[erstes Päckchen] Teilchenbewegung
Jun. 7th, 2010 11:28 pmTeam: Sartre
Fandom: Original ("I once ruled the World")
Personen: Sie und Er (sie haben inzwischen Namen, aber irgendwie bleib ich gerne bei den Bezeichnungen)
Challenge: 1. Päckchen: Teilchenbewegung
Warnung: nur für solche, die sich schnell ekeln: Ungewaschene Körper
Wörter: 876
Anmerkung: Für ein bisschen Atmosphäre empfehle ich als Score die Yoshida Brothers "National Anthem"
Das menschliche Leben beginnt jenseits der Verzweiflung.
[Jean-Paul Sartre]
Sie weiß nicht, wieviel Grad es sind; sie hat eigentlich nie ein Thermometer in der Nähe. Aber es sind wahrscheinlich um die 33 Grad im Schatten.
Der Sommer hat sie in den uralten, japanischen Klauen und er drückt und drückt und drückt.
Den gesamten Tag hindurch nur Laufen.
Ab und zu trauen sie sich beide in einen Bummelzug und fahren zwei-drei Stationen. Wenn sie richtig mutig sind, sogar fünf oder sechs. Aber dann zieht sie ihn nervös aus der Bahn, unter den starrenden, schweigend-schreienden Augen von kleinen altem Damen mit purpurfarbenen Sonnenhüten und noch älteren Männern mit Angelausrüstung und faltigen, winzigen Augen.
An ihrer rechten Sandale löst sich langsam ein Riemen. Bald wird sie den Schuh verlieren. Bei jedem Schritt starrt sie auf dieses Schlappen aus Braun, aus warmem Leder. Der Schweiß rinnt ihr in Strömen den Leib hinunter, die Luft ist dick und feucht. Man geht zwei Schritte und schon ist man nass. Sie hofft inständig, dass sie sich bald daran gewöhnt haben wird.
Der Sonnenbrand ist unerträglich.
„Du musst nicht mitgehen“, sagt er eines Abends als sie neben einem Reisfeld rasten. Die Mücken sind unerträglich- es ist ja überall Wasser. Das ist das Japan, in das sich die europäischen und amerikanischen Life-Style-Menschen nicht verliebt zu haben scheinen- die Abwesenheit von Klimaanlagen, Schminke, Pink und Geld. Das hier ist ein Vorort nach dem nächsten, ein dreckiger, enger Teil von Ausläufern einer Zivilisation, die sich ganz auf Tokyo konzentriert. Er lotst sie durch mit einer sturen Beharrlichkeit, die mit jedem Tag wächst.
Er sagt zwar `Du musst nicht mit mir gehen´, aber sie spürt, dass er es nur sagt, weil er muss. Weil ihn seine Prägung dazu bringt.
Wenn er nachts neben ihr liegt, in seinen Träumen zittert, sich einkugelt wie ein stachelloser Igel und mit den Zähnen knirscht als wollte er seine Kiefer zerreiben, weiß sie, dass sie vielleicht- so schleimig das auch klingt- einander brauchen. Er braucht, dass sie eine dumme, blonde Ausländerin ist, die keine Ahnung hat, wie man die Worte richtig betont. Sie braucht, dass er sie zum Schein heimschicken will und sich jede Nacht vor dem Einschlafen wundert, warum man ihm in der Hauptstadt ein Butterfly-Messer an die Kehle gesetzt hat. Es ist soziopathische Zärtlichkeitsbekundung.
Mir hat die Welt gehört! Ich versteh nicht, was die plötzlich gegen mich haben. Was hab ich ihnen denn getan?
Und er versteht nicht- hat scheinbar noch nie verstanden, dass er das Symbol eines Lebensstiles ist, der das Land immer tiefer in die Rezession gedrängt hat, der die Armen noch ärmer hat werden lassen und die Reichen immer erhabener.
Das Schleimige zieht sich weiter durch den Tag.
Dabei sind sie nicht mal ein hübsches Paar. Er ist so dünn geworden, dass sie durch das T-Shirt seine Rippen zählen kann. Sie glänzt vor Schweiß, sie ist rot vor Sonnenbrand und stinkt zum Gottererbarmen. Wo soll man duschen wenn man heimatlos und mit einem Aussätzigen durch das Land streift? Der Dreck sammelt sich unter Fuß- und Fingernägeln. Es hat alles ein bisschen was von Herr der Fliegen. All diese grässlichen, ekelhaften Teilchen an ihr schwingen schnell, von der Hitze angetrieben.
