Kussgeschichten I
Jan. 12th, 2010 03:57 pm2 Geschichten, nicht unbedingt in 120 Minuten geschrieben, aber ich poste sie trotzdem mal hierher und dann einen Link zu "Schreib doch mal!", wenn alles fertig ist :)
Festzeit:
Fandom: Original
Kuss: Covered in Kisses
Genre: Dark, Surreal
Wörter: 603
Festzeit. Alle Leute gehen feiern. Wir tragen bunte Kleider und wir tragen Masken. Es regnet Bonbons. Die Bonbons schmecken süß. Die Bonbons sind bunt. Alle lutschen Bonbons. Der süße Geschmack klebt noch eine Weile in unseren Mundhöhlen. Die Farbe der Bonbons haftet an unseren Zungen. Orangene Zungen, gelbe Zungen, blaue Zungen, grüne Zungen, knallrote Zungen, lila Zungen, alle strecken ihre Zunge heraus. Das Bonbonpapier knistert. Es fällt herunter, knistert unter den Absätzen unserer Schuhe. Bonbonpapier, Konfetti, Luftschlangen. Wir laufen auf farbenfrohem Matsch. Es schneit noch stark. Der Matsch wird nass. Die Kleidsäume werden nass. Ich entzünde eine Wunderkerze. Dann noch eine. Bald ist die Packung leer. Sie fällt hinunter, mitten in den Schnee. Viele tragen eine Perücke. Viele haben sich das Haar farbig gesprayt. Blau, grün, lila. Es schneit, es schneit. Ich sehe Kleider mit Punkten und Streifen, Verkleidungen, Pailletten. Alle sind geschminkt. Ein Schmetterling im Gesicht, ein Herz auf der Wange. Ich kaufe mir gleich ein Lebkuchenherz oder einen rot glasierten Apfel. Ich beiße hinein. Alles ist süß. Die Menge steht dicht gedrängt. Ob wir wollen oder nicht, wir berühren uns. Die Musik ist laut und einfach. Alle tanzen, alle singen mit. Viele trinken Cocktails, fast so süß wie die Bonbons und ganz genau so bunt. Röcke schwingen im Takt zur Musik, die Röcke sind kurz. Gemusterte Krawatten werden abgeschnitten. Wir blasen Luftschlangen und ziehen Knallbonbons. Aus den Knallbonbons kommen immer neue Plastikfigürchen und Sprüche. Wir heben sie nicht auf, es werden nur einfach immer mehr. Ziehen an Knallbonbons macht uns Spaß. Wenn es dunkel ist, gibt es Feuerwerk, das Feuerwerk wird bunt sein. Es schneit noch immer auf nackte Haut, doch wir tanzen uns wird nie kalt. An den Ständen gibt es Würstchen und Pommes und Fett. Alle essen, es schmeckt allen, es geht alles weg. Es kostet nichts. Die Holzspießer und Pappteller und Plastikbecher der Leute fallen auf den Boden. Auf den Bechern klebt bunter Lippenstift. Auf jedem Becher eine andere Farbe. Heute sind dreißig Zentimeter Neumüll angesagt. Wir alle waten da durch, unsere lackierten Zehennägel, die in Sandalen stecken werden schmutzig von Ketchup, nassem Bonbonpapier, Konfetti. Fremde Leute umarmen mich. Es fühlt sich warm an. Ich gehe ein paar Straßen weiter. Es dauert lange. Die Massen verhalten sich wie eine zähe Flüssigkeit. Durch sie hindurch zu schwimmen erfordert Kraft. Alle tanzen, lange Haare wippen auf und nieder. Im Taumel küsst mich einer auf die Wange. Ich kenne ihn nicht. Ich kenne niemanden. Ich spüre seinem Kuss noch mit den Fingern nach, der Abdruck des billigen Lippenstifts ist so dick, dass ich ihn ertasten kann. Einer sieht es. Er findet das lustig. Tanzt auf mich zu, drückt mir einen Kuss auf die andere Wange. Andere tun es nach. Mein Gesicht und meine nackten Schultern sind voll mit Kussmündern, mein Plastikprinzessinnenkleid, meine blanken Beine. Es ist kaum noch eine Stelle frei von meinem Körper, doch die Leute strömen noch immer auf mich zu. Sie wollen aus mir ein gemeinsames Kunstwerk machen. Jeder will sich beteiligen, ich glaube es gibt Streit. Ich liege am Boden im Matsch. Der Matsch schmeckt süßlich, nach Bonbon. Meine Beine strampeln in den Bauch eines dicken Mannes. Mein rechter Fuß verliert seine Sandale. Der Nagellack blättert ab, meine Fingernägel splittern. Ich greife, aber bekomme außer Neumüll und getautem Schnee nichts zu fassen. Die Musik hämmert lauter denn je durch meinen Kopf hindurch. Die Luft riecht nach Schweiß, Bratfett und Alkohol. Ich versuche zu schreien, doch irgendjemand drückt einen Kuss auf meinen Mund. Ich schließe die Augen, schon werden meine Augenlider abgeknutscht. Die Lippen reißen Wimpern mit fort. Vor meinem inneren Auge, an meiner Fantasiebilderstelle, sehe ich nichts.
Wer ist hier eine Prinzessin?
