Titel: Auf der anderen Seite
Autor: Servena
Fandom: Original
Challenge: Teilchenbewegung
Team: Van Gogh
Kommentar: Um endlich mal von meinem Elfquest-Trip herunterzukommen. (Das ist wie ein Tropenfieber, zwischendurch wird man gesund, aber es kommt immer wieder. >__<)
Frage an
exiles_diary : Ich erschlage dich, du erschlägst mich?
Er konnte nur dastehen und starren. Seine Finger gruben sich in die Fugen der Mauer am Hauseingang, dass es schmerzte, und er konnte sich nicht bewegen; konnte nur auf das Gewimmel vor seinen Augen sehen.
Der Geruch von Autoabgasen lag in der Luft und schnürte ihm die Kehle zu, doch noch schlimmer war der Lärm. Er dröhnte in seinen Ohren und verstärkte den dumpfen Schmerz in seinem Hinterkopf, als wollte etwas aus seinem Schädel hervorbrechen. Vermutlich die Panik, die ihn zu überwältigen drohte.
Er nahm einen tiefen Atemzug und musste gleich darauf husten. Ein bitterer Geschmack brannte in seiner Kehle.
Vor seinen Augen zogen die Menschen vorbei, die meisten hastig, gehetzt, ohne ihrer Umgebung auch nur einen Blick zu schenken. Männer in Anzügen trugen bedeutungsvolle Aktentaschen, Frauen Einkaufstüten, Jugendliche traten meistens im Rudel auf. Nur die älteren Menschen ließen sich ein wenig Zeit.
Es war wie ein endloser Strom, ein Sog, der ihn zu erfassen drohte und der ihn bestimmt mitreißen würde, täte er jetzt auch nur einen Schritt.
Er verharrte. Er wartete. Er beobachtete. Das Herz hämmerte stakkatohaft in seiner Brust.
Sie wirkten wie die Ameisen, die er als Kind oft im Hinterhof beobachtet hatte, die in ihrem Eifer durcheinander wimmelten und übereinander drüberkletterten, immer in Bewegung und auf der Suche.
Wer da hineingeriet, konnte leicht verloren gehen.
Er erinnerte sich an die Chemiestunden, die er in der Schule gehabt hatte, daran, dass auch Atome sich immerzu bewegten, sich vermischten und durch semipermeable Membranen diffundierten, und dabei nie zusammenstießen. Auch Elektronen bewegten sich ständig, so schnell, dass man nicht feststellen konnte, an welchem Ort sie sich gerade aufhielten, gleichzeitig überall und nirgends.
So waren diese Menschen, gleichzeitig überall und nirgends, mit ihren Körpern noch hier und mit den Gedanken schon an ihrem Ziel, gar nicht bewusst anwesend.
Die Finger seiner linken Hand schlossen sich fester um die Briefumschläge. Es wurde höchste Zeit, er konnte sie nicht noch länger liegen lassen, die Frau von der Behörde hatte gestern schon wieder angerufen.
Erneut atmete er ein. Und machte einen Schritt nach vorn, die Stufe hinunter.
Sofort schwoll der Lärmpegel um ihn herum an. Jemand stieß ihn an der Schulter an und er trat hastig aus dem Weg, nur um im selben Moment einer älteren Frau vor die Füße zu laufen. „Verzeihung“, murmelte er und machte, das er weiterkam, er drängte sich zwischen den Menschen hindurch, bis er vor der Bordsteinkante zum Stehen kam. Er spürte den Luftzug, als die Autos an ihm vorbei rasten. Am Ende der Straße war eine Fußgängerampel, aber das war ihm zu weit. Immer wieder sah er von rechts nach links, bis er sich schließlich einer kleinen Gruppe Jugendlicher anschloss, die offensichtlich ebenso wenig von Fußgängerampeln hielten wie er selbst.
Auf der anderen Seite blieb er erstmal stehen und rang nach Luft.
Wie er es hasste.
Er richtete sich wieder auf und heftete seinen Blick an das Ziel. Es war gelb, schwer zu übersehen. Nicht mehr weit, höchstens noch 5 Meter.
Er drehte den Kopf und sah zum Hauseingang zurück. 15 Meter, und der unaufhörliche Strom der Autos, der ihn davon trennte. Es hätten genauso gut 15 Meilen sein können.
