Titel: Draußen
Autor: Servena
Fandom: Elfquest
Challenge: Hunde, die bellen, beißen nicht
Team: Van Gogh
Kommentar: Ja, schon wieder. Und ich hoffe, alles erklärt sich von selbst. Aber da ich das Fandom ja kenne, bin ich mir da nicht so sicher, also - fragt einfach, wenn etwas unklar ist. :)
Ihre Finger fuhren erst über seine Wange, dann vergruben sie sich in seine langen schwarzen Haare. Sie zog ihn an sich und er ließ es geschehen, fuhr seinerseits mit seinem Mund über ihren Hals. Als er den Kopf hob, fiel sein Blick auf sie.
Er konnte es nicht ertragen, sie anzusehen. Die Art, wie sie sich an ihn klammerte, ihn umschlang, diesen blonden Wilden, den er verabscheute. Unbewusst ballte er die Finger zur Faust.
Wie er sie küsste, so sanft und zärtlich, ein schmerzvoller Abschied vor aller Augen. Morgen schon konnten sie tot sein. Der Wilde, er selbst, Kahvi.
Diese hatte seinen Blick verfolgt, und der wissende Ausdruck in ihren Augen beschämte ihn. Die Anführerin der Schneeelfen zog ihn an, faszinierte ihn, dieser Mut und Kampfeswille, den man nirgendwo in seinem eigenen Volk finden konnte. Das Sonnenvolk war schwach, weich geworden von Jahrtausenden ohne Krieg. Er hatte sich nie wirklich zugehörig gefühlt, hatte sich nie zufrieden geben können mit diesem Leben.
Jetzt war er dank Ekuar ein stärkerer Magier als jemals zuvor, doch das einzige, was er wirklich wollte, sie, konnte er nicht haben. Leetahs Anblick verfolgte ihn in all seine Gedanken; die dunkelroten Haare, die ihr in Locken den Rücken hinunterfielen, die dunkle Haut wie seine eigene, die grünen Augen.
Er konnte nicht glauben, dass er ihm das Leben gerettet hatte. Doch in seinem Inneren wusste er, dass selbst wenn Schnitter morgen fallen würde, er keine Chance hätte. Er hatte in all den Jahren in Wahrheit nie eine Chance gehabt.
„Komm her“, sagte Kahvi, doch er stand auf und wandte sich ab. Mit raschen Schritten durchquerte er den Raum, streifte mit seinem Blick noch kurz Langbogen und Mondschatten, die sich eng umschlungen hielten, als gäbe es außer ihnen nichts auf der Welt.
Draußen schlug ihm eisige Kälte entgegen. Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, als er sich ohne ein bestimmtes Ziel von dem Unterschlupf der Schneeelfen entfernte. Sein Atem kam in weißen Wolken aus seinem Mund und er zog den Kragen seiner Pelzjacke höher.
Am Gatter, wo die Rentiere standen, blieb er stehen und lehnte sich an die Umzäunung.
Es würde niemals anders sein. Ganz gleich, wo er hinkam. Er konnte nicht bekommen, was er wirklich wollte, das einzige, was er wollte. Bereits morgen konnte er sterben, doch der Gedanke löste keine Angst aus.
Der Wind trug das Heulen der Wölfe hinüber, doch auch die Geräusche eines Kampfes. Rayek verzog das Gesicht. Das Wolfsrudel machte beinahe genauso viel Ärger wie ihre Besitzer.
Noch etwas, das die Wolfsreiter zu Barbaren machte. Auch das Sonnenvolk hielt sich Tiere zu ihren Diensten, die großen Zwoots, die Pferden ähnelten, hatte Rayek oftmals selbst mit seinen magischen Kräften ins Dorf gelockt. Auch die Schneeelfen nutzten die Rentiere als Reittiere. Doch die Wolfsreiter waren auf eigentümliche Weise mit den Wölfen verbunden, sie selbst hatten Wolfsblut in ihren Adern, hieß es. Konnte es einen besseren Beweis für ihre Wildheit geben, als ihre Verbindung mit diesen geifernden, zähne fletschenden Tieren?
Vermutlich war diese Verwandtschaft auch das einzige, was Schnitter bei dem Sturz in die Trollfalle gerettet hatte. Drei ausgehungerte Wölfe hatten dort gelauert, waren jedoch nicht über ihn hergefallen.
Rayek wünschte sich plötzlich, sie hätten es getan.
Während diese Gedanken ihm durch den Kopf gingen, war er weitergegangen, und jetzt sah er auch die Ursache der Geräusche: Zwei Wölfe standen sich gegenüber und knurrten einander mit gefletschten Zähnen an. Rayek erkannte den großen grauen Wolf: Er war der Anführer der Wölfe aus der Trollgrube, die Ekuar, der Steinformer, aus Mitleid befreit hatte.
Schnitter hatte ihm den Namen Eiskrieger gegeben, und Rayek fand das passend: Eis hing in seinem Fell und er hatte sich bis jetzt als äußerst wehrhaft herausgestellt. Selbst Schnitter schien sich nicht so recht mit seinem neuen Gefährten anfreunden zu können, doch Nachtläufer war gestorben, und kurz vor der Schlacht hatte er keine andere Wahl.
