Kussgeschichten II
Jan. 18th, 2010 08:51 pmSonjas erster Kuss
Fandom: Original
Prompt: Indirect Kiss
Wörter: 1510
Genre: Teenager
Sonja fährt Straßenbahn. Sonja geht zur Schule. Manchmal lässt sie sich morgens zu viel Zeit mit ihren Haaren, dann bekommt sie die Straßenbahn nicht. Dann ist Sonja zu spät. Sie entschuldigt sich bei ihrem Lehrer und lächelt hübsch. Wenn es ein netter Lehrer ist, und die meisten Lehrer sind tatsächlich ganz in Ordnung, dann wird die Verspätung nicht eingetragen. Vielleicht sind die meisten Lehrer auch nur vergesslich. Sonja weiß es nicht so genau. Es spricht aber vieles dafür, dass sie vergesslich sind. Sonja bekommt meistens eine drei oder eine drei minus für die mündliche Mitarbeit. Dabei arbeitet sie nie mündlich mit. Im Gegenzug stört sie allerdings auch nicht. Sonja behandelt ihre Unterrichtsmaterialien mit Sorgfalt. In ihren Grundschulzeugnissen fand das immer besonders Erwähnung. Es war meistens das Beste, was da stand, außer die Note für Schönschrift, die ist auch immer eine Eins gewesen. Sonja kann Eselsohren nicht ausstehen. Wenn sie aus Versehen doch ein Blatt mit Eselsohren findet, dann schreibt sie es noch einmal neu. Sie unterstreicht ihre Überschriften mit dem Lineal. Wenn sie sich verschrieben hat, benutzt sie Tipex. Die kleine, unnatürlich weiße Stelle, da wo der Tipex ist, stört sie jedes Mal. Deshalb verschreibt sich Sonja nicht oft. Sonja macht auch ihre Hausaufgaben, zu Hause, am Schreibtisch. In der Straßenbahn hätte sie zwar ausreichend Zeit, die eine oder andere Aufgabe zu erledigen, doch dort liest sie höchstens. Ihre Schrift könnte krakelig erscheinen. Meistens sind Sonjas Lösungen nicht ganz richtig. Aber so falsch, dass sie sich schämen müsste, sind sie dann auch wieder nicht. Trotzdem meldet sich Sonja nie, um ihre Hausaufgaben vorzulesen. Sie gibt auch nicht freiwillig ab. Wenn der Lehrer aber einsammelt, dann bekommt sie meistens eine Drei, ab und an sogar eine Zwei. Mittags isst Sonja in der Mensa. Es schmeckt ihr nie. Meistens stochert sie nur im Essen herum. Den größten Teil ihrer Portion wirft sie wieder weg. Die Köche in der Mensa können noch nicht einmal leckere Nudeln kochen. Meistens haben sie viel zu lange gekocht. Vieles, was dort angeboten wird, ist irgendwie frittiert. Kroketten mit Nuggets. Was vor Fett trieft, wirft Sonja weg. Wenn sie nachmittags nach Hause kommt, räumt sie auf. Ihr Zimmer ist eigentlich immer schon ordentlich, da muss sie nur Staubwischen und Staubsaugen. Doch meistens liegt irgendetwas in der Küche herum oder im Badezimmer. Sonja nimmt es und legt es an den richtigen Platz. Wenn sie damit fertig ist, schminkt Sonja sich nach. Beim Essen in der Mensa und in den Pausen könnte sich etwas Lippenstift gelöst haben. Sie zieht sich auch um. Neue Unterwäsche, ein neues T-Shirt und eine neue Hose. Bei der Gelegenheit duscht sie. Ihre Mutter weigert sich, die ganze Wäsche zu waschen, die Sonja jeden Tag verbraucht, also wirft Sonja selbst jeden zweiten Tag die Waschmaschine an. Während sie darauf wartet, dass die Wäsche fertig gewaschen ist und sie sie aufhängen kann, macht sie ihre Hausaufgaben. Danach setzt Sonja sich an den Computer und chattet mit ihren Freunden und Freundinnen. Sie darf täglich eine Stunde an den Familiencomputer gehen. Sonja hat keine Webcam. Sie könnte sich eine von ihrem Taschengeld kaufen, aber es ist ihr peinlich, dass die Computerecke von ihren Eltern immer wieder unordentlich gemacht wird. Außerdem mag Sonja die Wohnungen ihrer Klassenkameraden nicht sehen. Allein das Bild der Webcam ekelt sie an. Deshalb geht sie auch nicht zu ihnen nach Hause. Sie mag auch nicht so gerne jemanden einladen. Er könnte in die Küche kommen, ins Bad oder das Wohnzimmer oder, noch schlimmer, ihr Zimmer in Unordnung bringen. Abends geht Sonja dagegen schon häufig aus. Meistens in einen Club. Bevor sie geht, duscht sie noch einmal und zieht sich um. Dann schminkt sie sich ab und legt ihre Abendschminke an. Meistens braucht Sonja eine Weile, bis sie die Schuhe gefunden hat, die am Besten zu ihrem Outfit passen. Einmal hatte Sonja einen Freund. Sie hatte ihn kennen gelernt, als sie ausgegangen war. Viele Jungen, die Sonja zum ersten Mal sehen, finden, dass Sonja gut aussieht. Manche von ihnen findet Sonja auch gut aussehend, obwohl sie da hohe Standards hat. Ein Junge, der schlecht rasiert ist, nach Schweiß riecht, ungepflegte Haare oder ein lieblos ausgewähltes Outfit hat, würde sie zum Beispiel nie interessieren. Wenn ein Junge sie nur ein bisschen interessiert, dann denkt Sonja sofort an seine Wohnung und sagt nein. Einmal aber hatte Sonja sich wirklich verliebt. Schon am ersten Abend hatten sie zusammen getanzt. Am nächsten Tag war sie wieder in denselben Club gegangen und hatte ihn wieder getroffen. Der Junge hieß Florian. Er hatte ein anziehendes Lächeln, einen Sinn für Humor und er konnte gut tanzen. Wenn sie es sich recht überlegte, wusste Sonja gar nicht, warum sie sich ausgerechnet in ihn verliebt hatte. Sie fand ihn einfach gut. Nachdem sie sich einige Male im Club getroffen hatten, hatten sie E-Mail-Adressen und Handynummern ausgetauscht. Und Florian hatte ihr ein Foto von sich mitgebracht. Es war nur ein kleines Passfoto, das für den Schulfotografen aufgenommen worden war, doch Florian lächelte darauf genauso hübsch, wie er gelächelt hatte, als Sonja sich in ihn verliebt hatte. Ihr gefiel das Bild. Abends, bevor sie einschlief, nahm sie es noch einmal in die Hand und küsste es. Sonja und Florian hatten sich noch nicht richtig geküsst, denn es war Winter und seit sie sich kennen gelernt hatten, hatte Florian etwas geschnieft und gehustet. Sonja hatte Angst davor, sich anzustecken. Aber indem sie das Bild küsste, hatte sie vielleicht auch Florian ein bisschen geküsst. Mit der Zeit wurde Florian ungeduldig. Er wollte seine Freundin gerne einmal küssen, sogar seine Freunde zogen ihn schon damit auf. Ob sie ihn wirklich mochte? Vielleicht hatte sie ja bloß schrecklichen Mundgeruch? Oder hatte er etwa Mundgeruch? Sonja und Florian stritten sich deswegen. Nach dem Streit sahen sie sich eine ganze Woche nicht, verabredeten sich jedoch wieder im Club. Mit der Zeit hatte Florians Erkältung nachgelassen. Sonja war der Ansicht, dass sie es inzwischen vielleicht wirklich mit dem Küssen ausprobieren konnte. Sie freute sich darauf. Unter ihren Freundinnen war sie die einzige, die noch nie einen Jungen geküsst hatte. Jetzt aber sollte es endlich so weit sein. Jeden Abend lag sie mit der Vorstellung, Florian zu küssen, noch lange wach im Bett. Manchmal küsste sie das Foto mehrmals. Als der Abend, an dem die beiden sich wieder treffen wollten, endlich gekommen war, wollte Sonja, die schon vorm Eingang des Clubs stand, das Foto noch ein letztes Mal küssen. Doch ihre Finger zitterten, das Passfoto fiel vor ihr auf den Boden. Sie hob es mit den Spitzen ihrer Fingernägel auf. Es war ekelhaft, etwas anzufassen, das bereits auf den Boden gefallen war. Sonja musste das Bild irgendwo abwaschen. Denn eins stand fest: Bevor sie Florian endlich in echt küsste, wollte sie noch ein einziges Mal proben, nur ein allerletztes Mal. Alles andere wäre nicht richtig gewesen. In der Nähe des Clubs gab es einen McDonalds. Dort wollte sie hingehen und das Bild abwaschen. Sie würde zu spät kommen. Der Straßendreck, der noch immer an dem Bild klebte, den sie anfassen musste, war ekelhaft. Sie würde zu spät kommen. Sonja musste weinen. Sie konnte Florian nicht anrufen. Wenn sie ihn anrief, dann würde er ihrer Stimme anmerken, dass sie weinte. Im Toilettenvorraum von McDonalds wusch sie das Bild mehrere Minuten lang ab, mit sehr viel Seife. Sie rubbelte richtig daran. Dann wischte sie es trocken, bis es ganz und gar trocken war. Sie verbrauchte alle Papiertaschentücher, die noch im Spender waren. Es waren gar nicht mehr so viele gewesen. Die Putzfrau, von der sich Sonja nicht vorstellen konnte, wofür sie bezahlt wurde, bei dem Dreck, der auf der Toilette herrschte, sah sie trotzdem etwas merkwürdig an. Vorsichtig küsste sie das Foto. Dann schaute Sonja in den Spiegel. Sie hatte heftig geweint. Ihre Augen waren gerötet und ihre Schminke verschmiert. Sonja ging zur Männertoilette um neue Papiertaschentücher zu holen. Dort lagen ganze Stapel herum. Vielleicht trockneten Männer sich ihre Hände nach dem Waschen nicht ab, oder noch schlimmer, wuschen sich die Hände überhaupt nicht. Nein, es musste Zufall sein. Es musste einfach. Woher sollte Sonja wissen, ob Florian sich die Hände gewaschen war, wenn er im Club auf Klo gegangen war? Schließlich machte Sonja sich daran, sich komplett abzuschminken und neue Schminke aufzutragen. Ihre Schminke hatte sie immer in ihrer Handtasche dabei, für den Notfall. Doch dann, sie hatte sich zu Hälfte geschminkt, stellte sie fest, dass sie keinen Kajal eingesteckt hatte. Ohne Kajal konnte sie nicht in den Club gehen. Ihr Kajal lag zu Hause. Wenn sie jetzt noch einmal nach Hause fahren musste, konnte sie überhaupt nicht mehr in den Club gehen. Sie fuhr nach Hause. Auf dem ganzen langen Weg musste sie weinen. Als sie dann ihren Kajal gefunden hatte, schminkte sie sich noch einmal komplett neu, wusch den McDonalds-Toilettendreck vom Foto, zog sich um und machte ihre Haare wieder frisch. Dann küsste sie das Foto, so wie sie es schon seit vielen Abenden getan hatte, zog sich alle ihre Kleider wieder aus, schminkte sich ab und ging ins Bett.
