[identity profile] leviathans-moon.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Titel: Und der Herbst bringt Fall
Autor: [livejournal.com profile] leviathans_moon 
Genre: ähm, angst? oder hurt ohne comfort?
Fandom: Original
Challenges: Song und Ortbeschreibung
Disclaimer: meine charaktere, warnungen sind nicht zu vergeben, nur vielleicht, dass es wie immer nicht die fröhlichste aller Geschichten ist



Ihre Mutter lief neben ihr her, Tasche um die Schulter gehangen, und plapperte drauf los, sinnloses Zeug.

Die Sonne schien und glitzerte auf dem Fluss. Allegheny, wenn sie sich nicht irrte. Sie konnte noch nie die zwei Zuläufe in den Ohio River zuordnen, welcher links von der Landspitze lag und welcher rechts davon. Der eine Fluss lag oft im Schatten, während der andere (sie war sich sicher, es war der Allegheny) strahlte. Sie stellte sich vor, welche Geräusche die Lichtstrahlen auf dem Wasser machen würden, wenn sie könnten. In ihrem Kopfe hörte es sich ein wenig wie Regen auf Glas an, nur sanfter, friedlicher. Eine Wolke zog über das Wasser und ließ es grau werden. Einige Blätter wurden von der Allee des Parks über die graue Masse geweht. Die meisten ertranken, nur wenige blieben am rettenden Ufer.

Sie hielt noch rechtzeitig an, bevor sie in ihre Mutter reinrannte, die an der Fußgängerampel stehen geblieben war, ein Befehl, der aus den Winkeln ihrer Augen an ihr Gehirn geleitet worden war. Ihr Blick schweifte wieder ab. Sie verfolgte die Laufbahn eines Hundes, der einem Ball hinterher rannte und bellte, der Schwanz wild umherschwingend nicht ganz in gleichmäßigen Bahnen. Swoosh, swoosh, swoosh, swoosh.

Ihre Mutter schnippte mit Daumen und Mittelfinger vor ihren Augen. Die Ampel war grün, die Leute in den Autos schauten erwartungsvoll zu ihnen herüber. Sie waren die einzigen, die noch nicht hinübergelaufen waren, und einfach stehenzubleiben war für die Autofahrer inakzeptabel, mussten sie doch extra anhalten. Sie vergass den Hund, und folgte ihrer Mutter, die zum Parkhaus lief.

Der alte Ford war dreckig und rostig, ihre Eltern hatten sich nicht darum gekümmert, warum auch, es war nur Metall. Als ihre Mutter den Zünder anließ, sprang sofort das Radio an, voll aufgedreht. Sie spürte wie der Bass sich den Weg durch ihren Körper bahnte. Die Vibration hallte im Takt in ihrem Kopf.
Stille. Der Zeigefinger ihrer Mutter hing nervös über dem Radioknopf, und ihr Kopf fühlte sich leer an. Bis die Vibration des Automotors in die Stille eindrang, doch es fehlte der Takt, und sie schaute weg, aus dem Fenster auf den tristen Asphalt zwischen dem Ford und dem Dodge nebenan. Der Anblick veränderte sich auf dem Weg nur minimal, gelegentlich kamen die weißen oder gelben Trennlinien der Fahrspuren in ihr Blickfeld. Erst als ihre Mutter ihre Schulter antippte und auf das Ortsschild zeigte, wandte sie ihren Blick der Umgebung zu. 4 Monate Krankenhaus und sie wusste nicht, ob sie Veränderungen wirklich erwartet hatte, aber sie war enttäuscht. Alles war gleich, nur die Blätter an den Bäumen waren rot, gelb und orange. Selbst der heruntergekommene Buchladen, der schon längst geschlossen haben wollte, war noch auf. Das 'Ausverkauf'-Schild leicht vergilbt. Am Eat'N'Park hing immer noch die gleiche Anzeige, wie im Frühling. 'Smiley-Menu: 5 Dollar'. Sogar das Netz der schwarzen Witwe hing noch zwischen dem Strauch und dem dritten Laternenpfahl im Shenandoah Drive. Sie fuhren zu schnell vorbei, um erkennen zu können, ob die Inhaberin dieses imposanten Baus auch noch dort wohnte.

Im Pool des blauen Hauses an der Ecke spielten Kinder. Sie bewarfen sich gegenseitig mit der unsichtbaren, schimmernden Masse und verzerrten ihre Gesichter in Schock oder Freude. Als der Wagen grad um die Ecke bog, sah sie wie die Mutter aus der Hintertür kam, vermutlich um die Kinder zu ermahnen, leiser zu sein. Sie wünschte sich, die Mutter würde nichts sagen. Sie hasste Stille. Sie war jemand, der Geräusche haben musste, meistens Musik, wenn nicht im Radio, dann selber gesungen oder gespielt. Beim Frühstück auf den Tisch getrommelt, versucht im Takt mit dem Brutzeln des Bacons in der Pfanne zu bleiben. Es gelang ihr so gut wie nie, und ihre Mutter machte es wahnsinnig. Die Straße machte eine kleine Kurve, zur unteren Sackgasse des Everglade Drive hin, wo der Hügel sich erst senkt, um zum Ende hin stark anzusteigen. Rechts ging es zur anderen Straße und zu einer langen Reihe zusätzlicher Häuser. Links befand sich hinter den Häusern nur Wald, der von keinem der Bewohner richtig genutzt wurde, und auch nicht genutzt werden wollte. Es wäre zu viel Arbeit.

