[identity profile] somali77.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Titel: Pflegenotstand
Fandom: Prince of Tennis
Warnings: Krankheit/Krankenhaus
Challenge: Kollisionen

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Yukimura blinzelte mühsam. Alles war verschwommen. Erst nach langen Momenten fand er wieder ein Gefühl dafür, wo seine Gliedmaßen lagen, und dass sie noch zu ihm gehörten. Sein Hals war schrecklich trocken und tat weh. Er versuchte zu schlucken. Über ihm waberte in den Nachwirkungen der Medikamente die weiße Krankenhausdecke.

Langsam verflogen die Müdigkeit und das Gefühl, dass ihm alles egal war. Langsam wurde sein Blick wieder klarer. Und langsam drängte sich ein existentiell dringendes Bedürfnis in sein Bewusstsein. Seine blasse Hand tastete nach der Klingel.

„Schwester“

Es passierte nichts. Stirnrunzelnd drückte er noch einmal.

„Schweeester!“

Das klang noch recht krächzend. Er räusperte sich. Neben seinem Bett entdeckte er einen Schnabelbecher mit Wasser, und sehr langsam nahm er einen Schluck. Danach ging es schon besser.

„Schweesteeeer!!“

Die Tür flog auf, eine weiß gekleidete Gestalt stürmte herein und scannte ihn mit kritischem Blick von oben bis unten.

„Sie müssen nicht schreien, wir hören es schon wenn sie klingeln!“ , informierte sie in etwas gereiztem Ton.
Yukimura hob skeptisch die Augenbrauen.

„Ich –habe- geklingelt!“ , betonte er, „Und kein Mensch ist gekommen!“

„Da müssen sie schon ein bisschen Geduld haben und vielleicht mal zwei Minuten abwarten! Wir haben auch noch andere Sachen zu tun! Was brauchen sie denn?“

Sie schien überhaupt nicht still stehen, oder ihm in die Augen sehen zu können, während sie redete. Ohne Pause kontrollierte sie in kürzester Zeit den Durchlauf der Infusion, klopfte das Kissen ein wenig auf, checkte die Füllung des Schnabelbechers und diese ekelhaften Blutsammelbehälter die ihm nach der Operation an Plastischläuchen aus der Wunde baumelten. Ihr ungeduldiger Ton irritierte ihn. Einerseits war er in seinem hilflosen Zustand fast eingeschüchtert davon, andererseits war er wütend. War das nicht ihr Job, sich um ihn zu kümmern?

„Ich muss mal zur Toilette“ , knurrte er in gedämpfter Lautstärke.

„Was?!“

„ICH MUSS MAL ZUR TOILETTE!“

Sie runzelte die Stirn zu einem Sturmgewitter.

„Hören sie mal, das ist doch kein Grund mich so anzubrüllen!“ , fauchte sie kaum weniger laut.

„Doch das ist es!“ , zischte Yukimura, der inzwischen kein Verständnis mehr dafür hatte, dass jemand der dafür Geld bekam, sich so unsensibel benahm, wenn es darum ging ihn zum umsorgen- ihn, der eine verdammt beschissene Krankheit und eine extrem schwere Operation hinter sich hatte, der wochenlang mit der quälenden Angst gelebt hatte, seinen Lebensinhalt vielleicht nie wieder ausüben zu können, oder womöglich zu sterben, und der jetzt um die grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse betteln musste, weil er momentan als menschliches Gemüse an Schläuchen hing und sich kaum aus eigener Kraft bewegen konnte. War das so viel verlangt, ein bisschen Feinfühligkeit zu zeigen?!

„Das ist es, weil sie ganz offensichtlich TAUB sind! Sie haben mich nicht verstanden, also musste ich es wohl LAUTER sagen!“

„Sie brauchen überhaupt nicht unverschämt zu werden! So kurz nach der Operation sollten sie nicht aufstehen! Sie können eine Urinflasche bekommen, und dann pinkeln sie da rein!“

Zack, und damit war die Tür wieder zu. Yukimura überlegte, ob es hilfreich sein würde, in Tränen auszubrechen. Vermutlich nicht. Diese Schwestern hier waren so abgebrüht, nicht einmal sein erbärmlicher Zustand schien Bemutterungsgefühle auszulösen.
Kurze Zeit später ging die Tür wieder auf, und die Schwester knallte ein deformiertes Plastikding in eine Halterung neben seinem Bett. Yukimura warf einen ungläubigen Blick darauf.
War das ihr Ernst?