Als Sonja das nächste Mal in den Club ging, hatte Florian eine andere Freundin.
Es war einmal ein Kuss
Prompt: True Love's Kiss
Fandom: Original
Wörter: 2832
Genre: Märchen
Es war einmal ein König, dem ein großes, wohlhabendes Reich untertan war. Seine Länder umfassten tiefe, uralte Wälder, florierende Küstenstädte, Hügelketten, die reich an Bodenschätzen waren und Gegenden mit gutem, fruchtbarem Ackerboden. In den wärmeren Gegenden wurde der leckerste Wein angebaut und wuchsen die schönsten Früchte an den Bäumen. Der König hatte auch eine hübsche Frau, die er sehr liebte und eine kleine Tochter, die ihm jeden Tag das Herz erfreute. Wenn er sich einmal nicht auf seine Regierungsgeschäfte konzentrieren musste, dann liebte der König es besonders, seiner Tochter beim Lallen zuzuhören (er scherzte, sie sei seine aufrichtigste Beraterin), ihr Brei zu füttern oder Späße mit ihr zu treiben. Er stellte sich vor, wie schön seine Tochter einmal in einmal Ball- oder Hochzeitskleid aussehen würde, wie anmutig sie tanzen und wie lieblich sie singen würde. Diese Gedanken erfüllten ihn mit unbändiger Vorfreude. Er konnte sich mit Fug und Recht glücklich schätzen. Doch eines schönen Herbsttages wurde der König sehr krank. Noch bevor das neue Jahr gekommen war, war der König tot. An seinem Sterbebett bat er seinen jüngeren Bruder, die Regierungsgeschäfte zu führen, bis seine Tochter volljährig war. Dann sollte sie durch einen Kuss auswählen, wen auch immer sie für eine Heirat geeignet hielt und durch diesen Kuss gleichsam zum König krönen. Der Bruder des Königs lächelte darauf und versprach, sich an diesen letzten Wunsch zu halten. Doch dem König reichte das Versprechen nicht aus. Mit seinen letzten Atemzügen rang er seinem Bruder einen Schwur ab und er schloss die Augen nicht, bis dass der Bruder geschworen hatte.
Der Bruder jedoch, der das reiche Land sah, das für viele Jahre sein geworden war, dachte an die junge, unerfahrene Prinzessin und die jungen Burschen, für die sich junge Mädchen so schnell begeisterten. Nein, der Gedanke, sein Reich eines Tages an einen solchen Mann abgeben zu müssen, behagte ihm nicht. Wenn er es sich recht überlegte, wollte er das Reich überhaupt nicht wieder aus den Händen geben. Er wusste, dass es in den weiten Wäldern am Rande des Königreichs noch Hexen gab. Sie konnten ihre Gestalt ändern, mal jung und schön sein, mal hässlich alt. Viele von ihnen lebten mehrere hundert Jahre lang. Eine von ihnen hatte er auf einem Erkundungsritt kennengelernt, der ihn als jungen Prinz ohne wichtige Aufgaben bis in die entferntesten Zipfel des Reichs geführt hatte. Er hatte damals einige Nächte mit ihr verbracht und konnte sich gut vorstellen, dass sie ihm einen Gefallen tun würde. So machte er sich unter dem Vorwand, an den Grenzen nach dem Rechten schauen zu wollen, auf zu ihr. Sie sollte die junge Königin umbringen, in ihrer Gestalt mit der Prinzessin davon reiten und sie in ihrer Kate im Wald verstecken. Durch ihre Zauberkunst sollte sie die Prinzessin hässlich machen, so dass kein junger Mann sie je küssen würde. Am Morgen, an dem sie volljährig wurde, wollte der Bruder des verstorbenen Königs zu ihr hin reiten und ihr einen einzigen Kuss geben. Dann wollte er gemeinsam mit der Hexe die Prinzessin umbringen, die Hexe wollte er in Gestalt einer jungen Frau mit zurück an sein Schloss nehmen und als rechtmäßiger König heiraten.
So wuchs die kleine Prinzessin, von ihrer Herkunft nichts ahnend, bei der Hexe im Wald auf. Einen Namen hatte sie wohl, doch die Hexe, die sich als ihre Großmutter ausgab, nannte sie nur ‚meine Prinzessin’. Jeden Tag musste sie schwer arbeiten, so dass sie Schwielen an den Händen bekam und von dem Essen, das die Hexe ihr gab, bekam sie eine ungesund graue Haut und Ausschlag im Gesicht. Doch die Prinzessin wusste nicht, dass ihr Essen vergiftet war. Obwohl es stets spärlich war und sie im Winter oft hungern musste, schmeckte ihr das Essen, das die Großmutter ihr zubereitete, denn die Hexe sah keinen Grund darin ihrer Ziehtochter bitteres Essen zu geben, wenn sie ihr auch süßes Essen geben konnte. Die Prinzessin sah, dass ihre Großmutter alt war und sich bei den täglichen Pflichten häufig schwer tat, also half sie ihr, so gut und so viel sie konnte. Bald war sie sowohl in allen Haushaltsangelegenheiten bewandert als auch im Holzhacken und Jagen von Kleinwild. Trotz ihres ungesunden Aussehens war sie doch durch ihre harte Arbeit mit der Zeit sehr kräftig geworden. Das karge Leben im Wald erschien ihr als normal, auch dass sie nur selten einmal einen anderen Menschen traf, machte ihr wenig aus. Sie kannte nichts anderes und war stets der Ansicht, ein glückliches und freies Leben zu führen.
Obwohl sie sich der Pflichten ihrer Großmutter gegenüber sehr bewusst war, vergaß sie nicht, sich auch einmal um nichts zu kümmern. Wenn sie zum Holzhacken, Pilzesammeln oder Beerenpflücken in den Wald geschickt wurde, dann nahm sie sich hin und wieder eine Weile Zeit in der sie sich irgendwo hinsetzte und scheinbar gar nichts tat. Sie beobachtete dann den Himmel, der viele leicht unterschiedliche Farben haben konnte, roch am Gras und schloss für einen Moment. Diese Pausen dauerten nie lange und so dachte sich die Hexe, die sie unbemerkt immerzu beobachtete nichts dabei. Doch für die Prinzessin war da neben beobachten, lauschen, riechen und entspannen stets noch mehr, noch etwas besonderes, das sie nur für sich hatte.
Als die Prinzessin noch klein gewesen war, hatte sie sich vor der Nacht gefürchtet. Nachts kamen die Geister und sie konnte sie sehen. Wenn sie ihre Großmutter danach fragte, gab sie immerzu ausweichende Antworten. Anscheinend glaubte sie nicht, dass die Geister wirklich da waren. Für sie waren es nur Schatten, ausgedachte Figuren. Doch für die Prinzessin waren sie so echt wie die Menschen, die sie in ihrer Einsiedlerei alle nur vom Hörensagen kannte. Die Geister hätten sie auch nicht weiter gestört, wenn sie denn freundlich gewesen wären. Aber genau das waren sie nicht. Manche von ihnen hatten eine genau definierte Gestalt. Da war die schöne junge Frau, in deren Gesicht sich der Wahnsinn spiegelte. Manchmal schien sie der Prinzessin gegenüber nett zu sein, doch kaum drehte die sich von ihr weg, hörte sie ihr fahles, gemeines Kichern. Sie konnte nur eine Hexe sein. Die Prinzessin war überzeugt, dass dieser Geist für all ihre Missgeschicke verantwortlich war. Stolperte sie über einen Stein, dann hatte ihn diese Hexe hingelegt. Verlief sie sich im Wald, dann hatte die Hexe sie mit einigen besonders hübschen Blumen abgelenkt. Gab es mal wieder nicht genug zu essen, dann war die Hexe an den Vorräten gewesen. Außer vor der Hexe gruselte sich die Prinzessin besonders vor der toten Frau. Auch die tote Frau war jung und hübsch. Sie sah der Hexe bemerkenswert ähnlich, doch es war einfach zu sehen, dass sie nicht die Hexe war. Ihr Gesicht schien unschuldig, es hatte fast Ähnlichkeiten mit ihrem eigenen Gesicht. Doch egal, wie sehr die Prinzessin sich wünschte, einmal mit diesem Geist sprechen zu können, er blieb stumm, erstarrt und kalt. Sie war eine Tote. Sehr selten hatte sie Besuch von dem gemeinen Mann. Die Prinzessin sah tagsüber nur sehr selten Männer, vielleicht sah sie deshalb auch nachts den gemeinen Mann nur selten. Er sah gut aus, trug eine Krone und versuchte immer wieder, die Prinzessin zu küssen. Doch die Prinzessin ekelte sich vor seinem stinkenden Mund. Er schaffte es niemals sie zu küssen, denn kurz vorher wachte sie immer mit einem spitzen Schrei auf. Andere Geister waren nur Schemen, die keine klare Form annahmen, aber regelmäßig Albträume mitbrachten. Die Prinzessin hasste die Geister. Bis sie die guten traf. Es geschah, als sie noch ein sehr junges Mädchen war, auf einer Lichtung, im Wald. Sie hatte etwas Holz für den Ofen gehackt und sich ausnahmsweise einmal müde ins Gras gelegt. Als sie die Augen geschlossen hatte, kamen die Geister. Sie waren überhaupt gar nicht menschlich, noch nicht mal ihr Geschlecht konnte sie sagen, doch sie erfüllten ihren Körper mit einem eigenartigen Kribbeln, das nicht Angst war. Sie brachten Bilder. Bilder und vor allem Geschichten. Vor ihren geschlossenen Augen spielten sich fantastische Szenen ab. Sie sah Bilder voller Farben, seltsam anders, wie als stammten sie aus fremden Gegenden, die sie doch nie gesehen hatte. Ihre Großmutter hatte ihr nur sehr selten einmal eine Geschichte erzählt, sie schien nicht viel davon zu halten. Manchmal, wenn sich jemand im Wald verlaufen hatte und bei Großmutter Unterschlupf suchte, oder wenn eine ihrer uralten Freundinnen mit einem Wanderstock vorbei kam, dann erzählten sie schon die ein oder andere Geschichte. Doch die Geschichten, die die Geister mitbrachten, waren anders. Sie saßen tief in der Prinzessin drin, sie gehörten ihr, sie waren Teil von ihr, sie waren das, was die Prinzessin eigentlich war, denn Helferin einer alten Großmutter, das kann eine Aufgabe sein, das kann eine gute, erfüllende Aufgabe sein, aber das kann kaum eine ganze Identität sein. Die Geschichten aber, sie gaben der Prinzessin sehr wohl das Gefühl, etwas besonderes, eine auf irgendeine Weise Auserwählte zu sein. Da sie wusste, dass ihre Großmutter sich für Geschichten nicht interessierte, erzählte sie ihr nie davon, jemand anderes, dem sie sich hätte anvertrauen können, gab es nicht. Manchmal dachte die Prinzessin darüber nach, wie es wohl wäre, lesen und schreiben zu können. Vielleicht könnte sie so von neuen Geschichten erfahren, vielleicht könnten andere so von ihren Geschichten erfahren. Jedes Mal verwarf sie den Gedanken schnell wieder. Sie kannte doch niemanden, der tatsächlich lesen und schreiben konnte. Für ihre tägliche Arbeit war diese Fähigkeit ganz und gar nicht nötig. Was machte sie sich auch solche Gedanken! Genügte es nicht, dass sie sich alle ihre Geschichten hatte merken können, genügte es nicht, dass sie immerzu in ihr waren und sie begleiteten?
