Fandom: Original
Challenge: Vulkan-Special XD Mein Unterpunkt wäre das "Warten"
Wörter 819
Als Tim sich schlaftrunken umdreht und verschlafen in seinen schwarzen Mantel schmatzt, ertönt die allmorgendliche Durchsage. Grunzend zieht er sich ein Stück Stoff über den Kopf.
Wenn eine Durchsage nicht das Wort „Wiederaufnahme“ beinhaltet, ist sie bedeutungslos.
Wiederaufnahme des Flugverkehrs
Irgendwann setzt er sich doch auf, blinzelt hinüber zu Solveigh, die neben ihm schlummert und mit halb geöffnetem Mund seufzende Geräusche macht.
Auf der anderen Seite liegt Alfred, der Manager und blättert schon jetzt mit zittrigen, knitternden Fingern in seiner FAZ herum.
Er ist erst seit einer halben Woche dabei- seitdem er die Übernachtungskosten im Hotel nicht mehr bezahlen konnte. Wahrscheinlich ist er kein drei-Sportwagen-und-ein-Poolhaus-Manager.
Mit Alfred muss Tim nun bis zum Mittag immer um die Wette rennen um wenigstens einen Plastikbecher des Automatenkaffees zu ergattern. Der Mann ist süchtig nach Koffein, er trinkt das Zeug hinein in seinen dunklen, sich vor Unmut verziehenden Mund.
„Ich habe keine Zeit. Dieser verdammte Vulkan, ich habe keine Zeit!“, murmelt er nachts. Wenn Tim nicht schlafen kann, muss er ihm zuhören. Seine Knochen tun ihm permanent weh; er braucht eigentlich eine besondere Matratze, weil seine Wirbelsäule von Geburt an verformt und verkorkst ist.
Seit dreieinhalb Wochen geht gar nichts in fast ganz Europa und das Warten ist nicht mehr nur ermüdend, es hat die Menschen bereist zermürbt, bereitet körperlichen Schmerz.
Die einen schimpfen auf den Egoismus der Menschen, schieben den Treibhauseffekt vor, das Waldsterben und denken nicht im Traum daran, dass sie zur Abwechslung mal nicht der Nabel der Welt und die Ursache für alles, was darin geschieht, sind.
Tim steht leise auf und schlüpft in seine Vans.
An der Toilette steht Masashi, der junge Japaner, der kaum ein Wort Englisch spricht und die Tage damit verbringt, mit Falten auf der Stirn auf die Departure-Tafel zu starren, die seit Wochen doch nur „cancelled“ anzeigt. Ab und zu spielt er mit seinem Handy herum, fummelt sich in den Haaren herum- ganz so als hätte das einen therapeutischen, beruhigenden Effekt.
An der Bäckerei in der Ecke von Abflughalle C sitzt Mona und scribbelt seelenruhig in ihrem Ideenbüchlein herum. Sie sagt, sie sei Schriftstellerin, sie müsse so schnell nirgendwohin.
„Ich beobachte, ich notiere, ich schreibe auf.“, sagt sie und Tim hat Angst, dass er als eine einseitig beleuchtete Figur in einem Roman endet, der in irgendeiner Schreibtischschublade vergammeln wird.
Die Laugenbrezeln hängen ihm zum Halse heraus, aber sie kosten wenigstens nur 80 Cent. Die Bäckersfrau ist in den letzten Tagen mit den Preisen heruntergegangen.
„Junge, du bist so dünne!“, hat sie gestern gesagt und ihm einen Spritzkuchen mit in die Tüte gesteckt.
Dabei mag er gar keine Spritzkuchen.
Die ausbleibende Bewegung macht ihn stumpf und taub.
Alle Mietautos sind ausgeliehen. Aus den Zügen prügeln sich die Menschen wieder heraus.
Detlev, der Diplomat, der eigentlich nur mal kurz in die Hauptstadt zu Frau und Kindern wollte, kann davon ein Lied singen. Die Beule an seinem Kopf schwillt aber langsam wieder ab.
„Manchmal kommen einem Menschen vor wie Raptoren. Also, zumindest ging es mir so in dem Moment.“, sagt er, als Tim sich mit seinem Morgenkaffee zu ihm stellt.
Sie sind nicht wenige, aber sie kennen sich langsam alle.
„Einer hat geschoben und der nächste hat mich getreten. Getreten! Kannst du dir das vorstellen?“ Der Mann klingt aufrichtig entsetzt.
„Ich war in Kriegsgebieten in Afrika, da waren die Menschen freundlicher als hier!“
Aber er ist nur eine Facette von vielen.
Kein Grund, den Glauben an die Welt zu verlieren.
Tim hat von Hotels gehört, die Leute umsonst aufnehmen, die aufbetten, Feldliegen in die Zimmer stellen. Aber selbst diese sind schon hoffnungslos überfüllt.
Menschen kommen mit dem Auto, mit dem Taxi sogar, stranden hier und kommen finanziell nicht weiter.
