*nachreich*
Aug. 18th, 2009 01:13 amChallenge: #3 Nichts als die Wahrheit
Fandom: Original
Anmerkung: Das kommt dabei heraus, wenn man Gartenarbeit verrichten muss.
Wörter: 865
Personen: Empathische Marienkäfer, bitchige Wespen, hysterische Ameisen und eine abwägende Heuschrecke.
Diese Geschichte ist Fiktion. Zufällige Übereinstimmungen mit real existierenden Insekten sind nicht beabsichtigt.
Heuschreck hob neugierig sein kleines, hellbraunes Köpfchen über den Rand des Erdbeerblattes hinweg als er das laute Wehklagen von den roten Ameisen herüberdringen hörte. Seit Ewigkeiten war es stets ruhig und beschaulich gewesen in der kleinen Kolonie- ach was, in der gesamten Gegend- und nun schien mit einem Mal die Welt unterzugehen.
„Hey, hallo!“, rief Heuschreck zu Wanze hinunter, die gemächlich unter der Erdbeerpflanze entlanglatschte, wahrscheinlich zurück in die Brombeersträucher, wo sie zu Hause war.
„Was ist denn los heute? Das klingt ja grausig.“
Wanze blinzelte hoch, in die Sonne und zuckte mit den Flügeldecken.
„Hab gehört, dass das Pfefferminzfeld gerade verschwindet. Ein Riese macht sich da drüben zu schaffen und die Ameisen rasten deswegen aus.“
Es brauchte ja nur ein paar gezielte Sprünge über Karotten- und Bohnenfelder ehe Heuschreck bei den jammernden Ameisen angekommen war. Einige schleppten kopflos ihre Puppen in alle möglichen verschiedenen Richtungen, andere starrten hilflos auf die klaffenden, dunklen Erdlöcher, die dort waren, wo bis vorhin noch jede Menge Pfefferminzpflanzen gestanden hatten.
„Krieg!“, knatterte eine Arbeiterin mit panischem Zangengeklapper durch die Gegend.
„Wir sind im Krieg!“
„Er nimmt uns alles, alles! Achje!“
Heuschreck rieb ratlos die Hinterbeine an seinem Körper entlang, nur ganz langsam, sodass kaum ein zirpendes Geräusch entstand.
„Ach Gott.“, hörte er eine besorgte Stimme neben sich und erkannte, dass das laute Geschrei der Ameisen auch Wespe und Marienkäfer angelockt hatte- zwei Gesellen, die sich eigentlich unter normalen Umständen nicht ganz so grün waren. Aber das hier hatte etwas Spektakuläres. Von ferne kam Feuerwanze aus den Erdlöchern gekrochen.
„Lange keinen Riesen mehr gesehen.“, verkündete sie großväterlich.
„Bin gerade so weggekommen. Einige Regenwürmer da drüben haben sich ziemlich erschreckt.“
„Habe gehört, das Wesen hat den Ameisen ihren Stein weggenommen.“, sagte Wespe.
Heuschreck schaute sich um. Der große Stein, unter dem die Ameisen ihre Kinderstube errichtet hatten, lag jedoch haargenau auf derselben Stelle wie zuvor.
„Ist doch eigentlich eine Schande.“, schimpfte Wespe weiter.
„Wir sollten uns gegen diese Barbaren verbünden, findet ihr nicht auch? Sie kommen und zerstören unsere Häuser, unsere Natur und unsereins kann dann sehen, wo er bleibt.“
„Also eigentlich...“, begann Marienkäfer.
„Ich war vorhin da hinten und mich hat er auf die Ringelblumen gesetzt. Er hätte mich auch zerquetschen können.“
„Euch mögen die Riesen ja auch!“, giftete Wespe.
„Ihr seid hübsch rot und punktig- und fresst ihnen die Blattläuse weg. Vielmehr kann man sich doch gar nicht mehr einschleimen!“
Marienkäfer drehte sich beleidigt zur Seite und murmelte etwas von allergieverursachend, schlechten Farbkombinationen und selbst Schuld.
„Wir wären jedenfalls dabei wenn es um eine Revolution ginge!“, ignorierte Wespe ihn.
„Wir sind Millionen! Und wenn die Hornissen nicht solche Sitzpisser wären, würden sie auch mitmachen!“
„Ich persönlich habe nichts gegen die Riesen.“, sagte Heuschreck.
