Fandom: Oddomähdig! Tokio Hotel
Challenge: #6 Mr. Norell & Jonathan Strange (...und ich bin inzwischen irgendwo jenseits Seite 500 und warte immer noch drauf, dass es lesenswert wird) Seite 113, erstes Wort: marriage
Rating: P16
Wordcount: 1754
Geschrieben in: 120 Minuten (und keine Zeit zum Durchlesen mehr...* ieks*)
Sonst noch was? Ich gestehe, das Endprodukt hat sich etwas vom prompt entfernt. Etwas sehr. Seeeeeeehr. Um genau zu sein so weit, dass aus marriage "Bruderehe" wurde und daraus wiederum das Oberthema für einen Siebenteiler. Von wegen "7 Tugenden" as opposed zu den 7 Todsünden, die Bill und Tom fictiontechnisch schon hinter sich haben. Mach ich grad noch Sinn? Der prompt müsste jedenfalls eigentlich "Marriage --> Bruderehe --> 7 Tugenden --> Demut" heißen. Darf ich mich damit rausreden, dass das hier auf die Remix-your-fanfics Challenge vom 22. Oktober 08 passt? Nein? Ach, ich stell mich einfach in die Ecke und streue Asche auf mein Haupt :/
Liebevolle Demut ist eine gewaltige Macht,
die stärkste von allen, und es gibt keine andere, die ihr gleichkäme.
Weiß der Teufel, wie sie es geschafft haben, sich an der Security vorbeizuschmuggeln. Sie stehen auf einmal wie aus dem Boden gewachsen in der Tür seiner Garderobe und starren ihn an.
Bill senkt den Kopf und wünscht sich, sie würden verschwinden. Sich in Luft auflösen. Einmal blinzeln, und sie sind nicht mehr da. Zweimal blinzeln, und es hilft natürlich nichts. Sie sind immer noch da, sie halten sich immer noch aneinander fest, um vor Begeisterung nicht umzufallen, und sie starren und starren.
Er kann seine Knöchel spüren, als er seine Hände knetet. Seine Finger sind lang und dünn, die Haut trocken. Zu wenig getrunken hat er heute außerdem. Sie sehen faltig und alt aus, seine Hände, und eigentlich will er sie gar nicht anschauen, aber die Mädchen will er noch viel weniger in seinem Blickfeld haben. Oder sein Gesicht in ihrem Blickfeld.
Solange er das Kinn zur Brust zieht, kann er die Schatten unter seinen Augen auf das Licht schieben. Aber das Licht ist nicht schuld an den fettigschwarzen Puderschlieren, die sich in seinen Lidfalten gesammelt haben. Das Licht kann nichts für die geschwollenen Tränensäcke und all das Make-up auf unreinen Poren, hohlen Wangen und einer Ahnung von Bartstoppeln. Bill hat bis eben vor dem Spiegel gestanden und einen neuen Pickel knapp vor seinem rechten Ohr begutachtet. Früher hatte er Pickel wegen der ganzen Hormone, jetzt hat er Pickel wegen der ganzen Kosmetik. Sein Teint ist fahl von zu viel Nikotin und zu wenig Schlaf, er hat Schuppen, und überhaupt ist er ein widerwärtiges, hässliches Monster.
Gleichzeitig weiß er natürlich, dass er gut aussieht. Hübsch ist. Schön? Für die beiden Fans ist er auf jeden Fall Mister Universum. Er könnte alle seine Abdeckstifte an den Mülleimer verfüttern und Mädchen wie diese zwei würden ihren Freundinnen trotzdem vorschwärmen, was für ein umwerfender Adonis er doch wäre. Haut wie aus der Clearasil-Werbung, mystisch-geile Teddyaugen und dieser Duft nach Haarspray, Rauch und Schweiß. Wann hat er sich eigentlich das letzte Mal geduscht? Wie lange ist er schon wach? 24 Stunden? 30?
„Hey“, kickst eines der Mädchen schüchtern.
