reguläre Challenge: In die Freiheit
Jun. 12th, 2010 10:37 pmTeam: Chopin
Fandom: Original
Challenge: In die Freiheit (erste eigene Wohnung, Freiheit von der eigenen Vergangenheit)
Inhalt: Frei von Titeln, frei von Sinn, unfrei von Zusammenhang
Wörter: 656
Ansonsten: Von hinten nach vorne
Am Ende lernte Ramona R. zaubern.
Bis auf diese zwei Menschen war die Wohnung leer. Der gar nicht so alte Mann mit dem langen Bart war Nachbar. Zumindest hatte er in seiner Funktion als Nachbar die Wohnung betreten. Sein Begrüßungsgeschenk, eine mit einem Korken verschlossene Flasche in dem sich ein Piratenschiff befand, lag in der Spüle. Das Äußere der Flasche war schmierig wie ein übler Geruch.
Sie wusch sich gerade die Füße in der Spüle (sie mochte den Ausblick aus dem Küchenfenster lieber als den aus dem Badezimmerfenster), als sie den Schlüssel im Schloss hörte.
Keine der Klingeln im Haus war funktionstüchtig. Das hatte Ramona aus Langeweile ausprobiert.
Die Schlüssel lagen auf dem Fensterbrett. Drei Stück, aber leider keine drei verschiedene Türen. Sie passten in die Schlösser der Haus- und der Wohnungstür. Ramona R. hatte nicht die Absicht einen der Schlüssel aus der Hand zu geben. Der Anblick von Schlüsseln auf dem Fensterbrett machte sie irre.
Eigentlich war die Wohnung der Irrsinn. Drei Zimmer, Küche, Bad, Abstellraum. Ziemlich viel Platz für ein sechzehnjähriges Mädchen mit zu kurz. Sie fand ihre eigenen Gedanken zu kurz. Zum Beispiel, als sie die Schlüssel fortgenommen hatte, da hatte sie überhaupt nicht gedacht, was sie in der Wohnung wollte. Ob sie etwas in die Zimmer stellte. Eher nicht, dachte sie, nachdem sie durch die Zimmer gegangen war. Dreimal leer.
Ramonas Auszug war eine Flucht gewesen. Ihre Mutter ekelte sie an. Ihr ganzes Leben ekelte sie an.
Ramona R. war in einem Haus aufgewachsen. Ihre Mutter besaß einige Immobilien von denen sie die meisten vermietete. Manche ließen sich anscheinend nicht vermieten. Zum Beispiel die Wohneinheit mit den drei Schlüsseln. Andere Wohneinheiten in demselben Haus hatten vier Schlüssel.
Ramonas Mutter Vera bekam das Haus nicht in Ordnung. Zwei Etagen, so viel Platz, so viel Müll. Ramona wusste, dass diese Frau sehr gründlich arbeitete, denn sie verdiente genug Geld, dass sie sich ständig neue Pakete vom Teleshopping anliefern lassen konnte. Außerdem trug sie jeden Tag eine ordentlich gebügelte Bluse.
Es gibt doch bloß eine Möglichkeit, diese ganze weltgeschichtliche Vergangenheit, die natürlich auch deine Vergangenheit ist, los zu werden. Das hatte der Zauberer gelernt.
Der Zauberer hatte Menschen kommen sehen, die ihre Vergangenheit loswerden wollten. Verbrennen und Wegwerfen waren gar keine Patentrezepte, das erklärte er ihnen zuerst. Wie lerne ich vergessen? Du kannst nicht vergessen, das sagte der Zauberer. Du kannst leugnen und woanders hin gehen, andere Menschen treffen. Deine Zukunft führst du immer noch mit dir, als Souvenir aus der Vergangenheit.
Robert fasste den Entschluss, Zauberer zu werden, weil er zaubern konnte.
Nach dem Todessturz wollte kein abergläubischer Mensch mehr in dem spukenden Haus wohnen. Entweder es gab keine Menschen, die gar nicht abergläubisch waren, oder die vollkommene Leere schreckte diese Vernünftigen ab – das Resultat war das gleiche.
Aus dem Nachlass seines Bruders, der seit einigen Stunden weder Zukunft noch Vergangenheit besaß (was allem Anschein nach auch noch sein Ziel gewesen war), behielt Robert den Schlüssel und das Schiff in der Flasche.
Wenn es diesen privaten Raum nicht gegeben hätte, Vera wäre nie schwanger geworden.
An dem Tag an dem Vera zuerst das Schiff an den jungen Mann gegeben hatte, der sie so furchtbar enttäuscht hatte und dann den jungen Mann aus ihrem Leben in sein eigenes erbärmliches Leben zurückgesetzt hatte, hörte sie mit dem Fortgeben ganz auf.
Das Schiff hatte Veras Freund gleich gefallen. Sie waren nur so am Flohmarkt entlang gebummelt.
Wir haben natürlich gar nichts außer Hoffnung, sagte Vera so häufig. Aber diese Wohnung, die haben wir, so lange sie niemand will. Du kannst auch einen Schlüssel haben, sagte Vera. Dieser seltsame Freund nahm ihn nur zögerlich in die Hand, als wäre er vergiftet.
Gleich nachdem er eingezogen war, stibitzte der kleine Robert dem älteren Herren das Piratenboot in der Flasche aus dem Wohnzimmer und verkaufte es an einen Trödler.
Die erste Immobilie, die Veras Vater kaufte, war ein Neubau. Die vier Schlüssel, die zu jeder Wohnung gehörten, glänzten frisch poliert.
