9. Türchen - The Rail Carol
Dec. 9th, 2009 12:43 pmTitel: The Rail Carol
Autor: Lenokie
Challenge: #2 Die Logik dahinter … (zumindest ist es diesem Challenge am nächsten gekommen .. tja, die Logik ist irgendwo da draußen.. bestimmt.)
Fandom: Original. (aber 'Der Pate' und 'Baccano!' lassen grüßen..)
Wörter: 1121
Warning: nix schlimmes =) höchstens ein wenig Alkohol und Waffen, die nicht schließen...
Kommentar: anscheinend war es ein Wink mit dem Zaunenpfahl von meinem lieben Schicksal, dass ich die andere Story doch nicht hätte verwerfen sollen xD Die Story, die zu einem anderen Challenge war und die ich gegen 12 Uhr nachts gelöscht habe um stattdessen das hier zu schreiben... woher hätte ich auch wissen sollen, dass genau in einer Stunde mein Internet qualvoll sterben würde? -.- .. whatever. Die Admins sind wohl endlich aufgewacht und hatten es wieder eingerenkt. Aber es ist trotzdem etwas später geworden <.<-“ tut mir leid ^^“
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>>> Strecke: Chicago – New York. <<<
Datum: 24.12.1938
Uhrzeit: 23:45
Eisige Kälte kroch durch die Fensterscheibe langsam in seinen Kopf hinein und fror all die flüchtige Gedanken zu hässlichen, kurzen Sätzen. Schleichend. Still. Unaufhaltsam.
Die Lichter flogen durch die Nacht davon, begleitet vom rhythmischen Klagelied der Gleise und der einzige Passagier in dem 1. Klasse Abteil schien zu dösen, die Stirn seitlich an das dunkle Fenster gelehnt, die Hände unter den Achseln eingeklemmt, als würde er trotz weicher Sitzpolsterung und seinem teuren, maßgeschneiderten Mantel ein wenig frösteln.
Doch er schlief nicht. Die Augen einen Spalt geöffnet, beobachtete Timothy Darlingten träge, wie die Nacht an ihm vorbei rauschte, als wäre ihm die unfreundliche Kälte jenseits des Fensters lieber als die summende, abgestandene Stille um ihm herum.
Eine Stille, die von undefinierten Geräuschen und entferntem Rattern der Räder auf die Eisenbahnschienen durchdrungen war. Aber selbst das währte nicht lange genug.
Die Tür zu seinem Abteil wurde hastig aufgeschoben und ein junger, blonder Mann mit schief sitzender Zugführermütze platzte hinein. Doch schon fing er sich wieder, schloss um einiges ruhiger die Tür hinter sich und richtete in einer schnellen Geste sein Uniform zurecht. Anschließend deutete er ein höfliches - und wie er hoffte - würdevolles Nicken an.
„Sir.“ Seine Stimme klang überraschend ruhig, fast besonnen .Nicht so die viel zu hellen, vor lauter Aufregung leuchtenden Augen, welche die Ungeduld eines Kindes verrieten, das einfach nicht abwarten konnte, ein lang ersehntes Geschenk auszupacken. „Ihre Fahrtkarte bitte.“
„Das wurde doch erst vor kurzem von einem Ihrer Kollegen kontrolliert.“
Misstrauisch ob dieser seltsamen Erscheinung zog Timothy dennoch sein Portmonee heraus. Der Revolver, welcher sich in der gleichen Innentasche befand und sich beruhigend warm an seine Seite schmiegte, flößte genug Selbstsicherheit ein, um sich dabei einen abfälligen Ausdruck zu leisten.
Der Zugführerjunge schaute die Papiere flüchtig durch und reichte sie fast augenblicklich wieder zurück.
„Alles in Ordnung, Sir. Ich hoffe, Sie genießen Ihre Fahrt.“ Ohne etwas zu erwidern, drehte Timothy sich demonstrativ wieder zum Fenster. Er würde sich bestimmt nicht zu einer höflichen, aber sinnlosen Konversation mit einem Arbeitsjungen herablassen, der außerdem nur wenige Jahre jünger schien als er selbst. Die Vorweihnachtszeit war für die Meisten nur ein günstiger Vorwand, um ihren Mitmenschen erfolgreich und vor allem unbestraft auf die Nerven gehen zu können. Ohne dass die Unglückspilze eine Möglichkeit hatten sich zu wehren, denn es wurde von einem erwartet, sich herzlich und freundlich zu zeigen... Ob es auch für einen angehenden Caporegime galt? Der extra für die Weihnachtszeit zu einem einfachen Botenjungen degradiert wurde?
Finster starrte Timothy aus dem Fenster. Die Welt war kalt und ungerecht. Mit 22 Jahren hatte er mehr vom Leben erwartet, als am Heiligen Abend mit einer unwichtigen Botschaft unterwegs zu sein, als wäre er gewöhnlicher Krimineller gewesen...
Der Zugführerjunge verschwand zwar aus der Kabine, doch die Ruhe war nur von kurzer Dauer. Schon bald wurde die Tür erneut aufgestoßen und es erschien im Türrahmen als erstes ein großes Tablett, gekrönt mit einer stolzen Flasche gekühltem Champagner und zwei hohen Gläsern.