Viel zu bald wurde aus dem jungen Mädchen eine Frau. Sie dachte seltsam wenig darüber nach, ob sich in ihrem Leben irgendetwas ändern könnte. Irgendwann, wusste sie, musste ihre alte Großmutter sterben, doch dieses Wissen nahm sie nie als Realität zur Kenntnis. In ihrer unrealistischen Vorstellung ging ihr Leben einfach so weiter, wie es immer weitergegangen war. Sie machte sich auch keine Gedanken über das Heiraten. Sie würde doch so oder so keinen Mann kennen lernen. Auf eine gewisse Weise wollte sie auch gar keinen Mann kennen lernen. Sie ekelte sich davor einen zu küssen, weil sie das an den gemeinen Mann erinnerte. Sie hielt den Umstand, dass sie niemals vom Küssen und von Hochzeit träumte, für Normalität und genau das war er auch, für sie. Für eine gewisse Weile fühlte sich ihr Leben unveränderlich und ewig an.
Dann kam die Nacht, in der sie volljährig wurde. Als sie abends wie immer ins Bett ging, wusste sie nicht, weshalb diese Nacht eine besondere Bedeutung hatte. Sie sollte es nie erfahren. Doch für sie war diese Nacht besonders, weil ihre guten Geister kamen. Es waren viel mehr gute Geister als sonst, die viel stärkere Gefühle hervorrufen. Sie brachten ihren Körper zum zittern und hielten ihren Geist vom Einschlafen ab. Sie sah Dinge und noch mehr Dinge, und plötzlich wollte sie es wissen. Sie wollte wissen, ob ihre Geschichten gute Geschichten waren. Sie wollte wissen, wie sich ihre Geschichten in die weite Welt der Geschichten einfügten, sie wollte wissen, wo die Unterschiede zu anderen Geschichten lagen und wo die Gemeinsamkeiten. Sie wollte endlich lesen und schreiben lernen. Sie wollte lernen, sie wollte wissen, sie wollte erzählen, sie wollte beibringen. Ihre Lippen zitterten. Sie fühlte sich, als hätte der allerstärkste der guten Geister sie geküsst. Sie war sich ganz sicher, dass sie von den Geistern geküsst worden war, schon seit langem. Diesmal hatte sie zurück geküsst. Diesmal hatte sie nicht nur Geister in sie aufgenommen, diesmal hatten die Geister ein Stück von ihr in sich aufgesogen, es mitgenommen. Sie war sich plötzlich sicher, dass die Geister nun niemals mehr vorhatten, zu ihr zurück zu kehren. Sie hatten ihr alles dagelassen, das sie entbehren konnten. Nun war sie eigenständig, selbst ein wenig guter Geist. Sie fühlte sich angefüllt und voll. Es war das beste Gefühl, das sie kannte.
Als sie aufstand, ohne geschlafen zu haben, ging sie zuerst zu ihrer Großmutter und küsste sie auf die Wange, so wie sie es seit vielen Jahren jeden Morgen tat. Ihr Frühstück schmeckte fad, wie immer, doch auch ein wenig bitter. Als sie aus dem Fenster schaute, erblickte sie zu ihrer Verblüffung einen Reiter. Es war ein Mann, der dem gemeinen Mann erstaunlich ähnlich sah. Er wurde langsamer, stieg von seinem Pferd ab, öffnete die Tür und trat ein, ganz als würde er bereits erwartet. Dann ging er auf sie zu und gab ihr einen ekelhaft schmatzenden Kuss mitten auf den Mund. Sie wandte sich ab um sich zu übergeben, doch alles war zu spät. Das Gift, das in ihrem Essen gewesen war, hatte bereits angefangen zu wirken.
Kaum eine halbe Stunde später galoppierte das Pferd mit zwei Reitern auf dem Rücken, viel schneller als es ein nichtmagisches Pferd jemals könnte, zurück zum Schloss des Mannes, der sich endlich rechtmäßiger König nannte. Er konnte nicht wissen, dass auch die Hexe der Ansicht war, sie sei nun alleinige Herrin über ein riesiges Reich. Er konnte nicht wissen, dass sie längst plante, ihn so bald wie möglich wieder los zu werden. In diesem Augenblick waren die Hexe und der König am Ende ihrer Träume angelangt. Sie wirkten so echt wie das Liebespaar, das sie vorgaben zu sein, dass sie selbst fast glaubten, sie wären eins. An diesem Tag küssten zumindest die beiden sich noch häufig und heftig. Die Hexe war die hübscheste Frau, die der König sich hatte vorstellen können und sie gab sich alle Mühe, ihn zufrieden zu stellen, denn schließlich sollte er sich sicher fühlen.
In dieser Nacht, die der falsche König und die Hexe gemeinsam verbrachten, geschah noch viel mehr. In dieser Nacht wurde noch viel mehr geküsst. Im ganzen Land kamen die Geister. Sie kamen angeflogen, setzten sich auf die Herzen der Menschen, drangen in sie ein. In dieser Nacht konnte niemand schlafen, in dieser Nacht kamen die Geschichten an und mit den Geschichten die Fragen und mit den Fragen die Neugier und mit der Neugier das Wissen. Es kamen gute Geister und böse Geister, doch die meisten Geister waren nicht gut und nicht böse, genau wie die Geschichten, die sie brachten, nicht gut waren und nicht böse.
Am nächsten Morgen schon begann der König zu regieren und bald hatte er erstaunlich viele Probleme. Mit den Wochen die vergingen, gelang ihm fast nichts. Das Einsammeln der Steuer dauerte wesentlich länger als geplant und es gab kaum ein Dorf, das sich nicht fragte, ob es nicht vielleicht zu viele Abgaben leistete. Die Leute wollten wissen, wie das Gesetz lautete, sie wollten wissen, wer es gemacht hatte, wann das war und warum, und wie es sein konnte, dass der Palast des Königs so groß und voller Gold und Marmor war und wie es sein konnte, dass die neue Königin fast jeden Tag ein neues Kleid kaufte. Es gab in allen Teilen des Landes Aufruhr. Die Menschen begannen wie die wahnsinnigen lesen und schreiben zu lernen. Manche vernachlässigten ihre Felder ganz darüber, dass sie Bücher abschrieben. Zuerst war die Königin heimlich froh über die Entwicklungen. Sie dachte, dies geschehe, da sie die rechtmäßige Königin war und nicht der falsche König. Doch dann fragte sie sich, warum sie keine Macht bekam. Die Macht, die der König nicht hatte, stand ihr zu. Nur ihr. Doch die Situation verschärfte sich weiter. Die Königin und der König stritten sich immer häufiger. Sie machte ihm Vorschläge, wie er die Situation handhaben sollte. Doch wen einer ihrer Vorschläge nicht wirkte, was häufig vorkam, warf er ihr vor, keine Ahnung zu haben und wenn einer ihrer Vorschläge tatsächlich Wirkung zeigte, was tatsächlich ab und an vorkam, da sie eine jahrhundertelange Lebenserfahrung und ein größeres politisches Geschick als er besaß, dann warf er ihr vor, sie betrogen und die Prinzessin vor ihm geküsst zu haben. Eines Tages, nach dem der König sich immer weiter in seinen Verdacht, die Hexe habe ihn letztendlich doch betrogen, brannte die Hexe auf dem Scheiterhaufen. Doch niemand im Land konnte das verstehen. Der alte König hatte gewollt, dass der Mann regiert, der seine Tochter heiratet, er hatte Tochter geliebt. Wenn dieser Mann, sie aus undurchsichtigen Gründen umbringen ließ, konnte das nur bedeuten, dass er kein Recht der Welt hatte König zu sein. Das Land war in Aufruhr. Die Geister, die die Herzen der Menschen anfüllten, die weder gut noch böse wollten, hatten bewiesen, dass sie sehr mächtige Geister waren. Doch wie es mit dem Land weiterging, was als nächstes geschah, das wussten noch nicht einmal die Geister. An diesem Tag war das Schicksal des Königs besiegelt. Ohne die Beratung seiner Frau versagte er kläglich. Er hatte Angst. Noch in der Nacht floh er, er ritt immer weiter, bis in einen Teil des Reiches kam, den er nicht kannte. Dort legte er sich müde zum schlafen hin, doch er konnte nicht schlafen, denn die Geister kamen und die Geister füllten ihn mit Geschichten. Geschichten, die er aufschreiben musste. So gab er die wenigen Goldmünzen, die er in der Eile aus dem Palast mitgenommen hatte, für Schreibfedern und Pergament aus. Wie ein wahnsinniger schrieb er Tag und Nacht. Wenn er auch gestorben ist, vielleicht werden seine Bücher noch immer gelesen.
Wieder da
Fandom: Original
Prompt: Kiss Kiss Slap
Wörter: 1574
Genre: Femmeslash, Teenager
Es regnet stark. Die Kapuze meiner Jacke ist abgerissen. So weit ich weiß, besitze ich keinen Schirm. Ich muss die Augen zusammenkneifen. Die Graffitis auf den Geräten des Spielplatzes haben viele Farben. Aus den Augenwinkeln betrachtet vermengen sie sich zu einem Braunton, der mich an Hundehaufen erinnert.
