Titel: Mein Blick auf ihr
Autor: Servena
Fandom: Original
Challenge: Schritt halten
Team: Van Gogh
Warnung: Kitsch. Ein bisschen.
Kommentar: Irgendwie sind meine Hauptpersonen neuerdings immer ein bisschen…merkwürdig. oô Und Titelfinden ist ein einziges Grauen. >_<
Mein Blick auf ihr
Es war schwierig, ihr zu folgen, als sie ihren Weg durch die Fußgängerzone nahm. Immer wieder verschwand ihr wippender Pferdeschwanz in der Menge, und er beeilte sich, hastig aufzuschließen, um sie nicht vollkommen aus den Augen zu verlieren. Dann wieder war er ihr zu nahe, und er fürchtete, sie könnte sich jeden Moment umdrehen und ihn entdecken.
Er ließ sich ein wenig zurückfallen, bis sie wieder von genug Menschen getrennt wurden. Er mochte es, sie anzusehen, konnte tatsächlich kaum die Augen von ihr lassen, aber er musste vorsichtig sein. Unsichtbar, lautlos, wie eine Katze. Wie ein Jäger, der auf seine Beute lauert.
Auch wenn er sie nicht im Blick hatte, wusste er genau, wie sie aussah. Ihr Bild hatte sich in seine Gedanken eingebrannt, verfolgte ihn bei Tag und bei Nacht. Das lange, honigblonde Haar, das sich bei feuchter Luft um ihr Gesicht ringelte. Die klaren Augen, die je nach Lichteinfall die Farbe vom Mittelmeer oder von der sturmgepeitschten Nordsee annehmen konnten. Die leichte Stupsnase, gepaart mit einigen wenigen Sommersprossen auf ihren Wangen, verlieh ihr etwas neckisches. Ihr Lächeln war unverdorben, einfach nur sanft und fröhlich.
Er liebte es, sie lächeln zu sehen. Er wünschte sich, sie würde ihn so ansehen.
Als er das nächste Mal seine Schritte beschleunigte, da er sie aus den Augen verloren hatte, war sie verschwunden. Für einen Moment stieg Panik in ihm auf; wohin war sie gegangen?
Doch er bemühte sich, sich zu beruhigen. Eilig drängte er sich zwischen den Menschen hindurch, kümmerte sich nicht darum, ob er jemanden anrempelte. Sich bemühend, den Korb in seiner Hand ruhig zu halten, bog er in eine schmale Gasse ein. Hier war es schattig und kühl, die alten Mauern hielten die Sonnenstrahlen und ihre Hitze ab.
Und als er um die nächste Ecke bog, sah er sie, nur wenige Meter von sich entfernt, wie sie dahinschlenderte. Eine Einkaufstüte schwang an ihrer Hand.
Es konnte jetzt keinen Zweifel mehr geben, wohin sie auf dem Weg war. Er hatte es gehofft, war sich aber nicht sicher gewesen.
Er war so nahe, mit einigen raschen Schritten hätte er ihr die Hand auf die Schulter legen können. Doch er wagte es nicht. Stattdessen verharrte er unbeweglich an der Ecke, bis sie um die nächste Biegung trat.
Kein Grund, sich jetzt noch zu beunruhigen. Er kannte den Weg.
Trotzdem bemühte er sich weiterhin, ihr zu folgen, immer weiter durch die schmalen Gassen der Altstadt. Es erregte ihn geradezu, immer einen kleinen Blick auf sie zu erhaschen, ohne ihr je nahe zu kommen. Die Spannung eines Jägers, der seiner Beute durch das Unterholz verfolgt und auf den richtigen Moment wartet.
Er mochte die Art, wie der Stoff ihres Shirts ihren Oberkörper umfing und der Saum ihres blauen Rockes um ihre Knie schwang. Ihren Körper fand er wunderschön, sie war recht klein, aber das schien zu ihr zu passen, wie auch die vorwitzige Haarsträhne, auf der sie manchmal kaute. Ihre Füße in den hellen, ausgetretenen Stoffschuhen verursachten kaum einen Laut, genauso wie er sich selbst bemühte, ihr lautlos zu folgen.
Einzig einen Blick auf ihr Gesicht hätte er gerne erhascht. Er liebte ihr Gesicht, würde es gern einmal berühren, aber er hatte ja nicht auch nur jemals ein Wort mit ihr gewechselt. Nie würde er es wagen…
Er fragte sich, ob sie wohl immer noch diesen traurigen Ausdruck in ihren Augen hatte. Sie weinen zu sehen hatte ihn beinahe körperlich geschmerzt. Er hatte sie beobachtet, die ganze Zeit aus der Deckung des Holunderbusches. Immer noch hatte er diesen Geruch in seiner Nase.
Sie hatte laut geweint, ungehemmt. Ihre Augen waren verquollen gewesen, und ihre Nase hatte unaufhörlich gelaufen, doch selbst in diesem Zustand fand er sie schön.
