[Sommerpäckchen 2] Zufall/Unfall
Jun. 26th, 2010 08:46 pmFandom: Original ("I once ruled the World"
Challenge: Zufall/Unfall (Sommerpäckchen 2)
Genre: angst
Kommentar: Wie angekündigt ein Geschichtchen mit etwas mehr Hintergrund. Leider völlig ohne Struktur.
Es war ein purer Zufall gewesen, dass er plötzlich vor ihr gestanden hatte. Oder ein Unfall, dass er zuvor beinahe in sie hineingerannt wäre. Egal wie man die Sache sah, sie beinhaltete immer den Fall.
Und so fühlte sie sich seitdem- wie im freien Fall.
Manchmal sah sie die Situation vor sich, tief in der Nacht kurz bevor sie einschlief.
Seine aufgerissenen Augen, die sie anstarrten und sagten „Hilf mir, halte die Zeit an, tu was, tu was, tu irgendwas“.
Und so hatte es begonnen.
Dabei war sie einfach nur durch Tokyo gelaufen, zurück zu ihrem Hostel, welches einsam und verlassen in der Abendsonne in Ueno lag. Dann waren Stimmen immer lauter und hallender geworden. Im nächsten Moment war er um eine Häuserecke gestürzt, hatte sie angestarrt, mit stoßendem, erschöpften Atem und Spuren von Tränen unter den Augen.
Sie hörte ihn im Schlaf mit den Zähnen knirschen. Manchmal, wenn seine Augen dabei nicht hektisch unter den geschlossenen Lidern hin- und herhuschten, fasste sie nach seiner zugekrampften Faust und versuchte, sie zu entspannen.
Es wäre dumm gewesen zu behaupten, dass sie ihn nicht wiedererkannt hatte. Sein zerschlissenes Poster hing in Fetzen vom Bahnhofsgebäude von Tokyo-Shibuya. Vor ein paar Wochen hatte er noch Werbung für Coca-Cola gemacht, jetzt jagten ihn die Wildgewordenen mit allen anderen seiner Profession durch die Straßen.
Alte Losungen, die zuletzt im Krieg benutzt, waren wieder aufgekommen.
Man musste nur proletenhaftes Gehabe mit alten Selbstüberschätzungen aus den vierziger Jahren paaren. Eine gefährlich Mischung. Am Bahnhof von Shinjuku hatte man mit blutroter Farbe „Luxus ist der Feind“ gesprayt. Und Zanzai, Tod durch Enthauptung.
Es war Terrorismus der Wenigen und doch spürte man ihn überall. Eine Gruppe Jugendlicher und Zukunftsloser ohne Arbeit, die sich in weiße Sweatshirts hüllten. Sie hätte niemals gedacht, dass sie Angst vor der Unfarbe Weiß bekommen würde.
Woher diese Gruppierung ihre finanziellen Mittel bekam, wusste sie nicht.
„Keine Ahnung“, hatte auch er gemurmelt als sie ihn mal gefragt hatte,
„vielleicht von den Yakuza?“
Sie vermutete eher den rechten Flügel dahinter. Alte, sich ehrwürdig gebende Männer, die womöglich von einer Herrschaft über Ostasien träumten und sich dabei einen runterholten.
Jeder, der nicht ins Bild passte, wurde umgewälzt.
Innerhalb weniger Wochen war die halbe japanische Unterhaltungsindustrie zusammengebrochen. Variety Shows liefen nur noch sporadisch, die meisten hatte man nach Morddrohungen abgesetzt. Unter allen Kanälen war der NHK der einzige, der fast ungeändert sendete. Polizei sicherte die Gebäude ab- sie hatte es selbst gesehen, ehe sie ihn aufgegabelt hatte- aber es gab zu wenig Ressourcen. Das Land war nicht gerüstet gewesen für einen Schlag aus seinem eigenen Inneren.
„Was haben die nur gegen mich?“
Eine Frage, die er immer und immer wieder stellte. Offensichtlich begriff er auch nach Wochen nicht, worum es ging.