Bill grinst, schüttelt seinen Hahnenkamm und angelt sich zwei Autogrammkarten und einen Edding vom Garderobentisch. „Hi. Wie heißt ihr denn?“, fragt er, öffnet den Stift mit den Zähnen und unterschreibt im Gehen. Sibi und Nora strahlen ihn glückselig an, als er ihnen die Karten in die Hand drückt. „Noch Fragen?“, lächelt er spitzbübisch, als er sieht, wie die Nervosität sie winden lässt.
„Darf ich…“, beginnt Sibi zögerlich, “darf ich dich mal anfassen?“
Einen Moment lang erwartet Bill, dass sie von einem Bodyguard zur Seite gezogen wird und er sich gar nicht erst mit einer Antwort befassen muss. Aber das Sicherheitsteam hat anscheinend schon längst Feierabend gemacht und Sibi steigt eine so ehrliche Röte ins Gesicht, dass er zu seiner eigenen Überraschung nachgibt. Sie schämt sich selbst für die Frage und sie würde sich noch viel mehr schämen, wenn sie wüsste, mit was für doofdreisten Anmachen er ihre Bitte verwechseln könnte. Er streckt ihr langsam eine Hand hin, genauso, wie er es mit einem Hund machen würde, von dem er nicht weiß, ob er beißt. Sibi traut sich erst nicht und braucht ein paar Sekunden, bevor sie mit dem Zeigefinger sacht über seinen Handrücken streicht. „Wow“, haucht sie. Als wäre er Caspar, das Schlossgespenst, dass sich soeben als greifbar erwiesen hat.
Bill lächelt schief und verschränkt die Arme vor der Brust. „Ist Tom auch da?“, fragt Nora, während Sibi gleichzeitig „Danke“ nuschelt. Eine seltsame Stille entsteht, bevor die Mädchen beide prusten und Bill den Kopf schüttelt. „Tom ist schon auf dem Weg ins Hotel. Ist noch müder als ich, wenn das überhaupt geht.“
„Schade“, meint Nora und Sibi nickt. Sie werfen sich verstohlene Blicke zu, treten von einem Bein auf das andere und drucksen so lange herum, dass Bill beinahe seine Nonchalance verliert, aber dann holt Nora tief Luft und sieht ihm direkt ins Gesicht. „Wir wollen dich dann mal nicht länger stören“, stammelt sie. „Du bist toll“, platzt es aus Sibi heraus und sie packt ihre Freundin am Ärmel und zieht sie aus der Tür. Bill kann hören, wie sie den Gang hinunterlaufen, kichernd und giggelnd. Er lässt die Mundwinkel sacken und bemerkt erst jetzt, dass er zwar noch die Stiftkappe in der Hand hält, aber keinen Edding mehr.
°
Hotels sehen überall gleich aus. Geschmackvolle Einrichtung, beruhigende Farbschemen und Teppiche, die jedes Geräusch schlucken. Die Zeiten, in denen seine Hotelzimmer aussahen, als wären seine Koffer nicht geöffnet worden, sondern einfach explodiert, sind vorbei. Chipstüten liegen – wenn überhaupt – nur noch auf Tischen oder Nachtkästchen, nicht mehr auf dem Boden; erst recht nicht zwischen den Laken. Ein richtiger Chaot ist er ohnehin nie gewesen. Die Stiefel zieht er sich zwar immer noch im Gehen aus, aber nicht mehr, indem er sich selbst auf die Hacken steigt. Er lässt sie auch immer noch einfach so liegen, hebt aber auf dem Weg zum Bett eine Zeitschrift vom Boden auf. Vogue Homme. Irgendwo gleich nach der Diesel-Werbung ist dieser man bag, den er unbedingt haben will. Nietenüberkrustetes Leder, natürlich pechschwarz. Bill kennt genau drei französische Ausdrücke: je m´appelle Bill, je suis heureux und prix sur demande. Mehr hat er nie gebraucht.
