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Titel: In die Tiefe schauen
Autor: Servena
Fandom: Original
Challenge: Szenario: Ausgesperrt
Team: Van Gogh
Kommentar:  Die Szene am Treppengeländer erinnert an einen bestimmten Film…wer das errät, der darf entscheiden, welche Challenge ich als nächstes schreibe. x3



In die Tiefe schauen

 

 

„Wenn du hier ohnehin nur rumstehst und mir nicht helfen willst, dann raus mit dir! Du bist mir nur im Weg. RAUS!“ Mit einem lauten Knall schlug die Wohnungstür hinter sich zu. Die Stimme ihrer Mutter hallte immer noch in ihren Ohren wider.

Sie sah den kargen Hausflur hinunter, menschenleer, und kam sich für einen Moment ziemlich verloren vor. Sie spähte über das Metallgeländer die Treppe hinunter.

„Dann gehe ich eben“, murmelte sie dann. Sie stapfte die Stufen hoch, wortlos. Eine Nachbarin kam ihr entgegen – die, die sich kürzlich hatte scheiden lassen – aber die grüßte nicht und sie auch nicht. Sie passierten einander schweigend.

Hier, im obersten Stock, war es etwas ruhiger. Hier hörte dieses endlose Gewinde der Treppe urplötzlich auf, und der Flur war breiter, weiter. Durch das Fenster drang abendliches Sonnenlicht hinein und erwärmte den Fußboden.

Hier, das war der Ort in diesem verdammten Haus, wo man dem Himmel am nächsten kam.

Sie lehnte sich auf das Geländer, das ein wenig knarzte, und starrte nach unten. 6 Stockwerke unter ihr konnte sie ein kleines Rechteck vom Betonboden des Kellers sehen. Wenn das Geländer jetzt wegbrach, würde sie sich das Genick brechen. Sie fragte sich, ob sich noch Zeit hätte, darüber nachzudenken, während sie fiel.

Sie setzte sich hin und schob ihre schmalen Beine zwischen den kalten Eisenstangen hindurch, ließ ihre Füße mit den alten Turnschuhen über der Tiefe baumeln. Ihre langen aschgrauen Haare strich sie hinter die Ohren zurück.

Aus ihrer Hosentasche zog sie eine zerknautschte Zigarette, und aus der anderen ein abgegriffenes Feuerzeug. Das hatte sie gestern aus dem Küchenschrank genommen. Ihre Mutter dachte, sie käme nicht dran, aber sie war einfach auf den Stuhl gestiegen. Für wie blöd hielt ihre Mutter sie eigentlich?

Sie zündete sich die Zigarette an und zog ein bisschen. Immer noch musste sie zwischendurch husten, aber es fühlte sich trotzdem gut an, irgendwie.

Währenddessen beobachtete sie die Leute. Von hier oben hatte sie einen guten Blick. Als ob man von einem sicheren Platz in den tiefsten Schlund der Hölle schauen könnte.

Irgendwo im Haus schrie ein Kind. Im 3. Stock konnte sie jemanden streiten hören, bestimmt wieder Frau Röben und Frau Streundig. Diese keifenden Stimmen hätte sie überall wieder erkannt.

Eine aufgetakelte Blondine stöckelte die Treppe hinauf, eine Frau, die sie insgeheim Frau Solarium nannte, weil sie genauso aussah. Im Erdgeschoss tobten die Kinder von Familie Dannen, allesamt Jungen und allesamt einfach unausstehlich. Einmal hatten sie versucht, sie kopfüber in eine Kloschüssel zu tauchen. Sie nahm sich vor, ihnen das nächste Mal auf der Treppe ein Bein zu stellen.

Sie würde einfach warten, bis ihre Mutter arbeiten ging, dann würde sie wieder reingehen. Sich ins Wohnzimmer setzen und ein bisschen fernsehen.

Und dann kam jemand die Treppe hinauf. Aber er bog nicht im 4. Stock, und auch nicht im 5., nein, er kam bis ganz nach oben. Plötzlich wurde sie nervös. Ihr sicherer Beobachtungsposten fühlte sich auf einmal gar nicht mehr sicher an.