Zuerst hatte sie geschwiegen. Und gehofft, er würde irgendwann von selbst eine Antwort finden.
„Die sind wütend, ganz einfach“, sagte sie irgendwann schließlich.
„Auf eine Gesellschaft, die immer nur von ihnen genommen hat, ihnen versprochen hat, dass sie für ihre Mühen etwas zurückbekommen, aber letztendlich ihr Versprechen gebrochen hat.“
Es war ein Abend, an dem eine erfrischende Brise ging und sie hatte es an den Strand verschlagen. In den Dünen spielte der Wind.
„Und was habe ich damit zu tun?“
„Du bist ein Teil dieser Gesellschaft. Ganz ehrlich, ich wäre womöglich auch wütend, wenn ich, nachdem ich mir den Arsch aufgerissen habe, jeden Abend meine letzten Yen zählen müsste und im Fernsehen, im Radio, in der Stadt, in ein grinsendes Gesicht starren müsste, das mir erzählt `Wenn man sich nur anstrengt, kann man alles auf die Beine stellen!´ Zum Kotzen fänd´ ich das.“
Er schwieg.
Zuerst dachte sie, er würde sich persönlich angegriffen fühlen. Doch das war Schwachsinn- er wurde ja persönlich angegriffen- und das nicht von ihr.
„Aber früher war das nicht so“, murmelte er schließlich.
„Japaner sind nicht so.“
„Das denkst du. Was ist mit Bauernaufständen? Mit Kriegen um die Vorherrschaft, und den Arbeiterstreiken zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts? Nicht allen scheint die Harmonie des Konfuzianismus aus dem Arsch.“
Vom Ozean her rollten wild und schwer die Wellen heran und sie sprach gegen sie an, gedämpft und aufgebracht.
Er starrte sie entgeistert an.
Das war das erste Mal, dass sie merkte, wie unterschiedlich sie beide doch waren. Großgeworden auf zwei verschiedenen Teilen der Welt. Religion, Weltanschauung, Kulturgeschichte, alles, alles unterschied sich unglaublich in diesem Augenblick.
„Du bist unfair.“
Erst als sie sich neben ihm unter dem Mondlicht einrollte, wurde ihr klar, was er damit gemeint hatte. Man trat nun mal nicht auf jemanden ein, der schon längst am Boden lag.
War das auch ein kultureller Unterschied oder hatte das etwas mit Persönlichkeit zu tun...?
Sie seufzte.
„Es tut mir leid.“
Entweder er schlief bereits oder gab es vor, jedenfalls reagierte er nicht darauf.
So etwas zogen Unfälle-Zufälle nun mal nach sich;
Verwundete und Verwunderte.
Challenge: Zufall/Unfall (Sommerpäckchen 2)
Genre: angst
Kommentar: Wie angekündigt ein Geschichtchen mit etwas mehr Hintergrund. Leider völlig ohne Struktur.
Es war ein purer Zufall gewesen, dass er plötzlich vor ihr gestanden hatte. Oder ein Unfall, dass er zuvor beinahe in sie hineingerannt wäre. Egal wie man die Sache sah, sie beinhaltete immer den Fall.
Und so fühlte sie sich seitdem- wie im freien Fall.
Manchmal sah sie die Situation vor sich, tief in der Nacht kurz bevor sie einschlief.
Seine aufgerissenen Augen, die sie anstarrten und sagten „Hilf mir, halte die Zeit an, tu was, tu was, tu irgendwas“.
Und so hatte es begonnen.
Dabei war sie einfach nur durch Tokyo gelaufen, zurück zu ihrem Hostel, welches einsam und verlassen in der Abendsonne in Ueno lag. Dann waren Stimmen immer lauter und hallender geworden. Im nächsten Moment war er um eine Häuserecke gestürzt, hatte sie angestarrt, mit stoßendem, erschöpften Atem und Spuren von Tränen unter den Augen.