„Aber bedenke, dass nicht alle so denken wie ihr. Die Bienen und Mücken machen bei eurem Aufstand sicher nicht mit.“
„Die einen haben sich domestizieren lassen wie minderwertige Blattläuse.“, schimpfte Wespe und ließ ihre Flügel vor Erregung surren. Sie wehte damit beinahe eine vorbeieilende Ameise um.
„Und von den Blutsaugern fangen wir erst mal gar nicht an. Jeden Morgen sind die Weiber stockbesoffen, weil sie den Rüssel nicht voll genug bekommen konnten. Und deren Kerle sind auch nicht besser. `Uh, wir trinken Nektar, wir haben damit nichts zu tun!´ Solche Hippies!“
„Ich meine ja nur.“, gab Heuschreck zu bedenken.
„Wir haben keine andere Wahl als uns mit diesen Kreaturen zu arrangieren. Wespe, du bist gerade einmal so groß wie ein Fingernagel der Riesen. Sie sind klug, unbeschreiblich klug und von dort oben haben sie einen ganz anderen Blickwinkel. Vielleicht denken sie sogar, sie tun etwas Gutes. Und vergiss nicht- wegen ihnen hast du schon oft genug etwas zwischen die Mundwerkzeuge bekommen! Das ist Fakt.“
„Hatte meinen Stachel auch schon öfter mal in einem drin. Das ist auch nichts als die Wahrheit.“, kicherte Wespe höhnisch.
„Wie dem auch sei. Wenn ihr Trottel euch solche Tyrannei länger gefallen lassen wollt, bittesehr. Wir jedenfalls lassen uns auf den Blödsinn nicht ein.“
Sie ließ ihre Flügel aufsurren und erhob sich in die Luft.
Eine Weile war es still zwischen den Verbliebenen.
Bis Heuschreck sich an die Ameise wandte, die noch immer kopflos durch die Gegend rannte;
„Wie groß sind denn die Verluste?“
Sie verharrte und schaute ihn aus großen Facettenaugen an.
„Verluste...? Äh...eigentlich haben wir keine...“
„Und was ich eigentlich noch dazu sagen wollte, aber nicht konnte, weil die schwarz-gelbe Dame ja niemanden hat zu Wort kommen lassen“, mischte Feuerwanze sich ein.
„Die Pefferminzpflanzen haben alle anderen Pflanze im Beet verdrängt. Die hingen sogar schon im Pfirsichbaum drin.“
Sie verlagerte das Gewicht auf ihren sechs Beinen um.
„Schön und gut.“, murmelte Heuschreck und schüttelte den Kopf leicht.
„Aber ich wünschte, sie würden bedenken, was das alles mit uns macht.“
Er kratzte sich am Hinterleib und ließ ein melodisches Zirpen erklingen.
„Für die Riesen ist es vielleicht nur ein kleiner Griff in die Erde. Für uns ist es ein Erdbeben.“
Im selben Augenblick verdunkelte sich über ihm der Himmel. Ameise kreischte und setzte zum Sprung an, Marienkäfer und Feuerwanze klappten hektisch ihre Flügeldecken auf.
Heuschreck war schon längst wieder in der Luft als der Fuß des Menschen auf der Erde aufsetzte.
Solch enorme Größe konnte doch nur als störend empfunden werden.
Challenge: #2 Wenn die Mitte zum Rand wird (vom 15. August); #2 Der zweite Platz ist für Verlierer
Fandom: Original ("Das schöne böse Tier")
Personen: Mamoru, Kentarô
Wörter: 1019
Geklaut: Placebos "English Summer Rain"
Ich hatte meine Mitte verloren.
Nein, nicht so ganz. Sie hatte sich scheinbar nur verlagert.
Bevor ich mehr mit Kentarô zu tun hatte, war meine Mitte klar definiert gewesen.
Studium, Nebenjob, abends hin und wieder weggehen.
Hin und wieder eine Kommilitonin näher kennenlernen, sie auf ihre Lippenstiftlippen küssen und dann wieder zurück zur Tagesordnung.
Ich hasste Lippenstift. Das war Fakt. Das gehörte auch zu meiner Mitte.