Fandom: Original
Kuss: Smooch Of Victory
Genre: Slash, Ritter
Wörter: 2214
Der Knappe Johann hatte schon vieles erlebt. Ein Junge, der mit den anderen nichts zu tun haben wollte, war ihm noch nicht untergekommen. Doch da, mitten auf dem Burghof saß tatsächlich einer und schnitzte an einem Stück Holz herum, während alle anderen, die gerade eine freie Minute hatten in Gruppen zusammen saßen und sich über die Hübschheit oder Hässlichkeit der Dienstmädchen ausließen, eine Mutprobe wagten, Schach oder Würfelspiele spielten. Oder sonst irgendetwas zusammen taten. Seit Tagen ging das jetzt schon so. Johann bekam den Neuen nicht oft zu sehen, da er jetzt Knappe des Prinzen war und ihm ständig hinterherlief, aber wenn er ihn doch sah, dann war er allein. Der frühere Knappe des Prinzen war im Winter an den Pocken gestorben. In der Burg hatte es keine geeigneten Jungen im richtigen Alter gegeben, so hatte der Prinz, der schon einige Wochen ohne eigenen Knappen auskommen musste, Martin auf einer anderen Burg gefunden und mitgenommen. Johann konnte kaum verstecken, dass er neidisch war. Der Prinz galt als der ritterlichste Ritter von allen. Er war in allen vorstellbaren Disziplinen unschlagbar und konnte noch dazu die Bibel fast auswendig mitsprechen. Wenn er in der Nähe war, versuchten die Burgfräulein allesamt großen Eindruck zu machen, obwohl doch allen klar war, dass er selbstverständlich eine strategisch möglichst günstige Heirat erwägen würde. Johanns Ritter dagegen war alt, unbegabt und bei den anderen Rittern nicht so recht angesehen. Johann war sich sicher, dass es beim Prinzen wesentlich mehr zu lernen gab und weil er sich im Gegensatz zu den anderen Knappen immer durch vortreffliche Fähigkeiten hervorgetan hatte, hatte er durchaus gehofft, der neue Knappe des Prinzen werden zu können. Stattdessen hatte der sich für einen eigenbrötlerischen Rotschopf entschieden, der noch kein einziges Mal gezeigt hatte, was er eigentlich konnte. Noch dazu war er etwas kurz geraten und hatte auf dem ganzen, rundlichen Gesicht Sommersprossen. „Warum sitzt du hier immer so alleine rum?“ „Ich mag die anderen nicht.“ Was war das denn für eine Aussage? Setzte sich einfach nutzlos in die Ecke und behauptete, alle anderen nicht zu mögen. Das fing ja gut an. Johann hatte jetzt schon gut Lust, sich seinen neuen Freund woanders zu suchen. „Auf der anderen Burg haben mich alle geärgert. Ich komme gut alleine zurecht.“ Was für eine Heulsuse! Obwohl der neue, der sich zwar niemandem vorgestellt hatte, von dem aber jeder wusste, dass er Martin hieß, sich sichtlich Mühe gab, völlig unbeteiligt zu wirken, glitzerten bei genauerem Hinsehen Tränen in seinen Augenwinkeln. „Ich glaube manchmal, ich wäre doch besser Mönch geworden.“ „Das sagst du doch bloß, weil du Angst hast, dass du nicht zum Ritter geschlagen wirst, wenn wir erstmal rausgefunden haben, dass du die Fähigkeiten dazu gar nicht hast. Du bist bestimmt so eine richtige Memme. Und eine Prinzessin noch dazu!“ Mit diesen Worten drehte Johann sich um und ging nach den anderen Jungen Ausschau halten. Er hätte nicht gedacht, dass er noch mal mit Martin zu tun haben würde, aber er konnte ja auch nicht sehen, dass Martin sich nicht weiter auf sein Schnitzwerk konzentrierte, sondern dem schlanken Jungen mit den weizenblonden Haaren noch eine gute Weile hinterher schaute.
Ein paar Tage später überraschte Martin Johann hinter den Ställen. „Selber Prinzessin.“ „Wie bitte?“ „Ich sage, du bist selber eine Prinzessin. Ich werde es beweisen. Wir führen ein Turnier aus. Wer verliert ist die Prinzessin.“ Martin wirkte fast vorlaut und frech. So mochte Johann ihn gleich viel besser leiden. „Aber nur, wenn du dich auch traust“, fügte Martin hinzu. „Ich mich nicht trauen? Soll das ein Witz sein? Wie genau stellst du dir dieses Turnier vor?“ „Drei Disziplinen. Du legst die erste fest, ich die zweite. Die dritte ist ein Kampf Mann gegen Mann, er wird nur durchgeführt, wenn es nach zwei Disziplinen noch keinen eindeutigen Gewinner gibt. Der Gewinner darf sich seinen Preis aussuchen.“ „Einverstanden.“ Mit Handschlag besiegelten sie das Versprechen, sich an die Regeln zu halten. Johann war nur ein bisschen mulmig zumute. „Der Gewinner darf sich was aussuchen“ war für den Verlierer nun wirklich nicht gerade eine Vorteilhafte Regelung, doch andererseits schien ihm Martin kein ernst zu nehmender Gegner zu sein. Dennoch, irgendetwas musste Martin zu seinem plötzlichen Wagemut bewogen haben.