Wer immer dieses Ding erfunden hatte musste entweder Berufssadist oder emotional benachteiligt gewesen sein, so dass er offenbar keinen Gedanken an mögliches Schamgefühl der Benutzer verschwendet hatte.
Es war DURCHSICHTIG!

Als ob sein Zustand nicht schon beschissen genug wäre! Der Kapitän von Rikkaidai, das brilliante Tennisgenie, das Kind Gottes blass und kraftlos in einem Krankenhausbett- und nebendran, für jeden der zur Tür herein kam gut sichtbar, seine verdammte Urinflasche?! Das war zu viel. Das war inakzeptabel.
Seine Leute würden ihn bald besuchen!

Sanada… guter Sanada, der für ihn Seigaku in den Boden getreten und die Medallie gewonnen hatte! Sein einziger Lichtblick in dieser Abscheulichkeit, die sich Klinik nannte.
Öffentliche Erniedrigung konnte er als Kapitän der Mannschaft nicht dulden.
Sein Daumen war wieder auf der Klingel.

„Schweeesteeer!“

Nichts passierte.

„Schweeeeesteeeeer!“

Nur die weißen Wände, die ihn anschwiegen.

„SCHWEEE-…!“

Da ging die Tür auf, und mit Erleichterung sah er, dass er diesmal eine andere erwischt hatte. Jung und zart und noch mit Spuren von Mitleid im weichen Gesicht-… die würde doch sicher Verständnis haben.

„Sie haben geklingelt?“ , piepste sie, obwohl das doch offensichtlich war.

Yukimura seufzte.

„Ja, sehen sie-… ich muss dringend zur Toilette und –dieses Ding- kann ich unmöglich benutzen! Wissen sie, meine Freunde kommen sobald der Arzt meint dass ich Besuch empfangen darf, und das ist doch wirklich zu peinlich!“

„Oh, ja“ , piepste die Schwester, und sah etwas betreten drein, „Also… aufstehen sollten sie noch nicht… aber ich kann ihnen eine Bettschüssel holen, wenn sie möchten?“

Als sie wieder weg war, warf Yukimura stöhnend den Kopf ins Kissen. Er kam zu dem Schluss, dass das was sich „Pflege“ im Krankenhaus nannte, nur den einzigen Zweck erfüllte, die bemitleidenswerten Bedürftigen zu erniedrigen und jegliche Spuren von menschlicher Würde und Stolz auszuräumen. Eine BETTSCHÜSSEL. Als ob es irgendeinen Menschen gab, der ohne Übung auf einer ekelhaften Bettschüssel wirklich- nunja. Natürlich konnte er nicht. Die Haltung war vollkommen falsch und verkrampft, der Metallrand schaurig kalt und unangenehm drückend, und die scheue Schwester stand die ganze Zeit neben ihm und –beobachtete- ihn. Hatte sie gar nichts Besseres zu tun?! Knurrend gab er auf. So langsam war seine Geduld an einem kritischen Punkt angelangt. Schmerzen von der Operation hatte er kaum, die Medikamente wirkten gut- aber er musste verflucht noch mal schon seit einer dreiviertel Stunde zur Toilette!
Skeptisch beäugte er den Abstand. Die rettende Tür war nur ein paar Meter weiter! Wenn er es heimlich tat, und sich am Infusionsständer festhielt, konnte er es schaffen!
Er schlug die Bettdecke zurück. Er versuchte seine Beine zu bewegen. Er versuchte, nicht zu genau hinzusehen, wo die Plastikschläuche aus dem Verband heraus ragten. Mühsam, und mit viel Beharrlichkeit, schaffte er es auf die Seite. Kurze Pause.
So erschöpft hatte er sich noch nach keinem Match gefühlt. Langsam rutschte er mit einem Bein über den Bettrand. Mit einer Hand griff er den Infusionsständer. Da war die Tür! Beinahe in Reichweite! Noch ein kleines Stück-… er musste es schaffen!
Da sprang die Tür zum Zimmer auf, und eine dritte Schwester stürmte herein:
„Ihre Freunde warten draußen, haben sie noch Schme-…? UM HIMMELS WILLEN!“

Yukimura konnte die Situation gar nicht so schnell einordnen wie er wieder flach am Rücken im Bett lag.

„Was machen sie da?! Sie dürfen nicht aufstehen! Wissen sie nicht, dass sie eine schwere Operation hinter sich haben?!“

„Aber… ich… muss… aufs… Klo…!“, knirschte er.

