Lang ist´s her
Aug. 10th, 2009 05:32 pmFandom: Digimon 02
Personen: Jou, Koushiro
Challenge: #3 Augen zu und durch!
Wörter: 965
Koushiro trug ein weiß-rot gemustertes Holzfällerhemd. Draußen war es grau und dunkel, ein kühler Herbstwind hatte heute Morgen, als Jou aus dem Auto gestiegen war, durch die Winkel der Straßen geblasen.
Diesen Nerd-Look hatte Koushiro nie abgelegt. Er gehörte zu seinem Umfeld. Der Dresscode, der Computerunterwelt, wie Taichi hin und wieder zu sagen pflegte. Oder zumindest früher gesagt hatte. Es war zu lange her, dass Jou ihn gesehen hatte.
„Lang lang ist´s her.“, sagte Koushiro als Jou endlich vor ihm stand und deutete eine Verbeugung an.
„Wie sieht´s aus? Darf ich den Oberarzt zum Kaffee entführen?“
Jou kratzte sich unbehaglich am Hinterkopf und klackte die Miene des Kugelschreibers, den er noch von der Untersuchung gerade in der Hand hielt, nervös ein und aus.
„Hör auf damit, ich bin noch lange kein Oberarzt.“
Und Koushiro lächelte ihn einfach nur sonnig an.
Wie früher kippte er sich Unmengen Zucker in seinen Kaffee und rührte das Ganze vergnügt um bis man das Kratzen der Zuckerkörnchen am Tassenboden nicht mehr hören konnte.
Draußen fegte der Wind noch etwas stärker als heute Morgen.
Zwischenzeitlich hatte der meteorologische Dienst eine Taifun-Warnung herausgegeben.
„Ich habe gehört, du sträubst dich, zu unserem Jahrestreffen zu kommen.“, sagte er schließlich etwas beiläufig, da er nebenbei sein Handy aufklappte und mit schnellen Fingern präzise Tastenkombinationen drückte.
„Möchtest du dich dazu äußern?“
Jou hielt für einen Moment inne.
„Stehe ich vor Gericht?“
„Wenn´s nach Taichi und Daisuke geht, schon.“
„Verstehe.“
Er nahm einen Schluck von seinem Milchkaffee und betrachtete die Einkaufsstraße vor dem Café, über die leere Plastiktüten sausten.
„Es passt mir zeitlich nicht. Ich hab schon gedacht, dass die beiden sich darüber ärgern werden.“
„Sie ärgern sich nicht.“
Koushiro klappte das Handy zu und legte es auf den Tisch. Ein Computerfachmann, der für die Regierung arbeitete, hatte immerzu erreichbar zu sein. Jou fasste nach dem Beeper in seiner Tasche und legte ihn dazu.
„Sie sind enttäuscht. Halt, nein, die Formulierung stimmt auch nicht... Sie sind einfach am Boden zerstört. Du weißt, es ist jetzt 15 Jahre her und einige von uns haben sich seit fast vier Jahren nicht mehr gesehen.“
Er zupfte ein rotes Haar von seinem Holzfällerhemd.
„Seit wir von der Uni runter sind, haben wir uns in alle vier Himmelsrichtungen zerstreut.“
Jou lehnte sich zurück, nahm die Brille ab und wischte stümperhaft darüber.
„So ist es nun mal. Es ist inzwischen auch fast fünf Jahre her, seitdem du den Kontakt zur Digiwelt verloren hast. Kein Signal seitdem, hast du gesagt. Als ob nie etwas gewesen wäre. Was ist ein Jubiläum ohne Digimon?“
„Das heißt noch lange nicht, dass wir das Ganze leugnen sollen. Wenn wir uns nicht daran erinnern, wer denn dann?“
Koushiro versuchte eindringlich zu klingen, doch er blieb ruhig. Seine Augen waren etwas rotgerändert.
Jou setzte sich seine Brille wieder auf.
„Vielleicht hat es das Ganze auch nie wirklich gegeben.“, sagte er schließlich.
„Vielleicht war das alles nur ein schöner, langer Traum.“
„Du klingst echt schrecklich.“, brummte sein Freund mit einem verächtlich anmutenden Schnauben.