„Die erste Disziplin ist Weitspucken“, rief Johann Martin schon im Laufen zu. Sein Ziel war die Burgmauer. Seit schier ewigen Zeiten hatten sich dort Pagen, Knappen und ab und an auch angetrunkene Ritter im Weitspucken gemessen. Johann hatte schon seit Jahren immer mitgemacht und dabei meistens gewonnen, selbst gegen Jungen, die viel älter als er waren. Diese Disziplin sollte leichtes Spiel für ihn sein. Martin und Johann postierten sich an einer Zinne, direkt über dem Burgtor. Auf dem staubigen Weg, der von dort weg führte, konnten die Spuckespuren besser erkannt werden als irgendwo anders um die Burg herum. „Ich fange an. Du kannst dir dann schon mal überlegen, ob du nicht besser gleich aufgibst.“ Johann sammelte Spucke in seinem Mund, nahm Anschwung und spuckte in einem schönen Bogen bis fast zum zweiten Findling am Wegesrand. So weit hatte Johann in seinem ganzen Leben überhaupt noch nie gespuckt. In Martins Gesicht sah er Einschüchterung und Erstaunen. Dennoch, aufgeben wollte Martin nicht so schnell. Eine kläglich geratene siegesgewisse Pose einnehmend, schritt Martin zur Zinne und beugte sich über den Mauerrand. Dann spuckte er. Seine spucke fiel fast senkrecht nach unten, mitten auf den Kopf des Prinzen, der gerade aus dem Burgtor geritten kam. „Das nennst du spucken? Prinzessin!“ Johann war regelrecht fassungslos. Ein so schlechtes Weitspuckvermögen hatte er Martin dann doch nicht unterstellt. „Warte mal“, sagte Martin, nun wieder mit seinem echten Schelmengrinsen auf dem Gesicht, „Wir wollten doch die Punkte ausmessen, wo unsere Spucke aufgeschlagen ist. Deiner ist da bei dem Stein. Und meiner“, er zeigte mit lang gestrecktem Arm auf irgendetwas in die Ferne, „Ist da, wo dieses Pferd jetzt hingaloppiert.“
Der nächste Teil des Wettkampfs sollte von Martin entschieden werden. Ausgerechnet Martin! Nachdem er schon den ersten Kampf mit mehr Glück als Können für sich entschieden hatte, hatte er nun auch noch die Möglichkeit, seine größte Stärke einzusetzen. Wenn Martin wieder gewann, konnten sie sich die dritte Disziplin, den Kampf Mann gegen Mann, sparen. „Wettschwimmen. Unten am Fluss. Wer zuerst auf der anderen Seite ist.“ Das schien Johann etwas gewagt. Der Fluss hatte so seine Tücken, die von außen kaum erkennbar waren. Als Neuankömmling konnte Martin sich da natürlich nicht auskennen. Vielleicht konnte Johann diese Situation ausnutzen, er selbst war immerhin auch nicht der beste Schwimmer. Ein guter Schwimmer, das ja, aber nicht einer von den besten.
Es war ein schöner Frühlingstag und wenn der Grund für ihren Ausflug nicht so ein todernster Wettkampf gewesen wäre, hätte eine Abkühlung durchaus Spaß machen können. Johann führte Martin das Flussbett entlang. Sie liefen nahe beieinander, fast als seien sie Freunde. Doch Johann hielt nicht nach der sichersten Stelle Ausschau, wie er es versprochen hatte, sondern nach der gefährlichsten. Es gab einige Stromschnellen von denen Martin einfach überrascht sein musste. Auch wenn diese Taktik für beide Jungen mit Risiken verbunden war, verschaffte sie Johann doch einen Vorteil. Bald hatte Johann die Stelle, nach der er gesucht hatte, gefunden. Die beiden Jungen ließen ihre Kleider, derer sie sich rasch entledigten auf das weiche Gras fallen. Das Wasser des Flusses war noch eisig. Nichtsdestotrotz stürzte sich Johann in die Fluten. Bald hatte er Martin hinter sich aus den Augen verloren, so verbissen kämpfte er mit den Wellen. Dann hörte er einen erstickten Schrei. Es war Martin. Martin war in eine der Stromschnellen geraten. Mit ungelenken Paddelbewegungen versuchte er seinen Kopf über Wasser zu halten. Wie ein erfahrener Schwimmer wirkte er nicht gerade. Was für ein Aufschneider! Johann konnte es nicht fassen, dass sich Martin ausgerechnet für eine Disziplin entschieden hatte, die ihm nicht lag. Vermutlich hatte er großes Vertrauen in seine Fähigkeiten im Nahkampf. Mit einigen kräftigen Schwimmzügen war er bei Martin. Er griff nach dem prustenden Jungen und zog ihn mit aller Kraft in Richtung Ufer. Das war nicht gerade einfach, denn Martin war eher etwas kräftiger gebaut als Johann. Als sie die seichteren Stellen des Flusses erreicht hatten, nahm Johann Martin huckepack und planschte noch ein Weilchen im Wasser herum, statt sofort an Land zu gehen. Martin zu triezen machte ihm einfach viel zu viel Spaß. „Prinzessin, Prinzessin! Kannst noch nicht mal schwimmen. Hast Angst, dass ich dich nass spritze oder fallen lasse, hab ich Recht?“ In der Tat schien es, als wolle Martin nichts lieber, als wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Erst kicherte er noch, eine seltsame Mischung aus hellem Jungenkichern und tiefem Männerlachen, dann jedoch war es ihm plötzlich ernst: „Lass mich runter! Sofort!“ Johann kam der Befehl gerade recht, denn obwohl er es nicht zugeben wollte, war er inzwischen schon ziemlich außer Puste geraden. Mitsamt Martin warf er sich ins Gras und kullerte noch ein wenig herum. Doch da war etwas eigenartiges, etwas, das Johanns Bein berührt hatte. Es war Martins steifes Glied. Martins Kopf war dunkelrot. „Sag mal warum, wolltest du unbedingt schwimmen? Du kannst gar nicht schwimmen, jedenfalls nicht besonders gut. Das wusstest du auch. Und jetzt sag nicht, da wo du herkommst, da schwimmen alle so schlecht. So schlecht wie du schwimmt im ganzen Land keiner, der Ritter werden will!“ Der Vorwurf war zugegebenermaßen ein wenig übertrieben, doch auch nicht sehr übertrieben. Martin antwortete auf die Frage nicht. Schweigend zogen sie sich wieder an und gingen mit tropfenden Haaren zur Burg zurück, Johann ein ganzes Stück vor Martin weg.