Die Zeitschrift gehört auf das linke Kopfkissen. Er schläft immer auf der rechten Seite des Bettes und wenn er morgen aufwacht und noch liegen bleiben will, hat er sie gleich griffbereit. Die Klamotten von gestern gehören außerdem auf die linke Seite, eine Tüte saure Johannisbeeren, dazu Taschentücher, Fernbedienung, iPod, Handy und sein Hund, wenn er zu Hause wäre. Abschminken hat er nie gemocht, aber einfach so und mit ungeputzten Zähnen ins Bett zu fallen ist noch ekliger. Also verbringt er die nötige Qualitätszeit im Bad, zieht sich ein altes T-Shirt und frische Shorts and und wuzelt sich unter die Decke. November ist ein grausamer Monat. Draußen ist es nicht wirklich kalt, drinnen sind die Heizungen nicht wirklich warm und er friert ständig.
Bill tastet blind nach seinem Handy und sucht nach der bequemsten Liegeposition, während er darauf wartet, dass abgenommen wird. „Schläfst du schon?“, fragt er, als Tom ihm ins Ohr brummt. Ganz offensichtlich schläft er also nicht.
„Ne. Lieg aber schon im Bett. Du?“
„Auch.“
„War noch was?“
„Ich krieg nen Pickel.“
Tom kichert leise. „Kann er den anderen ja Gesellschaft leisten.“
„Ich bin zwanzig, verdammt. Ich bin zu alt für den Scheiß.“
„Ohhh“, macht Tom gedehnt. „Ich hab keine.“
„Gute Nacht“, faucht Bill gespielt beleidigt und legt auf. Keine zehn Sekunden später bekommt er eine SMS: schlaf gut mausi. Er schaubt und grinst, drückt die Tastensperre und verfrachtet das Handy auf die Vogue. Ein Blick auf den Hotelwecker verrät ihm, dass er seit genau 32 Stunden und 24 Minuten auf den Beinen ist. Beziehungsweise jetzt, da er liegt, zumindest die Augen offen hat. Und sie fallen ihm einfach nicht zu. Den ganzen Tag über hätte er ihm Stehen einschlafen können und nun, als er pennen soll und will, kann er auf einmal nicht mehr.
Bill stöhnt genervt und wälzt sich auf die andere Seite. Die Nacht draußen vor dem Fenster ist ein trübgraues Gewaber mit orangegetünchten Wolken und drei tanzenden Lichtsäulen – ganz in der Nähe muss ein Club sein. Einen Mond kann er nicht entdecken, Sterne erst recht nicht. Er presst die Augen zusammen, blinzelt, starrt wieder auf den Wolkenkratzer gegenüber. Zu viel Kaffee.
Aber er trinkt immer zu viel Kaffee, zu viel Red Bull, zu viel was auch immer. Zu viel oder zu wenig. Hunger oder Bauchschmerzen. Woher soll er auch wissen, was normal ist.
Seine Haare rascheln über das Kissen, als er den Kopf schüttelt. Er wird sich heute nicht bemitleiden. Es geht ihm gut, er ist nur überarbeitet. Er streckt die Hand nach dem Handy aus und hält auf halber Strecke inne. Tom schläft sicher schon. Tom hat seinen Schlaf genauso nötig wie er. Tom würde rüberkommen, wenn er wüsste, dass er nicht schlafen kann.
Bills Hand klatscht auf die Matratze und wandert zurück unter die Decke. Wandert erst zu seiner Brust, dann über seinen Bauch. Bill dreht sich auf den Rücken und stiert an die Decke, als er sich berührt. Die Shorts schiebt er sich auf die Oberschenkel, ein paar Mal auf und ab, und er ist halbwegs hart. Er spuckt sich in die Handfläche, bevor er weitermacht, und diesmal bleiben seine Augen zu, als er sie schließt. An etwas Bestimmtes denkt er nicht. Oder jemanden. Bruchstücke des Interviews, das sie vor der Autogrammstunde gegeben haben, schleichen sich in seinen Kopf. Georgs Begeisterung für das Mittagessen. Er schließt die Augen noch ein wenig fester und konzentriert sich auf das Kribbeln zwischen seinen Beinen. Nur kommen. Nur kommen und dann schlafen, mehr will er nicht. Seine linke Hand bleibt die ganze Zeit unbeweglich auf seiner Hüfte liegen, lüpft nur die Decke ein wenig für mehr Spielraum. Nur kommen.