Ab und zu ertappt sie sich und ihn dabei, wie sie zu Steinzeitmenschen zu mutieren scheinen.
Wenn sie ihn nachts lange, lange betrachtet und in seine Mückenstiche beißt, damit er sie nicht immer und immer wieder aufkratzt. Wenn er ihr die sich schälende Haut in kleinen Fetzen von den Schultern zieht.
Hin und wieder hat sie das Gefühl, dass sie beide selbst nichts anderes mehr sind als schwingende Teilchen, die sich mal aufeinander zubewegen und mal voneinander abstoßen.
Es hat nichts zu tun mit banalen Gefühlsbezeichnungen wie „verliebt“ oder „befreundet“. Sie sind zwei Leben, die sich zufällig gefunden haben und parallel verlaufen.
Es ist der Hängebrücken-Effekt, dass er sie nachts an sich zieht. Es ist die Tatsache, dass sie beide vor derselben Sache Angst haben, dass sie ihm heimlich ihren Anteil der abgezählten Wegzehrung zusteckt.
Manchmal entlockt sie ihm fast so etwas wie eine philosophische Diskussion.
Wenn sie die Kamera auf ihn richtet- sie betreibt irgendwo noch immer Studien- und er verwandelt sich in dieselbe reizende Hure wie damals, sobald ein Objektiv auf ihn gerichtet wird. `Wenn wir schon sterben werden´, denkt sie sich, `dann können wir bis dahin wenigstens unsere Professionen ausüben´.
„Du wünscht dir sicher, einen anderen Weg eingeschlagen zu haben, oder?“, sagt sie.
„Ich weiß nicht“, entgegnet er langsam und seine Hände kratzen getrockneten Schlamm von seinen nackten Unterschenkeln.
„Ich kenne nur den einen. Auch wenn ich weiß...dass ich einer von denen sein könnte.“
Die Zeit zieht sich ewig lang unter den von Zikaden zerschrienen Bäumen, unter der Sonne und dem Schweiß, der salzig in den Augen brennt. Es sind ganz andere Dinge wichtig als noch vor einem Monat. Jeder Yen zählt. Jede Begegnung mit einem Menschen kann fatal sein. Jede Nacht ist wunderbar und grausam.
So laufen und leben sie dahin, seitdem seine Familie ihn vom Elternhaus weggejagt hat. Es gibt Mailkontakt zum Ausland und einen Ort, an dem man sie abholen und evakuieren könnte.
Aber der Weg ist lang, weit. Und vielleicht gehen sie ihn nie zuende.
Sie weiß, dass sie sich verwandelt; in ein kleines, braunes, dreckiges Tierchen.
Manchmal kümmert es sie nicht mehr.
Das ist Menschsein.
Sie ist ein schwingendes Teilchen.
Fandom: Original ("I once ruled the World")
Personen: Sie und Er (sie haben inzwischen Namen, aber irgendwie bleib ich gerne bei den Bezeichnungen)
Challenge: 1. Päckchen: Teilchenbewegung
Warnung: nur für solche, die sich schnell ekeln: Ungewaschene Körper
Wörter: 876
Anmerkung: Für ein bisschen Atmosphäre empfehle ich als Score die Yoshida Brothers "National Anthem"
Das menschliche Leben beginnt jenseits der Verzweiflung.
[Jean-Paul Sartre]
Sie weiß nicht, wieviel Grad es sind; sie hat eigentlich nie ein Thermometer in der Nähe. Aber es sind wahrscheinlich um die 33 Grad im Schatten.
Der Sommer hat sie in den uralten, japanischen Klauen und er drückt und drückt und drückt.
Den gesamten Tag hindurch nur Laufen.
Ab und zu trauen sie sich beide in einen Bummelzug und fahren zwei-drei Stationen. Wenn sie richtig mutig sind, sogar fünf oder sechs. Aber dann zieht sie ihn nervös aus der Bahn, unter den starrenden, schweigend-schreienden Augen von kleinen altem Damen mit purpurfarbenen Sonnenhüten und noch älteren Männern mit Angelausrüstung und faltigen, winzigen Augen.
An ihrer rechten Sandale löst sich langsam ein Riemen. Bald wird sie den Schuh verlieren. Bei jedem Schritt starrt sie auf dieses Schlappen aus Braun, aus warmem Leder. Der Schweiß rinnt ihr in Strömen den Leib hinunter, die Luft ist dick und feucht. Man geht zwei Schritte und schon ist man nass. Sie hofft inständig, dass sie sich bald daran gewöhnt haben wird.