Kentarô war ein Mensch, der so beschäftigt war, dass er sich wochenlang nicht meldete. Wenn ich ihn nicht gerade in der Uni sah- und das war selten geworden in den letzten Tagen, weil sein Job als Popsternchen ihn so sehr in Anspruch nahm- herrschte Funkstille.
Jeden Abend ertappte ich mich dabei, wie ich gedankenverloren auf mein Handy starrte und es auf- und wieder zukappte, mit den Mailfunktionen herumspielte und das Menü wieder wegdrückte.
Was sollte ich denn sagen?
Ich trete beim Marathon an. schrieb er mir eines Abends im Juli plötzlich.
Für einen guten Zweck. Wird auch live übertragen. Kazuya hat recherchiert, dass die Route ganz nah bei dir zu Hause entlanggeht. Komm und feuer mich an! (°o^)/)
Seine Smileys sahen immer furchtbar aus und ich fragte mich, ob er einfach nur nicht wusste, dass diese Dinger in den Handies schon eingespeichert waren und er sie quasi nur einfügen musste.
Ich rief am nächsten Tag im Laden, in dem ich arbeitete, an und stellte mich sterbend um nicht erscheinen zu müssen. So richtig mit kehligem Husten und schleifender, immer leiser werdender Stimme. So etwas hatte ich zuvor noch nie getan.
Tief im Inneren meines Hirnes gab es die logisch denkende und analysierende Einheit, die mich fragte, worin in einer Sekunde, in der Kentarô, von dreitausend Kameras verfolgt und mit vom Kreischen vieler Mädchen tauben Ohren an mir vorbeihechelte, der Nutzen läge. Doch sie war zu leise.
Es war schon schlimm genug, gegen diese Fangirls anzukommen. Skrupellosigkeit war nicht unbedingt eines meiner Markenzeichen, aber nachdem ich ein vierzehnjähriges Mädchen mit seinem Fan-Fächer, auf dem ein sehr hässliches Foto von Kentarôs Gesicht abgebildet war, vor die Stirn schlug, hatte ich tatsächlich knappe zwanzig Zentimeter vorne an der Absperrung Platz.
Die Menge johlte. Jede Menge Sportler kamen vorbei, muskulös, mit in der Sonne glänzendem Schweiß. Ich fühlte mich olympisch.
Bis Kentarô kam, verging eine Menge Zeit. Ich hatte Kazuya vorbeijoggen sehen- locker, leicht und arrogant wie immer, hatte Tsubasa gesehen, dem unter dem ärmellosen Shirt die Flügel-Tatoos hervorschauten.
Und erst später, als ich auf die Uhr schaute, da verpasste ich Kentarô fast.
Ich hatte es vorher nicht gewusst, aber Langstreckenläufe schienen nicht seine Stärke zu sein.
Wie alle anderen war er in Schweiß gebadet, aber sein Gesicht war blass und eingefallen.
Als ich seinen dünnen Rücken sich entfernen sah, als ich mich in der Menge zurückfallen ließ und begann, nach einem Taxi zu suchen, da wusste ich, dass meine Mitte zum Rand geworden war.
Ich war der Rand.
Kentarô war meine Mitte. Wie der Mond sich um die Erde drehte, hatte ich angefangen, mich stetig um ihn zu drehen, ihm immer das Gesicht zugewandt, damit ich keine einzige Sekunde verpasste.
Sugiyama unterdrückte ein Rollen mit den Augen, als ich er mich auf sich zulaufen sah.
„Junger Mann, ich wünschte, ich würde dich nicht so oft sehen wie ich dich dieser Tage sehe.“
Ich ächzte. Das Taxi hatte eine kaputte Klimaanlage gehabt und mein T-Shirt war durchgeweicht.
„Er sah furchtbar aus vorhin. Wie geht es ihm?“
„Ich wüsste nicht, wieso ich dir diese Information zukommen lassen sollte.“, murmelte der Manager.
„Gut, dann sagen Sie es mir eben nicht. Ich find ihn schon, früher oder später!“, herrschte ich ihn an.
Großmütig ließ er mich ziehen, wohl wissen, dass mich niemand durchlassen würde.
Ich hatte in Kentarôs Welt nichts verloren und wenn er mich nicht mit sich hineinnahm, kam ich auch nicht an ihn heran. Eine halbe Stunde lief ich hin und her, wurde abgewiesen und vertröstet und fand mich am Ende wieder, wie ich voller Wut gegen einen Hydranten trat.
