleidung, die ihr traditionell bis zu den Knöcheln reichte.

Sie sah ihn schon, bevor sie den Platz erreichte; er stand über den Brunnen gebeugt und schüttete sich mit den Händen etwas Wasser in sein Gesicht, das die dunklen Haare anfeuchtete und seinen Hals hinunter rann. Als er ihre Schritte hörte, wandte er sich um und sie fielen sich stumm in die Arme. Sie presste den Kopf an seine Schulter und sie verharrten so für einen scheinbar endlosen Moment, in dem sie alles um sich herum vergaßen. Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle und sie spürte, wie ihr die ungewollten Tränen über die Wangen liefen. Er löste sich von ihr und hob ihr Kinn leicht an; mit der anderen Hand fuhr er ihr durch das Gesicht und wischte die Tränen weg.

Sie spürte, wie ihre Lippen bebten. „Ach, warum kann es nicht immer so sein?“, wisperte sie.

Er sagte nichts, musste nichts sagen, stattdessen löste er das Tuch aus ihrem Haar und fuhr zärtlich mit der Hand hindurch, strich mit den Fingerspitzen über ihre Wange. Sie stand ganz still, die Augen in stummer Qual geschlossen; Tränen hingen in ihren Wimpern.

Schließlich trat er ein wenig zurück und sagte: „Ich habe etwas für dich…“, mit der Hand fuhr er in seine Hosentasche, „…damit du mich nicht vergisst.“ In seiner geöffneten Hand lag ein schlichter, zierlicher Silberring.

„Natürlich ist er nicht so wertvoll wie…“ Sein Blick lag auf ihrer rechten Hand, an dessen Ringfinger ein goldener Ring mit einem funkelnden Rubin steckte. Hastig schüttelte sie den Kopf, nahm den silbernen Ring entgegen und führte ihn zu ihren Lippen. „Aber er bedeutet mir tausendmal mehr“, sagte sie leise.

Sie beugte sich vor und küsste ihn, drängend, verzweifelt. Dann legte sie sich das Tuch wieder um und wandte sich ab. Ohne sich noch einmal umzusehen verschwand sie in dem Schatten der Gasse, aus der sie gekommen war.

Der Ring verschwand in einer Tasche ihres Rockes.

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