Da war der Tag, an dem ich hier selbst ein Graffiti gesprüht habe, an der Mauer, die den Spielplatz vom Hof der Hauptschule abtrennt. Heute ist der Schriftzug unter mehreren Schichten Farbe verschwunden. Besonders originell ist er nicht gewesen, das muss ich zugeben. Inzwischen ist es unter vielen Schichten Farbe verschwunden. Ich kann mir auch vorstellen, dass der Hausmeister der Schule schon mehrfach versucht hat, die Mauer sauber zu waschen. Geglückt ist es ihm offensichtlich nicht.
Als ich gehört habe, dass die Schule geschlossen werden soll, bin ich sofort her gefahren. Ich hab dabei an dich gedacht. Wohnst du noch hier? Gesehen hab ich dich bis jetzt nicht. Das ist kein Wunder. Mein Regionalzug ist mitten in der Nacht mit zwanzig Minuten Verspätung angekommen. Ich habe nicht vor, beim Morgengrauen noch hier zu sein.
Ich lebe jetzt in Berlin. Das weißt du gar nicht. Ich hatte aber immer erwartet, dass du irgendwie von selbst drauf gekommen bist. Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass du fast überhaupt nichts über den Menschen weißt, der ich jetzt bin. Wenn ich dir aber von mir erzählen würde, dann wärst du auch nicht überrascht, denke ich.
Eigentlich ist es gut, dass das Graffiti weg ist. Ich kann inzwischen viel besser sprühen. Vor allen Dingen Bilder. Die konnte ich früher gar nicht. Jetzt mache ich das nur noch. Ich bin ziemlich perfektionistisch geworden. Ich glaube aber, dir war damals ziemlich egal, dass das Graffiti nicht so gut aussah. Gefreut hast du dich, oder deine Augen können ziemlich gut lügen.
Ich wollte immer wissen, was du machst. Hätte ich natürlich nicht zugegeben. Ist aber so. Du hättest heute keine Chance mehr bei mir. Ich würde jetzt gerne sagen, dass ich mich frage, was ich an dir gefunden habe. Ich muss nicht fragen. Ich weiß es noch. Es gibt trotzdem interessantere Schnitten als dich, tut mir Leid. Wenn ich wüsste, was du heute machst, wär ich von dir enttäuscht. Ich bin mir sicher. Da kannst du meine Meinung nicht mehr ändern.
Wir sind hier zur Schule gegangen. Das ist fast unendlich lange her. Ich denke, du hast die Schule zu Ende gemacht und die Bäckerlehre bei deinem Onkel angefangen, die er dir schon halb versprochen hatte, als du vierzehn warst. Doch, das passt. Ich bräuchte bloß bis morgen früh zu warten und mir ein Brötchen zum Frühstück kaufen gehen. Dann könnte ich dich sehen. Brauch ich mir nicht geben. Ich hab dich lange genug angestarrt als du in der Bank direkt vor mir saßest. Du hattest wirklich schöne schwarze Locken. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass du die nicht mehr hast, also hast du sie wohl noch immer. Bekommt aber niemand zu sehen, wenn du dein Kopftuch noch trägst. Ich wüsste nicht, weshalb du es auf einmal nicht mehr tragen solltest.
In der siebten Klasse hast du das Kopftuch noch nicht getragen. Alle Jungen haben deine Haare angestarrt. Ich war ja selbst einer von ihnen. Na ja, außer, dass ich kein Junge bin. Ich hab deine Haare dann auch noch gesehen, als du in der achten warst und in der neunten. In der Mädchenumkleide zum Beispiel. Irgendeinen Vorteil muss das weibliche Geschlecht schließlich auch an sich haben. Ach, und später, im Häuschen auf dem Spielplatz natürlich. Aber da hab ich nicht bloß deine Haare auf dem Kopf gesehen. Da war noch was mit anfassen. Und mit anderen Haaren.
Ich bin eigentlich nicht so fürs Küssen. Ich komme lieber schnell zur Sache. Aber mit dir hat es Spaß gemacht. Du bist eine außergewöhnlich gute Küsserin. Frag mich, wo du das gelernt hast. Bist ein Naturtalent, gibs einfach zu.
Du hast meine Ratte gemocht. Meine Eltern sind fast ausgeflippt. Fanden sie ekelhaft. Aber auf meine Eltern braucht auch niemand zu hören. Die finden alles, was gut ist ekelhaft, sogar dich. Weil du Türkin bist und es davon in diesem Land schon viel zu viele gibt. Dabei bist du Ägypterin. Aber versuch denen mal den Unterschied zu erklären. Die kennen noch nicht mal den Unterschied zwischen da wo auf der Karte Polen ist und da wo Deutschland ist. Hoffnungsloser Fall, das. Meine Ratte ist lange tot. Hat aber viele Kinder gehabt. Ich glaube, du hättest dich über eins gefreut.
Du bist natürlich nie bei mir zu Hause gewesen. Ich fast nie bei dir. Da waren deine beiden Schwestern, die sich mit dir ein Zimmer geteilt haben. Es hat dich gestört. Küsst sich irgendwie schlecht mit einer Zehnjährigen im Zimmer, kann ich schon verstehen. Dafür hatten wir dann aber auch den Spielplatz.
Ich kann mich nicht erinnern, auf dem Spielplatz schon mal Kinder gesehen zu haben. Nur gelangweilte Schüler nach der Schule. Wir sind aber immer erst später hin gegangen. Abends hat sich hier niemand getroffen, weil es ziemlich ab vom Schuss war. Wir haben uns dann meistens eine Puddingschnecke oder ein Spritzgebäck geteilt, das dein Onkel dir geschenkt hatte. Du hast immer gerne süßes gegessen. Rundlich warst du schon auch, aber nie so, dass es schlecht aussah. Titten da, wo Titten hin müssen. Arsch da, wo Arsch sein soll. Ich hab gern was zum anfassen und du hast mir was zum anfassen gegeben.
Es regnet nicht mehr so stark. Ich hab mich in unser Häuschen verkrochen. Wenn es ganz aufhört, leg ich mit Sprühen los. Ausruhen ist aber auch nicht schlecht. Ich finde, hier drin riechts nach Puddingschnecke. Unsere Küsse haben immer ziemlich stark danach geschmeckt. Ich weiß nicht, was für ein Parfum du benutzt hast. Namen von so abstrakten, durchmischten Gerüchen fallen mir meistens nicht ein. Hast aber immer viel davon benutzt, das ist schon mal klar. Danach riechts hier auch. Obwohl, wahrscheinlich riechts hier nach Pisse und Bier und sonst nach gar nichts.
Als ich dich zum letzten Mal geküsst hab, wusste ich gar nicht, dass es das letzte Mal war. Das ist nicht fair. Aber du wusstest es schließlich auch nicht. Wir hockten genau an der Stelle, an der ich jetzt hocke. Zum richtig sitzen oder liegen ist das Häuschen zu klein. Ich habe wahrscheinlich deine Brüste unter deinem weiten Oberteil angefasst. Du hast sicher irgendein Liedchen gesummt. Ich mochte deine Stimme. Zum Abschied habe ich dich noch einmal auf die Nase geküsst. Das kann ich sicher sagen, weil es jedes Mal so war. Seit dem Anfang schon. Du hast dein Kopftuch wieder aufgesetzt. Ich habe dir geholfen. Dann sind wir noch ein Stück Hand in Hand gegangen. Bis du rechts abgebogen bist und ich weiter geradeaus gehen musste.
Irgendjemand muss uns an dem Abend doch gesehen haben. Oder du hast was verraten. Ich habe niemandem was gesagt, das kann ich schwören. Am nächsten morgen haben uns alle komisch angestarrt. Hab ich zuerst gar nicht mitgekriegt, weil ich wie immer dich angestarrt habe. Aber dass der dicke Kevin auf uns losgegangen ist und seine Kumpel noch dazu, das hab ich dann natürlich mitbekommen. Du hast ziemlich geheult. Ich wollte auch, aber es sind keine Tränen gekommen. Da bringt man sich selbst jahrelang bei, nicht zu heulen und wenn mans doch mal wieder will, hat mans schon verlernt. Die Sache war dir peinlich. Deine Eltern wussten, dass wir uns geküsst haben, deine Freunde wussten es, alle wussten es. Mir war die Sache nicht peinlich. Mir war peinlich, dass ich immer noch in dieser gottverklemmten Stadt lebte. Mir war peinlich, dass ich auf dieselbe Schule wie diese Vollidioten ging. Mir waren meine Eltern peinlich. Das hab ich dir dann ziemlich deutlich so gesagt, auf der Pause im Mädchenklo. Dass ich keinen Tag länger bleibe, wo ich bin. Ich wollte, dass du mitkommst, nach da wo auch immer ich hin ging. Aber du wolltest deinen Schulabschluss haben und deinen Ausbildungsplatz und deine zwei nervtötenden Schwestern und deine simpel gestrickten Freundinnen auch. Das hab ich verstanden. Ich wollte dich zum Abschied küssen und weinen und gehen. Aber dann hast du noch was gesagt. Du hast gesagt, dass du verstehst, warum ich weg will. Aber du selber, du bist nicht gewesen wie ich. Du hattest dich schon öfters mal in einen Jungen verguckt. Es konnte wieder passieren. Es sei gar nicht so schlimm, wenn du allen glaubhaft erzählen könntest, dass ich bloß so ein Versehen gewesen bin, wenn du bald einen neuen Freund hättest. Da hab ich dich geschlagen. Ich finds nicht schlimm, von irgendwem bloß so ein Versehen zu sein. Damit bin ich vor dir und nach dir klar gekommen. Ich hab dich geschlagen, weil ich wusste, dass ich für dich kein Versehen gewesen bin. Du hast gedacht, dass du einen Teil von dir vergessen kannst. Brauchst ja bloß die Hälfte deines Lebens zu leben. Deshalb hab ich dich geschlagen. Weil ich wusste, wenn du jeden morgen Brötchen bäckst und fünf Kinder kriegst bist du vielleicht zufrieden, aber glücklich bist du nicht. Weil du was verheimlichen musst, was du gar nicht verheimlichen willst. Deshalb und aus keinem anderen Grund. Sauer und enttäuscht und traurig und alles war ich auch. Aber so was zuzugeben ist eigentlich nicht meine Art.
An der Wand, die morgen früh eingerissen wird um Platz für ein neues Einkaufszentrum zu machen, steht wieder ‚Fühl dich geküsst, Puddingschnecke’, fast genau so krakelig wie die erste Version. Ich renne los um meinen Zug zu bekommen.