An diesem Abend erreichte mich der Anruf meines Chefs.
Ob ich im Fieberwahn zum Marathon gegangen sei. Er habe mich gesehen. Im Fernsehen. Käme so etwas noch einmal vor, wäre ich meinen Job los.
Im Grunde war mein Chef echt nett.
Ich rauchte, trank Tee, schaltete den Fernseher ein, schaltete ihn aus. Meine Augen zerliefen auf dem Rosa der Spielshows. Ich begann Oscar Wilde zu lesen, ich warf das Buch wieder hin, rauchte mehr.
Zum ersten Mal überhaupt drückte mein Daumen das Mailmenü nicht weg.
Habe dich gesehen. Hast nicht gut ausgesehen. Alles klar?
Warum war es mir früher so schwer gefallen? Die paar Silben zu tippen und zu verschicken.
Ich hatte immer nach einem Anlass gesucht.
Erster bin ich jedenfalls nicht geworden. Sugiyama sagt, der zweite Platz ist für Verlierer. Für wen ist dann Platz 78?
Mit der Kippe im Mundwinkel tippte ich zurück.
Das meinte ich nicht. Wollte eher wissen, ob du gerade in der Horizontalen bist oder nicht
Bin ich, aber eigentlich eher, weil ich schon fast schlafe. Letztendlich war das keine große Sache. Aber nett, dass du dir Sorgen um mich machst. Wir sehen uns dann in der Uni! P.S. Danke, dass du gekommen bist!
Es waren diese beschissenen, freundlichen, unverbindlichen Mails, die mich vorher davon abgehalten hatten, ihn anzuschreiben, stellte ich fest. Der Tonfall, aus dem ich nicht erkennen konnte, ob er mich nicht einfach nur in dasselbe Postfach steckte wie Fanmails. Dinge wie `Danke, dass du dir meine CD anhörst.´ Obwohl seine Musik scheiße war. ´Du hast die Show gesehen? Danke dafür!´ Obwohl er sich völlig zum Affen gemacht hatte.
Was ich an ihm schätzte? Ich vermochte es nicht zu sagen. Alles, was ich wusste, war, dass ich wollte, dass er selbst auch erkannte, dass er meine Mitte geworden war. Wenigstens ein bisschen.
Ein kleines Bisschen.
I´m in the basement. You´re in the sky. I´m in the basement. Drop on by.
Ich speicherte diese Mail in meinem Entwurf-Mailordner, mit dem Wissen, dass ich sie ohnehin nie abschicken würde. Viel zu pathetisch. Viel zu schwul.
Außerdem war Kentarôs Englisch grottenschlecht.
Hold your breath and count to ten
Fall apart
Then start again
Fandom: Original
Anmerkung: Das kommt dabei heraus, wenn man Gartenarbeit verrichten muss.
Wörter: 865
Personen: Empathische Marienkäfer, bitchige Wespen, hysterische Ameisen und eine abwägende Heuschrecke.
Diese Geschichte ist Fiktion. Zufällige Übereinstimmungen mit real existierenden Insekten sind nicht beabsichtigt.
Heuschreck hob neugierig sein kleines, hellbraunes Köpfchen über den Rand des Erdbeerblattes hinweg als er das laute Wehklagen von den roten Ameisen herüberdringen hörte. Seit Ewigkeiten war es stets ruhig und beschaulich gewesen in der kleinen Kolonie- ach was, in der gesamten Gegend- und nun schien mit einem Mal die Welt unterzugehen.
„Hey, hallo!“, rief Heuschreck zu Wanze hinunter, die gemächlich unter der Erdbeerpflanze entlanglatschte, wahrscheinlich zurück in die Brombeersträucher, wo sie zu Hause war.
„Was ist denn los heute? Das klingt ja grausig.“
Wanze blinzelte hoch, in die Sonne und zuckte mit den Flügeldecken.
„Hab gehört, dass das Pfefferminzfeld gerade verschwindet. Ein Riese macht sich da drüben zu schaffen und die Ameisen rasten deswegen aus.“
Es brauchte ja nur ein paar gezielte Sprünge über Karotten- und Bohnenfelder ehe Heuschreck bei den jammernden Ameisen angekommen war. Einige schleppten kopflos ihre Puppen in alle möglichen verschiedenen Richtungen, andere starrten hilflos auf die klaffenden, dunklen Erdlöcher, die dort waren, wo bis vorhin noch jede Menge Pfefferminzpflanzen gestanden hatten.