Ihr Haus lag links relativ weit vorne in der Straße. Die Terrasse war neu, ihr Vater hatte sich ablenken müssen über den Sommer und hatte das Dach und die Terrasse erneuert. Das Weiß des Geländers strahlte in den Morgen hinein. Ihr Vater stand schon ganz erwartungsvoll an der Straße, Hände in den Hosentaschen, einen letzten Blick auf das 'Willkommen Zuhause'-Schild werfend. In der Küche würde ein Kuchen auf sie warten, mit marmorierter Glasur, denn solche Kuchen aß sie am liebsten. Er umarmte sie nicht, als sie aus dem Auto stieg. Er legte seine Hand auf ihren Rücken und führte sie ins Haus, ohne einen Ton, während ihre Mutter wieder drauflosplapperte, als ob die stille Fahrt nicht gewesen wäre.

Sie aß ein Stück Kuchen. Früher hatte er besser geschmeckt. Und während ihr Vater fleißig Dinge auf einen Zettel schrieb, bewegte sich der Mund ihrer Mutter unaufhörlich. Ein Eichhörnchen saß in der großen Eiche, die den hinteren Teil des kleinen Gartens ausmachte, und die ihr Vater eigentlich schon längst weghaben wollte. Es knabberte an einer Nuss, und schaute alle paar Sekunden panisch hin und her. Das Klacken von Zähnen aufeinander. Sie probierte es aus, und meinte die Geräusche des Eichhörnchens nachvollziehen zu können. Takt aufeinanderklackernder Zähne. Ihre Mutter sprang auf, und ging zum Telefon. Sie konnte regelrecht die Erleichterung in ihren Schultern sehen, als sie 'Hallo' sagte, und dann kaum Luft holte zwischen den Sätzen. Sie verschwand ins Wohnzimmer, ein Versuch der Privatssphäre. Ihr Vater lächelte ihr unsicher zu, nicht in der Lage sich für seine Frau zu entschuldigen, der Meinung nutzlos für seine Tochter zu sein. Er drehte den Stift in seinen Fingern hin und her und sagte nichts, sondern starrte sie nur an. Sein linkes Auge füllte sich mit Tränen, das rechte sah sie jetzt nicht mehr, weil er sich den Bilder an der Wand zuwandte und sie studierte, oder auch nicht.

Sie stand auf und ging den Flur hinunter in ihr brombeerfarbenes Zimmer. Das große Bett roch frischbezogen. Vermutlich hatte ihre Mutter die letzten zwei Tage damit verbracht, das Haus klinisch rein zu putzen. Sie setzte sich aufs Bett und starrte ihre Anlage an. Daneben lag eine CD von Muse, sie hatte sie erst zwei Tage vor ihrem Krankenhausaufenthalt gekauft, nur dreimal gehört. Sie öffnete das CD-Fach. Die CD war nicht mehr drin. Sie klappte die Hülle auf, entnahm die silberne Scheibe und legte sie rein. Sie drehte die Lautstärke auf Maximum und drückte Play, ihre Hand ließ sie auf der Anlage liegen. Wie schon im Auto drang der Bass in sie ein, bis in den kleinsten Winkel ihres Körpers, und überall tat es weh. Ihr Vater stand in der Tür. Sie ging zu ihm und nahm ihm den Zettel und Stift aus der Hand. Während sie schrieb, spürte sie die Vibration der Musik auf der Oberfläche ihrer Kommode. Sie gab ihrem Vater den Zettel zurück, drehte sich um, und riss das Kabel der Anlage aus der Steckdose. Einer ihrer Fotorahmen viel bei der Bewegung nach vorne und landete auf dem Boden. Sie nahm die Anlage und hielt sie ihrem Vater entgegen. Er schaute traurig auf das silberne Objekt, dass der Liebling seiner Tochter war, und schrieb eine Antwort auf die letzte freie Ecke des Blattes, und reichte es ihr, während er ihre Last übernahm. 'Ich stell die Anlage in den Keller.' Und sie führte die Fingerspitzen ihrer rechten Hand zum Kinn, um sie in einem Bogen wieder fortzuleiten. 'Danke', das erste Wort, dass sie gelernt hatte. Ihr Vater ging und sie legte sich in ihre Stille und weinte.

Date: 2010-03-20 08:21 pm (UTC)
From: [identity profile] tsutsumi.livejournal.com

Es ist unglaublich traurig, natürlich. Und so bestürzend, vor allem weil man von Anfang schon die Stille spürt, mit welcher sie umgeben ist.

Profile

120_minuten: (Default)
Die Uhr läuft ... jetzt!

Most Popular Tags

January 2026

M T W T F S S
   1 234
567891011
12131415 161718
19202122232425
262728293031 

Style Credit

Powered by Dreamwidth Studios