Fandom: Original
Prompt: Indirect Kiss
Wörter: 1510
Genre: Teenager
Sonja fährt Straßenbahn. Sonja geht zur Schule. Manchmal lässt sie sich morgens zu viel Zeit mit ihren Haaren, dann bekommt sie die Straßenbahn nicht. Dann ist Sonja zu spät. Sie entschuldigt sich bei ihrem Lehrer und lächelt hübsch. Wenn es ein netter Lehrer ist, und die meisten Lehrer sind tatsächlich ganz in Ordnung, dann wird die Verspätung nicht eingetragen. Vielleicht sind die meisten Lehrer auch nur vergesslich. Sonja weiß es nicht so genau. Es spricht aber vieles dafür, dass sie vergesslich sind. Sonja bekommt meistens eine drei oder eine drei minus für die mündliche Mitarbeit. Dabei arbeitet sie nie mündlich mit. Im Gegenzug stört sie allerdings auch nicht. Sonja behandelt ihre Unterrichtsmaterialien mit Sorgfalt. In ihren Grundschulzeugnissen fand das immer besonders Erwähnung. Es war meistens das Beste, was da stand, außer die Note für Schönschrift, die ist auch immer eine Eins gewesen. Sonja kann Eselsohren nicht ausstehen. Wenn sie aus Versehen doch ein Blatt mit Eselsohren findet, dann schreibt sie es noch einmal neu. Sie unterstreicht ihre Überschriften mit dem Lineal. Wenn sie sich verschrieben hat, benutzt sie Tipex. Die kleine, unnatürlich weiße Stelle, da wo der Tipex ist, stört sie jedes Mal. Deshalb verschreibt sich Sonja nicht oft. Sonja macht auch ihre Hausaufgaben, zu Hause, am Schreibtisch. In der Straßenbahn hätte sie zwar ausreichend Zeit, die eine oder andere Aufgabe zu erledigen, doch dort liest sie höchstens. Ihre Schrift könnte krakelig erscheinen. Meistens sind Sonjas Lösungen nicht ganz richtig. Aber so falsch, dass sie sich schämen müsste, sind sie dann auch wieder nicht. Trotzdem meldet sich Sonja nie, um ihre Hausaufgaben vorzulesen. Sie gibt auch nicht freiwillig ab. Wenn der Lehrer aber einsammelt, dann bekommt sie meistens eine Drei, ab und an sogar eine Zwei. Mittags isst Sonja in der Mensa. Es schmeckt ihr nie. Meistens stochert sie nur im Essen herum. Den größten Teil ihrer Portion wirft sie wieder weg. Die Köche in der Mensa können noch nicht einmal leckere Nudeln kochen. Meistens haben sie viel zu lange gekocht. Vieles, was dort angeboten wird, ist irgendwie frittiert. Kroketten mit Nuggets. Was vor Fett trieft, wirft Sonja weg. Wenn sie nachmittags nach Hause kommt, räumt sie auf. Ihr Zimmer ist eigentlich immer schon ordentlich, da muss sie nur Staubwischen und Staubsaugen. Doch meistens liegt irgendetwas in der Küche herum oder im Badezimmer. Sonja nimmt es und legt es an den richtigen Platz. Wenn sie damit fertig ist, schminkt Sonja sich nach. Beim Essen in der Mensa und in den Pausen könnte sich etwas Lippenstift gelöst haben. Sie zieht sich auch um. Neue Unterwäsche, ein neues T-Shirt und eine neue Hose. Bei der Gelegenheit duscht sie. Ihre Mutter weigert sich, die ganze Wäsche zu waschen, die Sonja jeden Tag verbraucht, also wirft Sonja selbst jeden zweiten Tag die Waschmaschine an. Während sie darauf wartet, dass die Wäsche fertig gewaschen ist und sie sie aufhängen kann, macht sie ihre Hausaufgaben. Danach setzt Sonja sich an den Computer und chattet mit ihren Freunden und Freundinnen. Sie darf täglich eine Stunde an den Familiencomputer gehen. Sonja hat keine Webcam. Sie könnte sich eine von ihrem Taschengeld kaufen, aber es ist ihr peinlich, dass die Computerecke von ihren Eltern immer wieder unordentlich gemacht wird. Außerdem mag Sonja die Wohnungen ihrer Klassenkameraden nicht sehen. Allein das Bild der Webcam ekelt sie an. Deshalb geht sie auch nicht zu ihnen nach Hause. Sie mag auch nicht so gerne jemanden einladen. Er könnte in die Küche kommen, ins Bad oder das Wohnzimmer oder, noch schlimmer, ihr Zimmer in Unordnung bringen. Abends geht Sonja dagegen schon häufig aus. Meistens in einen Club. Bevor sie geht, duscht sie noch einmal und zieht sich um. Dann schminkt sie sich ab und legt ihre Abendschminke an. Meistens braucht Sonja eine Weile, bis sie die Schuhe gefunden hat, die am Besten zu ihrem Outfit passen. Einmal hatte Sonja einen Freund. Sie hatte ihn kennen gelernt, als sie ausgegangen war. Viele Jungen, die Sonja zum ersten Mal sehen, finden, dass Sonja gut aussieht. Manche von ihnen findet Sonja auch gut aussehend, obwohl sie da hohe Standards hat. Ein Junge, der schlecht rasiert ist, nach Schweiß riecht, ungepflegte Haare oder ein lieblos ausgewähltes Outfit hat, würde sie zum Beispiel nie interessieren. Wenn ein Junge sie nur ein bisschen interessiert, dann denkt Sonja sofort an seine Wohnung und sagt nein. Einmal aber hatte Sonja sich wirklich verliebt. Schon am ersten Abend hatten sie zusammen getanzt. Am nächsten Tag war sie wieder in denselben Club gegangen und hatte ihn wieder getroffen. Der Junge hieß Florian. Er hatte ein anziehendes Lächeln, einen Sinn für Humor und er konnte gut tanzen. Wenn sie es sich recht überlegte, wusste Sonja gar nicht, warum sie sich ausgerechnet in ihn verliebt hatte. Sie fand ihn einfach gut. Nachdem sie sich einige Male im Club getroffen hatten, hatten sie E-Mail-Adressen und Handynummern ausgetauscht. Und Florian hatte ihr ein Foto von sich mitgebracht. Es war nur ein kleines Passfoto, das für den Schulfotografen aufgenommen worden war, doch Florian lächelte darauf genauso hübsch, wie er gelächelt hatte, als Sonja sich in ihn verliebt hatte. Ihr gefiel das Bild. Abends, bevor sie einschlief, nahm sie es noch einmal in die Hand und küsste es. Sonja und Florian hatten sich noch nicht richtig geküsst, denn es war Winter und seit sie sich kennen gelernt hatten, hatte Florian etwas geschnieft und gehustet. Sonja hatte Angst davor, sich anzustecken. Aber indem sie das Bild küsste, hatte sie vielleicht auch Florian ein bisschen geküsst. Mit der Zeit wurde Florian ungeduldig. Er wollte seine Freundin gerne einmal küssen, sogar seine Freunde zogen ihn schon damit auf. Ob sie ihn wirklich mochte? Vielleicht hatte sie ja bloß schrecklichen Mundgeruch? Oder hatte er etwa Mundgeruch? Sonja und Florian stritten sich deswegen. Nach dem Streit sahen sie sich eine ganze Woche nicht, verabredeten sich jedoch wieder im Club. Mit der Zeit hatte Florians Erkältung nachgelassen. Sonja war der Ansicht, dass sie es inzwischen vielleicht wirklich mit dem Küssen ausprobieren konnte. Sie freute sich darauf. Unter ihren Freundinnen war sie die einzige, die noch nie einen Jungen geküsst hatte. Jetzt aber sollte es endlich so weit sein. Jeden Abend lag sie mit der Vorstellung, Florian zu küssen, noch lange wach im Bett. Manchmal küsste sie das Foto mehrmals. Als der Abend, an dem die beiden sich wieder treffen wollten, endlich gekommen war, wollte Sonja, die schon vorm Eingang des Clubs stand, das Foto noch ein letztes Mal küssen. Doch ihre Finger zitterten, das Passfoto fiel vor ihr auf den Boden. Sie hob es mit den Spitzen ihrer Fingernägel auf. Es war ekelhaft, etwas anzufassen, das bereits auf den Boden gefallen war. Sonja musste das Bild irgendwo abwaschen. Denn eins stand fest: Bevor sie Florian endlich in echt küsste, wollte sie noch ein einziges Mal proben, nur ein allerletztes Mal. Alles andere wäre nicht richtig gewesen. In der Nähe des Clubs gab es einen McDonalds. Dort wollte sie hingehen und das Bild abwaschen. Sie würde zu spät kommen. Der Straßendreck, der noch immer an dem Bild klebte, den sie anfassen musste, war ekelhaft. Sie würde zu spät kommen. Sonja musste weinen. Sie konnte Florian nicht anrufen. Wenn sie ihn anrief, dann würde er ihrer Stimme anmerken, dass sie weinte. Im Toilettenvorraum von McDonalds wusch sie das Bild mehrere Minuten lang ab, mit sehr viel Seife. Sie rubbelte richtig daran. Dann wischte sie es trocken, bis es ganz und gar trocken war. Sie verbrauchte alle Papiertaschentücher, die noch im Spender waren. Es waren gar nicht mehr so viele gewesen. Die Putzfrau, von der sich Sonja nicht vorstellen konnte, wofür sie bezahlt wurde, bei dem Dreck, der auf der Toilette herrschte, sah sie trotzdem etwas merkwürdig an. Vorsichtig küsste sie das Foto. Dann schaute Sonja in den Spiegel. Sie hatte heftig geweint. Ihre Augen waren gerötet und ihre Schminke verschmiert. Sonja ging zur Männertoilette um neue Papiertaschentücher zu holen. Dort lagen ganze Stapel herum. Vielleicht trockneten Männer sich ihre Hände nach dem Waschen nicht ab, oder noch schlimmer, wuschen sich die Hände überhaupt nicht. Nein, es musste Zufall sein. Es musste einfach. Woher sollte Sonja wissen, ob Florian sich die Hände gewaschen war, wenn er im Club auf Klo gegangen war? Schließlich machte Sonja sich daran, sich komplett abzuschminken und neue Schminke aufzutragen. Ihre Schminke hatte sie immer in ihrer Handtasche dabei, für den Notfall. Doch dann, sie hatte sich zu Hälfte geschminkt, stellte sie fest, dass sie keinen Kajal eingesteckt hatte. Ohne Kajal konnte sie nicht in den Club gehen. Ihr Kajal lag zu Hause. Wenn sie jetzt noch einmal nach Hause fahren musste, konnte sie überhaupt nicht mehr in den Club gehen. Sie fuhr nach Hause. Auf dem ganzen langen Weg musste sie weinen. Als sie dann ihren Kajal gefunden hatte, schminkte sie sich noch einmal komplett neu, wusch den McDonalds-Toilettendreck vom Foto, zog sich um und machte ihre Haare wieder frisch. Dann küsste sie das Foto, so wie sie es schon seit vielen Abenden getan hatte, zog sich alle ihre Kleider wieder aus, schminkte sich ab und ging ins Bett.
