[identity profile] tanrien.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Monroe
Titel: Ab sofort meine Lieblingsstrecke
Fandom: Original
Challenge: Teilchenbewegung , Sommerchallenge Päckchen #1
Beinhaltet... m/m


Ab sofort meine Lieblingsstrecke

„Nächster Halt: Andernach“, knurrte der Zugfahrer durch die Lautsprecher, als würde er nicht Geld dafür bekommen, hier zu sein.

Martin lehnte seinen Kopf gegen die Scheibe und blickte raus, wo sich Feld Feld Stadt Feld planmäßig aneinanderreihten. Vielleicht sollte er jetzt seinen Laptop anschließen, denn Frau 'Nenn mich Inge', dreiundsiebzig, seit fünf Jahren Witwe, mit vier Enkeln und einem vierzehnjährigen Hund, Name Bruno, würde gleich in Andernach aussteigen, um ihren Bruder zu besuchen, der seit einer Woche mit einem gebrochenen Arm bettlägerig war, 'Seien wir froh, dass es nichts schlimmeres ist!', und der darauf bestanden hatte, dass Inge noch die weitere Woche bei ihren 'Schatzis' vom Briefzirkel mit Gesellschaftsspielen genießen sollte. Wenn Inge immer so viel redete wie in den drei Stunden, die sie schon neben Martin in jedem seiner Züge saß, dann konnte er die Zurückhaltung von Inges Bruder nur zu gut verstehen.

„Möchtest du noch einen Snack haben“, fragte Inge und tätschelte Martins Bein. „Für die Weiterfahrt?“

Martin zwang sich zu einem Lächeln. „Nein danke.“ Die selbstgemachten Maultaschen hatten gut geschmeckt, sicher, das Stück Streuselkuchen, 'Heinz muss sowieso auf Diät, der wird von Mal zu Mal dicker, ich kann gar nicht glauben, dass ich ihm trotzdem immer etwas mitbringe! Nimm du ruhig!', ebenso, aber zusammen mit zwei Käsebroten, mit jeweils unterschiedlichem Käse, deswegen musste er beide probieren, und dann noch eine Hälfte Baguette mit Schinken, das war einfach zu viel. Martin hatte nichts gefrühstückt und sich auf dem Bahnsteig in Kehl ein paar trockene Brötchen gekauft. Die Tüte hatte er noch nicht einmal aufgemacht.

„Na, da verpasst du aber was“, sagte Inge, während sie die schon halb hervor gezogene Tüte wieder in ihrem Reisetäschchen verschwinden ließ. Soweit Martin wusste hatte Inge bisher auf der ganzen Fahrt ein halbes Butterbrot gegessen, sonst nichts. „Meine Schokoladenkekse sind legendär, wie Susanne immer sagt, aber dann wiederum kann Susanne auch wirklich nicht backen. Ich weiß gar nicht, warum Klaus sie geheiratet hat, aber ich bin sicher, vielleicht habe ich auch Fotos, meine Kinder schicken mir öfters Fotos, aber immer nur, wenn ich drauf bestehe! Aber bei Susanne, nein, ich glaube fast, dass auf dem Hochzeitsbild ein kleiner Babybauch zu erkennen ist, willst du mal gucken? Zeitlich passen würde es ja!“

„Ich glaube, Sie müssen jetzt aufstehen, wir sind gleich da“, unterbrach Martin sie.

Inge blickte erschrocken hoch. „Oh“, sagte sie. „Danke! Das hätte ich ja fast vergessen, ich bin ja nicht mehr so schnell zu Fuß und diese Sitze, die sind auch nicht das beste für meine Beine!“ Inge hievte sich hoch, ihre Tasche fest umklammert. „Vor allem mit den anderen Lehnen, früher hatten wir ja--“

„Moment!“, sagte Martin und stand auf. Inge hatte schon nach oben gegriffen, um ihren Trolley herunter zu holen. Martin kam ihr zuvor und zog das zwanzig kilo Ungetüm aus der Ablage. Wie Inge, als kleine ein Meter fünfzig Frau es überhaupt mit dem Trolley in den Zug geschafft hatte – in Kehl stiegen nicht wirklich viele Leute zu – war ihm ein Rätsel. Danach hatte Martin ihr den Trolley jedenfalls immer getragen, von Zug zu Zug.

