Schlangenkreis
May. 23rd, 2010 06:33 pmTitel: Schlangenkreis
Fandom: Original
Challenge: Traditionen
Genre: Angst
Wörter: 650
Disclaimer: ist tatsächlich alles meins*_*
Warnung: Für Depressionen oder Selbstmordgedanken übernehme ich keine Haftung. für krampfanfälle aufgrund schlechter Grammatik auch nicht.
Sein Kopf war zur Seite gedreht, die eingeritzten Schlangen am Handgelenk im Blickfeld. Das Handgelenk lag zu nah dran, so dass das Tattoo leicht verschwamm in seinem trägen Blick.
Er schloss die Augen und versuchte an Nichts zu denken. Eine Weile gelang es ihm auch. Er folgte seinem Atem und verdrängte Gehirnaktivitäten, die mehr Anstrengung erfordert hätten. Sein Wecker klingelte. Es war halb acht. So wie jeden Tag. Er drückte auf die Stoptaste, so wie jeden Tag. Er blieb liegen, denn heute war der Tag, an dem er Frühstück geholt hätte. Der Tag, an dem sie auf die Suche gegangen wären. Der Tag, an dem sie zum Mittag ins chinesische Restaurant mit arabischen Kellnern gegangen wären, um Chinapfanne mit Gyros zu essen. Der Tag, an dem sie abends gemeinsam ihre Eltern angerufen hätten, um ihnen in den Hörer zu schreien ‚Eine Woche noch!’.
Er öffnete wieder die Augen, sah die halbierten Schlangen an. Er legte Zeige- und Mittelfinger seiner linken Hand in die Lücke zwischen ihnen, so dass er sich vorstellen konnte, dass die weiße Schlange auf der Hälfte zur schwarzen wurde. Dass da nichts fehlte.
Sie waren damals vierzehn gewesen, noch, als sie es sich haben machen lassen. Das gegenseitige Geschenk zum Geburtstag, genau eine Woche vorher besorgt. Das war die kürzeste Shoppingtour, die sie je hatten. Die Zeit im Tattoostudio mit eingerechnet, obwohl es ein Krampf gewesen war, das Tattoo so zu machen, dass die Verbindung zwischen den Schlangenkörpern nur entstehen würde, wenn seine rechte Hand in ihrer linken lag. Er vermutete, der Tätowierer war noch nie so entnervt gewesen. Danach waren sie viel zu früh im Restaurant gewesen, viel zu früh wieder zu Hause, viel zu früh ihre Eltern angeschrieen, viel zu viel Ärger bekommen, viel zu früh im Bett gewesen und über alles und die Welt gequatscht.
Es war der beste Vor-Geburtstag-Gemeinsam-Gegenseitig-Geschenke-Besorg-Tag (V4GBT), den sie je hatten. Das beste Geschenk, abgesehen von den 1-Euro-Sonnenbrillen, die sie an einem Sonntag auf dem Flohmarkt gekauft hatten, weil sie an einem Sonntag Geburtstag hatten, und sie sich sonst nur Blumen aus dem Garten hätten schenken können. Seine Sonnenbrille war leider vor zwei Jahren kaputt gegangen, als sie sich raufgesetzt hatte. Sie hatte versucht eine neue zu finden, aber keine war so cool.
Das Telefon klingelte. Er ging nicht ran. Es würde seine Mutter sein, die versuchen würde, ihn aus dem Haus zu locken. Die versuchen würde, krampfhaft den Tag nachzustellen. Die kläglich scheitern würde, und es auch wüsste. Besser, er erspart es beiden und geht erst gar nicht ran. Er ließ es zu Ende klingeln, und angelte dann vom Bett aus nach dem Kabel, und zog es aus der Leitung.
Sein Magen grummelte, aber er ignorierte ihn, redete sich ein die Leere zu mögen, und zog die Decke über den Kopf.
Zehn Jahre. Zehn Jahre lang hatten sie V4GBT gehabt. Zehn Jahre lang hatten sie sich gegenseitig das gleiche geschenkt, nur oft in unterschiedlichen Farben. Zehn Jahre lang hatte er sich schon Monate vorher darauf gefreut.
Sein Handy klingelte. Bestimmt sein Vater. Bestimmt der gleiche Versuch. Bestimmt würden beide später vor seiner Haustür stehen. Er sollte die Klingel abstellen.
Er umfasste die Schlangen mit seiner linken Hand, versuchte sie abzudecken. Sie sollten verschwinden. Acht Jahre, und er hatte sie noch nie gehasst, hatte es noch nie bereut.
Aber es hatte sich verändert, und jetzt gefiel es ihm nicht mehr. Die Schlangen waren tot.
Zwei Stunden später würde er aufstehen, würde zum Tätowierer gehen, mit dem Vorsatz, sie sich weglasern zu lassen, denn sie hatten keinen Sinn mehr. Und er würde davor stehen und weinen, und der Tätowierer würde ihn irgendwann sehen, und mit diesem traurigen Blick, den er nicht mehr verstecken konnte, rauskommen und ihn nach Hause schicken, und er würde gehen, und sich dabei vorstellen, dass sie neben ihm laufen würde und seine Hand hält, und dass die Schlangen doch noch eins sind, und für immer miteinander verbunden.