Als Sonja das nächste Mal in den Club ging, hatte Florian eine andere Freundin.
Es war einmal ein Kuss
Prompt: True Love's Kiss
Fandom: Original
Wörter: 2832
Genre: Märchen
Es war einmal ein König, dem ein großes, wohlhabendes Reich untertan war. Seine Länder umfassten tiefe, uralte Wälder, florierende Küstenstädte, Hügelketten, die reich an Bodenschätzen waren und Gegenden mit gutem, fruchtbarem Ackerboden. In den wärmeren Gegenden wurde der leckerste Wein angebaut und wuchsen die schönsten Früchte an den Bäumen. Der König hatte auch eine hübsche Frau, die er sehr liebte und eine kleine Tochter, die ihm jeden Tag das Herz erfreute. Wenn er sich einmal nicht auf seine Regierungsgeschäfte konzentrieren musste, dann liebte der König es besonders, seiner Tochter beim Lallen zuzuhören (er scherzte, sie sei seine aufrichtigste Beraterin), ihr Brei zu füttern oder Späße mit ihr zu treiben. Er stellte sich vor, wie schön seine Tochter einmal in einmal Ball- oder Hochzeitskleid aussehen würde, wie anmutig sie tanzen und wie lieblich sie singen würde. Diese Gedanken erfüllten ihn mit unbändiger Vorfreude. Er konnte sich mit Fug und Recht glücklich schätzen. Doch eines schönen Herbsttages wurde der König sehr krank. Noch bevor das neue Jahr gekommen war, war der König tot. An seinem Sterbebett bat er seinen jüngeren Bruder, die Regierungsgeschäfte zu führen, bis seine Tochter volljährig war. Dann sollte sie durch einen Kuss auswählen, wen auch immer sie für eine Heirat geeignet hielt und durch diesen Kuss gleichsam zum König krönen. Der Bruder des Königs lächelte darauf und versprach, sich an diesen letzten Wunsch zu halten. Doch dem König reichte das Versprechen nicht aus. Mit seinen letzten Atemzügen rang er seinem Bruder einen Schwur ab und er schloss die Augen nicht, bis dass der Bruder geschworen hatte.
Der Bruder jedoch, der das reiche Land sah, das für viele Jahre sein geworden war, dachte an die junge, unerfahrene Prinzessin und die jungen Burschen, für die sich junge Mädchen so schnell begeisterten. Nein, der Gedanke, sein Reich eines Tages an einen solchen Mann abgeben zu müssen, behagte ihm nicht. Wenn er es sich recht überlegte, wollte er das Reich überhaupt nicht wieder aus den Händen geben. Er wusste, dass es in den weiten Wäldern am Rande des Königreichs noch Hexen gab. Sie konnten ihre Gestalt ändern, mal jung und schön sein, mal hässlich alt. Viele von ihnen lebten mehrere hundert Jahre lang. Eine von ihnen hatte er auf einem Erkundungsritt kennengelernt, der ihn als jungen Prinz ohne wichtige Aufgaben bis in die entferntesten Zipfel des Reichs geführt hatte. Er hatte damals einige Nächte mit ihr verbracht und konnte sich gut vorstellen, dass sie ihm einen Gefallen tun würde. So machte er sich unter dem Vorwand, an den Grenzen nach dem Rechten schauen zu wollen, auf zu ihr. Sie sollte die junge Königin umbringen, in ihrer Gestalt mit der Prinzessin davon reiten und sie in ihrer Kate im Wald verstecken. Durch ihre Zauberkunst sollte sie die Prinzessin hässlich machen, so dass kein junger Mann sie je küssen würde. Am Morgen, an dem sie volljährig wurde, wollte der Bruder des verstorbenen Königs zu ihr hin reiten und ihr einen einzigen Kuss geben. Dann wollte er gemeinsam mit der Hexe die Prinzessin umbringen, die Hexe wollte er in Gestalt einer jungen Frau mit zurück an sein Schloss nehmen und als rechtmäßiger König heiraten.
So wuchs die kleine Prinzessin, von ihrer Herkunft nichts ahnend, bei der Hexe im Wald auf. Einen Namen hatte sie wohl, doch die Hexe, die sich als ihre Großmutter ausgab, nannte sie nur ‚meine Prinzessin’. Jeden Tag musste sie schwer arbeiten, so dass sie Schwielen an den Händen bekam und von dem Essen, das die Hexe ihr gab, bekam sie eine ungesund graue Haut und Ausschlag im Gesicht. Doch die Prinzessin wusste nicht, dass ihr Essen vergiftet war. Obwohl es stets spärlich war und sie im Winter oft hungern musste, schmeckte ihr das Essen, das die Großmutter ihr zubereitete, denn die Hexe sah keinen Grund darin ihrer Ziehtochter bitteres Essen zu geben, wenn sie ihr auch süßes Essen geben konnte. Die Prinzessin sah, dass ihre Großmutter alt war und sich bei den täglichen Pflichten häufig schwer tat, also half sie ihr, so gut und so viel sie konnte. Bald war sie sowohl in allen Haushaltsangelegenheiten bewandert als auch im Holzhacken und Jagen von Kleinwild. Trotz ihres ungesunden Aussehens war sie doch durch ihre harte Arbeit mit der Zeit sehr kräftig geworden. Das karge Leben im Wald erschien ihr als normal, auch dass sie nur selten einmal einen anderen Menschen traf, machte ihr wenig aus. Sie kannte nichts anderes und war stets der Ansicht, ein glückliches und freies Leben zu führen.
Obwohl sie sich der Pflichten ihrer Großmutter gegenüber sehr bewusst war, vergaß sie nicht, sich auch einmal um nichts zu kümmern. Wenn sie zum Holzhacken, Pilzesammeln oder Beerenpflücken in den Wald geschickt wurde, dann nahm sie sich hin und wieder eine Weile Zeit in der sie sich irgendwo hinsetzte und scheinbar gar nichts tat. Sie beobachtete dann den Himmel, der viele leicht unterschiedliche Farben haben konnte, roch am Gras und schloss für einen Moment. Diese Pausen dauerten nie lange und so dachte sich die Hexe, die sie unbemerkt immerzu beobachtete nichts dabei. Doch für die Prinzessin war da neben beobachten, lauschen, riechen und entspannen stets noch mehr, noch etwas besonderes, das sie nur für sich hatte.
Als die Prinzessin noch klein gewesen war, hatte sie sich vor der Nacht gefürchtet. Nachts kamen die Geister und sie konnte sie sehen. Wenn sie ihre Großmutter danach fragte, gab sie immerzu ausweichende Antworten. Anscheinend glaubte sie nicht, dass die Geister wirklich da waren. Für sie waren es nur Schatten, ausgedachte Figuren. Doch für die Prinzessin waren sie so echt wie die Menschen, die sie in ihrer Einsiedlerei alle nur vom Hörensagen kannte. Die Geister hätten sie auch nicht weiter gestört, wenn sie denn freundlich gewesen wären. Aber genau das waren sie nicht. Manche von ihnen hatten eine genau definierte Gestalt. Da war die schöne junge Frau, in deren Gesicht sich der Wahnsinn spiegelte. Manchmal schien sie der Prinzessin gegenüber nett zu sein, doch kaum drehte die sich von ihr weg, hörte sie ihr fahles, gemeines Kichern. Sie konnte nur eine Hexe sein. Die Prinzessin war überzeugt, dass dieser Geist für all ihre Missgeschicke verantwortlich war. Stolperte sie über einen Stein, dann hatte ihn diese Hexe hingelegt. Verlief sie sich im Wald, dann hatte die Hexe sie mit einigen besonders hübschen Blumen abgelenkt. Gab es mal wieder nicht genug zu essen, dann war die Hexe an den Vorräten gewesen. Außer vor der Hexe gruselte sich die Prinzessin besonders vor der toten Frau. Auch die tote Frau war jung und hübsch. Sie sah der Hexe bemerkenswert ähnlich, doch es war einfach zu sehen, dass sie nicht die Hexe war. Ihr Gesicht schien unschuldig, es hatte fast Ähnlichkeiten mit ihrem eigenen Gesicht. Doch egal, wie sehr die Prinzessin sich wünschte, einmal mit diesem Geist sprechen zu können, er blieb stumm, erstarrt und kalt. Sie war eine Tote. Sehr selten hatte sie Besuch von dem gemeinen Mann. Die Prinzessin sah tagsüber nur sehr selten Männer, vielleicht sah sie deshalb auch nachts den gemeinen Mann nur selten. Er sah gut aus, trug eine Krone und versuchte immer wieder, die Prinzessin zu küssen. Doch die Prinzessin ekelte sich vor seinem stinkenden Mund. Er schaffte es niemals sie zu küssen, denn kurz vorher wachte sie immer mit einem spitzen Schrei auf. Andere Geister waren nur Schemen, die keine klare Form annahmen, aber regelmäßig Albträume mitbrachten. Die Prinzessin hasste die Geister. Bis sie die guten traf. Es geschah, als sie noch ein sehr junges Mädchen war, auf einer Lichtung, im Wald. Sie hatte etwas Holz für den Ofen gehackt und sich ausnahmsweise einmal müde ins Gras gelegt. Als sie die Augen geschlossen hatte, kamen die Geister. Sie waren überhaupt gar nicht menschlich, noch nicht mal ihr Geschlecht konnte sie sagen, doch sie erfüllten ihren Körper mit einem eigenartigen Kribbeln, das nicht Angst war. Sie brachten Bilder. Bilder und vor allem Geschichten. Vor ihren geschlossenen Augen spielten sich fantastische Szenen ab. Sie sah Bilder voller Farben, seltsam anders, wie als stammten sie aus fremden Gegenden, die sie doch nie gesehen hatte. Ihre Großmutter hatte ihr nur sehr selten einmal eine Geschichte erzählt, sie schien nicht viel davon zu halten. Manchmal, wenn sich jemand im Wald verlaufen hatte und bei Großmutter Unterschlupf suchte, oder wenn eine ihrer uralten Freundinnen mit einem Wanderstock vorbei kam, dann erzählten sie schon die ein oder andere Geschichte. Doch die Geschichten, die die Geister mitbrachten, waren anders. Sie saßen tief in der Prinzessin drin, sie gehörten ihr, sie waren Teil von ihr, sie waren das, was die Prinzessin eigentlich war, denn Helferin einer alten Großmutter, das kann eine Aufgabe sein, das kann eine gute, erfüllende Aufgabe sein, aber das kann kaum eine ganze Identität sein. Die Geschichten aber, sie gaben der Prinzessin sehr wohl das Gefühl, etwas besonderes, eine auf irgendeine Weise Auserwählte zu sein. Da sie wusste, dass ihre Großmutter sich für Geschichten nicht interessierte, erzählte sie ihr nie davon, jemand anderes, dem sie sich hätte anvertrauen können, gab es nicht. Manchmal dachte die Prinzessin darüber nach, wie es wohl wäre, lesen und schreiben zu können. Vielleicht könnte sie so von neuen Geschichten erfahren, vielleicht könnten andere so von ihren Geschichten erfahren. Jedes Mal verwarf sie den Gedanken schnell wieder. Sie kannte doch niemanden, der tatsächlich lesen und schreiben konnte. Für ihre tägliche Arbeit war diese Fähigkeit ganz und gar nicht nötig. Was machte sie sich auch solche Gedanken! Genügte es nicht, dass sie sich alle ihre Geschichten hatte merken können, genügte es nicht, dass sie immerzu in ihr waren und sie begleiteten?
