Spiel(e) [regulär]
Jun. 18th, 2010 11:18 pmFandom: Original ("I once ruled the World")
Challenge: Spiel(e)
Wörter: 1092
Personen: Sie und Er
Warnung: violence, angst
Kommentar: Ja, ich weiß. Die schon wieder. XD Aus meinem Team kamen Anfragen nach den beiden, die hab ich beim Wort genommen. Es ist leider nicht schön. Schieben wir es auf den Wein.
Unsere Freiheit ist heute lediglich der Entschluss, die Freiheit zu erkämpfen
[J.P. Sartre]
Sie wollte gerade mit der knisternden Tüte, in welcher sie Apfelsaft, Reiskuchen und Sandwiches eingekauft hatte, um die Ecke gehen, als sie die schreiende Stimme hörte. Sofort stockte ihr der Atem.
Das leere Mietshaus hatten sie erst heute in aller Herrgottsfrühe gefunden. Es war sicherer in der Nacht zu reisen. Zwar fuhren dann keine Züge, aber die meisten Menschen schliefen. Je weniger Leuten sie begegneten, desto besser. So waren sie die ganze Nacht hindurch gelaufen. Ihre Füße hatten höllisch geschmerzt, die sommerliche Hitze war selbst morgens um fünf Uhr noch zu spüren gewesen und so hatten sie sich einfach, kaum dass dieses verlassene, und sehr abbruchreif erscheinende Haus vor ihnen aufgetaucht war, sich darin verbarrikadiert und waren in den Schlafsack eingewickelt weggeschlummert.
Aber man konnte nicht immer zu zweit bleiben. Sie waren hinter ihm her, so dass es für die beide sicherer war, wenn sie losging und etwas zu essen beschaffte.
Alleinsein war jedoch gefährlich.
Als ihr beim Anblick, der sich ihr da bot, die Luft in der Kehle steckenblieb, sie gerade noch abrupt stoppte und sich neben dem Türrahmen verbarg, konnte sie es hören. Er hyperventilierte vor Angst und dieser Kerl im weißen Sweatshirt wedelte mit einer Pistole vor seinem Gesicht herum. Wo hatte der dieses gottverdammte Ding überhaupt her?
Schnell schaute sie sich um. Links und rechts, oben drüber und unten drunter war nichts zu hören außer dem nervenzerfetzenden Gesirre der Zikaden. Schweiß rann ihr die Schläfen hinunter. Wenigstens war der Typ alleine.
„Hör zu, wir spielen einfach ein kleines Spielchen“, hörte sie den Fremden sagen und sie konnte sein dreckiges Grinsen geradezu spüren.
„Drei Runden Schere-Stein-Papier. Wenn du gewinnst, lass ich dich laufen. Wenn ich gewinne...Poof. Ist doch fair, oder?“
Sie lugte mit einem halben Auge in die leerstehende Wohnung und sah ihn am Boden knien. Seine khakifarbenen Hosen waren an den Oberschenkeln dunkel eingefärbt und sein Gesicht war tränennass. Der Rücken des Fremden war breit und klein. Für den Bruchteil einer Sekunde konnte sie die Waffe sehen und alles wirkte surreal und lächerlich, wie im Fernsehen. Gangster spielten nicht. Sie erschossen. Hatte der zuviel Zeit vor der Glotze verbracht?
„Warum?“, wimmerte ihr Gefährte.
„Ich dachte, du stehst darauf!“, kam es vollkommen verständnislos zurück.
„Im Fernsehen hast du das doch dauernd gemacht. Wär´s dir lieber, wenn ich dich gleich kaltmache?“
Sie zog den Kopf zurück. Sah sich hektisch um. Am Boden lagen ein paar Eisenstangen und das Blut gefror ihr in den Adern. Sie hatte so etwas noch nie gemacht. Himmel, sie hatte weder Kampfsport betrieben noch genug Actionfilme gesehen für solch einen Scheiß. Wenn sie es verbockte, waren sie beide mausetot.
„Sching-schang-schong“, hallte es durch das leere Zimmer- nur die Stimme des Fremden- als sie die Tüte mit den Lebensmitteln hinlegte und sich so geräuschlos wie möglich vorwärts zu pirschen begann.
„Haha, gewonnen! Los, nochmal! ...hey, ich sagte, nochmal, du Hurensohn!“
Ein Klatschen.
Das hier passiert nicht wirklich schoss es ihr durch den Kopf, wiederholte sich wie ein Mantra und hallte an allen Wänden lautlos wider.
Das passiert nicht wirklich, das bildest du dir nur alles ein!