Sie hörte ihn im Schlaf mit den Zähnen knirschen. Manchmal, wenn seine Augen dabei nicht hektisch unter den geschlossenen Lidern hin- und herhuschten, fasste sie nach seiner zugekrampften Faust und versuchte, sie zu entspannen.
Es wäre dumm gewesen zu behaupten, dass sie ihn nicht wiedererkannt hatte. Sein zerschlissenes Poster hing in Fetzen vom Bahnhofsgebäude von Tokyo-Shibuya. Vor ein paar Wochen hatte er noch Werbung für Coca-Cola gemacht, jetzt jagten ihn die Wildgewordenen mit allen anderen seiner Profession durch die Straßen.
Alte Losungen, die zuletzt im Krieg benutzt, waren wieder aufgekommen.
Man musste nur proletenhaftes Gehabe mit alten Selbstüberschätzungen aus den vierziger Jahren paaren. Eine gefährlich Mischung. Am Bahnhof von Shinjuku hatte man mit blutroter Farbe „Luxus ist der Feind“ gesprayt. Und Zanzai, Tod durch Enthauptung.
Es war Terrorismus der Wenigen und doch spürte man ihn überall. Eine Gruppe Jugendlicher und Zukunftsloser ohne Arbeit, die sich in weiße Sweatshirts hüllten. Sie hätte niemals gedacht, dass sie Angst vor der Unfarbe Weiß bekommen würde.
Woher diese Gruppierung ihre finanziellen Mittel bekam, wusste sie nicht.
„Keine Ahnung“, hatte auch er gemurmelt als sie ihn mal gefragt hatte,
„vielleicht von den Yakuza?“
Sie vermutete eher den rechten Flügel dahinter. Alte, sich ehrwürdig gebende Männer, die womöglich von einer Herrschaft über Ostasien träumten und sich dabei einen runterholten.
Jeder, der nicht ins Bild passte, wurde umgewälzt.
Innerhalb weniger Wochen war die halbe japanische Unterhaltungsindustrie zusammengebrochen. Variety Shows liefen nur noch sporadisch, die meisten hatte man nach Morddrohungen abgesetzt. Unter allen Kanälen war der NHK der einzige, der fast ungeändert sendete. Polizei sicherte die Gebäude ab- sie hatte es selbst gesehen, ehe sie ihn aufgegabelt hatte- aber es gab zu wenig Ressourcen. Das Land war nicht gerüstet gewesen für einen Schlag aus seinem eigenen Inneren.
„Was haben die nur gegen mich?“
Eine Frage, die er immer und immer wieder stellte. Offensichtlich begriff er auch nach Wochen nicht, worum es ging.
Zuerst hatte sie geschwiegen. Und gehofft, er würde irgendwann von selbst eine Antwort finden.
„Die sind wütend, ganz einfach“, sagte sie irgendwann schließlich.
„Auf eine Gesellschaft, die immer nur von ihnen genommen hat, ihnen versprochen hat, dass sie für ihre Mühen etwas zurückbekommen, aber letztendlich ihr Versprechen gebrochen hat.“
Es war ein Abend, an dem eine erfrischende Brise ging und sie hatte es an den Strand verschlagen. In den Dünen spielte der Wind.
„Und was habe ich damit zu tun?“
„Du bist ein Teil dieser Gesellschaft. Ganz ehrlich, ich wäre womöglich auch wütend, wenn ich, nachdem ich mir den Arsch aufgerissen habe, jeden Abend meine letzten Yen zählen müsste und im Fernsehen, im Radio, in der Stadt, in ein grinsendes Gesicht starren müsste, das mir erzählt `Wenn man sich nur anstrengt, kann man alles auf die Beine stellen!´ Zum Kotzen fänd´ ich das.“
Er schwieg.
Zuerst dachte sie, er würde sich persönlich angegriffen fühlen. Doch das war Schwachsinn- er wurde ja persönlich angegriffen- und das nicht von ihr.
„Aber früher war das nicht so“, murmelte er schließlich.