Viel zu bald wurde aus dem jungen Mädchen eine Frau. Sie dachte seltsam wenig darüber nach, ob sich in ihrem Leben irgendetwas ändern könnte. Irgendwann, wusste sie, musste ihre alte Großmutter sterben, doch dieses Wissen nahm sie nie als Realität zur Kenntnis. In ihrer unrealistischen Vorstellung ging ihr Leben einfach so weiter, wie es immer weitergegangen war. Sie machte sich auch keine Gedanken über das Heiraten. Sie würde doch so oder so keinen Mann kennen lernen. Auf eine gewisse Weise wollte sie auch gar keinen Mann kennen lernen. Sie ekelte sich davor einen zu küssen, weil sie das an den gemeinen Mann erinnerte. Sie hielt den Umstand, dass sie niemals vom Küssen und von Hochzeit träumte, für Normalität und genau das war er auch, für sie. Für eine gewisse Weile fühlte sich ihr Leben unveränderlich und ewig an.
Dann kam die Nacht, in der sie volljährig wurde. Als sie abends wie immer ins Bett ging, wusste sie nicht, weshalb diese Nacht eine besondere Bedeutung hatte. Sie sollte es nie erfahren. Doch für sie war diese Nacht besonders, weil ihre guten Geister kamen. Es waren viel mehr gute Geister als sonst, die viel stärkere Gefühle hervorrufen. Sie brachten ihren Körper zum zittern und hielten ihren Geist vom Einschlafen ab. Sie sah Dinge und noch mehr Dinge, und plötzlich wollte sie es wissen. Sie wollte wissen, ob ihre Geschichten gute Geschichten waren. Sie wollte wissen, wie sich ihre Geschichten in die weite Welt der Geschichten einfügten, sie wollte wissen, wo die Unterschiede zu anderen Geschichten lagen und wo die Gemeinsamkeiten. Sie wollte endlich lesen und schreiben lernen. Sie wollte lernen, sie wollte wissen, sie wollte erzählen, sie wollte beibringen. Ihre Lippen zitterten. Sie fühlte sich, als hätte der allerstärkste der guten Geister sie geküsst. Sie war sich ganz sicher, dass sie von den Geistern geküsst worden war, schon seit langem. Diesmal hatte sie zurück geküsst. Diesmal hatte sie nicht nur Geister in sie aufgenommen, diesmal hatten die Geister ein Stück von ihr in sich aufgesogen, es mitgenommen. Sie war sich plötzlich sicher, dass die Geister nun niemals mehr vorhatten, zu ihr zurück zu kehren. Sie hatten ihr alles dagelassen, das sie entbehren konnten. Nun war sie eigenständig, selbst ein wenig guter Geist. Sie fühlte sich angefüllt und voll. Es war das beste Gefühl, das sie kannte.
Als sie aufstand, ohne geschlafen zu haben, ging sie zuerst zu ihrer Großmutter und küsste sie auf die Wange, so wie sie es seit vielen Jahren jeden Morgen tat. Ihr Frühstück schmeckte fad, wie immer, doch auch ein wenig bitter. Als sie aus dem Fenster schaute, erblickte sie zu ihrer Verblüffung einen Reiter. Es war ein Mann, der dem gemeinen Mann erstaunlich ähnlich sah. Er wurde langsamer, stieg von seinem Pferd ab, öffnete die Tür und trat ein, ganz als würde er bereits erwartet. Dann ging er auf sie zu und gab ihr einen ekelhaft schmatzenden Kuss mitten auf den Mund. Sie wandte sich ab um sich zu übergeben, doch alles war zu spät. Das Gift, das in ihrem Essen gewesen war, hatte bereits angefangen zu wirken.
Kaum eine halbe Stunde später galoppierte das Pferd mit zwei Reitern auf dem Rücken, viel schneller als es ein nichtmagisches Pferd jemals könnte, zurück zum Schloss des Mannes, der sich endlich rechtmäßiger König nannte. Er konnte nicht wissen, dass auch die Hexe der Ansicht war, sie sei nun alleinige Herrin über ein riesiges Reich. Er konnte nicht wissen, dass sie längst plante, ihn so bald wie möglich wieder los zu werden. In diesem Augenblick waren die Hexe und der König am Ende ihrer Träume angelangt. Sie wirkten so echt wie das Liebespaar, das sie vorgaben zu sein, dass sie selbst fast glaubten, sie wären eins. An diesem Tag küssten zumindest die beiden sich noch häufig und heftig. Die Hexe war die hübscheste Frau, die der König sich hatte vorstellen können und sie gab sich alle Mühe, ihn zufrieden zu stellen, denn schließlich sollte er sich sicher fühlen.
In dieser Nacht, die der falsche König und die Hexe gemeinsam verbrachten, geschah noch viel mehr. In dieser Nacht wurde noch viel mehr geküsst. Im ganzen Land kamen die Geister. Sie kamen angeflogen, setzten sich auf die Herzen der Menschen, drangen in sie ein. In dieser Nacht konnte niemand schlafen, in dieser Nacht kamen die Geschichten an und mit den Geschichten die Fragen und mit den Fragen die Neugier und mit der Neugier das Wissen. Es kamen gute Geister und böse Geister, doch die meisten Geister waren nicht gut und nicht böse, genau wie die Geschichten, die sie brachten, nicht gut waren und nicht böse.
Am nächsten Morgen schon begann der König zu regieren und bald hatte er erstaunlich viele Probleme. Mit den Wochen die vergingen, gelang ihm fast nichts. Das Einsammeln der Steuer dauerte wesentlich länger als geplant und es gab kaum ein Dorf, das sich nicht fragte, ob es nicht vielleicht zu viele Abgaben leistete. Die Leute wollten wissen, wie das Gesetz lautete, sie wollten wissen, wer es gemacht hatte, wann das war und warum, und wie es sein konnte, dass der Palast des Königs so groß und voller Gold und Marmor war und wie es sein konnte, dass die neue Königin fast jeden Tag ein neues Kleid kaufte. Es gab in allen Teilen des Landes Aufruhr. Die Menschen begannen wie die wahnsinnigen lesen und schreiben zu lernen. Manche vernachlässigten ihre Felder ganz darüber, dass sie Bücher abschrieben. Zuerst war die Königin heimlich froh über die Entwicklungen. Sie dachte, dies geschehe, da sie die rechtmäßige Königin war und nicht der falsche König. Doch dann fragte sie sich, warum sie keine Macht bekam. Die Macht, die der König nicht hatte, stand ihr zu. Nur ihr. Doch die Situation verschärfte sich weiter. Die Königin und der König stritten sich immer häufiger. Sie machte ihm Vorschläge, wie er die Situation handhaben sollte. Doch wen einer ihrer Vorschläge nicht wirkte, was häufig vorkam, warf er ihr vor, keine Ahnung zu haben und wenn einer ihrer Vorschläge tatsächlich Wirkung zeigte, was tatsächlich ab und an vorkam, da sie eine jahrhundertelange Lebenserfahrung und ein größeres politisches Geschick als er besaß, dann warf er ihr vor, sie betrogen und die Prinzessin vor ihm geküsst zu haben. Eines Tages, nach dem der König sich immer weiter in seinen Verdacht, die Hexe habe ihn letztendlich doch betrogen, brannte die Hexe auf dem Scheiterhaufen. Doch niemand im Land konnte das verstehen. Der alte König hatte gewollt, dass der Mann regiert, der seine Tochter heiratet, er hatte Tochter geliebt. Wenn dieser Mann, sie aus undurchsichtigen Gründen umbringen ließ, konnte das nur bedeuten, dass er kein Recht der Welt hatte König zu sein. Das Land war in Aufruhr. Die Geister, die die Herzen der Menschen anfüllten, die weder gut noch böse wollten, hatten bewiesen, dass sie sehr mächtige Geister waren. Doch wie es mit dem Land weiterging, was als nächstes geschah, das wussten noch nicht einmal die Geister. An diesem Tag war das Schicksal des Königs besiegelt. Ohne die Beratung seiner Frau versagte er kläglich. Er hatte Angst. Noch in der Nacht floh er, er ritt immer weiter, bis in einen Teil des Reiches kam, den er nicht kannte. Dort legte er sich müde zum schlafen hin, doch er konnte nicht schlafen, denn die Geister kamen und die Geister füllten ihn mit Geschichten. Geschichten, die er aufschreiben musste. So gab er die wenigen Goldmünzen, die er in der Eile aus dem Palast mitgenommen hatte, für Schreibfedern und Pergament aus. Wie ein wahnsinniger schrieb er Tag und Nacht. Wenn er auch gestorben ist, vielleicht werden seine Bücher noch immer gelesen.
Wieder da
Fandom: Original
Prompt: Kiss Kiss Slap
Wörter: 1574
Genre: Femmeslash, Teenager
Es regnet stark. Die Kapuze meiner Jacke ist abgerissen. So weit ich weiß, besitze ich keinen Schirm. Ich muss die Augen zusammenkneifen. Die Graffitis auf den Geräten des Spielplatzes haben viele Farben. Aus den Augenwinkeln betrachtet vermengen sie sich zu einem Braunton, der mich an Hundehaufen erinnert.
Da war der Tag, an dem ich hier selbst ein Graffiti gesprüht habe, an der Mauer, die den Spielplatz vom Hof der Hauptschule abtrennt. Heute ist der Schriftzug unter mehreren Schichten Farbe verschwunden. Besonders originell ist er nicht gewesen, das muss ich zugeben. Inzwischen ist es unter vielen Schichten Farbe verschwunden. Ich kann mir auch vorstellen, dass der Hausmeister der Schule schon mehrfach versucht hat, die Mauer sauber zu waschen. Geglückt ist es ihm offensichtlich nicht.