Sie hielt den Blick gesenkt und sah nur die schwarzen Schuhe, die die Stufen hinauf schritten, und den Saum eines dunklen Mantels. Sie erreichten das Ende der Treppe und blieben dann plötzlich stehen.

Als sie aufsah, blickte sie direkt in das Gesicht des Mannes.

„In deinem Alter solltest du noch nicht rauchen“, sagte er.

Sie hatte ihn schon ein paar Mal gesehen, im Treppenhaus, im Vorübergehen. Aber niemals hatte sie mit ihm gesprochen. Sie konnte nicht sagen, wie alt er war, vielleicht 40. Er hatte ein markantes Gesicht, dunkle Augen, und er trug einen Hut. Beinahe hätte sie gegrinst. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie irgendjemanden kannte, der einen Hut trug.

Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte.

Schließlich gab sie zurück: „Ich weiß.“ Es klang unverschämter, als sie es beabsichtigt hatte, doch er schien es ihr nicht übel zu nehmen.

„Wartest du auf jemanden?“, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

„Also sitzt du hier einfach nur so herum?“ Er schien ein wenig irritiert. Sie nickte. Dann fühlte sie sich plötzlich verpflichtet, noch etwas mehr zu sagen. „Ich warte darauf, dass ich Zuhause rein kann.“

„Achso.“ Er trat an ihr vorbei und schloss seine Wohnungstür auf. Dann hielt er inne und drehte sich zu ihr um. „Möchtest du reinkommen? Du könntest drinnen warten.“

Sie zögerte. „Was machen Sie denn jetzt? Ich störe Sie nur.“

Er lachte auf. „Bestimmt nicht. Ich schaue Fußball. Interessierst du dich für die WM?“

„Argentinien gegen Griechenland?“ Sie stand auf und schüttelte ihre steif gewordenen Beine aus.

„Genau. Möchtest du mitschauen?“

Sie zuckte die schmalen Schultern und trat die Zigarette aus. „Warum nicht?“

Die Wohnungstür fiel mit einem dumpfen Geräusch hinter ihr ins Schloss.

Date: 2010-06-22 08:01 pm (UTC)
From: [identity profile] tristraine.livejournal.com
...ich bin unentschlossen. Das dumpfe Zufallen der Tür macht mir Sorgen, ebenso dass das vernachlässigte Kind mit dem fremden Mann in die Wohnung geht und das das Kind in einer Welt ohne Liebe lebt.[mich erinnerts an Leon - auch wenns sicherlich nicht daran angelehnt ist]

Date: 2010-06-22 08:43 pm (UTC)
From: [identity profile] tristraine.livejournal.com
Was...ehrlich?
Ich hätt´s nicht gedacht - und dann hab ich recht! [Grandioser Film!]

Dann nehm ich doch mal "Echte Männer weinen nicht."

Date: 2010-06-22 10:04 pm (UTC)
From: [identity profile] tristraine.livejournal.com
Oh, ich lass mich überraschen *g*

[Ich fands übrigens nicht unlogisch. Ich unterstelle ihm keine guten Absichten. Nicht an so einem Ort.]

Date: 2010-06-22 09:31 pm (UTC)
From: [identity profile] leviathans-moon.livejournal.com
hm. interessant. es wirkt alles erst so bedrohlich, und dann lädt er sie zum fernseh gucken ein. ich glaube das gefällt mir. es ist allerdings hart an der Grenze zum unlogisch sein, wenn ich ehrlich bin, aber auch noch nicht drüber.

aber du hast eine sehr intensive Stimmung in diesem Haus beschrieben, gefällt mir.

Date: 2010-06-22 09:42 pm (UTC)
der_jemand: (Default)
From: [personal profile] der_jemand
Jetzt, wo tristraine es sagt, ja eindeutig.^^

Ansonsten... ob mir das Ende gefällt... nein, ich glaube nicht. WM-Gucken hin oder her... nein. Aber darum geht es ja gar nicht.
Du hast wirklich mal wieder wunderbar eine Atmosphäre geschrieben... Es fühlt sich an wie ein Treppenhaus.^^

Hier, das war der Ort in diesem verdammten Haus, wo man dem Himmel am nächsten kam.
Schöner Satz. - Irgendwie abgegriffen, aber schön. Und ich mag's dass es nicht auf dem Dach ist. =)

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