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Titel: My Nice Doll
Challenge: #6 Aufgabe: Schreib zu einem Charakter/Pairing/Fandom/Genre, dass du dich normalerweise nicht traust/nicht schreibst/nicht magst. →
Genre: Horror



My Nice Doll




"Glaubst du, dass das eine gute Idee ist?", fragte Henry. Er war ein schmächtiger junger Mann, mit schon schütterem Haar und der Angewohnheit, selbst auf der Arbeit obszöne Krawatten zu tragen, wenn die Dienstkleidung es erlaubte. Heute starrte einem eine grüne mit kleinen Küken verzierte entgegen.
Lywell versuchte, nicht auf Henrys Brust zu starren sondern in seine Augen zu sehen, doch es fiel ihm zugegebenermaßen schwer. "Es ist unser Job, oder?"
Henry rollte die Augen. Er zupfte seinen Kragen zurecht, probierte es zumindest, doch richtig saß er nicht, als er die Finger von seinem Hals ließ. "Ich fühl mich nicht wohl bei der Sache." Er sah dabei auf das Gebäude vor ihnen. Ein Bungalow, komplett in Efeu eingepackt. Nur an wenigen Stellen stach noch das dunkle Holz hervor, aus dem er einst gebaut worden war. Eigentlich, so stand es zumindest in der Akte, war das Gebäude nicht älter als vierzig Jahre. Es hatte offenbar genügt, um es in einen völlig desolaten Zustand zu versetzen. Die Treppe unter Lywell quietschte, als er sich nach hinten gegen das Geländer lehnte. So richtig wollte er das Haus natürlich auch nicht betreten. Der modrige Geruch war nicht überraschend, aber wenn es stimmte, was angeblich in dem Bungalow zu finden sein sollte, dann wollte er es gar nicht so genau wissen.
Es war sein erster Tag in der Spezialabteilung. Henry war schon vor drei Monaten versetzt worden. Er hatte in diesen drei Monaten dankbarerweise nur Papierkram erledigen müssen. Lywell beneidete ihn ausnahmsweise um den langweiligen Einstieg. Warum sie ihn direkt in einen Außeneinsatz geschickt hatten, war ihm schleierhaft. Er hatte keine spezielle Ausbildung gemacht, abgesehen von der Aufstockung, die man ihm mehr oder minder aufgezwungen hatte. Die Abteilung hatte sich in den letzten Jahren immer weiter dezimiert, man munkelte, dass es an der brutaleren Art der Verbrechen lag, die sie zu behandeln hatte. Das hatte Lywell von Anfang an abgehalten, sie ins Auge zu fassen für seine Karriere bei der Polizei -- aber der Köder mit mehr Gehalt hatte ihn dann doch zuschnappen lassen.
Er nahm einen tiefen Atemzug und umschloss mit der linken Hand die Türklinke. Ein pinkes Pflaster sprang ihm entgegen. Er hatte sich heute Morgen in den Finger geschnitten, als er Lynn, seiner kleinen Tochter, ein Lunchpaket zubereitet hatte. Sie hatte ihn liebevoll mit ihrer Barbieverbandskiste wieder zusammengeflickt. Lywell lächelte, schüttelte leicht den Kopf und drückte die Klinke herunter.
Der starke Geruch von verwesendem Fleisch ließ ihn rückwärts eine Stufe hinuntertaumeln. Henry packte ihn am Arm und zog ihn wieder hoch. Lywell leckte sich die Lippen und versuchte durch seinen Mund, über die Zunge hinüber zu atmen. Das machte die Sache ein klein wenig erträglicher. Warum hatten sie ihnen keinen Mundschutz mitgegeben? Es war doch von Anfang an klar gewesen, dass in diesem Bungalow höchstwahrscheinlich keine angenehmen Gerüche zu erwarten wären.
Nun standen er und Henry ohne irgendeine Möglichkeit, vor dem schwer in der Luft hängenden Geruch zu fliehen im Flur und Henry wurde grün im Gesicht. "Erbrich dich nicht über Beweismaterial", sagte Lywell. Er hoffte, dass er sich mit dieser Anweisung auch selbst daran würde halten können. Momentan kam es ihm wie keine leichte Aufgabe vor, sein Frühstück im Magen zu behalten. Nüchtern wäre es wohl noch schlimmer gewesen, so hatten es zumindest seine neuen Kollegen beschrieben.