Als ich gehört habe, dass die Schule geschlossen werden soll, bin ich sofort her gefahren. Ich hab dabei an dich gedacht. Wohnst du noch hier? Gesehen hab ich dich bis jetzt nicht. Das ist kein Wunder. Mein Regionalzug ist mitten in der Nacht mit zwanzig Minuten Verspätung angekommen. Ich habe nicht vor, beim Morgengrauen noch hier zu sein.
Ich lebe jetzt in Berlin. Das weißt du gar nicht. Ich hatte aber immer erwartet, dass du irgendwie von selbst drauf gekommen bist. Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass du fast überhaupt nichts über den Menschen weißt, der ich jetzt bin. Wenn ich dir aber von mir erzählen würde, dann wärst du auch nicht überrascht, denke ich.
Eigentlich ist es gut, dass das Graffiti weg ist. Ich kann inzwischen viel besser sprühen. Vor allen Dingen Bilder. Die konnte ich früher gar nicht. Jetzt mache ich das nur noch. Ich bin ziemlich perfektionistisch geworden. Ich glaube aber, dir war damals ziemlich egal, dass das Graffiti nicht so gut aussah. Gefreut hast du dich, oder deine Augen können ziemlich gut lügen.
Ich wollte immer wissen, was du machst. Hätte ich natürlich nicht zugegeben. Ist aber so. Du hättest heute keine Chance mehr bei mir. Ich würde jetzt gerne sagen, dass ich mich frage, was ich an dir gefunden habe. Ich muss nicht fragen. Ich weiß es noch. Es gibt trotzdem interessantere Schnitten als dich, tut mir Leid. Wenn ich wüsste, was du heute machst, wär ich von dir enttäuscht. Ich bin mir sicher. Da kannst du meine Meinung nicht mehr ändern.
Wir sind hier zur Schule gegangen. Das ist fast unendlich lange her. Ich denke, du hast die Schule zu Ende gemacht und die Bäckerlehre bei deinem Onkel angefangen, die er dir schon halb versprochen hatte, als du vierzehn warst. Doch, das passt. Ich bräuchte bloß bis morgen früh zu warten und mir ein Brötchen zum Frühstück kaufen gehen. Dann könnte ich dich sehen. Brauch ich mir nicht geben. Ich hab dich lange genug angestarrt als du in der Bank direkt vor mir saßest. Du hattest wirklich schöne schwarze Locken. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass du die nicht mehr hast, also hast du sie wohl noch immer. Bekommt aber niemand zu sehen, wenn du dein Kopftuch noch trägst. Ich wüsste nicht, weshalb du es auf einmal nicht mehr tragen solltest.
In der siebten Klasse hast du das Kopftuch noch nicht getragen. Alle Jungen haben deine Haare angestarrt. Ich war ja selbst einer von ihnen. Na ja, außer, dass ich kein Junge bin. Ich hab deine Haare dann auch noch gesehen, als du in der achten warst und in der neunten. In der Mädchenumkleide zum Beispiel. Irgendeinen Vorteil muss das weibliche Geschlecht schließlich auch an sich haben. Ach, und später, im Häuschen auf dem Spielplatz natürlich. Aber da hab ich nicht bloß deine Haare auf dem Kopf gesehen. Da war noch was mit anfassen. Und mit anderen Haaren.
Ich bin eigentlich nicht so fürs Küssen. Ich komme lieber schnell zur Sache. Aber mit dir hat es Spaß gemacht. Du bist eine außergewöhnlich gute Küsserin. Frag mich, wo du das gelernt hast. Bist ein Naturtalent, gibs einfach zu.
Du hast meine Ratte gemocht. Meine Eltern sind fast ausgeflippt. Fanden sie ekelhaft. Aber auf meine Eltern braucht auch niemand zu hören. Die finden alles, was gut ist ekelhaft, sogar dich. Weil du Türkin bist und es davon in diesem Land schon viel zu viele gibt. Dabei bist du Ägypterin. Aber versuch denen mal den Unterschied zu erklären. Die kennen noch nicht mal den Unterschied zwischen da wo auf der Karte Polen ist und da wo Deutschland ist. Hoffnungsloser Fall, das. Meine Ratte ist lange tot. Hat aber viele Kinder gehabt. Ich glaube, du hättest dich über eins gefreut.
Du bist natürlich nie bei mir zu Hause gewesen. Ich fast nie bei dir. Da waren deine beiden Schwestern, die sich mit dir ein Zimmer geteilt haben. Es hat dich gestört. Küsst sich irgendwie schlecht mit einer Zehnjährigen im Zimmer, kann ich schon verstehen. Dafür hatten wir dann aber auch den Spielplatz.
Ich kann mich nicht erinnern, auf dem Spielplatz schon mal Kinder gesehen zu haben. Nur gelangweilte Schüler nach der Schule. Wir sind aber immer erst später hin gegangen. Abends hat sich hier niemand getroffen, weil es ziemlich ab vom Schuss war. Wir haben uns dann meistens eine Puddingschnecke oder ein Spritzgebäck geteilt, das dein Onkel dir geschenkt hatte. Du hast immer gerne süßes gegessen. Rundlich warst du schon auch, aber nie so, dass es schlecht aussah. Titten da, wo Titten hin müssen. Arsch da, wo Arsch sein soll. Ich hab gern was zum anfassen und du hast mir was zum anfassen gegeben.
Es regnet nicht mehr so stark. Ich hab mich in unser Häuschen verkrochen. Wenn es ganz aufhört, leg ich mit Sprühen los. Ausruhen ist aber auch nicht schlecht. Ich finde, hier drin riechts nach Puddingschnecke. Unsere Küsse haben immer ziemlich stark danach geschmeckt. Ich weiß nicht, was für ein Parfum du benutzt hast. Namen von so abstrakten, durchmischten Gerüchen fallen mir meistens nicht ein. Hast aber immer viel davon benutzt, das ist schon mal klar. Danach riechts hier auch. Obwohl, wahrscheinlich riechts hier nach Pisse und Bier und sonst nach gar nichts.
Als ich dich zum letzten Mal geküsst hab, wusste ich gar nicht, dass es das letzte Mal war. Das ist nicht fair. Aber du wusstest es schließlich auch nicht. Wir hockten genau an der Stelle, an der ich jetzt hocke. Zum richtig sitzen oder liegen ist das Häuschen zu klein. Ich habe wahrscheinlich deine Brüste unter deinem weiten Oberteil angefasst. Du hast sicher irgendein Liedchen gesummt. Ich mochte deine Stimme. Zum Abschied habe ich dich noch einmal auf die Nase geküsst. Das kann ich sicher sagen, weil es jedes Mal so war. Seit dem Anfang schon. Du hast dein Kopftuch wieder aufgesetzt. Ich habe dir geholfen. Dann sind wir noch ein Stück Hand in Hand gegangen. Bis du rechts abgebogen bist und ich weiter geradeaus gehen musste.
Irgendjemand muss uns an dem Abend doch gesehen haben. Oder du hast was verraten. Ich habe niemandem was gesagt, das kann ich schwören. Am nächsten morgen haben uns alle komisch angestarrt. Hab ich zuerst gar nicht mitgekriegt, weil ich wie immer dich angestarrt habe. Aber dass der dicke Kevin auf uns losgegangen ist und seine Kumpel noch dazu, das hab ich dann natürlich mitbekommen. Du hast ziemlich geheult. Ich wollte auch, aber es sind keine Tränen gekommen. Da bringt man sich selbst jahrelang bei, nicht zu heulen und wenn mans doch mal wieder will, hat mans schon verlernt. Die Sache war dir peinlich. Deine Eltern wussten, dass wir uns geküsst haben, deine Freunde wussten es, alle wussten es. Mir war die Sache nicht peinlich. Mir war peinlich, dass ich immer noch in dieser gottverklemmten Stadt lebte. Mir war peinlich, dass ich auf dieselbe Schule wie diese Vollidioten ging. Mir waren meine Eltern peinlich. Das hab ich dir dann ziemlich deutlich so gesagt, auf der Pause im Mädchenklo. Dass ich keinen Tag länger bleibe, wo ich bin. Ich wollte, dass du mitkommst, nach da wo auch immer ich hin ging. Aber du wolltest deinen Schulabschluss haben und deinen Ausbildungsplatz und deine zwei nervtötenden Schwestern und deine simpel gestrickten Freundinnen auch. Das hab ich verstanden. Ich wollte dich zum Abschied küssen und weinen und gehen. Aber dann hast du noch was gesagt. Du hast gesagt, dass du verstehst, warum ich weg will. Aber du selber, du bist nicht gewesen wie ich. Du hattest dich schon öfters mal in einen Jungen verguckt. Es konnte wieder passieren. Es sei gar nicht so schlimm, wenn du allen glaubhaft erzählen könntest, dass ich bloß so ein Versehen gewesen bin, wenn du bald einen neuen Freund hättest. Da hab ich dich geschlagen. Ich finds nicht schlimm, von irgendwem bloß so ein Versehen zu sein. Damit bin ich vor dir und nach dir klar gekommen. Ich hab dich geschlagen, weil ich wusste, dass ich für dich kein Versehen gewesen bin. Du hast gedacht, dass du einen Teil von dir vergessen kannst. Brauchst ja bloß die Hälfte deines Lebens zu leben. Deshalb hab ich dich geschlagen. Weil ich wusste, wenn du jeden morgen Brötchen bäckst und fünf Kinder kriegst bist du vielleicht zufrieden, aber glücklich bist du nicht. Weil du was verheimlichen musst, was du gar nicht verheimlichen willst. Deshalb und aus keinem anderen Grund. Sauer und enttäuscht und traurig und alles war ich auch. Aber so was zuzugeben ist eigentlich nicht meine Art.
An der Wand, die morgen früh eingerissen wird um Platz für ein neues Einkaufszentrum zu machen, steht wieder ‚Fühl dich geküsst, Puddingschnecke’, fast genau so krakelig wie die erste Version. Ich renne los um meinen Zug zu bekommen.
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Date: 2010-01-21 12:16 pm (UTC)Das sind mal zwei echte Charaktere. Und der letzte Satz ... nicht mal süß, fühlt sich real an. Nicht kitschig, nicht mal romantisch. Richtig gut gemacht.
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Das erste hat auch was. Paranoid, Outsider, absolut alleine und nicht mal mit sich selbst zufrieden. Du hast gerade eine VO aufgewertet. Von 0 - 100 ^^
Zweites muss ich noch lesen, geht aber grad ned.
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Date: 2010-01-21 03:08 pm (UTC)Ich bin mal ein bisschen dumm, aber was ist eine VO?
Das zweite musst du nicht lesen, das ist sowieso die schwächste Geschichte von den dreien ;)
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Date: 2010-01-27 08:20 am (UTC)