[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Digimon 02
Challenge: Frühjahrsmüdigkeit
Personen: Taichi, Yamato
Genre: angst
Warnung: könnte schlärifg machen, fürchte ich
Wörter: 859


An dem Tag, an dem Yamato ihm sagte, er könne „das hier“ nicht weitermachen könne, befiel Taichi eine seltsame Schläfrigkeit.
Allein die Tatsache, wie ungelenk sich der sonst so wortgewandte Yamato ausgedrückt hatte- „Ich kann das hier nicht mehr“- war ihm befremdlich gewesen. Aber daran dachte er nicht mehr, als er abends plötzlich zum ersten Mal über einer Tasse Kaffee und seinen Mathehausaufgaben einschlief.

Er versuchte, sich mit Red Bull wachzuhalten und schob es auf die Frühjahrsmüdigkeit. Die Kirsche blühte rings um die Tokyo Bay herum, das letzte Schuljahr fing an und alle Welt sprach von Unibewerbung und Aufnahmeprüfung. Taichi dachte nur an sein Bett.
Er konnte nichts dagegen tun.

Aus acht Stunden Schlaf wurden zehn, dann zwölf, schließlich sechzehn. Er stand morgens um acht auf, zog sich etwas über, kippte sich Espresso hinter, quälte sich durch den Schultag, nur um pünktlich zum Schulklingeln nach Hause zu kriechen und geradewegs zurück ins Bett zu fallen. Es war nie genug. Sein Schlaf war wie ein dunkles, warmes Tier, welches in der Ecke seines Kopfes saß und ihn mit roten, dumpfen Augen ansah.

Wenn Taichi schlief, träumte er kaum. Er driftete von einem bleiernen Ohnmachtsschleier in den nächsten. Dazwischen Geräusche; Geschirrklappern in der Küche, Hikaris klassische Musik von nebenan, die Stimmen seiner Eltern, das Schnurren der Katze, wenn sie es sich neben ihm gemütlich machte. Dazwischen Yamas Gesicht, Yamas feine, blonde Haare und sein Lächeln.
Und die Frage; „Warum hast du mich weggestoßen?“, welche Taichi niemals in der wachen Welt gestellt hatte.

Er nahm innerhalb von zwei Wochen fast fünf Kilo ab.
„Nicht, dass vorher schon viel an dir dran gewesen wäre“, schalt Jou ihn; „aber meinst du nicht, du solltest das mal untersuchen lassen?“
Taichi hatte nur schläfrig den Kopf geschüttelt und gegähnt.
„Es ist nur die Frühjahrsmüdigkeit. Das geht vorbei.“

Der Schlaf ließ ihm keine Zeit zum Essen, für den Fußball oder für´s Lernen. Im Unterricht konnte er sich nicht konzentrieren. Er wurde ins Rektorzimmer zitiert und bekam Gardinenpredigten über den Konsum von Drogen und dessen Folgeschäden.
Vom vielen Liegen schmerzten seine Knochen und er bekam Migräne.

Aber es ging nicht vorbei.

Irgendwann, in einer Phase des Dösens dämmerte es ihm.
Yama hatte seine Musik, seine Songtexte, um sich auszudrücken. Er selbst hatte den Fußball und sonst nichts. Es gab nichts, was seinen Gefühlen Ausdruck verlieh. Wahrscheinlich war er traurig über die Trennung, aber wenn es so war, bekam er davon nichts mit.
Er musste schlafen.

Er konnte es fühlen- wie er begann, sich aufzufasern, in einzelne Moleküle aufzutrennen. Lange würde es nicht mehr dauern; dann wäre er verschwunden. Und würde er Yamato keine Erinnerung mehr an die Zeit sein, in der er „jung und dumm“ gewesen war.

Es war eine warme Hand, welche ihm Strähnen wirren Haares aus dem Gesicht strich, die ihn eines Tages weckte. Sie fühlte sich weder nach seinen Eltern noch nach Hikari oder Jou an. Sie war zu warm dafür und sie erschreckte das zottelige, traumfressende Tier in seinem Kopf.

Taichi schlug die Augen auf und betrachtete seinen Exfreund neben sich.

In der Abendsonne, die zum Fenster hereinschien, sahen Yamas Wimpern golden aus.
„Frühjahrsmüdigkeit“, hörte Taichi sich murmeln. Sein Kopf schwirrte. Es war mit jedem Mal schwerer geworden, wieder ganz aufzuwachen.

„Das ist der extravaganteste Liebeskummer, der mir je untergekommen ist“, entgegnete Yamato mit großem Respekt in der Stimme.

Taichi schaffte es irgendwie, sich aufzusetzen. Sein Rücken tat weh und er konnte nur sitzen, wenn er sich nach vorne beugte und sein Kissen umarmte.
„Nicht alles auf der Welt existiert um dich zu beeindrucken“, sagte er leise.