Er betrat das Wohnzimmer vor Henry und sah sich um. Ein Kamin stand in der Mitte, die Wand dahinter eine gefälschte Backsteinmauer. Lywell kniete sich auf den grauen, verfilzten Teppich vor dem Kamin und schnüffelte an dem verbrannten Holz. Es roch nach Chemie.
"Stimmt was nicht?", fragte Henry.
"Hast du einen Kugelschreiber oder was in der Art?"
"Was in der Art?"
"Etwas längliches. Ist egal was."
Lywell nahm einen blauen Kugelschreiber entgegen, auf dem ZOO stand. Warum Henry einen Kugelschreiber eines Zoos besaß, obwohl er selbst in der entfernteren Verwandschaft keine Kinder vorzuweisen hatte, war zumindest aus Lywells Sicht fraglich. Aus Henry wohl eher weniger, aber er beschloss, ihn später doch danach zu fragen.
Lywell stocherte mit dem hinteren Teil des Stifts in der Asche. Eine glänzend-klebrige Substanz blieb daran hängen. Er zog sie hervor. "Videoband."
"Jemand hat Kassetten verbrannt?"
"Beweismaterial." Lywell deutete auf das verschmorte Band und erhob sich. Henry zog einen kleinen Plastikbeutel aus seiner Umhängetasche, streifte sich ein Paar Einmalhandschuhe über die Wurstfinger und sammelte das Band ein.
"Davon finden wir vielleicht noch mehr."
"Hoffentlich in besserer Verfassung."
Lywell zuckte mit den Schultern. "Unsere Technikprofis können da bestimmt noch etwas herausholen und etwas ist besser als nichts."
Henry nickte und sah zu einer Tür zu ihrer beider Rechten. "Die steht offen."
"Dann lass uns nachsehen", sagte Lywell und wartete nicht darauf, dass Henry ihm folgte. Er war mit drei Schritten bei der Tür -- im Gegensatz zu Henry hatte er lange Beine -- und stieß sie weiter auf.
Es war kein modriger Geruch, der ihm entgegenschlug. Zumindest nicht nur. Es war, als ob man ihm verwesendes Fleisch in die Nase und in den Mund geschoben hätte, als ob er die Textur auf seiner Zunge fühlen könnte. Lywell zog die Tür mit einem Knallen wieder zu und lehnte die Stirn dagegen. Seine Brust hob und senkte sich rasch, in seinen Ohren rauschte es. Henry sagte irgendetwas, doch es drang nicht zu ihm durch.
"Lywell!" Henry klopfte ihm auf die Schulter.
"Kamera." Lywell unterdrückte ein Würgen. "Hol die Kamera raus. Nein, lass die Handschuhe an", sagte er, als Henry sie sich abziehen wollte.
Henry runzelte die Stirn.
"Gib mir auch welche."
"Okay. So schlimm?"
"Ja", sagte Lywell und nahm das Paar Handschuhe entgegen. "Halt die Luft an."
Henry nickte, doch als Lywell die Tür erneut öffnete, konnte er das Entsetzen und die Übelkeit in Henrys Gesicht ohne weitere Probleme ablesen: Henry öffnete weit den Mund, was wohl dazu führte, dass er einen ganzen Schwall des Miefs abbekam, dann würgte er, stieß auf, krümmte sich und rannte zum Fenster neben dem Kamin, riss es auf und erbrach sich auf was auch immer sich hinter dem Haus befand.
Lywell beobachtete ihn einen Moment mit verengten Augen, dann betrat er das Zimmer. In Bio war er nie überragend gut gewesen, aber gut genug, um Gedärme zu erkennen, wenn er sie sah. Er starrte auf das trockene schwarze Blut am Boden. Es hatte sich tief in den Teppich hineingesaugt. Außerhalb des befleckten Areals war zwar alles mit einer grauen Staubschicht bedeckt, jedoch konnte man sehen, dass die eigentliche Farbe grün und nicht schwarz war.
Lywells Lippen zitterten. Seine Zähne klackten aneinander; ihm war kalt und das mitten im Juli. Er wandte sich um, langsam, und da war sie.
Die Leiche eines Mannes um die vierzig, vielleicht auch fünfzig Jahre, lag auf einem Kinderbett. Sein Bauch war aufgeschnitten und man konnte verfolgen, wie die Gedärme sich aus ihm herauswanden, bis auf den großen Haufen am Boden vor dem Lywell noch immer stand. Er trat näher an das Bett heran. Das Gesicht der Leiche war nicht vor Schmerz verzerrt. Die Augen waren offen, doch mit dem schmalen Lächeln auf den Lippen wirkte es, als ob es nur ein Wahnsinniger im katatonischen Zustand wäre. Das war nicht der Fall.