Es geht ihm nicht schnell genug und er spreizt die Beine, verheddert sich in der Decke und strampelt sie genervt auf die linke Seite, die Shorts hinterher. Seine Spitze hüpft über seinen Bauch, als wollte sie sich über ihn lustig machen, und er greift nach ihr und drückt sie an seine nackte Haut. Wenigstens da unten ist ihm warm genug.
Eigentlich müsste er sich mal wieder rasieren, denkt er, aber eigentlich weiß das nur er selbst und mit sich selbst gibt er sich nur selten besondere Mühe. Er krault durch die Stoppeln, streichelt sich mit der linken Hand doch wie zufällig, und seufzt leise, als seine Fingernägel über seinen empfindlichen Damm kratzen. Es ist das einzige Geräusch, das er von sich gibt, von den unvermeidlichen Geräuschen einmal abgesehen. Als sich seine Finger noch ein Stück tiefer verirren, setzt sich endlich die so angestrengt verfolgte Kettenreaktion in Gang und er verkrampft sich kurz, bevor er die Hände neben seinen Schoß fallen lässt, die Augen noch immer fest geschlossen. Er kann sich atmen hören, die warmen Spritzer auf seinem Bauch spüren. Als er nach den Taschentüchern greift, vibriert sein Handy. Knurrend fischt er es unter der Bettdecke hervor, hält es eine Handbreit vor sein Gesicht und blinzelt vorsichtig. „ARSCHLOCH“ steht da. Und darunter: kann nicht schlafen.
Bill setzt sich auf, trottet ins Bad und wischt sich mit einem Handtuch sauber. Zurück im Zimmer schaltet er das Licht ein und es beißt ihm in die schlaftrunkenen Pupillen, aber ohne Licht findet er seine Jeans nicht und keine Unterwäsche und das Schlafshirt. komme tippt er eine Nachricht an Tom, bevor er sich die Keycard in die hintere Hosentasche schiebt und auf den Hotelflur schlüpft. Nur kommen und schlafen, mehr braucht er nicht.
Challenge: #6 Mr. Norell & Jonathan Strange (...und ich bin inzwischen irgendwo jenseits Seite 500 und warte immer noch drauf, dass es lesenswert wird) Seite 113, erstes Wort: marriage
Rating: P16
Wordcount: 1754
Geschrieben in: 120 Minuten (und keine Zeit zum Durchlesen mehr...* ieks*)
Sonst noch was? Ich gestehe, das Endprodukt hat sich etwas vom prompt entfernt. Etwas sehr. Seeeeeeehr. Um genau zu sein so weit, dass aus marriage "Bruderehe" wurde und daraus wiederum das Oberthema für einen Siebenteiler. Von wegen "7 Tugenden" as opposed zu den 7 Todsünden, die Bill und Tom fictiontechnisch schon hinter sich haben. Mach ich grad noch Sinn? Der prompt müsste jedenfalls eigentlich "Marriage --> Bruderehe --> 7 Tugenden --> Demut" heißen. Darf ich mich damit rausreden, dass das hier auf die Remix-your-fanfics Challenge vom 22. Oktober 08 passt? Nein? Ach, ich stell mich einfach in die Ecke und streue Asche auf mein Haupt :/
Liebevolle Demut ist eine gewaltige Macht,
die stärkste von allen, und es gibt keine andere, die ihr gleichkäme.
Weiß der Teufel, wie sie es geschafft haben, sich an der Security vorbeizuschmuggeln. Sie stehen auf einmal wie aus dem Boden gewachsen in der Tür seiner Garderobe und starren ihn an.
Bill senkt den Kopf und wünscht sich, sie würden verschwinden. Sich in Luft auflösen. Einmal blinzeln, und sie sind nicht mehr da. Zweimal blinzeln, und es hilft natürlich nichts. Sie sind immer noch da, sie halten sich immer noch aneinander fest, um vor Begeisterung nicht umzufallen, und sie starren und starren.
Er kann seine Knöchel spüren, als er seine Hände knetet. Seine Finger sind lang und dünn, die Haut trocken. Zu wenig getrunken hat er heute außerdem. Sie sehen faltig und alt aus, seine Hände, und eigentlich will er sie gar nicht anschauen, aber die Mädchen will er noch viel weniger in seinem Blickfeld haben. Oder sein Gesicht in ihrem Blickfeld.