„Sching-schang-schong! Ah, was? Was soll das sein? Papier oder Schere? Zitter nicht so rum!“
Ganz vorsichtig, als würde sie Mikado spielen, fassten ihre bebenden Finger nach einer der Eisenstangen. Sie könnte einfach wegrennen. Kein Gericht der Welt würde sie verurteilen. Der Typ hatte eine Pistole. Es herrschte Ausnahmezustand. Flucht war ein angeborener Reflex, selbst bei einem Menschen.
Aber es ging einfach nicht.
Sie verstand sich selbst nicht.
„Los jetzt, das letzte Mal! Ist doch lustig, oder? Sching-schang-“
Das Metall fühlte sich unerwartet gut an. Kühl und beruhigend. Sie hob es lautlos auf und spürte, wie sie viel zu schnell atmete. Der Sauerstoff überflutete ihr Gehirn und weiße Flecken betupften ihr Gesichtsfeld.
Ich kann aber nicht...ich kann aber nicht...
Sie versuchte, sich daran zu erinnern, wann sie das letzte Mal wem mit Absicht wehgetan hatte. Da war Björn aus der sechsten Klasse gewesen, der Idiot, der ihr immer die Federtasche geklaut und Gelee in ihre Stiftkappen geschmiert hatte.
„Ooh, verloren, Arschloch. Das tut mir ja so gar nicht Leid!“
Der Typ hatte nicht einmal Charakter. Das war ein Speichellecker wie alle anderen, die sie schon vor ihm gesehen hatte, die auf Menschen einschlugen bis diese sich nicht mehr bewegten, die ihnen die Haare ab- und die Gesichter aufschnitten, sie „Schweine“ nannten und durch die Straßen hetzten.
Sie holte ein letztes Mal Luft, schlüpfte aus ihren Schuhen und kniff die Augen zusammen bis weiße Lichtsterne vor ihren Pupillen explodierten.
Und plötzlich ging es.
Es lag größtenteils daran, dass der Fremde zu abgelenkt war. Und dass er sie nicht sehen konnte, weil er mit dem Rücken zu ihr stand. Ihre Füße machten auf dem alten Beton dumpfe Geräusche, ihr rasselnder Atem verriet sie viel zu früh. Es war reine Glückssache, dass sie den Kerl sofort erwischte. Es gab einen knackenden, grässlichen Ton als die Stange mit seinem Schädel in Berührung kam und ein Geräusch, welches sie mit „Flatsch“ betitelt hätte, als er der Länge nach auf dem Boden aufschlug.
Dann bewegte er sich nicht mehr.
Sie stand blinzelnd da, gebeugt, umklammerte die Stange so fest, dass die Knöchel ihrer Finger weiß wurden. Einen kleinen Moment lang herrschte Stille inmitten des Zikadenlärmes.
Nichts rührte sich. Nur Herzklopfen.
Er starrte. Seine Knie zitterten.
„Ist er...?“, murmelte er langsam, seine Stimme unnatürlich hoch.
Er schaute langsam an sich herunter, schien zu bemerken, dass er sich in die Hose gemacht hatte und schlug verzweifelt die Hände vor die Schenkel.
„Wir müssen weg“, japste sie.
„Wo sind die Sachen...?“
Es war als zwang sie ihren Körper zum Handeln. Mit einem Mal setzten alle Gefühle aus. Wie eine Sicherung, die bei Überbelastung heraussprang. Das einzige, was sie denken konnte war, wie perfekt dieses Versteck doch gewesen war.
Sie fand die Pistole an der Hand des Ohnmächtigen. (Zumindest redete sie sich ein, dass er nur ohnmächtig war). Es brauchte nur ein Blinzeln, eines Augenblickes, dann hatte sie ihm die Waffe entwunden und hielt sie selbst, warm und metallisch und viel unbarmherziger als die Eisenstange.
Als sie aus dem verlassenen Mietshaus flüchteten, weinte sie unaufhörlich.
Sie hielt ihn an der Hand (oder er sie?), gemeinsam trabten sie müde und erschöpft nebeneinander her. Vor ihnen erstrahlte der Sonnenaufgang, war warm und hell, gleißend und glorreich. Ein neuer Tag brach an, irgendwo schrie ein unbekannter Vogel. Sie hatte eine Pistole in der Tasche und im Haus lag ein Verblutender.
Sie umklammerte sein Handgelenk so fest, dass sie seinen rasenden Puls darin spüren konnte.
Nur um zu wissen, dass sie beide noch am Leben waren.