Was nützt es, Knotenpunkt und Drehkreuz Europas zu sein, wenn keine Flugzeuge fliegen?
Das Internet funktioniert, alles ist wie immer- und doch steckt man plötzlich fest in Bedingungen, die man gar nicht mehr kennt.
„Vorgestern haben Leute ein paar Bauern die Pferde geklaut.“, sagt Alfred später beim Mittagstisch und faltet an seiner Zeitung herum.
„Als die Polizei sie aufgespürt hat, sagten sie, sie wollten heimreiten. Könnt ihr euch das vorstellen?“
Tim lacht und dann schaut Alfred ihn so konsterniert an, dass es ihm schnell wieder vergeht.
Der Vulkan spuckt weiter Asche.
Sie verfluchen ihn alle, doch niemand kann seinen Namen aussprechen.
Am Abend, als Tim sich wieder auf den harten Boden der Abflughalle hinlegt, schießen ihm vor Schmerz die Tränen in die Augen.
„Ich kann nicht mehr schlafen.“, murmelt er als Solveigh ihn sanft in ihre Arme zieht.
Über dem Rauschen der Klimaanlage hört er ihren warmen Atem. Versucht, zu ignorieren.
Versucht, sich anzupassen.
Er träumt von Spritzkuchen. Und vom Warten.
Erwacht mitten in der Nacht nur kurz als er Mona, die Schriftstellerin und Enrique, den Spanier, ineinander verwunden zu den Toiletten stolpern hört. Ihre dunklen Gestalten sehen surreal aus in dem Nachtlicht des Flughafens.
Das Leben ist irgendwie angehalten.
Aber es geht gleichzeitig weiter. Wie soll man damit zurechtkommen?
Challenge: Vulkan-Special XD Mein Unterpunkt wäre das "Warten"
Wörter 819
Als Tim sich schlaftrunken umdreht und verschlafen in seinen schwarzen Mantel schmatzt, ertönt die allmorgendliche Durchsage. Grunzend zieht er sich ein Stück Stoff über den Kopf.
Wenn eine Durchsage nicht das Wort „Wiederaufnahme“ beinhaltet, ist sie bedeutungslos.
Wiederaufnahme des Flugverkehrs
Irgendwann setzt er sich doch auf, blinzelt hinüber zu Solveigh, die neben ihm schlummert und mit halb geöffnetem Mund seufzende Geräusche macht.
Auf der anderen Seite liegt Alfred, der Manager und blättert schon jetzt mit zittrigen, knitternden Fingern in seiner FAZ herum.
Er ist erst seit einer halben Woche dabei- seitdem er die Übernachtungskosten im Hotel nicht mehr bezahlen konnte. Wahrscheinlich ist er kein drei-Sportwagen-und-ein-Poolhaus-Manager.
Mit Alfred muss Tim nun bis zum Mittag immer um die Wette rennen um wenigstens einen Plastikbecher des Automatenkaffees zu ergattern. Der Mann ist süchtig nach Koffein, er trinkt das Zeug hinein in seinen dunklen, sich vor Unmut verziehenden Mund.
„Ich habe keine Zeit. Dieser verdammte Vulkan, ich habe keine Zeit!“, murmelt er nachts. Wenn Tim nicht schlafen kann, muss er ihm zuhören. Seine Knochen tun ihm permanent weh; er braucht eigentlich eine besondere Matratze, weil seine Wirbelsäule von Geburt an verformt und verkorkst ist.
Seit dreieinhalb Wochen geht gar nichts in fast ganz Europa und das Warten ist nicht mehr nur ermüdend, es hat die Menschen bereist zermürbt, bereitet körperlichen Schmerz.
Die einen schimpfen auf den Egoismus der Menschen, schieben den Treibhauseffekt vor, das Waldsterben und denken nicht im Traum daran, dass sie zur Abwechslung mal nicht der Nabel der Welt und die Ursache für alles, was darin geschieht, sind.
Tim steht leise auf und schlüpft in seine Vans.
An der Toilette steht Masashi, der junge Japaner, der kaum ein Wort Englisch spricht und die Tage damit verbringt, mit Falten auf der Stirn auf die Departure-Tafel zu starren, die seit Wochen doch nur „cancelled“ anzeigt. Ab und zu spielt er mit seinem Handy herum, fummelt sich in den Haaren herum- ganz so als hätte das einen therapeutischen, beruhigenden Effekt.
An der Bäckerei in der Ecke von Abflughalle C sitzt Mona und scribbelt seelenruhig in ihrem Ideenbüchlein herum. Sie sagt, sie sei Schriftstellerin, sie müsse so schnell nirgendwohin.
„Ich beobachte, ich notiere, ich schreibe auf.“, sagt sie und Tim hat Angst, dass er als eine einseitig beleuchtete Figur in einem Roman endet, der in irgendeiner Schreibtischschublade vergammeln wird.
Die Laugenbrezeln hängen ihm zum Halse heraus, aber sie kosten wenigstens nur 80 Cent. Die Bäckersfrau ist in den letzten Tagen mit den Preisen heruntergegangen.