Solange er das Kinn zur Brust zieht, kann er die Schatten unter seinen Augen auf das Licht schieben. Aber das Licht ist nicht schuld an den fettigschwarzen Puderschlieren, die sich in seinen Lidfalten gesammelt haben. Das Licht kann nichts für die geschwollenen Tränensäcke und all das Make-up auf unreinen Poren, hohlen Wangen und einer Ahnung von Bartstoppeln. Bill hat bis eben vor dem Spiegel gestanden und einen neuen Pickel knapp vor seinem rechten Ohr begutachtet. Früher hatte er Pickel wegen der ganzen Hormone, jetzt hat er Pickel wegen der ganzen Kosmetik. Sein Teint ist fahl von zu viel Nikotin und zu wenig Schlaf, er hat Schuppen, und überhaupt ist er ein widerwärtiges, hässliches Monster.
Gleichzeitig weiß er natürlich, dass er gut aussieht. Hübsch ist. Schön? Für die beiden Fans ist er auf jeden Fall Mister Universum. Er könnte alle seine Abdeckstifte an den Mülleimer verfüttern und Mädchen wie diese zwei würden ihren Freundinnen trotzdem vorschwärmen, was für ein umwerfender Adonis er doch wäre. Haut wie aus der Clearasil-Werbung, mystisch-geile Teddyaugen und dieser Duft nach Haarspray, Rauch und Schweiß. Wann hat er sich eigentlich das letzte Mal geduscht? Wie lange ist er schon wach? 24 Stunden? 30?
„Hey“, kickst eines der Mädchen schüchtern.
Bill grinst, schüttelt seinen Hahnenkamm und angelt sich zwei Autogrammkarten und einen Edding vom Garderobentisch. „Hi. Wie heißt ihr denn?“, fragt er, öffnet den Stift mit den Zähnen und unterschreibt im Gehen. Sibi und Nora strahlen ihn glückselig an, als er ihnen die Karten in die Hand drückt. „Noch Fragen?“, lächelt er spitzbübisch, als er sieht, wie die Nervosität sie winden lässt.
„Darf ich…“, beginnt Sibi zögerlich, “darf ich dich mal anfassen?“
Einen Moment lang erwartet Bill, dass sie von einem Bodyguard zur Seite gezogen wird und er sich gar nicht erst mit einer Antwort befassen muss. Aber das Sicherheitsteam hat anscheinend schon längst Feierabend gemacht und Sibi steigt eine so ehrliche Röte ins Gesicht, dass er zu seiner eigenen Überraschung nachgibt. Sie schämt sich selbst für die Frage und sie würde sich noch viel mehr schämen, wenn sie wüsste, mit was für doofdreisten Anmachen er ihre Bitte verwechseln könnte. Er streckt ihr langsam eine Hand hin, genauso, wie er es mit einem Hund machen würde, von dem er nicht weiß, ob er beißt. Sibi traut sich erst nicht und braucht ein paar Sekunden, bevor sie mit dem Zeigefinger sacht über seinen Handrücken streicht. „Wow“, haucht sie. Als wäre er Caspar, das Schlossgespenst, dass sich soeben als greifbar erwiesen hat.
Bill lächelt schief und verschränkt die Arme vor der Brust. „Ist Tom auch da?“, fragt Nora, während Sibi gleichzeitig „Danke“ nuschelt. Eine seltsame Stille entsteht, bevor die Mädchen beide prusten und Bill den Kopf schüttelt. „Tom ist schon auf dem Weg ins Hotel. Ist noch müder als ich, wenn das überhaupt geht.“
„Schade“, meint Nora und Sibi nickt. Sie werfen sich verstohlene Blicke zu, treten von einem Bein auf das andere und drucksen so lange herum, dass Bill beinahe seine Nonchalance verliert, aber dann holt Nora tief Luft und sieht ihm direkt ins Gesicht. „Wir wollen dich dann mal nicht länger stören“, stammelt sie. „Du bist toll“, platzt es aus Sibi heraus und sie packt ihre Freundin am Ärmel und zieht sie aus der Tür. Bill kann hören, wie sie den Gang hinunterlaufen, kichernd und giggelnd. Er lässt die Mundwinkel sacken und bemerkt erst jetzt, dass er zwar noch die Stiftkappe in der Hand hält, aber keinen Edding mehr.