Mit hastigen, verkrampften Schritten ging er los. Das Gelb stach aus der Masse der Menschen hervor, leitete ihn hindurch. Einmal stolperte er beinahe über einen Hund, einen dieser kleinen Terrier, die man allzu leicht übersah. Er ging weiter.
Weniger als ein Meter trennte ihn noch von seinem Ziel, als ihn plötzlich jemand anrempelte. Dieser jemand stolperte geradezu in ihn hinein, und aus reinem Reflex packte er die junge Frau am Arm und verhinderte, dass sie fiel. Ein Handy landete klappernd auf dem Pflaster.
„Verzeihung“, sagte er wie aus Reflex, aber die Frau schüttelte eilig den Kopf, das die kinnlangen blonden Haare flogen. „Nein, meine Schuld, ich habe nicht aufgepasst, das tut mir wirklich Leid“, sprudelte es aus ihr hervor. Ihr Blick fiel auf den Boden. „Ach herrje!“
All die weißen Briefumschläge waren ihm bei dem Zusammenstoß aus den Händen geglitten und hatten sich wie die Splitter eines zerbrochenen Glases um sie her auf dem Bürgersteig verteilt.
Sofort kniete sie sich hin und begann sie aufzusammeln. „Sie müssen wirklich nicht –“, setzte er an, doch sie unterbrach ihn: „Natürlich, ohne mich wäre dieses Schlamassel ja gar nicht erst passiert – man sollte in diesem Getümmel wirklich nicht telefonieren…“ Sie hob ihr Handy auf, durch dessen Display sich jetzt ein hässlicher Sprung zog. „Na wundervoll“, seufzte sie. Dann richtete sie sich auf und reichte ihm die Briefe.
„Ich kann Ihnen das ersetzen“, sagte er.
„Jetzt seien Sie bloß nicht albern“, entfuhr es ihr. Dann fügte sie hinzu: „Nein, tut mir Leid, Sie sind ja bloß ein Gentleman – aber das war nun wirklich meine eigene Schuld.“ Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und stöhnte auf. „Ich komme zu spät zur Arbeit. Mein Chef bringt mich um.“
„Das tut mir –“
„Nein, ich war ohnehin schon spät dran, wenn ich den Bus nicht verpasst hätte, hätte ich es vielleicht schaffen können, aber so…“ Sie zuckte die Schultern und grinste. „Am Ende ist wohl mein Wecker Schuld an dem ganzen Chaos, der hat nämlich heute Morgen nicht geklingelt.“
„Dann sollten Sie wohl besser einen Neuen kaufen“, sagte er mit einem leichten Lächeln.
„Ja, das sollte ich wohl“, gab sie zurück und erwiderte das Lächeln.
Für einen Moment standen sie einander nur gegenüber, während der Menschenstrom an ihnen vorbeizog. Dann sagte sie plötzlich: „Kann ich sie auf einen Kaffee einladen?“ Und da sich seine Irritation wohl auf seinem Gesicht widerspiegelte, fügte sie hinzu: „Jetzt ist ohnehin alles zu spät, dann kann ich auch mal Arbeit Arbeit sein lassen und mich stattdessen formvollendet bei Ihnen entschuldigen. Das Café da hinten ist mein Stammcafé. – Also nur, wenn Sie wollen.“
Er folgte ihrem Blick: 60 Meter, vielleicht etwas mehr. Weit. Er holte tief Luft. Er hörte sich selbst „Okay“ sagen.
Ein Klappern ertönte, als die Briefe im Briefkasten verschwanden. Dann folgte er ihr.
Er hatte Unrecht gehabt: Teilchen stießen tatsächlich hin und wieder zusammen.
Er war niemals allzu gut in Chemie gewesen.
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Date: 2010-06-09 10:48 am (UTC)Mehr hab ich dazu eigentlich nicht zu sagen ^^***
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Date: 2010-06-09 05:15 pm (UTC)Ich mag das. Ich mag, wie er sich selbst okay sagen hört und feststellt, dass es das tatsächlich ist. Und du kannst so geil atmosphärisch schreiben... Ich könnte nicht einmal sagen, woran es liegt, aber am Anfang erlebt man die beklemmende Hektik und dann starrt man die Frau an, die genauso hektisch ist mit all ihrem Reden und dann lächeln sie und alles ist ruhig. Wow.
no subject
Date: 2010-06-09 09:24 pm (UTC)