[identity profile] wieldy22.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Prompt: Nostalgie
Szenario: Sachen ausmisten
Genre: Teenager/erste Liebe/blah...
Wörter: 910
Fandom: Original


Diesen Mantel trug ich im Frühling, als ich gerade siebzehn war. Es war ein schöner Frühling; viel zu warm für Mäntel; viele laue Maiennächte im April. Ich breite jedes Kleidungsstück vor mir auf dem Bett aus, befühle und betrachte es genau, bevor ich es auf einen von zwei Haufen werfe: behalten oder Altkleidersammlung. Der größere Haufen ist für die Altkleidersammlung bestimmt. Ich habe jetzt, nach zwanzig Jahren leben endlich zu meinem eigenen Stil gefunden. Das meiste, was ich bisher trug, passt nicht mehr zu mir, schon rein physisch, ich bin doch deutlich breiter um die Hüften geworden. Die Kleidungsstücke sehen heute nicht mehr lebendig aus. Ich hole sie vom vielen Waschen viel ausgeblichener als ich sie in Erinnerung hatte und vom langen Liegen zerknittert aus dem Schrank. Doch in den Hosen- und Jackentaschen finde ich meistens noch Dinge, die einmal mir gehörten. Durch die verstrichene Zeit haben sie aufgehört, mir zu gehören. Ich betrachte die Gegenstände wie Ausgrabungen, die eine ferne Zeit, eine fremde Kultur bezeugen. In meiner ersten Handtasche fand ich ein großes, glänzendes rundes Fünfmarkstück, mein erstes Tagebuch, das ich nie zu Ende führte und einen Ikeableistift. Ich habe so viele Geschichten mit diesen Ikeableistiften aufgeschrieben. Über die Gefühle, die ich als Zwölfjährige hatte, habe ich fast nur noch Erinnerungen, die mich sicherlich täuschen. Die schrecklich überzogenen Geschichten, die ich damals schrieb, existieren alle noch Wort für Wort, auch wenn ich sie nicht mehr lesen mag. Diesen Mantel kann ich, fürchte ich, nicht wegwerfen. Obwohl ich weiß, dass ich ihn nie wieder tragen werde. Er ist so schmutzig geworden. Selbst mit der Waschmaschine kann ich die Flecken nicht mehr herauswaschen. Das meiste ist Schlamm, aber es ist auch Gras dabei und gekleckertes Essen. Ich bin mit diesem Mantel auf Pfadfinderlager gewesen. Eigentlich hätte ich meine Kluft tragen sollen, doch durch irgendeine Dummheit hatte ich sie nicht dabei. Ich habe mich sehr nackt gefühlt. Es war seltsam, auf einmal so anders auszusehen wie alle anderen. Ein Halstuch habe ich trotzdem auf diesem Lager bekommen, auch wenn ich es ohne Hemd nicht tragen konnte. Ich bin viel zu kurz Pfadfinderin gewesen und zur falschen Zeit. Eingetreten bin ich erst mit fünfzehn und dann konnte ich viele Fahrten nicht mitmachen. Dieses erste größere Lager, auf dem ich den Mantel trug und auf dem ich so viele Leute traf, die ich nicht kannte, war genau genommen schon der Höhepunkt. Vor anderthalb Jahren habe ich meine Kluft wieder verkauft. Sie fehlt auf diesen beiden Haufen. Ich spüre fast eine Lücke. Ich glaube, Lagerfeuer in diesem Mantel riechen zu können. Und Bier. Zu viel Bier. Auf diesem Lager bin ich tagsüber viel zu selten beim Programm gewesen. Eigentlich war ich zu alt für diese ganzen Spiele, doch gleichzeitig war ich nicht reif genug, Verantwortung zu übernehmen und lange genug dabei bin ich erst recht nicht gewesen um selbst eine Sippe zu führen. Ich habe mich auch vor meinen Diensten gedrückt. Stattdessen habe ich in der Sonne gesessen, auf der Wiese oder direkt am See, häufig mit dem Rest meiner Sippe, wir waren damals nicht so viele, eine ideale Sippengröße eigentlich, und mit Johannes und Frieda. Johannes und Frieda waren Zwillinge, die wir alle erst auf dem Lager kennen gelernt hatten. Am ersten Tag mussten wir bei einem Kennenlernspiel irgendeine Aufgabe gemeinsam lösen, seitdem waren wir vier und die beiden unzertrennlich. Johannes und Frieda waren jünger als ich, fünfzehn. In meiner Sippe war ich damals die Älteste, die anderen drei waren so etwa fünfzehn oder sechzehn Jahre alt. Sie hießen Miri, Anne und Luisa. Und sie hatten alle ein Auge auf Johannes geworfen. Johannes war wirklich kein schlecht aussehender Junge. Er hatte weizenblondes Haar und haselnussbraune Augen. Normalerweise achte ich nicht auf Augenfarben, doch da besonders Anne soviel an dem Wort haselnussbraun gelegen war, habe ich noch heute ihre Stimme im Ohr. Jedes Mal, wenn ich Haselnüsse esse, höre ich sie schwärmen. Sie durfte das vermutlich auch, sie war schließlich die jüngste von uns. Frieda sah eigentlich genau so aus wie Johannes. Dieselben braunen Augen, Sonnensprossen an denselben Stellen um die Nase herum, sogar der ziemlich weit herausgewachsene Topfschnitt, der für einen Jungen recht lang war, für ein Mädchen aber kurz, war bei beiden der selbe. Jeden Abend haben wir uns so betrunken, obwohl es auf dem Lager offiziell gar keinen Alkohol gab. In der Innentasche des Mantels finde ich einige lose Blätter Druckerpapier und einen Ikeableistift. Das Druckerpapier ist auf diesem Lager leer geblieben. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich ziemlich viel mit Frieda und Johannes gekuschelt habe. Johannes hat mich ziemlich gerne gemocht, meine Sippe hat mir das natürlich übel genommen. Für mich aber war es das Schönste gewesen, meinen Kopf auf Friedas Brust zu legen und mich von ihr umarmen zu lassen. An diesem Abend hatte ich ein ganz besonderes Gedicht schreiben wollen, ich hatte mir im Kopf sogar schon einige Zeilen überlegt. Doch gerade als ich mir ein stilles Plätzchen gesucht hatte, überraschten mich Luisa und Johannes mit einer Flasche Bier in der Hand. Dieser Abend wurde noch lang, ich glaube, ich habe durchgemacht. Bis zu diesem Tag hatte ich das Gefühl gehabt, im Gegensatz zu meinen Freundinnen sehr vernünftig und erwachsen zu sein, weil ich für niemanden schwärmte. Ich hatte mich zu früh gefreut. So richtig kindisch wurde ich eigentlich erst ab dieser Nacht. Den Mantel packe ich zu den Sachen, die weg können. Das Gedicht, das ich damals nicht geschrieben habe, schreibe ich jetzt.