„Ich habe nichts bestellt!“ Vielleicht etwas zu laut für einen kaltblütigen Mafioso. Also versuchte Timothy es erneut. „Bringen Sie das sofort wieder zurück.“ Schon besser.
Nur dass der Zugpersonal hier wohl nicht auf die Gäste zu hören brauchte, denn der blonde Junge lud sich selber ein und setzte sich mit einem strahlenden Lächeln auf die leere Sitzreihe gegenüber Timothy.
„Es ist Weihnachten.“, sagte er so selbstverständlich, als würde es alles erklären.
„Aha. Und wie rechtfertigt es dieses .. Verhalten? “
Die Champagnerflasche wurde mit einem lauten 'Klong' geöffnet, doch selbst die schäumende Freude, die ihm so offen gereicht wurde, vermochte den Argwohn nicht zu dämpfen. War der Junge geschickt worden um ihn zu vergiften? Ihn betrunken zu machen und ihm dann geheime Information zu entlocken?
Timothys behandschuhte Finger hielten das kalte Glas so verkrampft, als könnte das potentielle Gift selbst durch das dünne Leder in seinen Blutkreislauf gelangen. Die dunklen Augen starr und wachsam auf den neuen, eigentümlichen Begleiter gerichtet. Der den Blick offensichtlich etwas anders deutete.
„Stimmt, Sir, das war nicht besonders intelligent von mir, was kaltes zu servieren. Ist Ihnen kalt?“
„Nein. Aber ich wüsste nur zu gerne, was Sie damit bezwecken“
Endlich erschien so was wie Verlegenheit, ein leichter Anflug von Unsicherheit in den hellen Augen. Ein kräftiger Schluck Champagner, als wäre es eine süße Apfelschorle, sollte ihm offenbar über die Gewissensbisse hinweghelfen - hatte der Junge denn gar keine Manieren?
„Wissen Sie, dass ist mein erster Arbeitstag. Und auch das nur, weil die anderen nur ungern den Weihnachtsdienst übernehmen. Zumindest nicht in den Transkontinentalzügen...“
Wenn der Junge Mitleid wollte, hatte er sich gewiss in der Abteilung geirrt. Aber zumindest schmeckte der Champagner ausgezeichnet. Und hatte er als ein 1. Klasse Reisender nicht ohnehin Anspruch auf solche kleinen Annehmlichkeiten gehabt?
„...und vielleicht wollte ich ein wenig den Weihnachtsgeist spielen und Sie sahen so aus, als könnten Sie ein kleines Wunder gebrauchen.“
„Fangen Sie jetzt bloß nicht an, das Zeug in Wasser zu verwandeln oder meine Vergangenheit ans Licht zu zerren.“
„Wären Ihnen die Zukunft lieber?“
„Versuchen Sie es mit etwas, wo Sie sich besser auskennen.“
„Na dann die Gegenwart...“
Die Gegenwart war warm und redselig, schenkte bereitwillig nach und hatte zu allem eine eigene Meinung; von den New Yorker Demonstration wegen den Novemberpogromen bis hin zu dem letzten Baseballspiel der Season.
Es fing an zu schneien, noch viel zu warm, damit der Schnee liegen bleiben konnte, aber schon kalt genug, damit die Flocken leise den Bahnhof berieselten konnten um die Plattformen für die baldige Ankunft der Gäste etwas feierlicher zu gestalten. Die Landschaft, die immer langsamer am Fenster vorbeizog, wurde heller, gewohnte Hektik vertrieb die seltsame Schläfrigkeit und erwartungsvolle Erregung der Heiligen Nacht.
Der Zugjunge – verdammt, hatte er wirklich vergessen zu fragen, wie er heißt? – stand bereits in der Tür und setzte die Dienstmütze auf. Egal, was er versuchte, sie saß immer schief.
„Vergiss nicht all die schönen Vorsätze, Tim.“
Eine Frechheit. Eine bodenlose, todesmutige Frechheit, die dieser beschwipste Weihnachtsgeist sich da erlaubte. Gehörte das alles etwa dazu, ihm zu zeigen, was für ein verdorbener Mensch er war, wenn nicht mal die Geister noch Respekt vor ihm hatten?
„Und die Logik dahin ist? Wie hilft es mir ein besserer Mensch zu werden?“
Der Junge lächelte, die Zähne weiß und spitz – sicher dass er nur ein harmloser Weihnachtsphantom und kein bösartiger Kobold war? Timothy schüttelte ein wenig den Kopf. Der vergebliche Versuch die Vorstellung loszuwerden, sorgte nur dafür, dass der sprudelnde Champagner irgendwo zwischen den Ohren plätscherte. Und trotzdem fühlte es sich besser an, als die erstarrten, spitzen Gedankenfetzen von vor drei Stunden.
„Sie haben erfolgreich dem Drang widerstanden mich zu töten, Mister Darlingten. Bleiben Sie, bitte, dabei.“