Menschlich

Apr. 19th, 2010 01:31 am
[identity profile] kurimukeiki.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Original
Challenge: Vulkanaschenstaubspecial
Anmerkung: Meine Feuertaufe mit dem Vulkanspecial, wie passend. Im Fieberwahn Nachts um halb zwei entstanden...

 

Mit dem Tablett in der Hand stand er da und blickte sich suchend um. Schon als er das Restaurant betreten hatte, hatte er gesehen, dass alle Tische besetzt waren, aber als er sich an die lange Schlange von Menschen angestellt hatte, hatte er die vage Hoffnung gehabt, dass einige Fluggäste nach ihrem überteuertem Mittagstisch wieder zurück zu ihrem provisorischem Lager zurückkehrten. Aber die meisten kehrten nur in apathische Frustration zurück, die sie an die Tische zu fesseln schien. Das Personal des Restaurants war völlig überarbeitet und hatte keine Zeit, Gäste, die nicht aßen sondern lieber  verzweifelten, freundlich aus dem Lokal zu schmeißen. Langsam balancierte er seinen korpulenten Körper und das Tablett durch das Lokal, vorbei an Ausländern, die in unverständlichen Sprachen in ihr Handy brüllten, als ob sie meinten, dass sie die Vulkanasche durch anschreien zum Rückzug bekehren konnten; vorbei an Jugendlichen, die eifrig auf die Tastatur ihrer Laptops hämmerten um über Twitter zu verkünden, dass sie noch immer fest saßen, ihren Facebook-status zu „ungeduscht und ungekämmt“ zu ändern und auf Livejournal eine Rezension zu dem Flughafenessen zu veröffentlichen.

Eine Hand hob sich plötzlich und winkte aufgeregt, sie gehörte zu einem Mann Mitte dreißig, der mit der anderen Hand auf einen freien Stuhl an seinem kleinen Tisch deutete. Der Tablettjonglierer lächelte dankbar und nahm Platz.

„Sind sie Deutscher?“ fragte der Dreißiger.

„Ja, ich nehme an sie auch.“

„Japp, allerdings nicht aus Frankfurt. Wohne eigentlich im Stuttgarter Raum und wollte heute von hier aus nach Seattle, zu meiner Freundin. Haben uns seit fast sechs Monaten nicht mehr gesehen, es läuft auch nicht so gut, mein Besuch sollte wieder alles besser machen, das Feuer neu entfachen, wie man so sagt, nicht wahr?! Das kann ich jetzt wohl vergessen!“ Das Lächeln war gequält, man versuchte erst gar nicht, den Optimisten zu spielen. Der Tablettjonglierer nickte nur. „Jetzt warte ich, dass man mich wieder abholt, die Zugtickets nach Hause sind unbezahlbar. Ich wette, die haben wieder aufgeschlagen, versuchen doch immer Geld zu machen. Sitzen zu Hause und lachen sich ins Fäustchen, so ein wenig Asche in der Luft und schon müssen alle auf ihrer Züge zurückgreifen und haben keine andere Wahl, als so unmenschliche Preise zu bezahlen. Jaja, da zeigt sich das Menschliche, anstatt zu helfen, versucht man noch persönlichen Gewinn aus dem Leid Anderer zu ziehen.“

Der Jonglierer nickte und lächelte schwach. Persönlichen Gewinn aus dem Leid Anderer, ja, das kannte er.

„Wohin wollten sie?“

Ah, da war sie, die Frage. Der Tablettjonglierer kaute langsam auf seinen fettigen Kartoffeln herum, schluckte und antwortet schließlich bedächtig: „Raus aus dem Alltag. Erholung in der Ferne. Meine Frau und ich wollten für zwei Wochen nach Thailand, da wir beide maßlos überarbeitet waren.“

Der Dreißiger lächelte wieder sein gequältes Lächeln, diesmal jedoch etwas glücklicher. Persönlicher Gewinn aus dem Leid Anderer, nicht wahr?

„Und nun?“ Der Dreißiger blickte neugierig zu dem Jonglierer. Hungrig nach einer Leidensgeschichte, die seine noch übertraf, wartete er auf die nächsten Worte. Wollte hören, dass man nun hier fest saß, da man hier  nur zwischengelandet war, dass keiner einen abholen konnte und dass man nicht einsah, dass man zwei Wochen hinzuschmeißen, sondern lieber hier abwartete.

„Oh, wir wohnen hier in Frankfurt.“

„Ah, das ist natürlich gut!“ Die Enttäuschung ist klar im Gesicht des Dreißigers zu erkennen.

 Der Jonglierer schob den  beinahe unangetasteten Teller wieder zurück in die Mitte des Tabletts und stand auf.

„Ich denke, ich gehe jetzt besser.“

„Sicher. Hoffentlich kommen sie noch nach Thailand!“

„Und sie zu ihrer Freundin.“ Der Jonglierer nahm sein Tablett wieder auf und brachte es zur Geschirrrückgabe, ließ den jung gebliebenen Dreißiger alleine zurück in seiner Enttäuschung und ging auf einen der zahlreichen Ausgänge des Flughafens zu. Er passierte eine Familie, die Eltern waren in einen als Diskussion getarnten Streit vertieft, während die Kinder ganz offen und ehrlich stritten. Passierte ein junges Mädchen, dass aufgelöst irgendetwas in ihr Handy schluchzte, passierte zwei wichtig aussehende Männer, die eine völlig überforderte Dame des Flughafenpersonals mit wichtig klingenden Worten wie „dringender Termin“ „Unverantwortlichkeit“ „wichtige Geschäftspartner“ „Verluste von Millionen“ und „Schadensersatz“ traktierten.

Der Tablettjonglierer fühlte fast schon Mitleid mit der Dame, war er doch erst heute Morgen von seiner Chefin ebenfalls in Grund und Boden gestampft worden. Es war ein furchtbarer Tag gewesen, die ganze Woche war schrecklich gewesen und er hatte es zutiefst bereut und sich unzählige Male verflucht, den Thailand-Urlaub auf September geschoben zu haben.

Am Parkplatz drängte er sich durch eine Gruppe von Japanern, die völlig desorientiert zwischen ihrem Reisebus und dem Flughafen hin und her irrten. Er stieg in sein Auto, machte das Radio an und fing mit den Fingern im Takt zu irgendeinem fröhlichen Pop-Song zu trommeln. Vergnügt startete er den Motor. Der Umweg auf den Weg von der Arbeit nach Hause hatte sich gelohnt.



 



Date: 2010-04-18 06:37 pm (UTC)
From: [identity profile] wieldy22.livejournal.com
Schön. Schön, dass es nicht so ist, wie er sagt.

Date: 2010-04-18 07:05 pm (UTC)
From: [identity profile] chija.livejournal.com
Super. Ich liebe den Twist am Ende. Das ist ein tolles Debüt, ich hoffe, bald mehr von dir zu lesen!

Date: 2010-04-27 11:30 am (UTC)
From: [identity profile] selia-ishida.livejournal.com
Schließe mich hier den anderen an: hat mir sehr gut gefallen :-)

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