Date: 2010-05-25 09:11 pm (UTC)
From: [identity profile] leviathans-moon.livejournal.com
Doch in den Hosen- und Jackentaschen finde ich meistens noch Dinge, die einmal mir gehörten. Durch die verstrichene Zeit haben sie aufgehört, mir zu gehören. das klingt ein wenig komisch, irgendwie leicht holprig. Die Idee, dass Dinge durch Zeit ihre Zugehörigkeit verlieren find ich gut, aber vielleicht noch mal anders formulieren, so dass du vielleicht auch nicht die Wiederholung der Satzenden hast. Einen konkreten Vorschlag kann ich dir leider im Moment auch nicht geben *fail*.

Ich find die Beschreibungen schön. Ich bin ein Freund langer(und oft zu langer Sätze), weshalb es ungewohnt ist, so viele kurze zu lesen, aber ich denke, es macht auch ein wenig Sinn. Weil sie von Erinnerungen spricht, und Erinnerungen immer eher gestückelt sind, da passen die kurzen Sätze besser.
Am Ende fehlte mir ein wenig ihre Motivation, warum sie den Mantel nun doch wegwirft, ich hätte eher gedacht, sie behält ihn.
Aber dass sie dann das Gedicht schreibt, find ich gut^^.
(ich hoffe, es ist auch eine sie. ich hab das jetzt mal so angenommen.)

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