„Hast du die letzte Disziplin vergessen?“ Es war schon dunkel und es regnete. Die allermeisten Bewohner der Burganlage hielten sich drinnen auf. Außer Martin, der mal wieder auf dem Weg zu dem Schlafgemach des Prinzen war. Wenn ich der Prinz wäre, dachte Johann, ginge mir der Kerl inzwischen ganz schön auf die Nerven. Weil es aber so häufig vorkam, dass Martin zwischen den Gebäuden hin und her huschte, konnte Johann ihn an dieser dunklen Stelle auch so gut abfangen. „Jetzt gleich?“ Martin wusste wohl, dass noch ein Teil des Wettkampfs ausstand, doch obwohl er den Dolch, den Johann unter seiner Kleidung versteckt hielt, nicht sehen konnte, schien er von der Idee nicht mehr begeistert. „Ich muss jetzt eigentlich wirklich woanders hin.“ „Ich denke, das kann warten.“ Martin blieb gar nicht erst stehen, um mit Johann zu sprechen. Den Moment, als er noch schnelleren Schrittes weiterging um sich von Johann zu entfernen, nutzte er aus, warf sich mit seinem ganzen Gewicht auf Martin und drückte ihn zu Boden. Johann schlug auf Martin ein, doch dieser hatte verhältnismäßig gar nicht mal so große Probleme damit, sich zur Wehr zu setzen. Aus der einseitigen Überrumpelung entwickelte sich bald so etwas wie eine Prügelei mit fast gleich verteilten Chancen. Wenn der Dolch nicht gewesen wäre. „Ich weiß alles! Ich weiß, warum der Prinz dich bevorzugt! Der fickt dich doch in den Arsch! Memme! Sodomit! Prinzessin!“ Johann hatte fast seine ganze Energie darauf verwandt, Martin anzubrüllen, so dass dieser fast die Überhand ergreifen hätte können, wenn er nicht schon wieder drauf und dran gewesen wäre, loszuheulen. Aus den Türen der umliegenden Gebäude traten mit einem Mal Menschen, die wissen wollten, was es mit dem plötzlichen Geschrei auf sich hatte. Johann jedoch sah, sie nicht, denn er hatte gerade seinen Dolch ausgepackt und fuchtelte damit etwas unkoordiniert gefährlich nahe von Martins Brust und Hals herum. Mit einem Mal kam der Prinz aus einer Tür gestürmt. „Was bitte geht denn hier vor sich?“ Betreten und erschrocken ließ Johann die Waffe fallen. „Ich bitte um Entschuldigung. Wir hatten ein Duell und da…“ „Hat sich wohl jemand nicht an die Spielregeln gehalten. Ich denke nicht, dass es sich für einen angehenden Ritter gehört, einen anderen spaßeshalber von hinten zu überfallen. Außerdem“, täuschte sich Johann oder war der Prinz tatsächlich etwas blass um die Nase? „Würde ich dir raten, Verleumdungen mir bezüglich in Zukunft zu unterlassen“, fügte er wesentlich leiser hinzu. „Martin, komm mit! Was steht ihr denn alle hier in der Kälte herum? Kaum raufen sich zwei Kinder kommt der halbe Burghof und schaut zu. Habt ihr denn gar nichts zu tun?“ Johann war sprachlos. Er hatte mit schlimmeren Konsequenzen gerechnet. Als er Martin sah, der so blass war, dass er beinahe durchsichtig wirkte, tat er ihm fast schon wieder leid. Aber auch nur fast. „Ich schätze, jetzt habe ich gewonnen“, sagte Martin mit einem ziemlich erzwungenen Grinsen. Jetzt tat er Johann kein bisschen mehr Leid.
