[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Original ("I once ruled the World")
Personen: die Ausländerin und der Verfolgte, beide noch namenlos
Päckchen: h/c, Challenge: "Todesstille" (Heißt es nicht eigentlich Totenstille? Ich war leicht verwirrt, habe dann aber das Wort so benutzt)
Warnung: sap. Irgendwie.
Für´s Protokoll: Nein, ich bin nicht Rosamunde Pilcher

Sie versucht, Atem zu schöpfen. Ihre Finger zittern und sie spürt, wie sie noch immer den Griff der Tür umklammert hält, den Riegel, den sie vorgeschoben hat.
Ihr Atem geht stotternd und ist durchzogen von einem Schluckauf.

Sie hätte sterben können. Sie und dieser Unbekannte, den sie gerade gerettet hat.

Den Trick hatte sie von „Kevin allein in New York“. An sich gar kein so schlechter Film, wenn man ihn vor „Allein zu Haus“ gesehen hat. Mit im Chinaviertel von Yokohama gekauften Böllern kann man in einem Treppenhaus einen solchen Krach veranstalten, dass es so klingt, als stürze das gesamte Gebäude ein.

Dann sind sie gerannt. Bis die Lungen brannten, bis das Bild vor den Augen verschwamm, bis das Herz zu zerbersten drohte. Sie hat ihn an der Hand gezogen, in sein schockverzerrtes Gesicht immer wieder „Komm schon, komm, komm, komm!“, geschrien. Bis er sie irgendwann überholte und sich in einen ungenutzten Nachtclub in einer Seitenstraße stürzte um sich zu verstecken.

Sie sollte sich wahrscheinlich besser einmal umsehen in diesem winzigen Lagerraum. Aber draußen sind noch immer die Schritte ihrer Verfolger zu hören, ihre dröhnenden Stimmen und das harte, abgehackte Fluchen auf Japanisch, das sie nicht versteht. Sie zuckt bei jedem Wort zusammen.
Ihr Herz hört nicht auf zu rasen und sie starrt auf den Riegel in ihren Fingern, auf ihre weiß hervortretenden Knöchel.

Es riecht nach Staub. Ein winziges Fenster sendet ein Dämmerlicht hinein.
Der Mann hockt vergraben zwischen einer Kiste für Babybrei und stinkenden Mülltüten.

Dann erlischen die Geräusche und alles, was bleibt, ist Todesstille.
Sie hätte vorher nicht gedacht, dass sie diese noch mehr fürchten würde.
Aber jetzt kann sie ihren Atem hören. Und seinen noch dazu.

Es ist wie die Todesstille des getöteten Jungen vor dem HMV in Shibuya. Es kriecht hoch in ihr wie ein Schauer aus Eis. Sie hebt den Kopf und schaut den Mann zwischen den Kisten an.
Sein schweigendes Gesicht, die zerzausten Haare, das getrocknete Blut an Shirt und Hose, an seinen Armen und am Hals.
Wer weiß schon, was die mit ihm gemacht haben.

Ein Augenblick unangenehmem Schweigens vergeht. Sie nicken einander schüchtern zu.

„Thank you“, murmelt er.

“Nichts zu danken”, entgegnet sie. Es ist nur eine belanglose Phrase, die sie heute Vormittag noch zu der Dame gesagt hat, der sie ihren Platz in der Bahn anbot und die eigentlich gar nicht wirklich passt.
Aber jetzt treiben dieselben Worte einem Kerl Tränen in die Augen und sie weiß nicht, wie sie reagieren soll.

„Ist alles in Ordnung?“, versucht sie vorsichtig und rückt ein wenig näher. Sie kann fühlen wie sich ihre Finger augenblicklich entspannen.
„Bist du verletzt?“
Er schüttelt anfänglich den Kopf, dann hält er inne und legt den Kopf nachdenklich schief als sei er sich nicht sicher, wie es im eigentlich geht.
Vielleicht zählt das gerade gar nicht.
Im Dämmerlicht fixiert er sie mit den dunklen Augen.
„Die wollten mich gerade umbringen. Wenn Sie nicht gekommen wären....“

Sie blinzelt.
Weil sie ihm inzwischen so nahe ist, zieht sie ihn langsam, wie ein scheues Tier, näher an ihre Seite und legt einen Arm um ihn. Wahrscheinlich verletzt sie gerade sämtliche japanische Gesellschaftsregeln, aber das hier ist wiederum auch kein Sektempfang oder Home Stay. Und als er ihr entgegenkommt, sie seine Hände auf ihren Schulterblättern und sein Gesicht an ihrem rechten Schlüsselbein zittern spürt, weiß sie, dass es womöglich das einzig Richtige war. Er riecht nach Schweiß, nach Urin und zu lange getragenen Klamotten.

Und sie weiß nicht, ob sie die Geschichte, die in diesem jungen Mann steckt, überhaupt hören möchte, weil er ihr jetzt schon das Herz bricht.

Date: 2010-02-26 07:49 pm (UTC)
From: [identity profile] rei17.livejournal.com
Ich war so sicher, dass ich das kommentiert hatte. oO
Seltsam.
Sehr seltsam.
Egal.
Das ist wirklich eine tolle, intensive, angstige, romantische Momentaufnahme. Ich liebe diese spontane, intime Nähe zwischen zwei Fremden, die sich grade erst kennen gelernt haben, aber sich durch äußere Umstände schon total unter die Haut gegangen sind.
Schön gemacht. *_*

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