„Hast du einmal zuviel Lachgas verteilt und selbst daran geschnuppert oder wie? Wenn Taichi das jetzt gehört hätte, der wäre...“
„Es ist mir egal, was Taichi sagt.“, schnitt Jou ihm das Wort ab, ungeduldig, aber leise genug. Die anderen Gäste des Cafés mussten nicht unbedingt alles mitbekommen. In der hinteren Ecke saß Frau Miyagi, der er morgen ein Fünftel Dickdarm würde entfernen müssen.
Krebs. Hier starben Menschen und Koushiro hatte sich verloren in einer Welt, die schon längst nicht mehr erreichbar war.
„Taichi hat schon immer übertrieben. Und den Kopf in den Wolken. Schlimm genug, dass er das bis heute nicht abgelegt hat. Aber einige von uns haben Besseres zu tun als unwirklichen Vergangenheiten nachzutrauern.“
Eine Weile sagte Koushiro nichts.
Er lehnte sich langsam in dem Korbstuhl, der bei jeder Bewegung knarrte, zurück und verschränkte mit dunklem Gesicht die Arme vor der Brust.
Jou spielt mit der Zuckerdose herum.
„Als ich die Einladung bekommen habe, dachte ich „Was soll´s, Augen zu und durch.“ Aber ich kann einfach nicht.“
„Du kannst was nicht?“
„Ich kann einfach nicht so tun als wäre ich noch derselbe wie damals. Als wäre ich noch gesellschaftsfähig und unbedarft.“
Es war eine Weile her, dass er so offen mit einem Menschen gesprochen hatte, zudem noch über sich selbst. Seine Freunde sprachen nicht mit ihm über solcherlei Sachen. Seine Patienten kämpften in den Sphären zwischen Himmel und Hölle, manche waren dabei verbittert, andere schier verzweifelt, die letzten Leugner.
Es blieb kein Platz für so etwas.
„Ich hab´s mir gedacht.“
Koushiro stützte amüsiert den Kopf auf der Hand auf.
„Ich wusste, dass du dir das Ganze wieder zerdenkst.“
Jou runzelte die Stirn.
„Was?“
„Weißt du, es ist den anderen völlig egal, wie du jetzt bist. Weil sie wissen, dass du okay bist wie du bist. Du musst kein Bild forcieren, was nicht da ist, weißt du.“
Koushiro lächelte, und nun sah es sanft und tröstend aus, auch wenn seine Mundwinkel sich ein kleines bisschen dabei spöttisch verzogen.
„Zu lange unter Medizinern gewesen?“
Jou stand auf der Außenterrasse der Klinik und drehte seine Zigarette zwischen den Fingern.
Er dachte an Mimi.
Er dachte an Taichi, seinen ganz persönlichen Sündenbock.
Er war ein Arzt Anfang Dreißig, gerade mal fertig mit dem Studium, gerade mal angekommen an seinem Arbeitsplatz. Hatte gerade mal eine Handvoll Menschen operiert. Der erste war ihm vor einer Woche gestorben.
Wie konnte jemand, der so genau um die Gefahr von Krebs wusste, mit dem Rauchen anfangen?
Wie konnte er die Verbindung zu dem Ich, welches er in der Digiwelt gelassen hatte, aufbauen. Gab es eine?
Existierte dieses Ich noch?
Jou sah in den vom aufziehenden Sturm zerklüfteten Himmel.
Koushiro hatte es gut. Er war in seiner Welt geblieben.
Aber für ihn galt das Motto „Augen zu und durch!“
Immerhin hatte er sich dieses Leben selbst ausgesucht.
Personen: Jou, Koushiro
Challenge: #3 Augen zu und durch!
Wörter: 965
Koushiro trug ein weiß-rot gemustertes Holzfällerhemd. Draußen war es grau und dunkel, ein kühler Herbstwind hatte heute Morgen, als Jou aus dem Auto gestiegen war, durch die Winkel der Straßen geblasen.
Diesen Nerd-Look hatte Koushiro nie abgelegt. Er gehörte zu seinem Umfeld. Der Dresscode, der Computerunterwelt, wie Taichi hin und wieder zu sagen pflegte. Oder zumindest früher gesagt hatte. Es war zu lange her, dass Jou ihn gesehen hatte.
„Lang lang ist´s her.“, sagte Koushiro als Jou endlich vor ihm stand und deutete eine Verbeugung an.
„Wie sieht´s aus? Darf ich den Oberarzt zum Kaffee entführen?“
Jou kratzte sich unbehaglich am Hinterkopf und klackte die Miene des Kugelschreibers, den er noch von der Untersuchung gerade in der Hand hielt, nervös ein und aus.