Schon eine Weile später sah Johann Martin in einer ausgestorbenen Ecke der Burganlage wieder. „Ich hab dir verziehen, du Prinzessin.“ „Ich hab mich doch gar nicht bei dir entschuldigt.“ „Auch egal.“ Johann sah Martin an. Er hatte geheult. Mal wieder. Seine linke Wange glühte rot. Das konnte nicht mehr von ihrer Rauferei stammen, dafür war es zu frisch. „Warum hat er dich geschlagen?“ „Hat er nicht, er hat mit mir geredet.“ Martin war schlecht im Lügen. „Ich hätte dich fast umgebracht. Er hätte mich schlagen sollen.“ Da lächelte Martin. „Ich hab doch jetzt gewonnen, du Prinzessin. Da steht mir eigentlich noch ein Preis zu.“ Johann schluckte. Das konnte gar nichts gutes Bedeuten. Vielleicht wünschte Martin, dass Johann sich lächerlich machte. Oder vielleicht wollte er etwas Wertvolles von ihm haben, oder dass Johann ihm für eine Weile anstrengende Aufgaben abnahm. „Und was für ein Preis soll das sein?“ „Ich geb’ mich mit einem Kuss von der Prinzessin zufrieden.“
Festzeit:
Fandom: Original
Kuss: Covered in Kisses
Genre: Dark, Surreal
Wörter: 603
Festzeit. Alle Leute gehen feiern. Wir tragen bunte Kleider und wir tragen Masken. Es regnet Bonbons. Die Bonbons schmecken süß. Die Bonbons sind bunt. Alle lutschen Bonbons. Der süße Geschmack klebt noch eine Weile in unseren Mundhöhlen. Die Farbe der Bonbons haftet an unseren Zungen. Orangene Zungen, gelbe Zungen, blaue Zungen, grüne Zungen, knallrote Zungen, lila Zungen, alle strecken ihre Zunge heraus. Das Bonbonpapier knistert. Es fällt herunter, knistert unter den Absätzen unserer Schuhe. Bonbonpapier, Konfetti, Luftschlangen. Wir laufen auf farbenfrohem Matsch. Es schneit noch stark. Der Matsch wird nass. Die Kleidsäume werden nass. Ich entzünde eine Wunderkerze. Dann noch eine. Bald ist die Packung leer. Sie fällt hinunter, mitten in den Schnee. Viele tragen eine Perücke. Viele haben sich das Haar farbig gesprayt. Blau, grün, lila. Es schneit, es schneit. Ich sehe Kleider mit Punkten und Streifen, Verkleidungen, Pailletten. Alle sind geschminkt. Ein Schmetterling im Gesicht, ein Herz auf der Wange. Ich kaufe mir gleich ein Lebkuchenherz oder einen rot glasierten Apfel. Ich beiße hinein. Alles ist süß. Die Menge steht dicht gedrängt. Ob wir wollen oder nicht, wir berühren uns. Die Musik ist laut und einfach. Alle tanzen, alle singen mit. Viele trinken Cocktails, fast so süß wie die Bonbons und ganz genau so bunt. Röcke schwingen im Takt zur Musik, die Röcke sind kurz. Gemusterte Krawatten werden abgeschnitten. Wir blasen Luftschlangen und ziehen Knallbonbons. Aus den Knallbonbons kommen immer neue Plastikfigürchen und Sprüche. Wir heben sie nicht auf, es werden nur einfach immer mehr. Ziehen an Knallbonbons macht uns Spaß. Wenn es dunkel ist, gibt es Feuerwerk, das Feuerwerk wird bunt sein. Es schneit noch immer auf nackte Haut, doch wir tanzen uns wird nie kalt. An den Ständen gibt es Würstchen und Pommes und Fett. Alle essen, es schmeckt allen, es geht alles weg. Es kostet nichts. Die Holzspießer und Pappteller und Plastikbecher der Leute fallen auf den Boden. Auf den Bechern klebt bunter Lippenstift. Auf jedem Becher eine andere Farbe. Heute sind dreißig Zentimeter Neumüll angesagt. Wir alle waten da durch, unsere lackierten Zehennägel, die in Sandalen stecken werden schmutzig von Ketchup, nassem Bonbonpapier, Konfetti. Fremde Leute umarmen mich. Es fühlt sich warm an. Ich gehe ein paar Straßen weiter. Es dauert lange. Die Massen verhalten sich wie eine zähe Flüssigkeit. Durch sie hindurch zu schwimmen erfordert Kraft. Alle tanzen, lange Haare wippen auf und nieder. Im Taumel küsst mich einer auf die Wange. Ich kenne ihn nicht. Ich kenne niemanden. Ich spüre seinem Kuss noch mit den Fingern nach, der Abdruck des billigen Lippenstifts ist so dick, dass ich ihn ertasten kann. Einer sieht es. Er findet das lustig. Tanzt auf mich zu, drückt mir einen Kuss auf die andere Wange. Andere tun es nach. Mein Gesicht und meine nackten Schultern sind voll mit Kussmündern, mein Plastikprinzessinnenkleid, meine blanken Beine. Es ist kaum noch eine Stelle frei von meinem Körper, doch die Leute strömen noch immer auf mich zu. Sie wollen aus mir ein gemeinsames Kunstwerk machen. Jeder will sich beteiligen, ich glaube es gibt Streit. Ich liege am Boden im Matsch. Der Matsch schmeckt süßlich, nach Bonbon. Meine Beine strampeln in den Bauch eines dicken Mannes. Mein rechter Fuß verliert seine Sandale. Der Nagellack blättert ab, meine Fingernägel splittern. Ich greife, aber bekomme außer Neumüll und getautem Schnee nichts zu fassen. Die Musik hämmert lauter denn je durch meinen Kopf hindurch. Die Luft riecht nach Schweiß, Bratfett und Alkohol. Ich versuche zu schreien, doch irgendjemand drückt einen Kuss auf meinen Mund. Ich schließe die Augen, schon werden meine Augenlider abgeknutscht. Die Lippen reißen Wimpern mit fort. Vor meinem inneren Auge, an meiner Fantasiebilderstelle, sehe ich nichts.
Wer ist hier eine Prinzessin?