Der Sonnenbrand ist unerträglich.
„Du musst nicht mitgehen“, sagt er eines Abends als sie neben einem Reisfeld rasten. Die Mücken sind unerträglich- es ist ja überall Wasser. Das ist das Japan, in das sich die europäischen und amerikanischen Life-Style-Menschen nicht verliebt zu haben scheinen- die Abwesenheit von Klimaanlagen, Schminke, Pink und Geld. Das hier ist ein Vorort nach dem nächsten, ein dreckiger, enger Teil von Ausläufern einer Zivilisation, die sich ganz auf Tokyo konzentriert. Er lotst sie durch mit einer sturen Beharrlichkeit, die mit jedem Tag wächst.
Er sagt zwar `Du musst nicht mit mir gehen´, aber sie spürt, dass er es nur sagt, weil er muss. Weil ihn seine Prägung dazu bringt.
Wenn er nachts neben ihr liegt, in seinen Träumen zittert, sich einkugelt wie ein stachelloser Igel und mit den Zähnen knirscht als wollte er seine Kiefer zerreiben, weiß sie, dass sie vielleicht- so schleimig das auch klingt- einander brauchen. Er braucht, dass sie eine dumme, blonde Ausländerin ist, die keine Ahnung hat, wie man die Worte richtig betont. Sie braucht, dass er sie zum Schein heimschicken will und sich jede Nacht vor dem Einschlafen wundert, warum man ihm in der Hauptstadt ein Butterfly-Messer an die Kehle gesetzt hat. Es ist soziopathische Zärtlichkeitsbekundung.
Mir hat die Welt gehört! Ich versteh nicht, was die plötzlich gegen mich haben. Was hab ich ihnen denn getan?
Und er versteht nicht- hat scheinbar noch nie verstanden, dass er das Symbol eines Lebensstiles ist, der das Land immer tiefer in die Rezession gedrängt hat, der die Armen noch ärmer hat werden lassen und die Reichen immer erhabener.
Das Schleimige zieht sich weiter durch den Tag.
Dabei sind sie nicht mal ein hübsches Paar. Er ist so dünn geworden, dass sie durch das T-Shirt seine Rippen zählen kann. Sie glänzt vor Schweiß, sie ist rot vor Sonnenbrand und stinkt zum Gottererbarmen. Wo soll man duschen wenn man heimatlos und mit einem Aussätzigen durch das Land streift? Der Dreck sammelt sich unter Fuß- und Fingernägeln. Es hat alles ein bisschen was von Herr der Fliegen. All diese grässlichen, ekelhaften Teilchen an ihr schwingen schnell, von der Hitze angetrieben.
Ab und zu ertappt sie sich und ihn dabei, wie sie zu Steinzeitmenschen zu mutieren scheinen.
Wenn sie ihn nachts lange, lange betrachtet und in seine Mückenstiche beißt, damit er sie nicht immer und immer wieder aufkratzt. Wenn er ihr die sich schälende Haut in kleinen Fetzen von den Schultern zieht.
Hin und wieder hat sie das Gefühl, dass sie beide selbst nichts anderes mehr sind als schwingende Teilchen, die sich mal aufeinander zubewegen und mal voneinander abstoßen.
Es hat nichts zu tun mit banalen Gefühlsbezeichnungen wie „verliebt“ oder „befreundet“. Sie sind zwei Leben, die sich zufällig gefunden haben und parallel verlaufen.
Es ist der Hängebrücken-Effekt, dass er sie nachts an sich zieht. Es ist die Tatsache, dass sie beide vor derselben Sache Angst haben, dass sie ihm heimlich ihren Anteil der abgezählten Wegzehrung zusteckt.
Manchmal entlockt sie ihm fast so etwas wie eine philosophische Diskussion.
Wenn sie die Kamera auf ihn richtet- sie betreibt irgendwo noch immer Studien- und er verwandelt sich in dieselbe reizende Hure wie damals, sobald ein Objektiv auf ihn gerichtet wird. `Wenn wir schon sterben werden´, denkt sie sich, `dann können wir bis dahin wenigstens unsere Professionen ausüben´.
„Du wünscht dir sicher, einen anderen Weg eingeschlagen zu haben, oder?“, sagt sie.
„Ich weiß nicht“, entgegnet er langsam und seine Hände kratzen getrockneten Schlamm von seinen nackten Unterschenkeln.