„Hör auf damit, ich bin noch lange kein Oberarzt.“
Und Koushiro lächelte ihn einfach nur sonnig an.
Wie früher kippte er sich Unmengen Zucker in seinen Kaffee und rührte das Ganze vergnügt um bis man das Kratzen der Zuckerkörnchen am Tassenboden nicht mehr hören konnte.
Draußen fegte der Wind noch etwas stärker als heute Morgen.
Zwischenzeitlich hatte der meteorologische Dienst eine Taifun-Warnung herausgegeben.
„Ich habe gehört, du sträubst dich, zu unserem Jahrestreffen zu kommen.“, sagte er schließlich etwas beiläufig, da er nebenbei sein Handy aufklappte und mit schnellen Fingern präzise Tastenkombinationen drückte.
„Möchtest du dich dazu äußern?“
Jou hielt für einen Moment inne.
„Stehe ich vor Gericht?“
„Wenn´s nach Taichi und Daisuke geht, schon.“
„Verstehe.“
Er nahm einen Schluck von seinem Milchkaffee und betrachtete die Einkaufsstraße vor dem Café, über die leere Plastiktüten sausten.
„Es passt mir zeitlich nicht. Ich hab schon gedacht, dass die beiden sich darüber ärgern werden.“
„Sie ärgern sich nicht.“
Koushiro klappte das Handy zu und legte es auf den Tisch. Ein Computerfachmann, der für die Regierung arbeitete, hatte immerzu erreichbar zu sein. Jou fasste nach dem Beeper in seiner Tasche und legte ihn dazu.
„Sie sind enttäuscht. Halt, nein, die Formulierung stimmt auch nicht... Sie sind einfach am Boden zerstört. Du weißt, es ist jetzt 15 Jahre her und einige von uns haben sich seit fast vier Jahren nicht mehr gesehen.“
Er zupfte ein rotes Haar von seinem Holzfällerhemd.
„Seit wir von der Uni runter sind, haben wir uns in alle vier Himmelsrichtungen zerstreut.“
Jou lehnte sich zurück, nahm die Brille ab und wischte stümperhaft darüber.
„So ist es nun mal. Es ist inzwischen auch fast fünf Jahre her, seitdem du den Kontakt zur Digiwelt verloren hast. Kein Signal seitdem, hast du gesagt. Als ob nie etwas gewesen wäre. Was ist ein Jubiläum ohne Digimon?“
„Das heißt noch lange nicht, dass wir das Ganze leugnen sollen. Wenn wir uns nicht daran erinnern, wer denn dann?“
Koushiro versuchte eindringlich zu klingen, doch er blieb ruhig. Seine Augen waren etwas rotgerändert.
Jou setzte sich seine Brille wieder auf.
„Vielleicht hat es das Ganze auch nie wirklich gegeben.“, sagte er schließlich.
„Vielleicht war das alles nur ein schöner, langer Traum.“
„Du klingst echt schrecklich.“, brummte sein Freund mit einem verächtlich anmutenden Schnauben.
„Hast du einmal zuviel Lachgas verteilt und selbst daran geschnuppert oder wie? Wenn Taichi das jetzt gehört hätte, der wäre...“
„Es ist mir egal, was Taichi sagt.“, schnitt Jou ihm das Wort ab, ungeduldig, aber leise genug. Die anderen Gäste des Cafés mussten nicht unbedingt alles mitbekommen. In der hinteren Ecke saß Frau Miyagi, der er morgen ein Fünftel Dickdarm würde entfernen müssen.
Krebs. Hier starben Menschen und Koushiro hatte sich verloren in einer Welt, die schon längst nicht mehr erreichbar war.
„Taichi hat schon immer übertrieben. Und den Kopf in den Wolken. Schlimm genug, dass er das bis heute nicht abgelegt hat. Aber einige von uns haben Besseres zu tun als unwirklichen Vergangenheiten nachzutrauern.“
Eine Weile sagte Koushiro nichts.
Er lehnte sich langsam in dem Korbstuhl, der bei jeder Bewegung knarrte, zurück und verschränkte mit dunklem Gesicht die Arme vor der Brust.
Jou spielt mit der Zuckerdose herum.