Fandom: Original
Kuss: Smooch Of Victory
Genre: Slash, Ritter
Wörter: 2214
Der Knappe Johann hatte schon vieles erlebt. Ein Junge, der mit den anderen nichts zu tun haben wollte, war ihm noch nicht untergekommen. Doch da, mitten auf dem Burghof saß tatsächlich einer und schnitzte an einem Stück Holz herum, während alle anderen, die gerade eine freie Minute hatten in Gruppen zusammen saßen und sich über die Hübschheit oder Hässlichkeit der Dienstmädchen ausließen, eine Mutprobe wagten, Schach oder Würfelspiele spielten. Oder sonst irgendetwas zusammen taten. Seit Tagen ging das jetzt schon so. Johann bekam den Neuen nicht oft zu sehen, da er jetzt Knappe des Prinzen war und ihm ständig hinterherlief, aber wenn er ihn doch sah, dann war er allein. Der frühere Knappe des Prinzen war im Winter an den Pocken gestorben. In der Burg hatte es keine geeigneten Jungen im richtigen Alter gegeben, so hatte der Prinz, der schon einige Wochen ohne eigenen Knappen auskommen musste, Martin auf einer anderen Burg gefunden und mitgenommen. Johann konnte kaum verstecken, dass er neidisch war. Der Prinz galt als der ritterlichste Ritter von allen. Er war in allen vorstellbaren Disziplinen unschlagbar und konnte noch dazu die Bibel fast auswendig mitsprechen. Wenn er in der Nähe war, versuchten die Burgfräulein allesamt großen Eindruck zu machen, obwohl doch allen klar war, dass er selbstverständlich eine strategisch möglichst günstige Heirat erwägen würde. Johanns Ritter dagegen war alt, unbegabt und bei den anderen Rittern nicht so recht angesehen. Johann war sich sicher, dass es beim Prinzen wesentlich mehr zu lernen gab und weil er sich im Gegensatz zu den anderen Knappen immer durch vortreffliche Fähigkeiten hervorgetan hatte, hatte er durchaus gehofft, der neue Knappe des Prinzen werden zu können. Stattdessen hatte der sich für einen eigenbrötlerischen Rotschopf entschieden, der noch kein einziges Mal gezeigt hatte, was er eigentlich konnte. Noch dazu war er etwas kurz geraten und hatte auf dem ganzen, rundlichen Gesicht Sommersprossen. „Warum sitzt du hier immer so alleine rum?“ „Ich mag die anderen nicht.“ Was war das denn für eine Aussage? Setzte sich einfach nutzlos in die Ecke und behauptete, alle anderen nicht zu mögen. Das fing ja gut an. Johann hatte jetzt schon gut Lust, sich seinen neuen Freund woanders zu suchen. „Auf der anderen Burg haben mich alle geärgert. Ich komme gut alleine zurecht.“ Was für eine Heulsuse! Obwohl der neue, der sich zwar niemandem vorgestellt hatte, von dem aber jeder wusste, dass er Martin hieß, sich sichtlich Mühe gab, völlig unbeteiligt zu wirken, glitzerten bei genauerem Hinsehen Tränen in seinen Augenwinkeln. „Ich glaube manchmal, ich wäre doch besser Mönch geworden.“ „Das sagst du doch bloß, weil du Angst hast, dass du nicht zum Ritter geschlagen wirst, wenn wir erstmal rausgefunden haben, dass du die Fähigkeiten dazu gar nicht hast. Du bist bestimmt so eine richtige Memme. Und eine Prinzessin noch dazu!“ Mit diesen Worten drehte Johann sich um und ging nach den anderen Jungen Ausschau halten. Er hätte nicht gedacht, dass er noch mal mit Martin zu tun haben würde, aber er konnte ja auch nicht sehen, dass Martin sich nicht weiter auf sein Schnitzwerk konzentrierte, sondern dem schlanken Jungen mit den weizenblonden Haaren noch eine gute Weile hinterher schaute.
Ein paar Tage später überraschte Martin Johann hinter den Ställen. „Selber Prinzessin.“ „Wie bitte?“ „Ich sage, du bist selber eine Prinzessin. Ich werde es beweisen. Wir führen ein Turnier aus. Wer verliert ist die Prinzessin.“ Martin wirkte fast vorlaut und frech. So mochte Johann ihn gleich viel besser leiden. „Aber nur, wenn du dich auch traust“, fügte Martin hinzu. „Ich mich nicht trauen? Soll das ein Witz sein? Wie genau stellst du dir dieses Turnier vor?“ „Drei Disziplinen. Du legst die erste fest, ich die zweite. Die dritte ist ein Kampf Mann gegen Mann, er wird nur durchgeführt, wenn es nach zwei Disziplinen noch keinen eindeutigen Gewinner gibt. Der Gewinner darf sich seinen Preis aussuchen.“ „Einverstanden.“ Mit Handschlag besiegelten sie das Versprechen, sich an die Regeln zu halten. Johann war nur ein bisschen mulmig zumute. „Der Gewinner darf sich was aussuchen“ war für den Verlierer nun wirklich nicht gerade eine Vorteilhafte Regelung, doch andererseits schien ihm Martin kein ernst zu nehmender Gegner zu sein. Dennoch, irgendetwas musste Martin zu seinem plötzlichen Wagemut bewogen haben.