„Junge, du bist so dünne!“, hat sie gestern gesagt und ihm einen Spritzkuchen mit in die Tüte gesteckt.
Dabei mag er gar keine Spritzkuchen.
Die ausbleibende Bewegung macht ihn stumpf und taub.
Alle Mietautos sind ausgeliehen. Aus den Zügen prügeln sich die Menschen wieder heraus.
Detlev, der Diplomat, der eigentlich nur mal kurz in die Hauptstadt zu Frau und Kindern wollte, kann davon ein Lied singen. Die Beule an seinem Kopf schwillt aber langsam wieder ab.
„Manchmal kommen einem Menschen vor wie Raptoren. Also, zumindest ging es mir so in dem Moment.“, sagt er, als Tim sich mit seinem Morgenkaffee zu ihm stellt.
Sie sind nicht wenige, aber sie kennen sich langsam alle.
„Einer hat geschoben und der nächste hat mich getreten. Getreten! Kannst du dir das vorstellen?“ Der Mann klingt aufrichtig entsetzt.
„Ich war in Kriegsgebieten in Afrika, da waren die Menschen freundlicher als hier!“
Aber er ist nur eine Facette von vielen.
Kein Grund, den Glauben an die Welt zu verlieren.
Tim hat von Hotels gehört, die Leute umsonst aufnehmen, die aufbetten, Feldliegen in die Zimmer stellen. Aber selbst diese sind schon hoffnungslos überfüllt.
Menschen kommen mit dem Auto, mit dem Taxi sogar, stranden hier und kommen finanziell nicht weiter.
Was nützt es, Knotenpunkt und Drehkreuz Europas zu sein, wenn keine Flugzeuge fliegen?
Das Internet funktioniert, alles ist wie immer- und doch steckt man plötzlich fest in Bedingungen, die man gar nicht mehr kennt.
„Vorgestern haben Leute ein paar Bauern die Pferde geklaut.“, sagt Alfred später beim Mittagstisch und faltet an seiner Zeitung herum.
„Als die Polizei sie aufgespürt hat, sagten sie, sie wollten heimreiten. Könnt ihr euch das vorstellen?“
Tim lacht und dann schaut Alfred ihn so konsterniert an, dass es ihm schnell wieder vergeht.
Der Vulkan spuckt weiter Asche.
Sie verfluchen ihn alle, doch niemand kann seinen Namen aussprechen.
Am Abend, als Tim sich wieder auf den harten Boden der Abflughalle hinlegt, schießen ihm vor Schmerz die Tränen in die Augen.
„Ich kann nicht mehr schlafen.“, murmelt er als Solveigh ihn sanft in ihre Arme zieht.
Über dem Rauschen der Klimaanlage hört er ihren warmen Atem. Versucht, zu ignorieren.
Versucht, sich anzupassen.
Er träumt von Spritzkuchen. Und vom Warten.
Erwacht mitten in der Nacht nur kurz als er Mona, die Schriftstellerin und Enrique, den Spanier, ineinander verwunden zu den Toiletten stolpern hört. Ihre dunklen Gestalten sehen surreal aus in dem Nachtlicht des Flughafens.
Das Leben ist irgendwie angehalten.
Aber es geht gleichzeitig weiter. Wie soll man damit zurechtkommen?
no subject
Date: 2010-04-18 08:09 pm (UTC)Wie immer, wenn du was schreibst!
Me loves!
Ich liebe die rausgerissenen Menschen, deren Leben ohne sie weiterläuft und die sich fühlen wie in einer ewigen Zwischenhölle und die nicht mal wissen wie man noch das Beste drausmachen soll.
Es ist so deprimierend und erdrückend und total atmosphärisch.
Große Klasse! *__*
no subject
Date: 2010-04-18 08:13 pm (UTC)no subject
Date: 2010-04-18 08:32 pm (UTC)Der Vulkan spuckt weiter Asche.
Sie verfluchen ihn alle, doch niemand kann seinen Namen aussprechen.
das fand ich gut^^.
Als Tim sich schlaftrunken umdreht und verschlafen
hier ist die Wortwiederholung sehr auffällig. es klingt ein wenig komisch.
dafür fand ich das hier um so schöner:
Am Abend, als Tim sich wieder auf den harten Boden der Abflughalle hinlegt, schießen ihm vor Schmerz die Tränen in die Augen.
„Ich kann nicht mehr schlafen.“, murmelt er als Solveigh ihn sanft in ihre Arme zieht.
sehr schön.
no subject
Date: 2010-04-19 04:21 pm (UTC)Genauso könnte es wirklich an einem Flughafen aussehen, auch wenn man dort noch nicht seit drei Wochen festsitzt. XD Eine wunderschöne Darstellung von einer kleinen Insel voller Chaos und Hoffnung und Menschlichkeit.
Toll geschrieben, hat mir sehr, sehr gut gefallen. (und ich muss gerade an die japanische Band denken auf deren Konzert ich gestern war und die wohl auch noch hier festhängen XD)