Challenge: Spiel(e)
Wörter: 1092
Personen: Sie und Er
Warnung: violence, angst
Kommentar: Ja, ich weiß. Die schon wieder. XD Aus meinem Team kamen Anfragen nach den beiden, die hab ich beim Wort genommen. Es ist leider nicht schön. Schieben wir es auf den Wein.
Unsere Freiheit ist heute lediglich der Entschluss, die Freiheit zu erkämpfen
[J.P. Sartre]
Sie wollte gerade mit der knisternden Tüte, in welcher sie Apfelsaft, Reiskuchen und Sandwiches eingekauft hatte, um die Ecke gehen, als sie die schreiende Stimme hörte. Sofort stockte ihr der Atem.
Das leere Mietshaus hatten sie erst heute in aller Herrgottsfrühe gefunden. Es war sicherer in der Nacht zu reisen. Zwar fuhren dann keine Züge, aber die meisten Menschen schliefen. Je weniger Leuten sie begegneten, desto besser. So waren sie die ganze Nacht hindurch gelaufen. Ihre Füße hatten höllisch geschmerzt, die sommerliche Hitze war selbst morgens um fünf Uhr noch zu spüren gewesen und so hatten sie sich einfach, kaum dass dieses verlassene, und sehr abbruchreif erscheinende Haus vor ihnen aufgetaucht war, sich darin verbarrikadiert und waren in den Schlafsack eingewickelt weggeschlummert.
Aber man konnte nicht immer zu zweit bleiben. Sie waren hinter ihm her, so dass es für die beide sicherer war, wenn sie losging und etwas zu essen beschaffte.
Alleinsein war jedoch gefährlich.
Als ihr beim Anblick, der sich ihr da bot, die Luft in der Kehle steckenblieb, sie gerade noch abrupt stoppte und sich neben dem Türrahmen verbarg, konnte sie es hören. Er hyperventilierte vor Angst und dieser Kerl im weißen Sweatshirt wedelte mit einer Pistole vor seinem Gesicht herum. Wo hatte der dieses gottverdammte Ding überhaupt her?
Schnell schaute sie sich um. Links und rechts, oben drüber und unten drunter war nichts zu hören außer dem nervenzerfetzenden Gesirre der Zikaden. Schweiß rann ihr die Schläfen hinunter. Wenigstens war der Typ alleine.
„Hör zu, wir spielen einfach ein kleines Spielchen“, hörte sie den Fremden sagen und sie konnte sein dreckiges Grinsen geradezu spüren.
„Drei Runden Schere-Stein-Papier. Wenn du gewinnst, lass ich dich laufen. Wenn ich gewinne...Poof. Ist doch fair, oder?“
Sie lugte mit einem halben Auge in die leerstehende Wohnung und sah ihn am Boden knien. Seine khakifarbenen Hosen waren an den Oberschenkeln dunkel eingefärbt und sein Gesicht war tränennass. Der Rücken des Fremden war breit und klein. Für den Bruchteil einer Sekunde konnte sie die Waffe sehen und alles wirkte surreal und lächerlich, wie im Fernsehen. Gangster spielten nicht. Sie erschossen. Hatte der zuviel Zeit vor der Glotze verbracht?
„Warum?“, wimmerte ihr Gefährte.
„Ich dachte, du stehst darauf!“, kam es vollkommen verständnislos zurück.
„Im Fernsehen hast du das doch dauernd gemacht. Wär´s dir lieber, wenn ich dich gleich kaltmache?“
Sie zog den Kopf zurück. Sah sich hektisch um. Am Boden lagen ein paar Eisenstangen und das Blut gefror ihr in den Adern. Sie hatte so etwas noch nie gemacht. Himmel, sie hatte weder Kampfsport betrieben noch genug Actionfilme gesehen für solch einen Scheiß. Wenn sie es verbockte, waren sie beide mausetot.
„Sching-schang-schong“, hallte es durch das leere Zimmer- nur die Stimme des Fremden- als sie die Tüte mit den Lebensmitteln hinlegte und sich so geräuschlos wie möglich vorwärts zu pirschen begann.
„Haha, gewonnen! Los, nochmal! ...hey, ich sagte, nochmal, du Hurensohn!“
Ein Klatschen.
Das hier passiert nicht wirklich schoss es ihr durch den Kopf, wiederholte sich wie ein Mantra und hallte an allen Wänden lautlos wider.
Das passiert nicht wirklich, das bildest du dir nur alles ein!