Fandom: Original
Challenge: In die Freiheit (erste eigene Wohnung, Freiheit von der eigenen Vergangenheit)
Inhalt: Frei von Titeln, frei von Sinn, unfrei von Zusammenhang
Wörter: 656
Ansonsten: Von hinten nach vorne
Am Ende lernte Ramona R. zaubern.
Bis auf diese zwei Menschen war die Wohnung leer. Der gar nicht so alte Mann mit dem langen Bart war Nachbar. Zumindest hatte er in seiner Funktion als Nachbar die Wohnung betreten. Sein Begrüßungsgeschenk, eine mit einem Korken verschlossene Flasche in dem sich ein Piratenschiff befand, lag in der Spüle. Das Äußere der Flasche war schmierig wie ein übler Geruch.
Sie wusch sich gerade die Füße in der Spüle (sie mochte den Ausblick aus dem Küchenfenster lieber als den aus dem Badezimmerfenster), als sie den Schlüssel im Schloss hörte.
Keine der Klingeln im Haus war funktionstüchtig. Das hatte Ramona aus Langeweile ausprobiert.
Die Schlüssel lagen auf dem Fensterbrett. Drei Stück, aber leider keine drei verschiedene Türen. Sie passten in die Schlösser der Haus- und der Wohnungstür. Ramona R. hatte nicht die Absicht einen der Schlüssel aus der Hand zu geben. Der Anblick von Schlüsseln auf dem Fensterbrett machte sie irre.
Eigentlich war die Wohnung der Irrsinn. Drei Zimmer, Küche, Bad, Abstellraum. Ziemlich viel Platz für ein sechzehnjähriges Mädchen mit zu kurz. Sie fand ihre eigenen Gedanken zu kurz. Zum Beispiel, als sie die Schlüssel fortgenommen hatte, da hatte sie überhaupt nicht gedacht, was sie in der Wohnung wollte. Ob sie etwas in die Zimmer stellte. Eher nicht, dachte sie, nachdem sie durch die Zimmer gegangen war. Dreimal leer.
Ramonas Auszug war eine Flucht gewesen. Ihre Mutter ekelte sie an. Ihr ganzes Leben ekelte sie an.
Ramona R. war in einem Haus aufgewachsen. Ihre Mutter besaß einige Immobilien von denen sie die meisten vermietete. Manche ließen sich anscheinend nicht vermieten. Zum Beispiel die Wohneinheit mit den drei Schlüsseln. Andere Wohneinheiten in demselben Haus hatten vier Schlüssel.
Ramonas Mutter Vera bekam das Haus nicht in Ordnung. Zwei Etagen, so viel Platz, so viel Müll. Ramona wusste, dass diese Frau sehr gründlich arbeitete, denn sie verdiente genug Geld, dass sie sich ständig neue Pakete vom Teleshopping anliefern lassen konnte. Außerdem trug sie jeden Tag eine ordentlich gebügelte Bluse.
Es gibt doch bloß eine Möglichkeit, diese ganze weltgeschichtliche Vergangenheit, die natürlich auch deine Vergangenheit ist, los zu werden. Das hatte der Zauberer gelernt.
Der Zauberer hatte Menschen kommen sehen, die ihre Vergangenheit loswerden wollten. Verbrennen und Wegwerfen waren gar keine Patentrezepte, das erklärte er ihnen zuerst. Wie lerne ich vergessen? Du kannst nicht vergessen, das sagte der Zauberer. Du kannst leugnen und woanders hin gehen, andere Menschen treffen. Deine Zukunft führst du immer noch mit dir, als Souvenir aus der Vergangenheit.
Robert fasste den Entschluss, Zauberer zu werden, weil er zaubern konnte.
Nach dem Todessturz wollte kein abergläubischer Mensch mehr in dem spukenden Haus wohnen. Entweder es gab keine Menschen, die gar nicht abergläubisch waren, oder die vollkommene Leere schreckte diese Vernünftigen ab – das Resultat war das gleiche.
Aus dem Nachlass seines Bruders, der seit einigen Stunden weder Zukunft noch Vergangenheit besaß (was allem Anschein nach auch noch sein Ziel gewesen war), behielt Robert den Schlüssel und das Schiff in der Flasche.
Wenn es diesen privaten Raum nicht gegeben hätte, Vera wäre nie schwanger geworden.
An dem Tag an dem Vera zuerst das Schiff an den jungen Mann gegeben hatte, der sie so furchtbar enttäuscht hatte und dann den jungen Mann aus ihrem Leben in sein eigenes erbärmliches Leben zurückgesetzt hatte, hörte sie mit dem Fortgeben ganz auf.
Das Schiff hatte Veras Freund gleich gefallen. Sie waren nur so am Flohmarkt entlang gebummelt.
Wir haben natürlich gar nichts außer Hoffnung, sagte Vera so häufig. Aber diese Wohnung, die haben wir, so lange sie niemand will. Du kannst auch einen Schlüssel haben, sagte Vera. Dieser seltsame Freund nahm ihn nur zögerlich in die Hand, als wäre er vergiftet.
Gleich nachdem er eingezogen war, stibitzte der kleine Robert dem älteren Herren das Piratenboot in der Flasche aus dem Wohnzimmer und verkaufte es an einen Trödler.
Die erste Immobilie, die Veras Vater kaufte, war ein Neubau. Die vier Schlüssel, die zu jeder Wohnung gehörten, glänzten frisch poliert.
no subject
Date: 2010-06-12 11:20 pm (UTC)no subject
Date: 2010-06-14 12:46 pm (UTC)