Inge strahlte ihn an.

„Ach Martin“, seufzte sie. „Dass es so liebe junge Menschen wie dich noch gibt. Danke!“

„Uh“, sagte Martin und setzte sich wieder. „Kein Problem.“ Die Mutter vom Vierer auf der anderen Seite, deren Kinder eine Stunde lang Terror gemacht hatten und nun schliefen, lächelte zu ihm herüber. Martin drückte sich etwas tiefer in den Sitz. „Ist doch selbstverständlich.“

„Selbstverständlich!“, sagte Inge mit einem Kopfschütteln. „Da kennst du meine Enkel nicht! Da kann ich reden und reden wie ich will, da hilft mir wirklich niemand!“

„Wir sind gleich im Bahnhof“, sagte Martin schnell. „Sie verpassen es noch, auszusteigen.“

Inge fuhr erschrocken herum. „Ich sollte wirklich-- ich rede aber auch einfach zu viel“, sagte sie. „Dann dir noch eine schöne Weiterfahrt und komm gut nach Hause.“

'Ich fahre nicht nach Hause', hätte Martin fast gesagt, biss sich dann aber auf die Zunge. Inge meinte es nur gut. „Danke, Ihnen auch.“

Mit einer Behändigkeit, die er einer dreiundsiebzigjährigen sicher nicht zugetraut hätte, vor allem nicht mit dem gigantischen Trolley, stürzte Inge durch den Gang zu den Türen. Martin sah ihr hinterher, bis sie hinter der Toilette verschwand, dann sackte er in seinem Sitz zusammen.

Ruhe.

Martin verzog sein Gesicht. Nein, das war gemein Inge gegenüber. Martin blickte wieder nach draußen, während sich der Zug erneut in Bewegung setzte.

„'Tschuldigung“, sagte eine männliche Stimme. „Ist hier noch frei?“

Martin sagte: „Hmm,“ und nickte.

„Super“, sagte der... junge Mann? Martin warf einen Blick herüber. Braungebrannte, dunkle Haut, weißes Shirt unter einer blauen Sweatjacke, enge Jeans, schwarze, stark gelockte Haare, die in einigen Zentimetern um den Kopf fielen, Lachfältchen um Augen und Mund. Ein kleiner Spalt Haut mit schwarzer Behaarung am Bauch, als der Typ sich streckte und seinen Koffer auf die Ablage schob. Martin verschluckte sich fast an seiner Spucke und sah schnell wieder weg. Er rückte etwas vor im Sitz, um in seiner Hose mehr Platz zu schaffen.

„Der Wagon hinter dem hier ist total überfüllt, echt schlimm“, redete der Typ weiter, während er es sich im Sitz neben Martin bequem machte. „Die Strecke ist so ätzend.“

Martin schnaubte. „Ich fahre die jedes Wochenende“, murmelte er.

„Jetzt echt?“, fragte der Typ und sah zu Martin herüber, den Mund leicht geöffnet. Dann grinste er. „Oh mein Gott, wirklich! Mein Beileid!“

„Ist nicht so schlimm“, winkte Martin ab. „Man gewöhnt sich dran.“

Tat er nicht. Die Strecke war eine Tortur, aber wie sollte er sonst nach Hause kommen. Die Bahncard 50, die er sich gleich als erstes besorgt hatte, immerhin gab es für Studenten eine Ermäßigung, half immerhin beim Preis.