„Sching-schang-schong! Ah, was? Was soll das sein? Papier oder Schere? Zitter nicht so rum!“
Ganz vorsichtig, als würde sie Mikado spielen, fassten ihre bebenden Finger nach einer der Eisenstangen. Sie könnte einfach wegrennen. Kein Gericht der Welt würde sie verurteilen. Der Typ hatte eine Pistole. Es herrschte Ausnahmezustand. Flucht war ein angeborener Reflex, selbst bei einem Menschen.
Aber es ging einfach nicht.
Sie verstand sich selbst nicht.
„Los jetzt, das letzte Mal! Ist doch lustig, oder? Sching-schang-“
Das Metall fühlte sich unerwartet gut an. Kühl und beruhigend. Sie hob es lautlos auf und spürte, wie sie viel zu schnell atmete. Der Sauerstoff überflutete ihr Gehirn und weiße Flecken betupften ihr Gesichtsfeld.
Ich kann aber nicht...ich kann aber nicht...
Sie versuchte, sich daran zu erinnern, wann sie das letzte Mal wem mit Absicht wehgetan hatte. Da war Björn aus der sechsten Klasse gewesen, der Idiot, der ihr immer die Federtasche geklaut und Gelee in ihre Stiftkappen geschmiert hatte.
„Ooh, verloren, Arschloch. Das tut mir ja so gar nicht Leid!“
Der Typ hatte nicht einmal Charakter. Das war ein Speichellecker wie alle anderen, die sie schon vor ihm gesehen hatte, die auf Menschen einschlugen bis diese sich nicht mehr bewegten, die ihnen die Haare ab- und die Gesichter aufschnitten, sie „Schweine“ nannten und durch die Straßen hetzten.
Sie holte ein letztes Mal Luft, schlüpfte aus ihren Schuhen und kniff die Augen zusammen bis weiße Lichtsterne vor ihren Pupillen explodierten.
Und plötzlich ging es.
Es lag größtenteils daran, dass der Fremde zu abgelenkt war. Und dass er sie nicht sehen konnte, weil er mit dem Rücken zu ihr stand. Ihre Füße machten auf dem alten Beton dumpfe Geräusche, ihr rasselnder Atem verriet sie viel zu früh. Es war reine Glückssache, dass sie den Kerl sofort erwischte. Es gab einen knackenden, grässlichen Ton als die Stange mit seinem Schädel in Berührung kam und ein Geräusch, welches sie mit „Flatsch“ betitelt hätte, als er der Länge nach auf dem Boden aufschlug.
Dann bewegte er sich nicht mehr.
Sie stand blinzelnd da, gebeugt, umklammerte die Stange so fest, dass die Knöchel ihrer Finger weiß wurden. Einen kleinen Moment lang herrschte Stille inmitten des Zikadenlärmes.
Nichts rührte sich. Nur Herzklopfen.
Er starrte. Seine Knie zitterten.
„Ist er...?“, murmelte er langsam, seine Stimme unnatürlich hoch.
Er schaute langsam an sich herunter, schien zu bemerken, dass er sich in die Hose gemacht hatte und schlug verzweifelt die Hände vor die Schenkel.
„Wir müssen weg“, japste sie.
„Wo sind die Sachen...?“
Es war als zwang sie ihren Körper zum Handeln. Mit einem Mal setzten alle Gefühle aus. Wie eine Sicherung, die bei Überbelastung heraussprang. Das einzige, was sie denken konnte war, wie perfekt dieses Versteck doch gewesen war.
Sie fand die Pistole an der Hand des Ohnmächtigen. (Zumindest redete sie sich ein, dass er nur ohnmächtig war). Es brauchte nur ein Blinzeln, eines Augenblickes, dann hatte sie ihm die Waffe entwunden und hielt sie selbst, warm und metallisch und viel unbarmherziger als die Eisenstange.
Als sie aus dem verlassenen Mietshaus flüchteten, weinte sie unaufhörlich.
Sie hielt ihn an der Hand (oder er sie?), gemeinsam trabten sie müde und erschöpft nebeneinander her. Vor ihnen erstrahlte der Sonnenaufgang, war warm und hell, gleißend und glorreich. Ein neuer Tag brach an, irgendwo schrie ein unbekannter Vogel. Sie hatte eine Pistole in der Tasche und im Haus lag ein Verblutender.
Sie umklammerte sein Handgelenk so fest, dass sie seinen rasenden Puls darin spüren konnte.
Nur um zu wissen, dass sie beide noch am Leben waren.
no subject
Date: 2010-06-19 03:19 pm (UTC)beim Schuhe ausziehen hab ich mich erst gewundert, und dachte, meine güte sie vertrödelt doch Zeit, aber es hatte ja dann doch seinen Sinn.