„Als ich die Einladung bekommen habe, dachte ich „Was soll´s, Augen zu und durch.“ Aber ich kann einfach nicht.“
„Du kannst was nicht?“
„Ich kann einfach nicht so tun als wäre ich noch derselbe wie damals. Als wäre ich noch gesellschaftsfähig und unbedarft.“
Es war eine Weile her, dass er so offen mit einem Menschen gesprochen hatte, zudem noch über sich selbst. Seine Freunde sprachen nicht mit ihm über solcherlei Sachen. Seine Patienten kämpften in den Sphären zwischen Himmel und Hölle, manche waren dabei verbittert, andere schier verzweifelt, die letzten Leugner.
Es blieb kein Platz für so etwas.
„Ich hab´s mir gedacht.“
Koushiro stützte amüsiert den Kopf auf der Hand auf.
„Ich wusste, dass du dir das Ganze wieder zerdenkst.“
Jou runzelte die Stirn.
„Was?“
„Weißt du, es ist den anderen völlig egal, wie du jetzt bist. Weil sie wissen, dass du okay bist wie du bist. Du musst kein Bild forcieren, was nicht da ist, weißt du.“
Koushiro lächelte, und nun sah es sanft und tröstend aus, auch wenn seine Mundwinkel sich ein kleines bisschen dabei spöttisch verzogen.
„Zu lange unter Medizinern gewesen?“
Jou stand auf der Außenterrasse der Klinik und drehte seine Zigarette zwischen den Fingern.
Er dachte an Mimi.
Er dachte an Taichi, seinen ganz persönlichen Sündenbock.
Er war ein Arzt Anfang Dreißig, gerade mal fertig mit dem Studium, gerade mal angekommen an seinem Arbeitsplatz. Hatte gerade mal eine Handvoll Menschen operiert. Der erste war ihm vor einer Woche gestorben.
Wie konnte jemand, der so genau um die Gefahr von Krebs wusste, mit dem Rauchen anfangen?
Wie konnte er die Verbindung zu dem Ich, welches er in der Digiwelt gelassen hatte, aufbauen. Gab es eine?
Existierte dieses Ich noch?
Jou sah in den vom aufziehenden Sturm zerklüfteten Himmel.
Koushiro hatte es gut. Er war in seiner Welt geblieben.
Aber für ihn galt das Motto „Augen zu und durch!“
Immerhin hatte er sich dieses Leben selbst ausgesucht.
no subject
Date: 2009-08-10 09:01 pm (UTC)Was ich unbedingt sagen muss: diese Friede-Freude-Eierkuchen-Zukunft, die in die letzten Minuten der 2. Staffel gequetscht wurde für die DigiRitter ist _platt_. Punkt.
Danke, dass es auch anders geht, wie du hier beweist. Menschlich eben. Authentisch.
Jou der raucht - sicher, früher absolut undenkbar, aber sehr realistisch im Angesicht dieser FF, dieser Einstellungen, mit denen er da aktuell im Leben steht. Übrigens finde ich Arzt einen furchtbar schwierigen Beruf - in jemandem rumoperieren, der dann bestenfalls hinterher nicht stirbt... >_<
Nichtsdestotrotz ein perfekter Beruf für Jou. Gerade ob dieser Dinge und weitreichenden Entscheidungen.
Ganz großer Pluspunkt für Koushiros Holzfällerhemd übrigens! Passt. Warum dem Jungen äh Mann etwas von dem PC-Nerd nehmen? Das wird viel zu oft in allen Serien getan. Aber ein Nerd bleibt ein Nerd! T.T *in der Initiative für 'rettet die Nerds ist', weil viele viel cooler sind als ihr Ruf*
Und ein verständliches Argument, warum Jou fern bleiben möchte:
„Ich kann einfach nicht so tun als wäre ich noch derselbe wie damals. Als wäre ich noch gesellschaftsfähig und unbedarft.“
Hab ich auch schon (zu oft) gedacht *drop*
no subject
Date: 2009-08-10 10:38 pm (UTC)Ich tu was ich kann.
Und hey, das Ende von 02 hat es nie gegeben. Niemals! <>_<>
Na klar, Koushiro ohne Holzfällerhemd und Jou ohne Selbstzweifel...das geht doch nicht.
Ich hab versucht rauszustellen, dass sie sich in solchen Sachen vielleicht auch gar nicht so unähnlich sind. Nur dass Koushiro bessere Startbedingungen hatte in seinem Beruf und vielleicht deshalb nicht so zerrissen ist zwischem dem, der er war und dem, der er nun ist.