„Und du studierst irgendwo oder was...?“

„Hm, ja“, sagte Martin. „Maschinenbau in Aachen. Aber-- ich denke, ich hör auf.“

So, er hatte es gesagt. Nicht zuerst seiner Mutter, wie er es geplant hatte, und sein Vater war übers Wochenende in München auf Geschäftsreise gewesen. Nicht seinem Onkel, selbst Automechaniker, der sich von Martin vom Studium vor schwärmen ließ. Nicht Inge. Sondern diesem wildfremden Typen, der sich plötzlich neben ihn gesetzt hatte und sich ganz eindeutig in Martins Komfortzone befand mit breit gespreizten Beinen und seinem Ellbogen gegen Martins Oberarm.

„Huh“, sagte der Typ und runzelte die Stirn. „Warum?“

Martin zuckte mit den Schultern. „Ist so, keine Ahnung“, antwortete er und das stimmte nicht, so nicht zumindest, aber wie sollte er das beschreiben, diese Schwere in seinem Magen jedes Mal, wenn er Kehl verlassen und sich wieder in den Zug nach Aachen setzen musste? „Ich bin nicht gut, ist alles so anstrengend. Die Matheteile gehen, Mechanik ist auch okay, aber Physik ist mein schlechtestes und ich--“

„Bist du bescheuert, Martin?“, unterbrach der Typ ihn unwirsch. Martin erstarrte. Für einen Moment war die Stille zwischen ihnen fast greifbar, besonders, als eines der Kinder vom Vierer plötzlich anfing zu plärren.

„Oookay“, sagte Martin langsam. „Ich glaube, ich bin hier leicht im Nachteil, wenn ich deinen Namen nicht weiß, so von wegen, weil wir seit zwei Minuten miteinander reden.“

Der Typ grinste und kratzte sich im Nacken, fast als wäre er verlegen. „Aufgeflogen, was?“, sagte er. „Miguel.“

„Martin“, antwortete Martin, seine Stirn gerunzelt. „Wie du schon weißt. Woher auch immer.“

Der Typ... Miguels Grinsen wurde zu einem Lächeln und er schien sich wieder zu entspannen, lehnte sich zurück um Martin mit hochgezogenen Augenbrauen anzusehen. „Ich studier' Luft- und Raumfahrttechnik. Auch in Aachen. Hab mich die letzten Wochen bisschen in Physik rein gesetzt und da hat der Prof dich ja erwähnt, bei diesem Projekt...“

Martin öffnete den Mund, aber Miguel redete einfach weiter: „Deswegen kannst du auch nicht aufhören! 'n Bekannter studiert auch Maschinenbau und hallo! Du bist super, voll begeistert,meint der, als ich gefragt hab! Keine Ahnung, wer dir da was eingeredet hat, aber das ist echt nicht-- Oh, Kaffee, ja, hier bitte!“

Der Bahnmitarbeiter hielt neben ihren Plätzen an. Miguel drehte sich zu Martin. „Auch was?“, fragte er.

Martin blinzelte und Miguel wandte sich schon wieder zurück. „Zwei Mal Kaffee, normal groß? Wenn sie was anderes als normal haben. Klein? Oh, ja, danke, perfekt. Martin, willst du Milch?“

„...Ja“, sagte Martin, dann drückte ihm Miguel auch schon einen heißen Becher Kaffee in die Hand, dann zwei Päckchen Kaffeemilch.

„Drei Euro macht das dann bitte“, sagte der Bahnmitarbeiter, in einem Ton als wäre es ihm lieber gewesen, Miguel hätte nichts gekauft. Martin legte die Kaffeemilch auf seinen Schoß und griff in seine Hosentasche für Kleingeld, aber Miguel hatte schon gezahlt und ließ sich wieder zurück in den Sitz fallen.

„Hier, warte“, sagte Martin. Er müsste vom Brötchenkauf noch was Wechselgeld haben, gleich.

„Lass, lass“, sagte Miguel mit einem Lächeln. „Ich lad dich ein.“

„Okay, danke.“ Martin trank einen Schluck Kaffee und genau das war es, was er den Morgen vermisst hatte.