Rayek beobachtete, wie mehrere Wölfe des Rudels den Eindringling bedrängten. Schließlich packte ein junger Wolf den Fremden und biss ihm in die Schulter. Eiskrieger zog sich mit einem Grollen zurück.
„Tja, mein Freund, da kann man nichts machen“, murmelte er. Plötzlich empfand er Sympathie für den Ausgestoßenen.
Der große Graue entfernte sich von dem Rudel und fixierte plötzlich den Elf aus stechenden gelben Augen. Er zog die Lefzen hoch und zeigte die Fangzähne.
„Ich würde das nicht tun, wenn ich du wäre“, sagte Rayek warnend. Doch der Wolf trat näher und knurrte.
Ihm kam der Gedanke, dass er für den Wolf wohl eher Beute war als Rivale, schließlich war er kein Wolfsreiter. Das musste aber nicht heißen, dass er sich fressen lassen würde.
Ohne den Blick abzuwenden, tastete er mit seinem Bewusstsein die Umgebung ab und fand neben sich einen faustgroßen Stein. Er erinnerte sich an Ekuars Lektionen und konzentrierte sich – der Stein begann zu schweben.
„Immer noch interessiert daran, dich mit mir anzulegen?“, fragte er, doch das hatte bereits genügt. Der Wolf erkannte, dass er diesem Gegner nicht gewachsen war, und machte einige Schritte rückwärts.
„Besser.“ Er wandte sich ab. Das kurze Hochgefühl, das er beim Anwenden seiner Kräfte empfunden hatte, verflog rasch.
Morgen würden sie in die Schlacht ziehen, ob den Palast zurückzuerobern – das Zuhause ihrer Vorfahren, der Hohen. Er fragte sich, wie es sein würde, in den alten Hallen zu wandeln. Es hieß, die Hohen hätten Magie beherrscht, wie es heutzutage niemand mehr vermochte.
Wir sind nur noch ein Schatten unserer selbst, dachte er verbittert. Alles wurde vergessen, im Kampf um das Überleben aufgegeben. Wir sind schwach geworden.
Und ausgerechnet unter der Führung des blonden Barbaren sollten sie all das wiederentdecken?
Hinter ihm ertönte ein Grollen und Knurren, und er fuhr herum. Der graue Wolf hatte sich dem Rudel erneut genähert, und diesmal ließ er sich nicht vertreiben. Hartnäckig bedrängte er dem Rudelführer.
Nach Nachtläufers Tod hatte ein roter Wolf namens Dornstich das Rudel übernommen. Rayek meinte sich zu erinnern, dass er Langbogen, dem Bogenschützen, gehörte. Eiskrieger hatte den Rivalen inzwischen etwas abseits des Rudels gestellt. Drohend aufgerichtet standen sie einander gegenüber und begannen sich dann zu umkreisen. Der Rest der Wölfe wagte nicht, sich einzumischen.
Rayek stellte zu seiner eigenen Verwunderung fest, dass er dem Grauen Glück wünschte.
Unvermittelt stieß dieser vor und biss dem anderen in die Flanke. Dornstich heulte auf und die beiden stürzten sich aufeinander. Sie hielten sich gegenseitig mit den Zähnen gepackt und rangen miteinander; rings um sie stob der Schnee unter ihren wirbelnden Pfotenn auf. Für einen Moment konnte Rayek nichts sehen. Dann erkannte er, dass Eiskrieger seinen Rivalen niedergerungen hatte und jetzt mit gebleckten Zähnen über ihm aufragte. Die Kehle seines Gegners war ihm schutzlos dargeboten. Doch er biss nicht zu. Stattdessen wandte er sich ab und stieß ein triumphierendes Heulen aus, das von den nahen Bergen widerhallte.
Als er sich dem Rudel näherte, wagte es niemand zu knurren. Stattdessen senkten die Wölfe ergeben den Kopf.
Rayek zuckte zusammen, als sich ihm eine schwere Hand auf die Schulter legte. Er hatte die Schritte im Schnee gar nicht gehört, so versunken war er in das Schauspiel gewesen, das vor seinen Augen stattfand.
„So macht ein Anführer das“, erklang eine dunkle Stimme hinter ihm. Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es Kahvi war.
„Hast du deinen Rivalen damals auch gebissen?“, gab er zurück.
„Nein, aber geblutet hat er trotzdem.“
Er wandte sich zu ihr um. Sie stand mit verschränkten Armen abwartend da und er hatte keinen Zweifel, dass es so gewesen war.
„Möchtest du hier draußen auf Morgen warten?“, fragte sie spöttisch. „Oder kommst du mit hinein?“
Für einen Moment zögerte er.
„Morgen könnten wir tot sein“, fügte sie hinzu.
„Nach dieser Devise lebt ihr immer, oder?“ Er wartete nicht auf ihre Antwort, stattdessen folgte er ihr zurück in den Unterschlupf.
Draußen heulte der neue Anführer des Rudels.
Wie man sieht: Wölfe bellen nicht, aber beißen dafür.