„Krieg!“, knatterte eine Arbeiterin mit panischem Zangengeklapper durch die Gegend.
„Wir sind im Krieg!“
„Er nimmt uns alles, alles! Achje!“
Heuschreck rieb ratlos die Hinterbeine an seinem Körper entlang, nur ganz langsam, sodass kaum ein zirpendes Geräusch entstand.
„Ach Gott.“, hörte er eine besorgte Stimme neben sich und erkannte, dass das laute Geschrei der Ameisen auch Wespe und Marienkäfer angelockt hatte- zwei Gesellen, die sich eigentlich unter normalen Umständen nicht ganz so grün waren. Aber das hier hatte etwas Spektakuläres. Von ferne kam Feuerwanze aus den Erdlöchern gekrochen.
„Lange keinen Riesen mehr gesehen.“, verkündete sie großväterlich.
„Bin gerade so weggekommen. Einige Regenwürmer da drüben haben sich ziemlich erschreckt.“
„Habe gehört, das Wesen hat den Ameisen ihren Stein weggenommen.“, sagte Wespe.
Heuschreck schaute sich um. Der große Stein, unter dem die Ameisen ihre Kinderstube errichtet hatten, lag jedoch haargenau auf derselben Stelle wie zuvor.
„Ist doch eigentlich eine Schande.“, schimpfte Wespe weiter.
„Wir sollten uns gegen diese Barbaren verbünden, findet ihr nicht auch? Sie kommen und zerstören unsere Häuser, unsere Natur und unsereins kann dann sehen, wo er bleibt.“
„Also eigentlich...“, begann Marienkäfer.
„Ich war vorhin da hinten und mich hat er auf die Ringelblumen gesetzt. Er hätte mich auch zerquetschen können.“
„Euch mögen die Riesen ja auch!“, giftete Wespe.
„Ihr seid hübsch rot und punktig- und fresst ihnen die Blattläuse weg. Vielmehr kann man sich doch gar nicht mehr einschleimen!“
Marienkäfer drehte sich beleidigt zur Seite und murmelte etwas von allergieverursachend, schlechten Farbkombinationen und selbst Schuld.
„Wir wären jedenfalls dabei wenn es um eine Revolution ginge!“, ignorierte Wespe ihn.
„Wir sind Millionen! Und wenn die Hornissen nicht solche Sitzpisser wären, würden sie auch mitmachen!“
„Ich persönlich habe nichts gegen die Riesen.“, sagte Heuschreck.
„Aber bedenke, dass nicht alle so denken wie ihr. Die Bienen und Mücken machen bei eurem Aufstand sicher nicht mit.“
„Die einen haben sich domestizieren lassen wie minderwertige Blattläuse.“, schimpfte Wespe und ließ ihre Flügel vor Erregung surren. Sie wehte damit beinahe eine vorbeieilende Ameise um.
„Und von den Blutsaugern fangen wir erst mal gar nicht an. Jeden Morgen sind die Weiber stockbesoffen, weil sie den Rüssel nicht voll genug bekommen konnten. Und deren Kerle sind auch nicht besser. `Uh, wir trinken Nektar, wir haben damit nichts zu tun!´ Solche Hippies!“
„Ich meine ja nur.“, gab Heuschreck zu bedenken.
„Wir haben keine andere Wahl als uns mit diesen Kreaturen zu arrangieren. Wespe, du bist gerade einmal so groß wie ein Fingernagel der Riesen. Sie sind klug, unbeschreiblich klug und von dort oben haben sie einen ganz anderen Blickwinkel. Vielleicht denken sie sogar, sie tun etwas Gutes. Und vergiss nicht- wegen ihnen hast du schon oft genug etwas zwischen die Mundwerkzeuge bekommen! Das ist Fakt.“
„Hatte meinen Stachel auch schon öfter mal in einem drin. Das ist auch nichts als die Wahrheit.“, kicherte Wespe höhnisch.
„Wie dem auch sei. Wenn ihr Trottel euch solche Tyrannei länger gefallen lassen wollt, bittesehr. Wir jedenfalls lassen uns auf den Blödsinn nicht ein.“
Sie ließ ihre Flügel aufsurren und erhob sich in die Luft.