°
Hotels sehen überall gleich aus. Geschmackvolle Einrichtung, beruhigende Farbschemen und Teppiche, die jedes Geräusch schlucken. Die Zeiten, in denen seine Hotelzimmer aussahen, als wären seine Koffer nicht geöffnet worden, sondern einfach explodiert, sind vorbei. Chipstüten liegen – wenn überhaupt – nur noch auf Tischen oder Nachtkästchen, nicht mehr auf dem Boden; erst recht nicht zwischen den Laken. Ein richtiger Chaot ist er ohnehin nie gewesen. Die Stiefel zieht er sich zwar immer noch im Gehen aus, aber nicht mehr, indem er sich selbst auf die Hacken steigt. Er lässt sie auch immer noch einfach so liegen, hebt aber auf dem Weg zum Bett eine Zeitschrift vom Boden auf. Vogue Homme. Irgendwo gleich nach der Diesel-Werbung ist dieser man bag, den er unbedingt haben will. Nietenüberkrustetes Leder, natürlich pechschwarz. Bill kennt genau drei französische Ausdrücke: je m´appelle Bill, je suis heureux und prix sur demande. Mehr hat er nie gebraucht.
Die Zeitschrift gehört auf das linke Kopfkissen. Er schläft immer auf der rechten Seite des Bettes und wenn er morgen aufwacht und noch liegen bleiben will, hat er sie gleich griffbereit. Die Klamotten von gestern gehören außerdem auf die linke Seite, eine Tüte saure Johannisbeeren, dazu Taschentücher, Fernbedienung, iPod, Handy und sein Hund, wenn er zu Hause wäre. Abschminken hat er nie gemocht, aber einfach so und mit ungeputzten Zähnen ins Bett zu fallen ist noch ekliger. Also verbringt er die nötige Qualitätszeit im Bad, zieht sich ein altes T-Shirt und frische Shorts and und wuzelt sich unter die Decke. November ist ein grausamer Monat. Draußen ist es nicht wirklich kalt, drinnen sind die Heizungen nicht wirklich warm und er friert ständig.
Bill tastet blind nach seinem Handy und sucht nach der bequemsten Liegeposition, während er darauf wartet, dass abgenommen wird. „Schläfst du schon?“, fragt er, als Tom ihm ins Ohr brummt. Ganz offensichtlich schläft er also nicht.
„Ne. Lieg aber schon im Bett. Du?“
„Auch.“
„War noch was?“
„Ich krieg nen Pickel.“
Tom kichert leise. „Kann er den anderen ja Gesellschaft leisten.“
„Ich bin zwanzig, verdammt. Ich bin zu alt für den Scheiß.“
„Ohhh“, macht Tom gedehnt. „Ich hab keine.“
„Gute Nacht“, faucht Bill gespielt beleidigt und legt auf. Keine zehn Sekunden später bekommt er eine SMS: schlaf gut mausi. Er schaubt und grinst, drückt die Tastensperre und verfrachtet das Handy auf die Vogue. Ein Blick auf den Hotelwecker verrät ihm, dass er seit genau 32 Stunden und 24 Minuten auf den Beinen ist. Beziehungsweise jetzt, da er liegt, zumindest die Augen offen hat. Und sie fallen ihm einfach nicht zu. Den ganzen Tag über hätte er ihm Stehen einschlafen können und nun, als er pennen soll und will, kann er auf einmal nicht mehr.
Bill stöhnt genervt und wälzt sich auf die andere Seite. Die Nacht draußen vor dem Fenster ist ein trübgraues Gewaber mit orangegetünchten Wolken und drei tanzenden Lichtsäulen – ganz in der Nähe muss ein Club sein. Einen Mond kann er nicht entdecken, Sterne erst recht nicht. Er presst die Augen zusammen, blinzelt, starrt wieder auf den Wolkenkratzer gegenüber. Zu viel Kaffee.