„So“, sagte Miguel und lehnte sich zur Seite, Arm auf die Lehne zwischen ihnen gestützt. „Und warum will der beste Erstsemester seit drei Jahren, um mal den Prof zu zitieren, abbrechen?“

Martin schnitt eine Grimasse und versteckte seinen Mund hinter dem Kaffeebecher. „Ist einfach“, begann er und brach dann ab.

„Ja?“, fragte Miguel.

„Ist einfach so doof. Ich-- das ist so teuer, wenn ich jedes Wochenende nach Hause fahre und dafür lohnt sich die Wohnung echt nicht. Unter der Woche bin ich eh bis nachts in der Bib.“ Martin presste seine Lippen zusammen.

„Dann fahr halt nicht immer nach Hause“, sagte Miguel. „Gibt ja genug, was man in Aachen machen kann.“

„Alleine?“, antwortete Martin scharf und zuckte dann zusammen. Das klang bitter.

Miguel runzelte die Stirn, nahm einen Schluck Kaffee, als müsste er überlegen.

„In so einem Dorf ist das halt einfacher“, fuhr Martin fort und verzog das Gesicht. „Ich bin da mit allen zusammen groß geworden, wir kannten uns alle seit dem Kindergarten! Jetzt in Aachen... bin halt auch nicht der Typ, der jetzt auch auf Leute zu geht, und mit dem man weggehen will.“

Miguel hob seine Augenbrauen. „Ich“, sagte er, sein Lächeln praktisch dreckig, genau wie sein Blick, „würde jederzeit mit dir weggehen.“

„Uh“, sagte Martin und trank einen Schluck Kaffee.

Sie sagten nichts und Martin hörte die Rädchen in seinem Kopf.

„Okay?“, fragte Miguel dann in die Stille, den Kopf leicht gesenkt, das Lächeln nun fast ein wenig unsicher.

'Okay zu was?', fragte Martins Kopf für eine Sekunde, bevor er dafür sorgte, dass Martins Wangen rot wurden.

Martin atmete aus und zusammen mit der Luft schien auch die Schwere in seinem Magen ein wenig leichter zu werden. „Puh“, antwortete Martin und versuchte ein Lächeln. „Okay.“

Date: 2010-06-28 04:18 pm (UTC)
From: [identity profile] rei17.livejournal.com
Sehr schöne FF. :-)
Am besten hat mir eigentlich die ganze Situation mit "Nenn mich Inge" gefallen. Die vielen, liebevollen Details, dieses Gefühl, dass man das total genauso schon mal erlebt hat im Zug. Martin tut einem ein bisschen leid und gleichzeitig muss man irgendwie grinsen, die kleinen Dialogfetzen von Inge lassen den Redefluss erahnen - und dass sie ihn so lieb gefüttert hat, war ja auch irgendwie süß. ;)

Bei Miguel und Martin bin ich hin und hergerissen ob es mir zu wenig erklärt ist (wieso weiß Miguel wer er ist und wieso sitzen sie zufällig im gleichen Zug usw.) oder ob ich das genau so gut finde, weil man auch als Leser ja nicht alles vorgekaut kriegen muss.

Auf jeden Fall eine FF, die einen in sachte, verträumte Sommerstimmung bringt und in mir den Wunsch erweckt mal wieder Zug zu fahren. =) Sehr schön.

Date: 2010-06-28 09:12 pm (UTC)
From: [identity profile] rei17.livejournal.com
Ach, ich braucht definitiv nicht immer Realismus. ;)

Date: 2010-07-02 10:02 pm (UTC)
der_jemand: (Default)
From: [personal profile] der_jemand
Wundervoll.^^ ...Obwohl ich Inge und deine Beschreibung von ihr wahrscheinlich noch toller finde als Miguels Fangirling. *hust*
...Aber das mag auch daran liegen, dass ich zu den Menschen gehöre, die im Zug einfach NIE zugeschwallt werden und ich deshalb die Situation romantisch verkläre. *gg*
Ah, aber toll geschrieben.^^

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