Eine Weile war es still zwischen den Verbliebenen.
Bis Heuschreck sich an die Ameise wandte, die noch immer kopflos durch die Gegend rannte;
„Wie groß sind denn die Verluste?“
Sie verharrte und schaute ihn aus großen Facettenaugen an.
„Verluste...? Äh...eigentlich haben wir keine...“
„Und was ich eigentlich noch dazu sagen wollte, aber nicht konnte, weil die schwarz-gelbe Dame ja niemanden hat zu Wort kommen lassen“, mischte Feuerwanze sich ein.
„Die Pefferminzpflanzen haben alle anderen Pflanze im Beet verdrängt. Die hingen sogar schon im Pfirsichbaum drin.“
Sie verlagerte das Gewicht auf ihren sechs Beinen um.
„Schön und gut.“, murmelte Heuschreck und schüttelte den Kopf leicht.
„Aber ich wünschte, sie würden bedenken, was das alles mit uns macht.“
Er kratzte sich am Hinterleib und ließ ein melodisches Zirpen erklingen.
„Für die Riesen ist es vielleicht nur ein kleiner Griff in die Erde. Für uns ist es ein Erdbeben.“
Im selben Augenblick verdunkelte sich über ihm der Himmel. Ameise kreischte und setzte zum Sprung an, Marienkäfer und Feuerwanze klappten hektisch ihre Flügeldecken auf.
Heuschreck war schon längst wieder in der Luft als der Fuß des Menschen auf der Erde aufsetzte.
Solch enorme Größe konnte doch nur als störend empfunden werden.
Challenge: #2 Wenn die Mitte zum Rand wird (vom 15. August); #2 Der zweite Platz ist für Verlierer
Fandom: Original ("Das schöne böse Tier")
Personen: Mamoru, Kentarô
Wörter: 1019
Geklaut: Placebos "English Summer Rain"
Ich hatte meine Mitte verloren.
Nein, nicht so ganz. Sie hatte sich scheinbar nur verlagert.
Bevor ich mehr mit Kentarô zu tun hatte, war meine Mitte klar definiert gewesen.
Studium, Nebenjob, abends hin und wieder weggehen.
Hin und wieder eine Kommilitonin näher kennenlernen, sie auf ihre Lippenstiftlippen küssen und dann wieder zurück zur Tagesordnung.
Ich hasste Lippenstift. Das war Fakt. Das gehörte auch zu meiner Mitte.
Kentarô war ein Mensch, der so beschäftigt war, dass er sich wochenlang nicht meldete. Wenn ich ihn nicht gerade in der Uni sah- und das war selten geworden in den letzten Tagen, weil sein Job als Popsternchen ihn so sehr in Anspruch nahm- herrschte Funkstille.
Jeden Abend ertappte ich mich dabei, wie ich gedankenverloren auf mein Handy starrte und es auf- und wieder zukappte, mit den Mailfunktionen herumspielte und das Menü wieder wegdrückte.
Was sollte ich denn sagen?
Ich trete beim Marathon an. schrieb er mir eines Abends im Juli plötzlich.
Für einen guten Zweck. Wird auch live übertragen. Kazuya hat recherchiert, dass die Route ganz nah bei dir zu Hause entlanggeht. Komm und feuer mich an! (°o^)/)
Seine Smileys sahen immer furchtbar aus und ich fragte mich, ob er einfach nur nicht wusste, dass diese Dinger in den Handies schon eingespeichert waren und er sie quasi nur einfügen musste.
Ich rief am nächsten Tag im Laden, in dem ich arbeitete, an und stellte mich sterbend um nicht erscheinen zu müssen. So richtig mit kehligem Husten und schleifender, immer leiser werdender Stimme. So etwas hatte ich zuvor noch nie getan.
Tief im Inneren meines Hirnes gab es die logisch denkende und analysierende Einheit, die mich fragte, worin in einer Sekunde, in der Kentarô, von dreitausend Kameras verfolgt und mit vom Kreischen vieler Mädchen tauben Ohren an mir vorbeihechelte, der Nutzen läge. Doch sie war zu leise.