Maden hatten sich schon in die Nasenhöhle eingefressen. Lywell beschloss, das nächste Mal wenigstens auf eigene Faust ein Stofftaschentuch mitzubringen.
Er beugte sich über die Wunde. Ein guter, tiefer Schnitt, soweit er es beurteilen konnte. Stromlinienförmig von Sternum bis zum Schambein, wo die Wunde abrupt endete, als ob der Täter das Messer aus Eile, vielleicht vor Schreck, hinausgerissen hätte.
"Deswegen wurden wir aber nicht hergeschickt, oder?", sagte Henry.
Lywell zuckte zusammen. Er hatte nicht gehört, wie Henry das Zimmer betreten hatte, oder dass er sich direkt neben ihn gestellt hatte. Er versuchte ruhig zu wirken, aber seine Stimme war leise und hoch, als er ihm antwortete: "Nein. Nein, gar nicht."
Der Geruch von Erbrochenem, der von Henry ausging, war beinah eine Wohltat. Er war frisch und scharf, im Gegensatz zu schwer und schleimig.
"Was glaubst du, wie lange er schon tot ist?"
"Keine Ahnung. Wir sollten die Totengräber rufen."
Die Totengräber hatten nicht viel mit Friedhöfen zutun. Henry meinte das Bataillon der Gerichtsmediziner. Sie würden mehr brauchen als nur diesen Trupp. Einen Mord hatten sie nicht auf dem Plan gehabt und das hatte auch relativ wenig mit ihrer Abteilung zu tun. Andererseits... was konnte man schon wissen, bevor die Todesursache und alle anderen Umstände geklärt waren? Lywell hoffte allerdings darauf, dass es gar nichts mit ihrer Sache zu tun haben würde. Dann müssten sie den Fall nicht weiter bearbeiten und alles wäre gut. Hoffentlich. "Dann mach."
Henry nickte und klopfte seine Jacke ab, bis er in der linken Innentasche sein Handy fand. "Komm gleich wieder." Er verließ den Raum.
Lywell, allein mit der Leiche, starrte diese an, als ob er eine Reaktion erwartete. "Bist du unser Kinderschänder?" Der Tote gab ihm keine Antwort. Lywell seufzte, schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Natürlich gaben einem Tote keine Antworten, das war auch besser so, aber sein Kopf schien gefüllt von einer brodelnden Flüssigkeit, die es ihm schwer machte, einen klaren Gedanken zu fassen.
Als er die Augen wieder öffnete, klappte auch sein Mund auf. "Henry." Er nahm einen Schritt zurück und ließ den Blick über die Decke des Raums schwenken. "Gottverdammt, Henry!"
Viele Ewigkeiten später, so schien es Lywell, tauchte Henry im Türrahmen auf. Er stemmte die Hände in die Hüften. "Ich hab telefoniert, also was ist denn jetzt?"
Lywell blinzelte und zeigte wortlos an die Decke. Henry legte den Kopf zur Seite, sah dann aber nach oben, und wurde wieder grün.
Gedärme hingen an der Decke, festgenagelt und getackert, manche vielleicht geleimt, denn an einigen Stellen stach nichts Metallenes hervor. Es gab keinen Platz mehr, der nicht von Därmen überzogen war. Sie waren die Wand geworden; es war nicht einmal mehr zu erraten, welche Farbe unter den Organen einmal gelegen hatte. Alles war vollständig bedeckt.
"Scheiße", sagte Henry. "Verdammte Scheiße."
Das gehörte nicht mehr zu ihrem Aufgabenbreich, oh nein, das tat es sicher nicht.

Date: 2010-02-22 10:03 am (UTC)
From: [identity profile] darkcloe.livejournal.com
...was bin ich froh, dass ich vorher nichts gegessen habe.
Der Horror ist dir auf jeden Fall gelungen, die Atmosphäre während die beiden das Haus erkunden, hat mir gut gefallen. Die Szene am Ende passt gut dazu, quasi als Auflösung. Wie kommt man auf Gedärme, die an die Decke getackert/genagelt/geklebt wurden?
Mich würd im Moment sehr interessieren, wie das ganze weitergeht, wer der Tote ist und wer ihn so eklig ausgeweidet hat.

Date: 2010-02-22 11:52 am (UTC)
From: [identity profile] darkcloe.livejournal.com
So kann man das ausdrücken, ja XD
Verstehe o.o Auf jeden Fall sehr kreativ. Gruselig, aber kreativ.
Du hättest auf jeden Fall einen Fan o.o/)

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