„Japaner sind nicht so.“
„Das denkst du. Was ist mit Bauernaufständen? Mit Kriegen um die Vorherrschaft, und den Arbeiterstreiken zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts? Nicht allen scheint die Harmonie des Konfuzianismus aus dem Arsch.“
Vom Ozean her rollten wild und schwer die Wellen heran und sie sprach gegen sie an, gedämpft und aufgebracht.
Er starrte sie entgeistert an.
Das war das erste Mal, dass sie merkte, wie unterschiedlich sie beide doch waren. Großgeworden auf zwei verschiedenen Teilen der Welt. Religion, Weltanschauung, Kulturgeschichte, alles, alles unterschied sich unglaublich in diesem Augenblick.
„Du bist unfair.“
Erst als sie sich neben ihm unter dem Mondlicht einrollte, wurde ihr klar, was er damit gemeint hatte. Man trat nun mal nicht auf jemanden ein, der schon längst am Boden lag.
War das auch ein kultureller Unterschied oder hatte das etwas mit Persönlichkeit zu tun...?
Sie seufzte.
„Es tut mir leid.“
Entweder er schlief bereits oder gab es vor, jedenfalls reagierte er nicht darauf.
So etwas zogen Unfälle-Zufälle nun mal nach sich;
Verwundete und Verwunderte.
no subject
Date: 2010-06-27 08:33 am (UTC)Und diese Unterschiede zwischen den beiden. Ach*_* ich würde das Buch sowas von lesen.
no subject
Date: 2010-06-27 12:05 pm (UTC)Gut zu wissen. xD Ich dachte, ich habe alles viel zu sehr durcheinander geschmissen und man würde jetzt gar nicht mehr verstehen worum es geht.
Oh danke *__* Dann sollte ich´s wirklich endlich mal schreiben. XD
no subject
Date: 2010-06-29 07:18 pm (UTC)Was mir extrem gut gefällt - und was ich von Anfang an super fand - ist diese ganz schnörkellose Umkehrung des Geschlechterprinzips. Die Vorstellung, daß Er dieses 'nutzlose Luxuswesen' ist (also im Grunde mehr als das, aber auf der Oberfläche eben) und Sie die Praktische ... es gefällt mir total und paßt gut in die Geschichte. Viele würden da irgendwie ein Ding draus machen, aber bei dir passiert es einfach ganz natürlich.
Wie gesagt - einfach nur cool, weiterschreiben, ich find's klasse. ^_^
no subject
Date: 2010-06-29 09:54 pm (UTC)Vielen, vielen Dank =)
Das soll auch der Kernpunkt der Geschichte sein, weil mir diese Millionen von Sie-muss-sich-von-Ihm-retten-lassen-Geschichten aus den Geist gehen. In einem Zeitalter wie diesem sollten wir längst darüber hinweg sein.
Jetzt muss ich aber trotzdem mal nachfragen: Inwiefern meinst du, würden andere ein Ding daraus drehen? Was ist das Ding? o.o
Daanke nochmal =) Die Meinung von Leuten, sich mit der Materie auskennen, ist mir seeehr wichtig.^^
no subject
Date: 2010-06-29 10:58 pm (UTC)"Nicht allen scheint die Harmonie des Konfuzianismus aus dem Arsch."
Über den Satz mußte ich übrigens sehr lachen. XD
Und gern - ich mag die Prämisse, ich mag die Figuren und ich warte gespannt auf Neues. Und es gibt sogar noch ein paar, die ich glaube ich noch nicht gelesen habe. *_*
no subject
Date: 2010-06-30 08:18 am (UTC)Aah, okay. =)
Ja, ich muss gestehen, dieses Überbetonen von Unterschieden, von denen sie eigentlich wollen, dass es keinen Unterschied machen sollte, hat mich an den Gender Studies immer gestört. Ich hab´s im Beifach ja nicht allzu groß betrieben, aber so ganz konnt ich mich damit nicht anfreunden, genau aus diesem Grund. >.<
Vielen Dank =)
Da kommt ganz bestimmt noch eine Menge *g*