Fandom: Original
Challenge: Traditionen
Genre: Angst
Wörter: 650
Disclaimer: ist tatsächlich alles meins*_*
Warnung: Für Depressionen oder Selbstmordgedanken übernehme ich keine Haftung. für krampfanfälle aufgrund schlechter Grammatik auch nicht.
Sein Kopf war zur Seite gedreht, die eingeritzten Schlangen am Handgelenk im Blickfeld. Das Handgelenk lag zu nah dran, so dass das Tattoo leicht verschwamm in seinem trägen Blick.
Er schloss die Augen und versuchte an Nichts zu denken. Eine Weile gelang es ihm auch. Er folgte seinem Atem und verdrängte Gehirnaktivitäten, die mehr Anstrengung erfordert hätten. Sein Wecker klingelte. Es war halb acht. So wie jeden Tag. Er drückte auf die Stoptaste, so wie jeden Tag. Er blieb liegen, denn heute war der Tag, an dem er Frühstück geholt hätte. Der Tag, an dem sie auf die Suche gegangen wären. Der Tag, an dem sie zum Mittag ins chinesische Restaurant mit arabischen Kellnern gegangen wären, um Chinapfanne mit Gyros zu essen. Der Tag, an dem sie abends gemeinsam ihre Eltern angerufen hätten, um ihnen in den Hörer zu schreien ‚Eine Woche noch!’.
Er öffnete wieder die Augen, sah die halbierten Schlangen an. Er legte Zeige- und Mittelfinger seiner linken Hand in die Lücke zwischen ihnen, so dass er sich vorstellen konnte, dass die weiße Schlange auf der Hälfte zur schwarzen wurde. Dass da nichts fehlte.
Sie waren damals vierzehn gewesen, noch, als sie es sich haben machen lassen. Das gegenseitige Geschenk zum Geburtstag, genau eine Woche vorher besorgt. Das war die kürzeste Shoppingtour, die sie je hatten. Die Zeit im Tattoostudio mit eingerechnet, obwohl es ein Krampf gewesen war, das Tattoo so zu machen, dass die Verbindung zwischen den Schlangenkörpern nur entstehen würde, wenn seine rechte Hand in ihrer linken lag. Er vermutete, der Tätowierer war noch nie so entnervt gewesen. Danach waren sie viel zu früh im Restaurant gewesen, viel zu früh wieder zu Hause, viel zu früh ihre Eltern angeschrieen, viel zu viel Ärger bekommen, viel zu früh im Bett gewesen und über alles und die Welt gequatscht.
Es war der beste Vor-Geburtstag-Gemeinsam-Gegenseitig-Geschenke-Besorg-Tag (V4GBT), den sie je hatten. Das beste Geschenk, abgesehen von den 1-Euro-Sonnenbrillen, die sie an einem Sonntag auf dem Flohmarkt gekauft hatten, weil sie an einem Sonntag Geburtstag hatten, und sie sich sonst nur Blumen aus dem Garten hätten schenken können. Seine Sonnenbrille war leider vor zwei Jahren kaputt gegangen, als sie sich raufgesetzt hatte. Sie hatte versucht eine neue zu finden, aber keine war so cool.
Das Telefon klingelte. Er ging nicht ran. Es würde seine Mutter sein, die versuchen würde, ihn aus dem Haus zu locken. Die versuchen würde, krampfhaft den Tag nachzustellen. Die kläglich scheitern würde, und es auch wüsste. Besser, er erspart es beiden und geht erst gar nicht ran. Er ließ es zu Ende klingeln, und angelte dann vom Bett aus nach dem Kabel, und zog es aus der Leitung.
Sein Magen grummelte, aber er ignorierte ihn, redete sich ein die Leere zu mögen, und zog die Decke über den Kopf.
Zehn Jahre. Zehn Jahre lang hatten sie V4GBT gehabt. Zehn Jahre lang hatten sie sich gegenseitig das gleiche geschenkt, nur oft in unterschiedlichen Farben. Zehn Jahre lang hatte er sich schon Monate vorher darauf gefreut.
Sein Handy klingelte. Bestimmt sein Vater. Bestimmt der gleiche Versuch. Bestimmt würden beide später vor seiner Haustür stehen. Er sollte die Klingel abstellen.
Er umfasste die Schlangen mit seiner linken Hand, versuchte sie abzudecken. Sie sollten verschwinden. Acht Jahre, und er hatte sie noch nie gehasst, hatte es noch nie bereut.
Aber es hatte sich verändert, und jetzt gefiel es ihm nicht mehr. Die Schlangen waren tot.
Zwei Stunden später würde er aufstehen, würde zum Tätowierer gehen, mit dem Vorsatz, sie sich weglasern zu lassen, denn sie hatten keinen Sinn mehr. Und er würde davor stehen und weinen, und der Tätowierer würde ihn irgendwann sehen, und mit diesem traurigen Blick, den er nicht mehr verstecken konnte, rauskommen und ihn nach Hause schicken, und er würde gehen, und sich dabei vorstellen, dass sie neben ihm laufen würde und seine Hand hält, und dass die Schlangen doch noch eins sind, und für immer miteinander verbunden.