Es war schon schlimm genug, gegen diese Fangirls anzukommen. Skrupellosigkeit war nicht unbedingt eines meiner Markenzeichen, aber nachdem ich ein vierzehnjähriges Mädchen mit seinem Fan-Fächer, auf dem ein sehr hässliches Foto von Kentarôs Gesicht abgebildet war, vor die Stirn schlug, hatte ich tatsächlich knappe zwanzig Zentimeter vorne an der Absperrung Platz.
Die Menge johlte. Jede Menge Sportler kamen vorbei, muskulös, mit in der Sonne glänzendem Schweiß. Ich fühlte mich olympisch.
Bis Kentarô kam, verging eine Menge Zeit. Ich hatte Kazuya vorbeijoggen sehen- locker, leicht und arrogant wie immer, hatte Tsubasa gesehen, dem unter dem ärmellosen Shirt die Flügel-Tatoos hervorschauten.
Und erst später, als ich auf die Uhr schaute, da verpasste ich Kentarô fast.
Ich hatte es vorher nicht gewusst, aber Langstreckenläufe schienen nicht seine Stärke zu sein.
Wie alle anderen war er in Schweiß gebadet, aber sein Gesicht war blass und eingefallen.
Als ich seinen dünnen Rücken sich entfernen sah, als ich mich in der Menge zurückfallen ließ und begann, nach einem Taxi zu suchen, da wusste ich, dass meine Mitte zum Rand geworden war.
Ich war der Rand.
Kentarô war meine Mitte. Wie der Mond sich um die Erde drehte, hatte ich angefangen, mich stetig um ihn zu drehen, ihm immer das Gesicht zugewandt, damit ich keine einzige Sekunde verpasste.
Sugiyama unterdrückte ein Rollen mit den Augen, als ich er mich auf sich zulaufen sah.
„Junger Mann, ich wünschte, ich würde dich nicht so oft sehen wie ich dich dieser Tage sehe.“
Ich ächzte. Das Taxi hatte eine kaputte Klimaanlage gehabt und mein T-Shirt war durchgeweicht.
„Er sah furchtbar aus vorhin. Wie geht es ihm?“
„Ich wüsste nicht, wieso ich dir diese Information zukommen lassen sollte.“, murmelte der Manager.
„Gut, dann sagen Sie es mir eben nicht. Ich find ihn schon, früher oder später!“, herrschte ich ihn an.
Großmütig ließ er mich ziehen, wohl wissen, dass mich niemand durchlassen würde.
Ich hatte in Kentarôs Welt nichts verloren und wenn er mich nicht mit sich hineinnahm, kam ich auch nicht an ihn heran. Eine halbe Stunde lief ich hin und her, wurde abgewiesen und vertröstet und fand mich am Ende wieder, wie ich voller Wut gegen einen Hydranten trat.
An diesem Abend erreichte mich der Anruf meines Chefs.
Ob ich im Fieberwahn zum Marathon gegangen sei. Er habe mich gesehen. Im Fernsehen. Käme so etwas noch einmal vor, wäre ich meinen Job los.
Im Grunde war mein Chef echt nett.
Ich rauchte, trank Tee, schaltete den Fernseher ein, schaltete ihn aus. Meine Augen zerliefen auf dem Rosa der Spielshows. Ich begann Oscar Wilde zu lesen, ich warf das Buch wieder hin, rauchte mehr.
Zum ersten Mal überhaupt drückte mein Daumen das Mailmenü nicht weg.
Habe dich gesehen. Hast nicht gut ausgesehen. Alles klar?
Warum war es mir früher so schwer gefallen? Die paar Silben zu tippen und zu verschicken.
Ich hatte immer nach einem Anlass gesucht.
Erster bin ich jedenfalls nicht geworden. Sugiyama sagt, der zweite Platz ist für Verlierer. Für wen ist dann Platz 78?
Mit der Kippe im Mundwinkel tippte ich zurück.
Das meinte ich nicht. Wollte eher wissen, ob du gerade in der Horizontalen bist oder nicht
Bin ich, aber eigentlich eher, weil ich schon fast schlafe. Letztendlich war das keine große Sache. Aber nett, dass du dir Sorgen um mich machst. Wir sehen uns dann in der Uni! P.S. Danke, dass du gekommen bist!