„Die erste Disziplin ist Weitspucken“, rief Johann Martin schon im Laufen zu. Sein Ziel war die Burgmauer. Seit schier ewigen Zeiten hatten sich dort Pagen, Knappen und ab und an auch angetrunkene Ritter im Weitspucken gemessen. Johann hatte schon seit Jahren immer mitgemacht und dabei meistens gewonnen, selbst gegen Jungen, die viel älter als er waren. Diese Disziplin sollte leichtes Spiel für ihn sein. Martin und Johann postierten sich an einer Zinne, direkt über dem Burgtor. Auf dem staubigen Weg, der von dort weg führte, konnten die Spuckespuren besser erkannt werden als irgendwo anders um die Burg herum. „Ich fange an. Du kannst dir dann schon mal überlegen, ob du nicht besser gleich aufgibst.“ Johann sammelte Spucke in seinem Mund, nahm Anschwung und spuckte in einem schönen Bogen bis fast zum zweiten Findling am Wegesrand. So weit hatte Johann in seinem ganzen Leben überhaupt noch nie gespuckt. In Martins Gesicht sah er Einschüchterung und Erstaunen. Dennoch, aufgeben wollte Martin nicht so schnell. Eine kläglich geratene siegesgewisse Pose einnehmend, schritt Martin zur Zinne und beugte sich über den Mauerrand. Dann spuckte er. Seine spucke fiel fast senkrecht nach unten, mitten auf den Kopf des Prinzen, der gerade aus dem Burgtor geritten kam. „Das nennst du spucken? Prinzessin!“ Johann war regelrecht fassungslos. Ein so schlechtes Weitspuckvermögen hatte er Martin dann doch nicht unterstellt. „Warte mal“, sagte Martin, nun wieder mit seinem echten Schelmengrinsen auf dem Gesicht, „Wir wollten doch die Punkte ausmessen, wo unsere Spucke aufgeschlagen ist. Deiner ist da bei dem Stein. Und meiner“, er zeigte mit lang gestrecktem Arm auf irgendetwas in die Ferne, „Ist da, wo dieses Pferd jetzt hingaloppiert.“
Der nächste Teil des Wettkampfs sollte von Martin entschieden werden. Ausgerechnet Martin! Nachdem er schon den ersten Kampf mit mehr Glück als Können für sich entschieden hatte, hatte er nun auch noch die Möglichkeit, seine größte Stärke einzusetzen. Wenn Martin wieder gewann, konnten sie sich die dritte Disziplin, den Kampf Mann gegen Mann, sparen. „Wettschwimmen. Unten am Fluss. Wer zuerst auf der anderen Seite ist.“ Das schien Johann etwas gewagt. Der Fluss hatte so seine Tücken, die von außen kaum erkennbar waren. Als Neuankömmling konnte Martin sich da natürlich nicht auskennen. Vielleicht konnte Johann diese Situation ausnutzen, er selbst war immerhin auch nicht der beste Schwimmer. Ein guter Schwimmer, das ja, aber nicht einer von den besten.
Es war ein schöner Frühlingstag und wenn der Grund für ihren Ausflug nicht so ein todernster Wettkampf gewesen wäre, hätte eine Abkühlung durchaus Spaß machen können. Johann führte Martin das Flussbett entlang. Sie liefen nahe beieinander, fast als seien sie Freunde. Doch Johann hielt nicht nach der sichersten Stelle Ausschau, wie er es versprochen hatte, sondern nach der gefährlichsten. Es gab einige Stromschnellen von denen Martin einfach überrascht sein musste. Auch wenn diese Taktik für beide Jungen mit Risiken verbunden war, verschaffte sie Johann doch einen Vorteil. Bald hatte Johann die Stelle, nach der er gesucht hatte, gefunden. Die beiden Jungen ließen ihre Kleider, derer sie sich rasch entledigten auf das weiche Gras fallen. Das Wasser des Flusses war noch eisig. Nichtsdestotrotz stürzte sich Johann in die Fluten. Bald hatte er Martin hinter sich aus den Augen verloren, so verbissen kämpfte er mit den Wellen. Dann hörte er einen erstickten Schrei. Es war Martin. Martin war in eine der Stromschnellen geraten. Mit ungelenken Paddelbewegungen versuchte er seinen Kopf über Wasser zu halten. Wie ein erfahrener Schwimmer wirkte er nicht gerade. Was für ein Aufschneider! Johann konnte es nicht fassen, dass sich Martin ausgerechnet für eine Disziplin entschieden hatte, die ihm nicht lag. Vermutlich hatte er großes Vertrauen in seine Fähigkeiten im Nahkampf. Mit einigen kräftigen Schwimmzügen war er bei Martin. Er griff nach dem prustenden Jungen und zog ihn mit aller Kraft in Richtung Ufer. Das war nicht gerade einfach, denn Martin war eher etwas kräftiger gebaut als Johann. Als sie die seichteren Stellen des Flusses erreicht hatten, nahm Johann Martin huckepack und planschte noch ein Weilchen im Wasser herum, statt sofort an Land zu gehen. Martin zu triezen machte ihm einfach viel zu viel Spaß. „Prinzessin, Prinzessin! Kannst noch nicht mal schwimmen. Hast Angst, dass ich dich nass spritze oder fallen lasse, hab ich Recht?“ In der Tat schien es, als wolle Martin nichts lieber, als wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Erst kicherte er noch, eine seltsame Mischung aus hellem Jungenkichern und tiefem Männerlachen, dann jedoch war es ihm plötzlich ernst: „Lass mich runter! Sofort!“ Johann kam der Befehl gerade recht, denn obwohl er es nicht zugeben wollte, war er inzwischen schon ziemlich außer Puste geraden. Mitsamt Martin warf er sich ins Gras und kullerte noch ein wenig herum. Doch da war etwas eigenartiges, etwas, das Johanns Bein berührt hatte. Es war Martins steifes Glied. Martins Kopf war dunkelrot. „Sag mal warum, wolltest du unbedingt schwimmen? Du kannst gar nicht schwimmen, jedenfalls nicht besonders gut. Das wusstest du auch. Und jetzt sag nicht, da wo du herkommst, da schwimmen alle so schlecht. So schlecht wie du schwimmt im ganzen Land keiner, der Ritter werden will!“ Der Vorwurf war zugegebenermaßen ein wenig übertrieben, doch auch nicht sehr übertrieben. Martin antwortete auf die Frage nicht. Schweigend zogen sie sich wieder an und gingen mit tropfenden Haaren zur Burg zurück, Johann ein ganzes Stück vor Martin weg.