„Ich kenne nur den einen. Auch wenn ich weiß...dass ich einer von denen sein könnte.“
Die Zeit zieht sich ewig lang unter den von Zikaden zerschrienen Bäumen, unter der Sonne und dem Schweiß, der salzig in den Augen brennt. Es sind ganz andere Dinge wichtig als noch vor einem Monat. Jeder Yen zählt. Jede Begegnung mit einem Menschen kann fatal sein. Jede Nacht ist wunderbar und grausam.
So laufen und leben sie dahin, seitdem seine Familie ihn vom Elternhaus weggejagt hat. Es gibt Mailkontakt zum Ausland und einen Ort, an dem man sie abholen und evakuieren könnte.
Aber der Weg ist lang, weit. Und vielleicht gehen sie ihn nie zuende.
Sie weiß, dass sie sich verwandelt; in ein kleines, braunes, dreckiges Tierchen.
Manchmal kümmert es sie nicht mehr.
Das ist Menschsein.
Sie ist ein schwingendes Teilchen.
no subject
Date: 2010-06-07 10:12 pm (UTC)zurück zur Geschichte. Auch wenn es sich komisch anhört, aber ich mag wie eklig du Menschen darstellen kannst. Und es hat tatsächlich was von Herr der Fliegen, auch wenn du dich hier eher aufs Äußere konzentrierst.
soziopathische Zärtlichkeitsbekundung gefällt mir besonders.
no subject
Date: 2010-06-08 05:20 am (UTC)Danke =)
Ich glaube, ich kann Romantik einfach nicht mehr romantisch verpacken. Dann muss man auch Kitsch Schmutz machen oder so. ._.
no subject
Date: 2010-06-09 08:03 pm (UTC)Zum ersten Mal 'wow', weil die Story den Challenge so hingedreht hat, dass ich fast mit offenem Mund dasaß. Und trotzdem kommt es mir jetzt so vor, als könnte man es gar nicht anders interpretieren. Respekt!
Zweites 'wow', weil die Darstellung die Charas so lebendig ist, die Szene so echt, dass es einen wirklich fast anekelt. Man sieht es nicht nur nur, man spürt es schon fast.
Und ein letztes mal 'wow' für die Zeile:
- Sie sind zwei Leben, die sich zufällig gefunden haben und parallel verlaufen. -
Der einzige Minuspunkt, der mir jetzt noch einfällt, ist dass der Abschnitt eben zu sehr ein Abschnitt ist. Ich weiß, ich weiß, 120 Minuten sind nicht viel und wenn man mit der Welt vertrauen ist, wo sich das abspielt, schwindet das Gefühl bestimmt... aber vielleicht auch dadurch, dass die beiden sich schon ein Leben lang zu kennen scheinen, kommt man sich wirklich wie ein Spanner vor. Jemand, der zufällig vorbei läuft und ins fremde Fenster spannt. Man fühlt sich von den beiden ausgeschlossen.
Habe ich schon erwähnt, dass ich Texte absolut liebe, die es schaffen einem den Gemüt so zu verändern? *___*"
PS: Ich mag die Band auch >3
..und ich mag mehr von beiden Teilchen hören >3
no subject
Date: 2010-06-10 07:02 pm (UTC)Vielen Dank =D
Und vielen Dank für die Beschreibung, das zeigt mir doch, dass ich den Eindruck, den ich rüberbringen wollte, zumindest ansatzweise getroffen habe!
Solltest du Interesse daran haben, kannst du unter meinem Autorentag nachgucken, ich hab zu den beiden schon einige Sachen geschrieben (Arbeitstitel ist "I once ruled the world"), mit den Fetzen dürfte sich schon so etwas wie ein kleines Gesamtbild ergeben.
no subject
Date: 2010-06-09 09:32 pm (UTC)Ansonsten...kann ich nicht einfach 'Sprachlos' hinschreiben?
Ja, man kommt sich ein wenig wie ein Eindringling vor, und gleichzeitig will man unbedingt mehr ber die beiden und die ganze Geschichte wissen. Aber es ist okay so, es ist schön und eklig und verrückt und verstörend...besonders verstörend.
no subject
Date: 2010-06-10 07:04 pm (UTC)Daanke =D
Ach, ihr macht mich glücklich, weil ihr mir hiermit die Erlaubnis gegeben habt, weiter zu den beiden zu schreiben *__*
Wie gesagt, ich hatte zu ihnen schon ein paar Sachen hier geschrieben, falls mehr Leselust bestehen sollte. 8D