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Titel: Schweigende Sterne
Autor: Inge McMax
Fandom: Original
Challenge: Abschied/Anfang
Wörter: 617
Disclaimer: Alles meins!

Kommentar: Nicht beta- gelesen... 

 

Ich stehe am Fenster und sehe in die Dunkelheit hinaus. Die Sterne sind klar und der Mond strahlt weit. Er ist so tief und groß, dass ich die Krater erkennen kann. Doch mein Blick ist stumpf und leer – sieht ohne zu sehen. Geht ins Leere. 

Auf dem Tisch steht eine einzelne Kerze, die den Raum nur schwach ausleuchtet. Eben genug, um nirgends gegen zu laufen. In meiner Hand halte ich ein Glas Rotwein, trocken und schwer. Seit Wochen halte ich mich daran fest. Die Flasche steht neben der Kerze. Die Leere unter dem Tisch. Zitternd atme ich den Rauch der Zigarette ein und inhaliere tief. „Atmen“, flüstere ich in die Stille der Hütte und versuche die Tränen zu unterdrücken. Tränen der Trauer. Der Einsamkeit. Der Hilflosigkeit.

Hier auf dem Berg gibt es kein Telefon. Kein Internet und auch sonst keinen Kontakt zur Außenwelt. Mein Handy liegt ausgeschaltet auf dem Tisch in meiner Wohnung in der Stadt. Ich will niemanden sehen, hören oder sprechen. Will allein sein mit meinem Schmerz.

Mein Blick gleitet höher zu den Sternen. „Warum“, frage ich und kann die Tränen doch nicht zurück halten. „Warum rufst du immer die zu dir, die uns am liebsten sind?“ Ruhelos gleitet mein Blick über den Himmel, als erwarte ich dort eine Antwort zu bekommen. Sein Gesicht zu sehen. Das Gesicht des Mannes, der mir am Herzen lag. Den Mann, den ich über alles geliebt habe und der mir so unerwartet plötzlich genommen wurde.

Es ist nicht mal zwei Wochen her und doch ist es so endgültig und unabdingbar. Seine kalte Asche wurde letzte Woche auf dem Friedhof am Stadtrand beigesetzt. Bereits lebend, hat er gern unter Bäumen gelegen und das Schattenspiel beobachtet. Und genauso soll es auch in der Ewigkeit sein. Er hätte den Platz sicher gemocht. Zumindest hoffe ich das sehr. Die Tränen rinnen schnell und stumm über meine Wangen. Der Schmerz ist zu tief. Abends, wenn ich versuche einzuschlafen und friere, da er mich nicht wärmen kann. Morgens, wenn ich aufwache und auf ein leeres Kissen sehe, anstatt in seine blauen Augen. Selbst nachts im Halbschlaf, kann ich seine Gegenwart an meinen Rücken spüren. Seine liebste Position beim Schlafen. Seine Wärme, die mich durchdringt und mir Geborgenheit schenkt. Bis zum Windhauch, der die Kälte bringt. Die Einsamkeit und die Tränen.

Nichts wird wieder mehr so sein wie früher. Alles ist unerwartet still. Bedrückend still. Kein Lachen, reden oder streiten. Da ist nur Stille, die mich umgibt und Leere. Wie ein Tagwandler, komme ich den Aufgaben nach. Räume sein Büro leer, bestelle Kränze und einen Grabstein. Regel seinen Nachlass und alles was Not tut, um der Welt wissen zu lassen, dass er gegangen ist. Unwiderruflich gegangen. Für immer. Auf Ewig. Doch jetzt gibt es nichts mehr zu regeln. Es ist alles getan. Nur seine Sachen in meiner Wohnung zeugen noch davon, dass er mal existiert hat. Doch ich bin noch nicht bereit sie zu entfernen. Ihn auch aus meinem Leben zu verbannen und auch noch den letzten Beweis seiner einstigen Existenz zu vernichten.

Wie soll ich Leben ohne ihn? Wie mich an Dingen erfreuen und weitermachen? Wie soll ein Leben ohne ihn funktionieren? Wie soll ich etwas Unmögliches möglich machen?

Ich ziehe noch einmal an der Zigarette und leere mein Glas. Die Tränen sind noch immer nicht versiegt. „Sag mir, wie es weitergehen soll. Sag mir, was ich tun soll.“ Flehend blicke ich erneut hoch in die Sterne, doch sie bleiben stumm. Keine Antwort. Keinen Rat. Träge lasse ich mich auf den Sessel fallen und schenke mir nach. Ich bin so antriebslos. Meine Kraft ist weg. Mit dir vergangen und verschwunden.

So viele Fragen quälen mich, doch eine ganz besonders: „Wie meistert man sein Leben allein?“ 



 

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