„Hast du die letzte Disziplin vergessen?“ Es war schon dunkel und es regnete. Die allermeisten Bewohner der Burganlage hielten sich drinnen auf. Außer Martin, der mal wieder auf dem Weg zu dem Schlafgemach des Prinzen war. Wenn ich der Prinz wäre, dachte Johann, ginge mir der Kerl inzwischen ganz schön auf die Nerven. Weil es aber so häufig vorkam, dass Martin zwischen den Gebäuden hin und her huschte, konnte Johann ihn an dieser dunklen Stelle auch so gut abfangen. „Jetzt gleich?“ Martin wusste wohl, dass noch ein Teil des Wettkampfs ausstand, doch obwohl er den Dolch, den Johann unter seiner Kleidung versteckt hielt, nicht sehen konnte, schien er von der Idee nicht mehr begeistert. „Ich muss jetzt eigentlich wirklich woanders hin.“ „Ich denke, das kann warten.“ Martin blieb gar nicht erst stehen, um mit Johann zu sprechen. Den Moment, als er noch schnelleren Schrittes weiterging um sich von Johann zu entfernen, nutzte er aus, warf sich mit seinem ganzen Gewicht auf Martin und drückte ihn zu Boden. Johann schlug auf Martin ein, doch dieser hatte verhältnismäßig gar nicht mal so große Probleme damit, sich zur Wehr zu setzen. Aus der einseitigen Überrumpelung entwickelte sich bald so etwas wie eine Prügelei mit fast gleich verteilten Chancen. Wenn der Dolch nicht gewesen wäre. „Ich weiß alles! Ich weiß, warum der Prinz dich bevorzugt! Der fickt dich doch in den Arsch! Memme! Sodomit! Prinzessin!“ Johann hatte fast seine ganze Energie darauf verwandt, Martin anzubrüllen, so dass dieser fast die Überhand ergreifen hätte können, wenn er nicht schon wieder drauf und dran gewesen wäre, loszuheulen. Aus den Türen der umliegenden Gebäude traten mit einem Mal Menschen, die wissen wollten, was es mit dem plötzlichen Geschrei auf sich hatte. Johann jedoch sah, sie nicht, denn er hatte gerade seinen Dolch ausgepackt und fuchtelte damit etwas unkoordiniert gefährlich nahe von Martins Brust und Hals herum. Mit einem Mal kam der Prinz aus einer Tür gestürmt. „Was bitte geht denn hier vor sich?“ Betreten und erschrocken ließ Johann die Waffe fallen. „Ich bitte um Entschuldigung. Wir hatten ein Duell und da…“ „Hat sich wohl jemand nicht an die Spielregeln gehalten. Ich denke nicht, dass es sich für einen angehenden Ritter gehört, einen anderen spaßeshalber von hinten zu überfallen. Außerdem“, täuschte sich Johann oder war der Prinz tatsächlich etwas blass um die Nase? „Würde ich dir raten, Verleumdungen mir bezüglich in Zukunft zu unterlassen“, fügte er wesentlich leiser hinzu. „Martin, komm mit! Was steht ihr denn alle hier in der Kälte herum? Kaum raufen sich zwei Kinder kommt der halbe Burghof und schaut zu. Habt ihr denn gar nichts zu tun?“ Johann war sprachlos. Er hatte mit schlimmeren Konsequenzen gerechnet. Als er Martin sah, der so blass war, dass er beinahe durchsichtig wirkte, tat er ihm fast schon wieder leid. Aber auch nur fast. „Ich schätze, jetzt habe ich gewonnen“, sagte Martin mit einem ziemlich erzwungenen Grinsen. Jetzt tat er Johann kein bisschen mehr Leid.
Schon eine Weile später sah Johann Martin in einer ausgestorbenen Ecke der Burganlage wieder. „Ich hab dir verziehen, du Prinzessin.“ „Ich hab mich doch gar nicht bei dir entschuldigt.“ „Auch egal.“ Johann sah Martin an. Er hatte geheult. Mal wieder. Seine linke Wange glühte rot. Das konnte nicht mehr von ihrer Rauferei stammen, dafür war es zu frisch. „Warum hat er dich geschlagen?“ „Hat er nicht, er hat mit mir geredet.“ Martin war schlecht im Lügen. „Ich hätte dich fast umgebracht. Er hätte mich schlagen sollen.“ Da lächelte Martin. „Ich hab doch jetzt gewonnen, du Prinzessin. Da steht mir eigentlich noch ein Preis zu.“ Johann schluckte. Das konnte gar nichts gutes Bedeuten. Vielleicht wünschte Martin, dass Johann sich lächerlich machte. Oder vielleicht wollte er etwas Wertvolles von ihm haben, oder dass Johann ihm für eine Weile anstrengende Aufgaben abnahm. „Und was für ein Preis soll das sein?“ „Ich geb’ mich mit einem Kuss von der Prinzessin zufrieden.“