Sie schwiegen eine Weile. Eine lange Weile, in der Taichi überrascht bemerkte, dass er sich so munter wie lange nicht fühlte.

Er biss sich auf die spröde Unterlippe.

„Warum?“, flüsterte er schließlich.

Die Frage ließ keinen Raum für Diskussionen. Wenn man jemanden jahrelang kennt, mit ihm als digitaler Datenhaufen durch eine Phantasierealität gelaufen ist, mit ihm gesungen, getanzt, gelacht, gealbert, gewichst und gelitten hat, braucht man irgendwann kaum noch Worte.

„Du wirst lachen...“, sagte Yama und grinste. Aber über sein Gesicht huschte schnell wieder ein dunkler Schatten.
„...nein, wirst du nicht, ich weiß. Aber...ich war´s einfach Leid neulich.“

Neulich war inzwischen Wochen her. Manchmal hasste Taichi Yamas Melodramatik.

„Ich hab mich müde gefühlt...ich weiß nicht...“

Wahrscheinlich war das Yamatos Natur. Wenn´s nicht alle Momente stürmisch und dramatisch wurde, fühlte er sich irritiert. Kein Ehekrach mehr, kein Familiendrama, kein Leben zu retten... Außer Taichis.

„Ich habe mich auch müde gefühlt“, sagte Taichi nur.

„Ich weiß...Tut mir Leid.“

Als Yama von der Bettkante, auf der er die ganze Zeit gesessen hatte, näher zu ihm kroch und ihn in seine Arme zog, spürte Taichi, wie Dämme in ihm brachen, die das kleine, dumme Schlaftier die ganze Zeit gehalten, bewacht und geflickt hatte. Wahrscheinlich musste er es beim Namen nennen: Stolz. Wenn man Dinge beim Namen nannte, verloren sie ihren Schrecken, und so verschwand auch das unnatürliche Bedürfnis nach immer mehr und mehr Schlaf als Taichi tränenüberströmt an seinem Ex-Ex-Freund hing und seine Seele ausschüttete.
Er hatte noch nie in seinem Leben soviel Lust empfunden, solchen Hunger gehabt, soviel Ausdruck seiner selbst gespürt.

Er hatte sich noch nie so munter gefühlt.

Date: 2010-06-14 09:17 pm (UTC)
From: [identity profile] les-lenne.livejournal.com
Aww. :>
Edited Date: 2010-06-14 09:17 pm (UTC)

Date: 2010-06-14 09:31 pm (UTC)
From: [identity profile] leviathans-moon.livejournal.com
Gott, sie sind so episch. Nichts funktioniert, wenn die zwei nicht zusammen sind.

mit ihm als digitaler Datenhaufen durch eine Phantasierealität gelaufen ist, ich kenn zwar die Serie, aber irgendwie ist das trotzdem leicht absurd, find ich^^. und auch irgendwie wieder lustig.

Ich find es gut, dass du den Schlaf als Mittel zur Verdrängung genommen hast.

Date: 2010-06-14 10:12 pm (UTC)
From: [identity profile] rei17.livejournal.com
Ist das schön ...
Es hat so viele wundervolle Sätze und Bilder. Manchmal könnte ich mir deine Sprache auf der Zunge zergehen lassen wie Zuckerwatte ...
Wundervoll und episch.
Und jetzt geh ich auch schlafen.

Date: 2010-06-15 06:38 pm (UTC)
luinaldawen: (Default)
From: [personal profile] luinaldawen
Ist das toll! *-*
Ich hab mich heute mittag, nachdem ich über den letzten nervenden Kleinkram meiner Bachelorarbeit geschimpft hab, gefragt, warum keiner mehr richtig schöne Taitos schreibt... dabei gabs schon längst eine! *-*

Tai und Yama sind einfach mein OTP. Absolut! Nichts geht über diese beiden! Und wie du sie darstellst... dieses langsame Zerbrechen... woah! Bin hin und weg!
Mehr Taitos für die Welt! >_<

(jetzt kann ich die allerletzten Fitzelchen erledigen und ausdrucken XD)

Date: 2010-06-15 09:49 pm (UTC)
luinaldawen: (Taito)
From: [personal profile] luinaldawen
Im Grunde ist ne Bachelorarbeit ja eh ne bessere Hausarbeit... 30-40 Seiten... die Magister und Diplomer die ich kenne lachen uns aus. XD Du kriegst das auch hin! ^.~
*das allerletzte doch auf morgen verschoben hat*

Jaaa! ;_; Und dabei gibt es so viele Fans... Ich erleb gerade total das Revival... XD
(deleted comment)

Profile

120_minuten: (Default)
Die Uhr läuft ... jetzt!

Most Popular Tags

January 2026

M T W T F S S
   1 234
567891011
12131415 161718
19202122232425
262728293031 

Style Credit

Powered by Dreamwidth Studios