„Was?“ , die Schwester stemmte die Hände in die Hüften. „Hier haben sie doch ihre Urinflasche!“
„Nein!“ , jammerte er, „Das geht nicht!“
„Haben sie´s schon mit der Bettpfanne versucht?“
„Das geht auch nicht!“
„Soll ich ihnen einen Katheter legen?“
„Oh Gott, NEIN!“

Es brauchte viel Nachdruck und Überzeugungskraft, ihr klar zu machen, dass er sich die Sache bis nach dem Besuch seiner Mannschaftskameraden noch überlegen wollte. Yukimura war nun wirklich an der Grenze seiner Belastbarkeit angelangt. Er biss die Zähne zusammen, er zitterte, die gesamte, verzweifelte Frustration, die sich über die letzten Wochen und Minuten in ihm angesammelt hatte, suchte ein Ventil. Die ganze überstandene Angst nach der Operation, die Wut über seinen Zustand. Es gab nur eine Sache, die in solchen Momenten sein Lichtblick war- Siege im Tennis. Er schloss die Augen und stellte sich vor, wie Seigaku ein Spiel nach dem anderen vernichtend verloren hatte, wie seine siegreiche Mannschaft zu ihm zurückkam, wie Sanada ihm seinen Preis überreichte… den Triumph, die Genugtuung, das Zeichen des Sieges in mehrerer Hinsicht, wenn er die Medallie in seinen Händen hielt…
Die Tür ging auf, seine Mannschaftskollegen versammelten sich, warfen besorgte Blicke, erkundigten sich nach seinem Zustand-…

„Sanada“ , ächzte Yukimura nur wie im Fieber, „wo ist Sanada?“
Sanada kam.
Er hatte keine Medallie.

Der Arzt in der Notaufnahme durfte wenig später die Platzwunde an seiner Schläfe zusammenflicken, die der offensichtlich postoperativ verwirrte Patient auf Zimmer 2.42 verursacht hatte, beim Versuch, ihm den Schädel mit einer Urinflasche einzuschlagen, während der offenbar unter Schock stehende Geschlagene immer noch stammelte: „Meine Schuld- es ist alles meine Schuld!“

Ein zufällig anwesender Journalist wagte daraufhin in einem kleinen Artikel der nächsten Ausgabe seiner Zeitschrift die Frage zu stellen, wie förderlich für die körperliche und geistige Gesundheit jugendlicher Profispieler Tennis wirklich ist, aber niemand schenkte ihm große Beachtung, denn die Sensation der nächsten Turniere überschattete alles, und man war viel zu beschäftigt damit, sich vorzustellen, wer seine Überlegenheit auf dem Platz behaupten würde. 
Nicht lange später konnte Yukimura auch wieder auf eigenen Beinen stehen.
Und jeder der Herr seiner Sinne war, ging ihm weit aus dem Weg. Vor seiner Krankheit war er gefährlich gewesen-
Jetzt war er eine Naturkatastrophe.

Die Tennis-Welt konnte kaum den Moment abwarten, an dem er wieder auf einem Platz stand.
Blut würde fließen, wenn ein starker Spieler mit ihm kollidierte. Das Publikum war begeistert.

Schön, dass die moderne Medizin so fulminante Come-backs erst ermöglichte!

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Date: 2010-05-22 07:22 pm (UTC)
From: [identity profile] keksdiebin.livejournal.com
Ein zufällig anwesender Journalist wagte daraufhin in einem kleinen Artikel der nächsten Ausgabe seiner Zeitschrift die Frage zu stellen, wie förderlich für die körperliche und geistige Gesundheit jugendlicher Profispieler Tennis wirklich ist, aber niemand schenkte ihm große Beachtung, denn die Sensation der nächsten Turniere überschattete alles, und man war viel zu beschäftigt damit, sich vorzustellen, wer seine Überlegenheit auf dem Platz behaupten würde.
Omg, ich mag diesen Satz sowas von >D!!
Und Yukimura ist so gnadenlos XD Ich kann mir sooo gut vorstellen wie er Sanada eins überbrät, während der sich in einer Entschuldigungstirade ergeht - *lol* der Arme...
Rikkaidai ist schon eine coole und interessante Schule *-*

Date: 2010-05-22 07:41 pm (UTC)
luinaldawen: (Default)
From: [personal profile] luinaldawen
OMG, was tust du dem armen Yukimura nur an? XD
Super! XD Wirklich, wirklich genial!
Erst darf er nicht auf die Toilette, dann kommt Sanada mit einer Niederlage an, da kann man ja nur ausrasten. XD

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