Es waren diese beschissenen, freundlichen, unverbindlichen Mails, die mich vorher davon abgehalten hatten, ihn anzuschreiben, stellte ich fest. Der Tonfall, aus dem ich nicht erkennen konnte, ob er mich nicht einfach nur in dasselbe Postfach steckte wie Fanmails. Dinge wie `Danke, dass du dir meine CD anhörst.´ Obwohl seine Musik scheiße war. ´Du hast die Show gesehen? Danke dafür!´ Obwohl er sich völlig zum Affen gemacht hatte.
Was ich an ihm schätzte? Ich vermochte es nicht zu sagen. Alles, was ich wusste, war, dass ich wollte, dass er selbst auch erkannte, dass er meine Mitte geworden war. Wenigstens ein bisschen.
Ein kleines Bisschen.
I´m in the basement. You´re in the sky. I´m in the basement. Drop on by.
Ich speicherte diese Mail in meinem Entwurf-Mailordner, mit dem Wissen, dass ich sie ohnehin nie abschicken würde. Viel zu pathetisch. Viel zu schwul.
Außerdem war Kentarôs Englisch grottenschlecht.
Hold your breath and count to ten
Fall apart
Then start again
no subject
Date: 2009-08-18 02:09 pm (UTC)Wenn ich die Eindrücke ordnen müsste, würde ich sagen, die Insektenstory erinnert mich sehr an die lustigen alten Märchen, die ich als Kind so mochte :3 Zwischen den Zeilen aufmüpfiger rebellischer Sprüche der werten Gartenbewohner, sehe ich die bunten großen Bilder des alten Märchenbuches wieder lebendig werden.. sehr schön ^_^
Und bei der zweiten Geschichte stehe ich mit gemischten Gefühlen da.. einerseits bin sehr schwer für so genannte "relation-centric" Stories zu begeistern (damit wollte ich deine Geschichte weder abwerten noch mit einem fertigen Etikett versehen, ich nörgle einfach nur gerne, weil ich !reine! Beziehungsgeschichten nicht mag ^^"), aber anderseits finde ich den Stil, wie es rübergebracht wurde, gerade sehr faszinierend.. nur ein paar Zeilen und schon konnte man sich richtig 'reinleben'. Respekt!
(Extra toll fand ich die Interpretation von 'Mitte zu Rand' - mir spukte der Satz ergebnislos durch den Kopf und bei dir klingt es gerade verdammt logisch *_*")
PS: Yay, for Pink Floyd & Placebo :3
no subject
Date: 2009-08-18 03:28 pm (UTC)Oh, vielen Dank =)
Ja, so ein bisschen an Märchen und Fabeln und meine alten DDR-Kinderbilderbücher musste ich bei dem ersten Ding auch denken.
Zum Zweiten; Keine Sorge, ich finde pure Nur-Beziehungsgeschichten hin und wieder auch etwas öde, ich kann die Sichtweise ganz gut verstehen. Die Geschichte dreht sich auch um etwas mehr Handlung als in den 120-Minuten-Beiträgen zu sehen ist. Momentan bin ich nur so verliebt in diese beiden und ihre seltsame Beziehung- ich könnte Tonnen an fluff zu ihnen schreiben, da bekenne ich mich schuldig.
Danke für den Kommentar! *-*
no subject
Date: 2009-09-03 02:41 pm (UTC)Bei den Käfern hab ich mir eins gefeixt. Musstest du etwa bei euch im Garten die Minze ausreißen? =D
Zur zweiten... Was soll ich sagen? Ich bin Sugiyama-fan ^^"
Deine Seitenhiebe auf JE sind einfach toll *g*
"Fan-Fächer, auf dem ein sehr hässliches Foto von Kentarôs Gesicht abgebildet war" <- an dieser stelle musste ich schmerzhaft ans Konzert damals denken ;__;
no subject
Date: 2009-09-04 10:46 am (UTC)Das mit der Minze... ähm, merkt man das etwa? *hust* Geschlagene drei bis vier Stunden habe ich an der blöden Minze rumgedoktort- genug Zeit zum Plotten oder irgendwie so. XD
Hach, danke =) Ich verteile doch gerne Seitenhiebe, besonders gerne an ominöse Talentagenturen. *beams*
Und zum Glück kenne ich dich gut genug, sonst würde ich mir darüber Gedanken machen, dass du ausgerechnet den Kotzbrocken meiner Geschichte gut findest. Mamoru und Ken brauchen auch Liebe!
*hust*