Doch er wollte sie nicht so sehen. Ihr Lächeln war noch sehr viel schöner. Er wollte, dass sie wieder lächelte.
Das Etwas in dem Korb hatte begonnen, sich zu bewegen.
Immer noch ging sie etwas entfernt vor ihm her, sie hatte einen Blick auf ihre Armbanduhr geworfen und ging jetzt schneller. Der Pferdeschwanz wippte im Takt ihrer Schritte auf und ab.
Er hätte ihr ebenfalls geraten, sich zu beeilen. Ihre Mutter konnte Verspätungen nicht leiden, das hatte er schon mehrere Male festgestellt. Sie wurde allzu schnell ungeduldig, und dann schrie sie ihre Tochter und deren kleinen Bruder an und verhängte Strafen.
Das letzte Mal waren es zwei Wochen Hausarrest gewesen. Diese Zeit war beinahe unerträglich gewesen für ihn. Sie nicht zu sehen, war, als wäre ein Teil von ihm selbst verschollen, verschüttet, abgeschnitten. Schließlich hatte er alle Vorsicht fahren lassen und war nachts in ihren Garten geschlichen. Von dem kräftigen Ast der Buche konnte man hinüber sehen in ihr Zimmer.
Der Hund der Nachbarin, ein kräftiger Boxer, der die Nächte in seiner Hundehütte verbrachte, hatte nicht angeschlagen. Das tat er nie, seit er wusste, dass der Fremde Futter bedeutete.
Das Licht der Deckenlampe hatte ihr Zimmer erhellt und er hatte ihr zugesehen, wie sie sich auszog und sich dann das Nachthemd überstreifte. Dann war sie in ihrem Bett unter eine leichte Decke geschlüpft, denn es war eine warme Sommernacht, sie hatte das Licht ausgeknipst, doch noch immer hatte der Mond Lichtfetzen in ihr Zimmer gestreut, und an ihrer Decke leuchtete ein ganzer Himmel aus kleinen Plastiksternen.
Er hatte beobachtet, wie sich ihre Brust mit ihren regelmäßigen Atemzügen hob und senkte und sie langsam einschlief, den Kopf zur Seite geneigt, einige Haarsträhnen im Gesicht, die er ihr zu gerne zurückgestrichen hätte.
Sie sah friedlich aus, wenn sie schlief, wie etwas unschuldiges, reines, das ihn gleichzeitig faszinierte und ihn in Angst versetzte. Ein solches Wesen sollte nicht mit der bitteren Realität des Lebens konfrontiert werden.
Doch genau das war geschehen, und all ihr Weinen half nichts, die Katze blieb tot und all die Entschuldigungen des erschrockenen Autofahrers blieben ohne Wirkung. Sie allein hatte das kleine Grab ausgehoben, und hatte unter seinen Augen das weiche, reglose Tier hineingelegt. Lange noch hatte sie dort gesessen, bis ihre Augen leergeweint waren und sie sich die Wangen mit einem Taschentuch getrocknet hatte.
Aber er konnte nichts tun, er war nur der Beobachter, er mischte sich nicht in ihr Leben ein, er sah nur zu. Bis heute.
Als sie, was für ihn nicht überraschend kam, vor dem schmalen Altbau mit der dunkelblauen Tür stehen blieb, verbarg er sich hinter der nächsten Straßenecke und lehnte sich dort an die Mauer. Er hörte, wie sie klingelte und die Tür geöffnet wurde, und wie ihre Mutter sie mit den Worten empfing: „Wo warst du so lange? Ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht trödeln!“
Dann erklang ihre Stimme: „Tut mir Leid, Mutter, aber ich musste an der Kasse so lange anstehen.“
Er lächelte leicht. Süßer, unschuldiger, lügender Engel.
Die Tür fiel ins Schloss.
Er wartete noch einen Moment ab, dann holte er Luft und ging langsam, wie unbeteiligt, die Straße hinunter. Seine Finger umschlossen fest den Griff des Korbes.
Die Stufen bis zur Haustür nahm er mit einem Schritt. Sanft setzte er den Korb ab und warf noch einmal einen Blick auf den Zettel, den er mit einer Schleife an den Griff gebunden hatte.
Dieses Kätzchen hat keine Mutter und kein Zuhause. Ich hoffe, du kümmerst dich darum.
Ein Freund
Er drückte die Klingel. Dann rannte er und verschwand um die nächste Häuserecke.
no subject
Date: 2010-06-10 07:58 am (UTC)Das ist wirklich unglaublich gut verpackt.
Irgendwie beängstigend aber doch kriegt man das Gefühl, dass er nichts Böses will. Er einfach nur zu schüchtern ist, sie anzusprechen.
Wobei die Aktion mit dem Baum sicher sehr bedenklich ist ^^***
Einfach wirklich gut geschrieben.
PS: Das mit den Titeln kann ich nachvollziehen. -.- ich glaube, das ist die wirkliche Challenge an der ganzen Sache.