Aber er trinkt immer zu viel Kaffee, zu viel Red Bull, zu viel was auch immer. Zu viel oder zu wenig. Hunger oder Bauchschmerzen. Woher soll er auch wissen, was normal ist.
Seine Haare rascheln über das Kissen, als er den Kopf schüttelt. Er wird sich heute nicht bemitleiden. Es geht ihm gut, er ist nur überarbeitet. Er streckt die Hand nach dem Handy aus und hält auf halber Strecke inne. Tom schläft sicher schon. Tom hat seinen Schlaf genauso nötig wie er. Tom würde rüberkommen, wenn er wüsste, dass er nicht schlafen kann.
Bills Hand klatscht auf die Matratze und wandert zurück unter die Decke. Wandert erst zu seiner Brust, dann über seinen Bauch. Bill dreht sich auf den Rücken und stiert an die Decke, als er sich berührt. Die Shorts schiebt er sich auf die Oberschenkel, ein paar Mal auf und ab, und er ist halbwegs hart. Er spuckt sich in die Handfläche, bevor er weitermacht, und diesmal bleiben seine Augen zu, als er sie schließt. An etwas Bestimmtes denkt er nicht. Oder jemanden. Bruchstücke des Interviews, das sie vor der Autogrammstunde gegeben haben, schleichen sich in seinen Kopf. Georgs Begeisterung für das Mittagessen. Er schließt die Augen noch ein wenig fester und konzentriert sich auf das Kribbeln zwischen seinen Beinen. Nur kommen. Nur kommen und dann schlafen, mehr will er nicht. Seine linke Hand bleibt die ganze Zeit unbeweglich auf seiner Hüfte liegen, lüpft nur die Decke ein wenig für mehr Spielraum. Nur kommen.
Es geht ihm nicht schnell genug und er spreizt die Beine, verheddert sich in der Decke und strampelt sie genervt auf die linke Seite, die Shorts hinterher. Seine Spitze hüpft über seinen Bauch, als wollte sie sich über ihn lustig machen, und er greift nach ihr und drückt sie an seine nackte Haut. Wenigstens da unten ist ihm warm genug.
Eigentlich müsste er sich mal wieder rasieren, denkt er, aber eigentlich weiß das nur er selbst und mit sich selbst gibt er sich nur selten besondere Mühe. Er krault durch die Stoppeln, streichelt sich mit der linken Hand doch wie zufällig, und seufzt leise, als seine Fingernägel über seinen empfindlichen Damm kratzen. Es ist das einzige Geräusch, das er von sich gibt, von den unvermeidlichen Geräuschen einmal abgesehen. Als sich seine Finger noch ein Stück tiefer verirren, setzt sich endlich die so angestrengt verfolgte Kettenreaktion in Gang und er verkrampft sich kurz, bevor er die Hände neben seinen Schoß fallen lässt, die Augen noch immer fest geschlossen. Er kann sich atmen hören, die warmen Spritzer auf seinem Bauch spüren. Als er nach den Taschentüchern greift, vibriert sein Handy. Knurrend fischt er es unter der Bettdecke hervor, hält es eine Handbreit vor sein Gesicht und blinzelt vorsichtig. „ARSCHLOCH“ steht da. Und darunter: kann nicht schlafen.
Bill setzt sich auf, trottet ins Bad und wischt sich mit einem Handtuch sauber. Zurück im Zimmer schaltet er das Licht ein und es beißt ihm in die schlaftrunkenen Pupillen, aber ohne Licht findet er seine Jeans nicht und keine Unterwäsche und das Schlafshirt. komme tippt er eine Nachricht an Tom, bevor er sich die Keycard in die hintere Hosentasche schiebt und auf den Hotelflur schlüpft. Nur kommen und schlafen, mehr braucht er nicht.
no subject
Date: 2009-11-05 03:48 pm (UTC)was hast du dagegen? I loves itTo be honest, hab ich nichts für boybands über und noch weniger für TH, aber das hier ist gut geschrieben. Thumbs up (obwohl, ja, hat so gut wie nichts mehr mit marriage zu tun xD) ^^
no subject
Date: 2009-11-05 10:58 pm (UTC)